Spatzen und Tauben

„Hör mal Tierarzt“, sagte ich vor ein paar Wochen, der Tierarzt lag in der Badewanne und blubberte so vor sich hin.

„Ja Mädchen, sagte der Tierarzt, ich kann dich hören.“

„Bald kommen die KaltMamsells!“

Der Tierarzt hustete Schaum bevor er krächzte: „Oh beautiful Bavaria, home of all the Kälbchens, Munich Germany’s Italy. When will go?“

„Tierarzt, sagte ich, die KALTMAMSELLS KOMMEN.“

Der Tierarzt spülte sich Schaum aus den Haaren und den Ohren und sagte: „Und?“

Die Kaltmamsells sagte ich sind aus München. München die Kunststadt. Dallmayr, Viktualienmarkt, Brezen an jeder Ecke, schon bei Thomas Mann, der der Stadt ja auch den Vorzug gab, frühstückte Herr Permaneder Kulmbacher Bier am Morgen.

„Mädchen“, erwiderte der Tierarzt und schüttelte Wassertropfen aus den Haaren- so als käme er aus einer Familie von Pudeln- glaubst Du nicht, Du nimmst Literatur nicht etwas zu wörtlich?“

„Tierarzt“ knurrte ich, Literatur kann man überhaupt nicht wörtlich genug nehmen.“

Dann aber fiel ein Handtuch oder ein Thema zu Boden, so genau lässt sich das ja nicht immer sagen.

Aber die Tage vergingen und das Kreuz am Kalender mit dem Vermerk: Kaltmamsells in town dräute dunkler.

Ich überlegte also so vor mich hin, wo man mit Besuch, der Rezepte aus der Moghul-Küche originalgetreu nachbaut, während ich indische Gewürze in heißes Öl werfe, Chili schneide, Gemüse nachwerfe, dann gibt es einen Knall und ich rufe: Curry ist fertig, denn hingeht ohne sich bis auf die Knochen zu blamieren.

Herr Kaltmamsell aber ist eine Mischung aus Paul Bocuse und Yotam Ottolenghi. Ich schreckte nach Nachts auf und verwarf ein anvisiertes Fischrestaurant, denn die Freundin, der Schwester von G. klagte über zähe Jakobsmuscheln. Ich dankte dem Himmel und strich die Lokalität von der sieben Pergamente langen Liste der Möglichkeiten.

Dann aber sind die Kaltmamsells wirklich auf der Insel und wandern durch Wicklow . Der Tierarzt und ich lesen und staunen. Also ich lese und übersetze und dann staunen wir beide. Die Kaltmamsells wandern sehr beschwingt, treffen Ponys, erklimmen Gipfel und ganz Wicklow sways and swoons.

Dann aber sind die Kaltmamsells wirklich in Dublin und ich lasse das Institut, Institut sein und ich treffe die Kaltmamsells vor  Brother Hubbard .

Brother Hubbard war einmal sehr très hipsterique aber dann hat man renoviert und man sitzt dort wirklich schön, in einem großen verglasten Terrarium, Gastraum. Vor allem aber kann man bei Brother Hubbard hervorragende Eierspeisen zu sich nehmen. Das ist eine sichere Bank, beruhige ich mich selbst.

Man trifft sich, man schwatzt, man trinkt Kaffee. Ich weise auf die Eierspeisen hin. Die Kaltmamsells wählen Porridge. Porridge ohne mit was drin. Ich esse Brot mit Marmelade und Porridge mit Baklava-Stücken. Ja, Sie haben richtig gehört. Im Brother Hubbard gibt es Porridge mit Baklava-Brocken. Ich könnte mich darin wälzen. Aber dazu habe ich zu viel Haar. „Hmm, denke ich, vielleicht sind die Kaltmamsells „Food-Puristen?“

Dann schleppe ich die Kaltmamsells durch die Universität und quäle sie unermüdlich mit Anekdoten, aber wäre das noch nicht genug schleppe ich sie danach ins Kunstmuseum. Danach wandern wir in dieAlliance Francaise . Die Alliance Francaise hat einen hervorragenden Mittagstisch.

Frau Kaltmamsell ißt ein dünnes Süppchen.

Herr Kaltmamsell ißt einen schmalen Croque Monsieur und eine Handvoll Fries.

Fräulein Read On verzehrt einen riesigen Salat mit Ziegenkäsebrocken, Walnüssen und Dressing.

Ungeachtet des alten Familiengrundsatzes niemanden zu nötigen, zwinge ich Herrn Kaltmamsell ein Eis zu verzehren. Frau Kaltmamsell bleibt eisern.

Am Abend lege ich mich zum Tierarzt aufs Sofa.

Ich berichte von den klugen, herzenswarmen, offenen, zauberhaften Kaltmamsells.

„Du hast doch etwas Mädchen?“, sagt der Tierarzt und ich nicke.

„Tierarzt“, sage ich, Tierarzt, im Vergleich zu mir picken die Kaltmamsells nur vorsichtig am dargebrachten Essen.“

Der Tierarzt zieht eine Augenbraue nach oben und sagt: „Vielleicht ist es Ihnen zu warm.“

„Tierarzt sage ich: Porridge pur.“

Der Tierarzt und ich schweigen angespannt, denn es ist kein Geheimnis, dass ich ein halbes Pfund Himbeermarmelade in den Porridge rühre.

Ich traue mich kaum vom dünnen Süppchen und dem schmalen Croque Monsieur zu berichten.

Dann tue ich es doch.

Der Tierarzt schweigt lange. Selbst die Katze macht ein betretenes Gesicht. Der Hund schnarcht. Ich flüstere: „Tierarzt, die Kaltmamsells essen wie die Spatzen.“ „Was bin dann ich? Ein Aasgeier?“

Aber der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Mädchen wenn die Kaltmamsells, Spatzen sind dann bist du eine Taube.“

„Warum bist du eigentlich nicht Diplomat geworden, Tierarzt?“, frage ich.

„Das Mädchen ist eine lange Geschichte“, sagt der Tierarzt, aber jetzt erzähl noch einmal von vorn:

„Es war kurz vor zehn und Du hast die Kaltmamsells gleich erspäht?“

Ja, sage ich Tierarzt, ja, ja, ja, so zauberhafte Menschen erkennt man sofort, noch aus den Augenwinkeln und mit dem Haar einer einzigen Wimper.“

Von Herzen Dank für euren Besuch. Danke für eure Zeit, euren Humor,eure Geduld, eure Perspektiven, Fragen und Antworten. Es ist ein großes Geschenk Euch kennen zu dürfen. 

 

 

21 thoughts on “Spatzen und Tauben

  1. Welche Niederlage: Da kommen wir nach Dublin und schaffen es nicht mal unsere Esskünste zu beweisen.
    Die Aufregung war’s, die Aufregung über das Treffen mit dem Fräulein!
    (Die uns den wundervollsten Zugang zu dieser wundervollen Stadt verschafft hat. Danke. Und allerbeste Grüße an Tierarzt und Kälbchen.)

  2. Zu meiner Verteidigung: Ich hatte einen fruit scone zum Porridge, mit Butter und Marmelade, und ins Porridge kamen Honig und Marmelade, ganz viel davon.

    Und zu heißem Käsebrot habe ich eine ganz besondere Beziehung, das ist ein Gericht, das mir mein Großvater beigebracht hat. (Beweis: https://www.herr-rau.de/wordpress/2008/08/schlichte-gerichte-das-kaesebrot.htm) Und der musste es lernen, als seine Frau die beiden ausgewanderten Töchter in den USA besucht hat, damals vor fünfzig Jahren, noch vor der Zeit der Flugzeuge, als man billiger mit dem Schiff hinüberkam, eine Woche auf der Queen Elizabeth 2 etwa. (Auf deren letzter Fahrt auf dieser Strecke reisten Frau Kaltmamsell und ich einst mit – das waren Ozean-Passagierschiffe, stromlinienförmig gebaut, um komfortabel, aber auch zielstrebiug von der einen Seite des Atlantik auf die andere zu kommen, ohne hin und her zu kreuzen und Balkone in die Luft zu halten.) Jeeeedenfalls blieb meine Großmutter dann auch einige Zeit drüben, weil sich das sonst ja nicht gelohnt hätte, und mein Großvater musste lernen sich selbst zu versorgen – und lernte dabei das heiße Käsebrot kennen, un nährte sich fürderhin davon. (Und es beeindruckte ihn, wenn ich Schillerdramen zitierte. Was ich nur durch die Burg-Schreckenstein-Romanserie konnte. Aber schon wieder andere Geschichte.)

    Ich schließe mich ansonsten an: Es war sehr aufregend, das zauberhafte Fräulein zu treffen. Ich habe viel gelernt und viel und heimlich bewundert.

    • Der Fruit-Scone war ein größerer Krümel!

      Die Käsebrotgeschichte ist wunder-wunderschön. Ich will sie mir gut merken.

      Es ist so schön Sie kennen zu dürfen. Mein Herz ist übervoll.

  3. Liebes Fräulein, nun müssen wir uns wohl doch einmal treffen, damit ich auch Sie unter den Tisch essen kann. Hier wird alles gegessen, was nicht bei drei auf dem Baum ist.

  4. Ach, die Spatzen sitzen bei uns tagaus und tagein am Futterhaus und picken und picken. Unsere Tauben kommen ganz vorsichtig und holen sich schnell was und sind dann wieder weg.
    Beim Essen muss ich jetzt die Kaltmamsells verteidigen. In einem Glaskubus am Hafen aßen wir reihenweise große Fische und Paella. Der einzige, der schwächelte, war Herr croco. Die Aufregung, das Fräulein zu treffen, war sicher groß und nicht appetitfördernd.
    Und wenn ich mich sehe, die ganz in des Fräuleins Nähe war, Luftlinie nix, und sich nicht traute, sich zu melden, weil das Fräulein so großartige Texte schreibt und ich nur nix, kann ich das schon verstehen.

    • Verehrte Madame de Crocodile, ich bin noch nicht darüber hinweg, dass Du nicht gemeldet hast. ich bin ein so durchschnittlicher, völlig langweiliger Mensch, dass es niemanden den Appetit verschlagen muss und keiner fürchtet sich vor mir. Ich schwöre.

      In Sachen Kaltmamsells hätte ich wohl doch auf das Fischrestaurant setzen sollen!

  5. OMG! Was für ein entzückendes Blogpost – vor allem die Sorgen vor dem Herrn Kaltmamsell sind so lustig unbegründet zu lesen, weil er doch der reizende Herr Kaltmamsell geehelicht von der reizenden Frau Kaltmamsell ist und wer ihn kennt, kennt doch damit einen mindestens mehr als nur ganz reizenden Menschen, zusammen mit der Frau Kaltmamsell, die man nur kennen kann!

    Und das mit dem Essen: wenn Du aufmerksamer gelesen hättest, dann wäre Dir hier und da aufgefallen, dass die sich Essen zusammen teilen. In der Beziehung sind die sehr schräg! 🙂

  6. Ich empfehle als Erweiterung des Porridge-Spektrums die Version mit Tahina und Honig. (Geht natürlich auch mit einer Pita – also Tahina & Honig, nicht Porridge.) Wobei ich Porridge mit Milch anrühre, keine Ahnung, ob das in Irland ein Sakrileg ist. 🙂

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