Wie der Juni riecht

Der Juni riecht nach der Sonne, die in den Mauerritzen und Hauswänden steckt. Der Juni riecht nach Autan und Kokosnussöl. Das Kokosnussöl gehört einem Bodybuilder, der sich am Strand auf einen Wettkampf vorbereitet. Der Bodybuilder ist ein ernsthafter Mann und noch Stunden später riecht der Sand nach Kokosnüssen.

Der Juni riecht nach Fake-Tan-Spray und echten Erdbeeren. Der Juni riecht nach Wäsche auf der Leine. Erst flattert die Wäsche im Wind, schaukeln weiße Hemden, ein roter Rock, bunte Socken flattern im Wind, der in Wirklichkeit eine Sommerbrise ist, dann jagt der Hund einen Ball durch den Garten. Hund und Hosenbeine kollidieren, pardauz, erst stolpert der Hund dann reißt die Leine. Der Juni riecht nach Gelächter aus dem Bauch heraus. Armer Hund, armes Hosenbein. Wo ist der Ball?
Der Juni riecht nach den letzten Pfingstrosen in der blauen Vase auf dem Tisch. Der Juni riecht nach Zitroneneis und dem frisch verlegten Teer auf der Straße. Der Jun riecht nach frischem Naan-Brot mit geschmolzener Butter in der Mitte. Ein Buttersee muss in der Mitte des Naan-Brotes sein, sonst ist es nicht richtig. Das Naan-Brot in Shadi’s Bakery in Croydon ist genau so, wie es sein muss.
Der Juni riecht nach Erinnerungen und in meinen Erinnerungen riecht der Juni nach Hitze und Staub, nach lange nicht abgeholten Mülltüten auf der Straße. Schwarze Fligen über dem gärenden Müll. So riecht der Juni in Gedanken.
Der Juni riecht nach halbfeuchten Handtüchern, nach einem halbgeschmolzenen Schokoriegel, der Juni riecht nach Oreo Cookies mit Peanutbutter und Johannisbeeren in Milch. Der Juni riecht nach feuchtem Haar und Sauerkirschmarmelade auf frischem Brot. Der Juni riecht nach der Kühle am Morgen, nach dem Gähnen der Sonne.
Die Sonne hat die längsten Tage und Nachts lehnt die Sonne sich so nah. eS sind kurze Nächte und der Mond würde die Sonne gern länger halten. Du siehst müde aus, sagt der Mond ihr ins Ohr: You are hot as hell but tired too. Die Sonne wirft ihm eine letzte Kusshand zu. Der Juni riecht nach Kirschen, die schwarzen Kirschen hängen ganz oben im Baum. Der Juni riecht nach dem dicken Staub der Linden und dem trockenen Husten eines alten Mannes. Der Juni riecht nach den offenen Fenstern einer Seniorenresidenz. Sonst sind die Fenster im geschlossen, aber im Juni stehen sie offen. Manchmal kann man einen weißen Haaransatz sehen oder eine graue Strähne. Die Frau, die oft hinter einem geschlossen Fenster auf einem dicken Kissen lag, mit einem Teddybären im Arm. Der Teddybär hat grüne Augen. Ich habe sie lange nicht gesehen. Die Fenster sind alle offen. Der Juni hinter den offenen Fenster riecht nach Desinfektionsmitteln, Kassler mit Sauerkraut. Der Tod knackt mit den Fingerknöcheln irgendwo vielleicht auf dem Dachboden der Seniorenresidenz. Was für ein furchtbares Wort. Der Juni riecht nach der Müdigkeit von uns Allen.

Der Juni riecht nach Salzwasser auf der Haut, nach dem Tang und der kalten Hand des Meeres auf meinem Rücken. Das Meer legt seine Hand immer auf die gleiche Stelle auf meinem Rücken. Ich mag Männer die nach Meer und nach mehr riechen. Manchmal im Juni hat man Glück. Der Juni riecht nach den gelben Rosen an der Hauswand. Teerosen, die gleichen wie sie meine Großmutter hatte. Manchmal pflücke ich mir ein Blatt und lege es neben mir auf das Kissen. Der Juni riecht nach einer Benzinpfütze auf der Straße, nach Brackwasser und schwärender Entengrütze auf einem Weiher. Der Juni riecht nach Erdbeeren. Erdbeeren. Erdbeeren. Der Juni riecht nicht mehr nach Holunder. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal die Nase in einem Hollerbusch hatte. Der Juni riecht nach Schiffsdiesel und nach dem Idioten, der an der Ampel sein Motorrad aufröhren lässt, als sei kein Idiot sondern ein Rallyefahrer Paris-Dakar. Er hinterlässt aber keinen Geruch nach Abenteuer, sondern nur nach verbranntem Gummi. Der Juni riecht nach warmem Holz und Eistee mit Pfirsichgeschmack.

An einem Abend kurz bevor der Juni zu Ende geht steht der Tierarzt mit dem kleinen Täubchen auf dem Arm am Fenster. Der Tierarzt ist selbst schon fast schon Schatten, wie der letzte Rest des Tages, der noch im Fenster klebt. Das kleine Täubchen ist ganz am Anfang ihres Lebens und noch einmal singt der Tierarzt für das kleine Mädchen in seinem Arm, das Wiegenlied, das er für Schafe, Kälber und Mädchen große, kleine, junge wie alte reserviert hält,ein Lied kann für ein ganzes Leben reichen.

Der Juni riecht nach Willkommen und Abschied.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

Woanders ist es auch schön

Alle Augen sind auf den Fußball gerichtet, aber dieser Text ist augenöffnend. Es ist auch ein Text über den Hunger. So viele Formen und so viel Bitterkeit kennt der Hunger, auch jener nach Freiheit.

Wer wie die AfD das Lügen zur Methode macht, verstrickt sich schnell und wie hier gezeigt ist es grotesk, wenn es nicht auch so traurig wäre.

Erst ein Achterl Weißwein und dann kommen die Geschichten. Es sind die Geschichten unserer Tage und man sieht aus dem Fenster und fragt sich, wie es denn so weit kommen konnte.

Mitten in der Wüste.

Es gibt diese wunderschöne Gedicht von Kurt Tucholsky. Augen in der Großstadt heißt es und genau an diesen Augenblick, vorbei, verweht, vorüber, erinnert mich dieser wunderbare Text von Frau Argueveur.

Viermal Frühling im Iran.

Mein Verhältnis zu Hochzeiten ist ja ein eher Angespanntes, hier gibt es einen wunderbaren Thread zu den großen und kleinen Absurditäten des schönsten Tag im Leben oder so.

Der Tierarzt ist in diesen Tagen voller Konflikte. Er ist nämlich mit sehr schlechtem Gewissen England-Fan- als Ire- wenn das rauskommt, also bitte verraten Sie nichts. Der Tierarzt wäre gern Deutschland-Fan, da er doch Deutschland so liebt, aber dann sind da all die Jahre des Leidens mit den Three Lions und na ja, der Tierarzt kann sich nicht helfen, sein Herz schlägt in Fußballfragen eben für England, aber das ist ja kein Grund die Wochenlied pflichten zu vernachlässigen. Diese Woche kommt es von einer isländischen female Hip Hop Band, den reykjavíkurdætur und die Damen rappen auch wirklich auf Isländisch. Das hört man ja auch nicht so oft.

Im Supermarkt, kurz nach halb acht am Abend, London.

Das Offensichtliche:
Der Haushalt ist der Erwähnung nicht wert. Auch nicht, dass zum ersten Mal die Kinder 1-4 nicht den Belag von der Pizza herunterpulten oder nur den Rand knusperten, sondern alles, alles, alles aufaßen ist es nicht. Das lag nämlich nicht an mir und meinen Pizzabackkünsten, sondern an einem Schwimmbadnachmittag. In London nämlich ist es heiß.
So heiß, dass auch ein Wassereis-Everest in vier Kindermündern schneller schmolz als der Tierarzt sagen kann: „Wer soll das alles essen?“
Die Kinder 1-4 sind natürlich jeder Erwähnung wert und das Staunen, das nicht nachlässt über Bébé No. 5, das kleine Täubchen, das Lächeln meiner Schwester und das Glück meines Schwagers, das ist so offensichtlich, dass es jede Erzählung nur kleiner machte. Deswegen stellen sie es sich vor, das ganze große Glück.

„Fünf“, sagt meine Schwester. Eine Handvoll, sage ich und küsse ihre Fingerspitzen.

„Wie schön Du bist“, flüstere ich ihr ins Ohr.

„Wäschst Du mir die Haare?“, fragt sie.

Ich wasche ihr die Haare. Meine große Schwester seufzt selig genau so wie das kleine Täubchen im Arm ihres Vaters.

Wir spannen die Hängematte auf. Ein Wochenbett kann auch eine Hängematte sein. Bébé No. 5 ist einverstanden.

Am Abend, Kind 1 liest, Kind 2 kichert mit einer Freundin am Telefon, und die Kinder 3 und 4 schlafen schon aber es lag nicht an meiner Geschichte von Fräulein Rosa und einem Ausflug zum Nil, sondern an den sommerschweren Gliedern, sollen Schwager, Schwesterchen und Bébé Zeit für sich allein haben.

„Sag das nicht“ protestiert Schwesterchen.

Ich werfe ihr Kusshände zu und dann gehen der Tierarzt und ich einkaufen. Das ist der Rede wert, denn der Tierarzt kann doch Lebensmittel in gehäuften Mengen kaum ertragen. Aber er nickt und zählt die Jutebeutel.
Zum Wochenbettservice gehört nicht nur Vollpension, sondern auch ein gut gefüllter Kühlschrank mit Sachen, die sich Schwesterchen und Schwager sonst eher verkneifen. Fünf Kinder gibt es nicht für umsonst.

Auf der Straße steht die Hitze. London atmet so als sei es Brindisi.

In den Pubs trinken die Leute Aperol Spizz und ganz London ist entschlossen sich heute Abend zu verlieben.

Zwei U-Bahnstationen weiter steigen wir aus. Ein großer Sainsbury an der Ecke.

Wir kaufen das Lieblingsgranola von Kind No. 1, Joghurt auf dem Luxury steht, der Tierarzt sucht nach den Lieblingssäften vom Schwesterchen, ich sage zum Mann an der Theke mit Delikatessen: Mehr davon. Der Mann nickt. Ein Anlass?, fragt er. „Oh ja, sage ich, eine ganze Handvoll!“ Der Mann lacht. „Davon auch mehr“, sage ich.
Wir kaufen Erdbeeren und Clotted Cream, Lachssteaks, Salat, belgische Schokolade, Mangopüree und von jeder Sorte Italienischer Nudeln mindestens zwei, sage ich. Wir kaufen den Kaffee, den mein Schwager sonst nur zum Shabbes trinkt.
„Wir brauchen einen zweiten Wagen“, sagt der Tierarzt, um eilig hinzuzufügen: „Ich gehe schon.“
„Wir treffen uns beim Käseregal“, rufe ich ihm hinterher.
Dann kaufe ich Brokkoli und junge Erbsen, und reife Ananas.
Neben mir steht ein Mann, alt ist der Mann. Ein Gesicht wie ein verwitterter Wetterfleck. Eine Jacke trägt er trotz der Hitze. Unscheinbar ist die Jacke, aber erst als ich Bananen in den Wagen lege, fällt mir auf: fadenscheinig ist das richtige Wort. Der Mann steht vor einer Kiste mit Kohl und Mohrrüben. Gelb ist der Kohl schon und die Mohrrüben haben welkes Grün. Aber am Abend da setzt Sainsbury die Preise herunter. 50 Percent off steht an der Kiste. Der Mann legt einen Kohlkopf und vier Mohrrüben in seinen Korb. Er sieht zum dem Regal mit den Südfrüchten herüber. Aber die Melone, die Mango und auch die Ananas sind nicht heruntergesetzt. Auch nicht die British Strawberries und die Kirschen, die dunkelroten, die kosten weiterhin 3 Pfund.
Da ist der Mann schon an mir vorbeigegangen. Vor einer Kiste mit Kartoffeln steht er, drei Kartoffeln fingert er schließlich heraus und legt sie zu den Möhren und dem Kohl dazu.
Ich gehe zum Käseregal, aber plötzlich sehe ich sie überall, die alten Leute links und rechts von mir, mit einem fast leeren Korb in der Hand und im Korb liegen immer die gleichen Dinge. Was in ihren Körben liegt, das ist reduziert. 30%, 50% und wer Glück hat der bekommt vielleicht eine Packung Würstchen, die beim Transport beschädigt wurde um 70% reduziert.
Eine Frau hat eine Flasche Milch und eine Tüte Salisbury Chocolate Chips im Korb und sieht steht vor einem Schild auf dem steht Salisbury Delectable Cakes, Aber die Kuchen sind nicht reduziert und die Frau geht weiter. Der Tierarzt findet mich schließlich beim Käse, denn ich bin fest entschlossen Käse zu kaufen, denn die Kinder wachsen und wie wir alle, lieben sie Käse. Richtigen Käse nicht die Familienpackung Gummigouda von Lidl.
Neben mir steht wieder der Mann mit dem krummen Rücken, dem Stock in der einen Hand und dem Korb in der anderen, er sieht auf ein Stück Gorgonzola herunter. Das Stück Gorgonzola kostet 2 Pfund und 19 Pence. Ich habe drei größere Stücke Gorgonzola im Einkaufswagen zu liegen und der Tierarzt, sagt: „Mädchen willst du den Parmesan oder?“ Ich nicke und sehe dem Mann nach, der ohne Gorgonzola in der Hand zur Kasse geht. Dann legen auch wir den halben Supermarkt auf das Band, wir füllen die vier Jutebeutel und den riesigen Wanderrucksack auf meinem Rücken. Hinter uns legt der Mann seine Einkäufe aufs Band.
„Tierarzt“, sage ich, „warte kurz“ und dann wuchte ich den Rucksack wieder von meinem Rucksack herunter, sprinte zum Käseregal, greife nach Gorgonzola, einem Stück Emmentaler, einer großen, gelben Honigmelone British Strawberries und Kirschen als ich wieder an der Reihe bin, ist der Mann noch damit beschäftigt seine Einkäufe umständlich in einen Beutel zu verstauen.
„Sorry Sir, sage ich vorsichtig und er sieht mich misstrauisch an, sorry Sir, we bought so much, we really can not carry even the tiniest bit more, would you mind taking those?“

Ich lege den Käse und das Obst vor ihm hin.

Er starrt mich an.

„Thanks for helping“, sage ich und „Goodbye.“

Dann gehen wir aus dem Sainsbury hinaus.

Ich drehe mich nicht um, aber nicht wegen des schweren Rucksacks auf meinem Rücken, sondern weil ich mich erinnere, noch ganz genau, als ein Fremder in einem Supermarkt in Berlin als auch ich, kaum Geld hatte, mir Käse, frisches Brot und Birnen übergab, mit den Achseln zuckte und sagte: „Ich hatte ganz vergessen, ich vertrage den Käse gar nicht mehr.“ Irgendeine Allergie.“ „Helfen Sie mir, wäre doch schade, wenn das schlecht würde.“ Ich hatte am Regal mit Dosenravioli mein Kleingeld gezählt.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt vor dem Supermarkt.

„Tierarzt“, sage ich.

Mehr sagen wir nicht.

Es ist noch immer nicht dunkel, als wir die Wohnungstür aufschliessen und auch nicht als wir die Einkäufe in Kühlschrank und Speisekammer verstaut haben und auch nicht als ich Schwesterchen, Bébé No. 5 und den Schwager auf die Nasenspitze küsse.

Ein kleines, riesengroßes Bündel Glück

Da liegst Du ein kleines Bündel Glück und über London geht die Sonne auf. Da liegst Du in den Armen Deiner Mutter, meiner Schwester, dein Vater küsst Dich auf die Stirn. Dein großer Bruder hat feuchte Augen, obwohl er doch eigentlich schon zu cool ist für feuchte Augen. Eine kleine Königin mitsamt Kanzler Bär küsst Dir die Füße, was für eine royale Ehre, deine Schwester Nummer 2, zeigt Dir ein für Dich gemaltes Bild. Da bist Du schon Teil von unserem, großen, lärmenden Haufen und schaukelst mit ihr. Schwester Nummer Drei spielt für dich ein Lied auf der Gitarre, damit Du von Anfang an nicht vergisst: von nun an lebst du in der Krachmacherstraße.
Dann sagt Deine Mutter, meine große Schwester: „Bébé, das ist meine kleine Schwester“ und dann liegst du in meinem Arm, in der blauen Decke in der all deine Geschwister lagen als sie ein kleines Bündel Glück waren, genau wie du. Die blaue Decke habe ich vor vielen Jahren auf einem Markt in Assam erstanden, von einer Frau, die ihr Kind in genau der gleichen Decke eingewickelt neben sich in einem rostigen, alten Fahrradkorb schaukelte und da wusste ich, diese Decke ist für das Glück gemacht.
Da liegst und gähnst, ein schwarzes Büschel Haare auf dem Kopf, Schwesterchens Lockenpracht, die Stupsnase der lieben C. deiner Großmama und das Grübchen im Kinn, das ist von deinem Vater. Da liegst Du und wir beide staunen uns an und unten wacht die Straße auf. Auf dem Sims gurren zwei Tauben. Kleines Täubchen sage ich zu dir, sei willkommen hier bei uns, sei willkommen und kaum bist Du bei uns sage ich Dir können wir uns schon nicht mehr vorstellen, dass du gestern Abend noch nicht bei uns warst. Du gehörst dazu, fest und unverbrüchlich, so als hinge deine Jacke schon seit Jahren neben denen deiner Geschwister. Schön bist Du mein Täubchen, sage ich, so schön wie deine Mutter, diese Frau mit dem Herzen aus Sonnenstrahlen, die so sehnlich auf dich gewartet hat, so schön bist du wie dein Vater, der für dich jeden Abend an den Bauch deiner Mutter gelehnt ein Lied sang. Sein Summen, Täubchen, das liegt über dir. Schön bist Du, herzensschön, wunderschön und die Sonne lächelt dir zu. Die Sonne als Patentante, das wünsche ich dir. Dass auch an den ganz dunklen Tagen, die Sonne doch eine Handbreit Licht auf dich legt und das hoffe ich, dass Du am Licht festhältst, wann immer Du kannst. Das Licht kann die Sonne, eine Kerze, ein Glühbirne, eine Schiffssirene oder die Erinnerung an die Stimme deines Vaters sein. Halt sie fest, kleines Täubchen, halt sie fest.
Sei stark, kleines Täubchen, auch wenn man Dir sagt, deine Stärke sei eine Schwäche. Sie irren sich immer. Sei so stark wie du kannst, sei nicht stärker als Du sein musst. Nur wenn du Profiboxer sein möchtest, dann sei bitte doppelt so stark. Sei Profiboxer oder Punkrocker oder werde Kapitän, aber ruf an zu Chanukkah und komm zu Pessah nach Hause zu uns. Sei laut und wild und lebe so frei du kannst. Liebe die Freiheit, aber nicht auf die Kosten der Anderen. Das klingt ernst, so am Anfang deines Lebens, aber gesagt haben will ich es doch. Vertraue auf die Liebe. Sie ist die wackligste Bank mit dem stärksten Fundament. Mein Täubchen, das weiß ich genau, da liegst du und gähnst und bist ganz unbeeindruckt von unserer Aufregung um dich. Das scheint mir eine gute Haltung zu Welt, sie anzunehmen wie sie ist, sie zu besehen, bevor man zu einem Schluss kommt, Gelassenheit zu bewahren und erst dann zu urteilen.
Nicht alle Probleme, kleines Täubchen lassen sich im Schlaf lösen, aber viele Probleme lösen sich besser hat man eine Nacht oder zwei über sie geschlafen. Lach nur Täubchen, lach nur du mit dem Grübchen im Kinn, ich habe doch vor Aufregung über dich auch nicht geschlafen und darf so reden. Zeig uns die Welt kleines Täubchen, zeig uns was wir nicht sehen, was wir vergessen haben und was nur du siehst.
Ich bin so neugierig auf deine Welt. Nimm mich mit, auch dann wenn ich Dir peinlich bin. Besonders dann. Nimm uns mit, deine Eltern, deine Großeltern, deine Geschwister, den Tierarzt, die Freunde, die Mali-Tant und den Jean, uns alle, nimm uns mit auf deiner Reise hinaus in die Welt. Lache, kleines Täubchen, lach so viel und oft es geht, und weine genau so laut und so leise, wie du lachst. Lass dich trösten, auch dann wenn Untröstlich bist. Suche nach Antworten, nicht nach Fehlern, die Antworten kommen und mit den Fehlern muss man ohnehin leben. Manche Antworten erhält man nie, das heißt nicht, dass man aufhört zu suchen.
Da liegst Du Täubchen und in deiner Braue, da ist ein Fragezeichen, das hast Du von mir und allen deinen Geschwistern habe ich es mitgegeben oder eingeredet, dafür mache ich aber auch die Lateinhausaufgaben deines großen Bruders. Sei versichert, auch wenn Du glaubst Du bist ganz allein, wir sind noch immer da. Wir, das sind nicht du der wilde Haufen dort auf dem Bett und anderswo, sondern das ist die Gemeinschaft der Juden, die dich seit heute in ihren Armen hält. Du mein Täubchen, Du bist so zart und so klein, in meinen Armen und doch bist du so groß, ein so großes Wunder, heute bist du ein jüdisches Kind in Europa geboren.
Kleines Täubchen, selbst wir die immer reden, wir stehen stumm vor diesem Wunder, das so lange eine Unmöglichkeit schien.
Wir alle haben sie, diese Wunde in uns, die niemals verheilt, sie lebt in uns diese Wunde und wir geben sie weiter, eines Tages, werden deine Mutter und ich dir von deiner Urgroßmutter erzählen, die festhielt an der Welt, als die Welt aufhörte zu sein, heute bist du da, heute bist du hier bei uns, in unserer Mitte. Heute, mit dir in den Armen schmerzt die Wunde, schmerzt diese entsetzliche Lücke weniger als sonst, heute atmen wir freier, heute bist du geboren.
Was für ein Segen, dass bei uns bist, Du kleines Täubchen, Du großes Bündel Glück in unseren. Armen. Sei willkommen, kleines, riesengroßes, wunderbares Mädchen, wir sind atemlos vor Glück und Staunen über Dich.

Zeigt her eure Nasen!

Nein, die Zeiten sie sind nicht gut, die Zeiten sind sogar zum Davonlaufen schlecht. Wo hin man auch sieht, an jeder Ecke überschlagen sich Politiker in immer noch schrilleren Tönen dämonische Szenarien zu entwickeln, in denen Flüchtlinge und Obdachlose, Arme und Alte beschämt, geschmäht und benutzt werden, während kein Seehofer und auch kein Söder bei den Landfrauen zu sehen ist, die in Bayern ja vielerorts Menschen dabei helfen, nicht einfach nur Fremde zu bleiben, andernorts werden Obdachlose zu Kriminellen erklärt, Signore Salvini findet es sei doch kein Ding kritische Journalisten zum Abschuss freizugeben, es muss nur Fußball sein und schon hört man nichts mehr über kritische Stimmen, die in Russland in Gefängnissen sitzen, Erdogan macht Wahlkampf und tut so als könne er Fairness buchstabieren und in den USA dürfen mexikanische Frauen zwar die Kinder reicher Familien im Napa Valley hüten, aber gleichzeitig werden Familien die Kinder weggenommen und es bricht einem das Herz, dass dies die USA sein sollen. Dieses Land in dem es nur Einwanderer gibt.

Auch im westlichen Winkel von Klein-Bloggersdorf, in einem kleinen, irischen Dorf umgeben vom Meer und dem Kirchturm St Sylvester seufzt man schwer, trotz des Sonnenscheins, einem Hundekopf auf dem Knie, der Katze auf dem Sofa und dem drolligen Kalb in den Flegeljahren auf der Weide. Darf man denn fragt man sich also nun albern sein, denn albern wird es gleich, das sage ich Ihnen mit vollem Ernst. Das Lachen steckt einem ja auch schnell im Halse fest, aber andererseits fürchten Maulhelden, Parolenwiederholer, autoritäre Traumtänzer und nicht zuletzt Herr Erdogan wenig so wie Gelächter. Gelächter hat immer etwas Uneindeutiges, etwas Unbezähmbares, Wildes, Grenzenloses, Humor ist etwas und das sieht man allerorten, das sich nicht begrenzen lässt allen Versuchen zum Trotz.

Anderntags war Midsommer und da Sonnenlicht legte lange den Kopf auf die Fensterbank und alles war Gold und Licht und Warm. So golden, licht und warm, dass sogar der treue, alte Hund, der viel vom Schlaf hält auf die Terrasse tappte und den Kopf ins Sonnenlicht hielt. Wie das so ist bei den Bloggersdorfern, die verehrte Kiki, die ja wie Sie alle wissen in der Künsltlerkolonie des Dorfes mit Bär ein Atelier betreibt, verguckte sich in des guten Hundes, Nase und am nächsten Morgen als der treue Hund gefrühstückt hatte, sagte ich:

Cassie, dear would you mind me snapping a picture of your lovely nose? Kiki has been asking.
Cassie: My nose?You’re telling me she has a crush on my nose?
Me: Mh.
Cassie: How curious humans are! But she hasn’t a cat, no?
Me: A bear. Cassie: Well then, nose is up! Woof.
Man muss wissen Cassie, der treue, alte Hund ist kein uneitler Hund, aber vor allem triumphierte Cassie endlich einmal über die Katze, denn Hundeschnauze bliebt Hundeschnauze.

Aber Klein-Bloggersdorf wäre nicht Klein-Bloggersdorf hätte nicht auch andere Herrchen schöne Hunde und schon tauchte eine zweite Hundenase auf. Elegant, distinguiert und von adliger Kühle. Eine Nase namens Janosch.

Zauberhaft und zum Verlieben ist auch dieser Traum von Nase im Kornfeld äh Federbett.

Ach, das ist Bloggersdorf wie wir es lieben und schon kamen weitere, artenübergreifende Nasen aus der Schweiz hinzu.Welche Wonne, welche Freude, denn bei Familie Brüllen leben zwei Katzen, die um es mal positiv wie bestärken zu formulieren, gewisse Ähnlichkeiten mit einem Kälbchen haben.

Doch noch haben Sie nicht genug Fell gesehen! Bekanntlich verbindet Zwitscherstadt, Klein-Bloggersdorf mit der großen Welt und dort, sehen Sie selbst findet man die Nasen von Welt.

Aber Bloggersdorf wäre ja nicht Bloggersdorf träte nicht auch der Bär selbst nach vorn und zeigte der Welt was eine Nase ist.

Schotten da können keine Zweifel bestehen, haben Nasen über die sich reden lässt.  ( Nur der Tierarzt schmollt selbstredend.)

Noch ne Nase!

Und so albern das Nasenzeigen auch sein mag, tröstlich und ein ganzes Stück wärmer ist die Welt mit ihnen doch. Wenn auch sie Mitbewohner mit reizenden Nasen haben, geben Sie gern Bescheid als Kommentar, Mail, auch Brieftauben dürfen gern auf dem Fensterbrett landen. Goldfischnasen, Hasennasen, Schildkrötennasen und auch die Nase von Leo, dem Hai sind gern willkommen. Nur bitte keine Google-Nasen….

Eine Nasengalerie für kalte Tage und zwischendurch, das scheint mir kein ganz schlechter Plan in traurigen Zeiten.

 

Woanders ist es auch schön

Es geht um mehr als um fehlendes Geld, sondern um die Frage, was für eine Gesellschaft wir sein wollen.

Mesale Tolu ist zwar nicht mehr im Gefängnis, aber frei sind Sie und Ihre Familie noch immer nicht.

Eine Liebeserklärung auf zwei Rädern.

Neues von Miriam.

In Irland lacht die Sonne schon sehr schadenfroh zu, während ich im Büro sitze, aber zum Glück gibt es Blogs wie diesen hier, der uns mitnimmt in die Höhen und Tiefen des Reisens. Für genau diese Texte ist das Internet erfunden worden. Via der wunderbaren Kiki.

Meine Antwort auf Hitler.“Und was für eine Antwort das ist.

Dazu passt auch ein Beitrag über Sanary-sur-Mer.

Die Sache mit den Grenzen und Zuständigkeiten, wie immer, ist es nicht so einfach wie es sich die Maulhelden vorstellen.

Es ist keine Überraschung, mein Interesse für Fußball liegt bei minus 7000, aber diesen Video-Clip über Fans, die sich so verhalten, wie man es nun wirklich nicht erwartet, würde ich gern öfter, um nicht zu sagen in jedem Stadion sehen.

In Irland ist blauer Himmel, die Sonne scheint und der Tierarzt dreht die Musik lauter, tanzt erst mit mir, dann der Katze und schon dreht sich auch der alte Hund mit uns im Kreis.

 

Ein Satz mit X…

Vor ein paar Wochen lag eine Einladung im Briefkasten. Schweres Papier, goldener Rand. Adressiert an den Tierarzt und so legte ich die Einladung auf den tierärztlichen Stapel und vergaß den Brief sofort. Am Abend aber, ich versuchte die Katze davon abzuhalten, die Keksdose durch Herumkullern auf den Dielen zu öffnen, fragte der Tierarzt: „Mädchen willst Du an einem Sonntag im Juni zu einer Taufe nach Westcork fahren?“

„Tierarzt“, sagte ich, „ wenn es Dir ein Herzenswunsch ist, fahre ich mit Dir zu einer Taufe nach Westcork.“

Der Tierarzt aber schüttelte, vergnügt den Kopf, denn der Tierarzt teilt nicht nur Freud und Leid mit einem seltsamen Fräulein,sondern weiß inzwischen auch, wie ein Nein klingt.

Mein Verhältnis zu Taufen ist nämlich ein angespanntes, wenn auch nicht nicht aus religiösen Bedenken, allein der komischen Note wegen, die mir bei der letzten besuchten Taufe so sonderbar auffiel, denn da rief der Vater des Täuflings schon vor der Kirche: „Die Geschenke können jetzt abgegeben werden.“ Ich hatte mir die Vertreibung der Händler aus dem Tempel zwar immer ganz anders vorgestellt, aber was weiß schon einfacher Jude von solchen Dingen?

„Wunderbar“, sagt der Tierarzt ob meiner Antwort. „Er habe die Mutter des Täuflings nie sonderlich gemocht, sie habe in der Anatomieklausur schamlos bei im abgeschrieben und als es die Klausur zurückgab ,ihn noch ob eines Fehlers beschimpft.

„Nebelkrähe“, sage ich.

Damit ist das Thema erst einmal beschlossen und der Umschlag wandert auf einen dritten Stapel von Dingen, die es zu erledigen gilt, wenn es regnet oder alle Fenster geputzt sind.

Dies war gestern Abend der Fall.

„Heavens“, sagte der Tierarzt,wir haben noch gar nicht die Taufe abgesagt.“

Gesagt, getan“, sage ich und hole eine Karte mit goldenen Luftballons- durchaus ein himmlisches Segnungsmotiv- aus der Kartenkiste.

Der Tierarzt faltet einen Schwan aus einem Geldschein.

Ich nehme den guten Füller zur Hand und schreibe.

Liebe Eltern, liebe und dann stocke ich und sehe zum Tierarzt auf.

„Wie ist der Name des Kindes?“

Der Tierarzt dreht die Karte in den Händen umher.

„Mädchen“, sagt er, der Name kommt mir ganz komisch vor, hier steht Irene Xanthippe.“

„Tierarzt, sage ich, Du bist müde und wer müde ist, sieht schlecht und wer schlecht sieht, der liest absurde Namen vor. Niemand nennt sein Kind Irene Xanthippe.“

Außerdem ist der Name schon ein Widerspruch an sich. Irene ist der Name einer Friedensgöttin, während Xanthippen noch den besten Frieden zu zernörgeln wüssten. Keine auch noch seltsamen Eltern würden aus ihrem Kind doch einen lebenden Widerspruch machen, sage ich und mache Licht an.

Der Tierarzt murrt: „Hier steht Irene Xanthippe“.

„Gib her“, schnaufe ich und sehe auf die Karte aus schwerem Papier. „Habe ich mich nicht über Jahre mit Handschriften aus dem 17. Jahrhundert herumgequält, um jetzt an einer Taufkarte zu scheitern?“

Die Einladung ist gedruckt, aber den Namen des Kindes haben die Eltern handschriftlich hinzugefügt.

„Von wegen Irene“, sage ich triumphierend. „Da steht India.“

„India?“ murmelt der Tierarzt.

„Bist Du Dir sicher?“

Ich sehe wieder auf die Karte, je länger ich auf die Karte sehe, desto unsicherer werde ich. Vielleicht auch Indigo, murmele ich.

Schwieriger aber noch ist der zweite Name auf der Karte.

„Xanthippe“, beharrt der Tierarzt.

„Xenophilia“, buchstabiere ich.

„Ausgeschlossen“, sagt der Tierarzt und ich nicke.

Das scheint noch absurder zu sein als Xanthippe.

„Xiphantia“ wagt der Tierarzt einen neuen Versuch.

„Tierarzt“, schüttle ich den Kopf, da ist doch ein Mädchen und kein Saurier.

Ich hole die Lupe.

Der Tierarzt sagt: „Ich habe mal ein Rennpferd namens Xaphania behandelt.

„Weiß G*tt Tierarzt, aber hat deine Bekannte etwas das gleiche Rennpferd behandelt und ihm geschworen, wenn es seinen Huf hebt, dann benenne ich das Erstgeborene nach ihm?“

Der Tierarzt denkt nach und sagt: „Wohl eher nicht.“

Ich klamüsere indes noch immer mit der Lupe herum.

„India Xenobia“, sage ich.

Aber dann schwanke ich doch, denn schreibt man Xenobia nicht Zenobia, wenn man sein Kind schon nach der einstigen Königin Palmyras benennt?

„Vielleicht fahre ich fort, hat sie den Namen irgendwo falsch abgeschrieben, wie damals bei dir in der Anatomieklausur?“

„Wie bitte schreibt man einen Namen für das eigene Kind irgendwo falsch ab?“

„Tierarzt, sage ich, nichts einfacher als das. Das war in etwas so:

In die Praxis deiner Bekannten kam eines Nachmittags eine Frau mit einer Boa Constrictor namens Queen Z und nach abgeschlossener Behandlung, fragte sie die Besitzerin wofür das Z im Namen der guten Schlange denn stünde. Queen Zenobia verehrte Schlangen wie keine Zweite, erzählte stolz die Schlangenbesitzerin, die aber auch sehr heiser war, dann klingelte dreimal das Telefon, deine Bekannte hatte aber nur den ersten Strich vom Z gemacht, als sie sich erinnerte, doch den Schlangenamen aufzuschreiben, stand am Ende Xenobia auf dem Waschzettel.

„Mädchen“, lacht der Tierarzt. Niemand spaziert mit einer Würgeschlange umher.“

„Tierarzt“, sage ich, wir sprechen uns noch einmal, wenn du einige Jahre in Berlin gelebt hast.

Dann kehre ich seufzend zur Karte zurück.

„Da steht Xanthippe“, beharrt der Tierarzt.

„Tierarzt, sage ich, selbst wenn die ihr Kind Xanthippe genannt haben, können wir das niemals und zwar unter gar keinen Umständen auf die Karte schreiben.“

„Was schreiben wir dann?“

Ich hole Buntstifte und male neben: „Liebe Eltern“ einen gelben Kreis, tupfe Kulleraugen hinein, male, grüne, rote und lila Locken an den Babykopf und ein I und ein X zwischen das Gemalte.

Der Tierarzt, die Katze und der Hund starren auf das bunte Chaos.

Es gelingt mir nur sehr selten alle drei Hausgenossen zu beeindrucken, aber dann schreibe ich weiter: „bedauern wir sehr, nicht an der Taufe eures herzigen Kindes teilnehmen zu können.“

Später der Brief liegt auf dem Stapel: „Fertige Post“ und ich liege im Bett, „Weißt Du,sagt der Tierarzt und zieht sich ein Schlaf-T-Shirt über, ich bin wirklich froh, dass wir beide so einfache Namen haben.“

„Du Mädchen, ich Tierarzt, da kann wirklich nichts schief gehen.“

Hmmm, sage ich und der Tierarzt geht sich die Zähne putzen. Bevor er im Bad verschwindet, dreht er sich noch einmal um. „Mädchen, ich glaube wirklich, sie haben das Kind Irene Xanthippe genannt.“

Wie man Erdbeeren essen muss.

Die ersten Erdbeeren aber muss man bei Sonnenaufgang essen, kühl muss das Gras noch sein unter den Füßen und man pflückt sich eine Hand voll nur ab. Die ersten Erdbeeren im Mund müssen sandig sein und rau auf der Zunge liegen und erst dann schmeckt die süße und die Feuchte der Nacht. So muss man die ersten Erdbeeren essen.

Später dann, die Sonne steht hoch schon am Himmel, da läuft man wieder in den Garten herunter. Die Erdbeeren leuchten rot und man hält eine Schüssel in den Händen. Die Schüssel kann aus alter, weißer Emaille sein oder aus schweren Steingut, aber keine Plastikschüssel ist gut genug für die Erdbeeren. Dann streift man sich die Schuh von den Füßen und steigt vorsichtig ins Erdbeerfeld und vorsichtiger noch streift man die Erdbeeren von den Stielen, um sie in die Schüssel zu legen. Auf keinen Fall aber wirft man die Erdbeeren mit einem dunklen Plonk! In die Schüssel. Man soll großzügig im Leben und das gilt auch für das mühsam gejätete Erdbeerfeld hinten im Garten. Niemals pflückt man alle Erdbeeren ab, sondern man lässt dem Igel, ein paar Erdbeeren zum Dessert, denn auch der Igel liebt den Sommer sehr. Die alte Freundin Wildtaube und auch den Amseln und Staren soll man den Sommer versüßen. Nur ob auch die Kröte dann und wann zum Erdbeerfeld hüpft, das weiß ich nicht.

Hat man eine Schüssel voll mit Erdbeeren, hält man das Gesicht in die duftende Pracht. Atmet die schwere Süße, den Sonnenschein und das Versprechen ein und wieder aus, das in den Erdbeeren liegt. Niemals darf man die Erdbeeren in Wasser ertränken, sondern vorsichtig nur spült man sie ab und dann kommen Menschen auf seltsame Ideen, denn sie wissen nicht wie man Erdbeeren ist. Wissen nicht, dass man Erdbeeren nicht zuckern, nicht mit Balsamico-Essig beschämen oder in Sahne ertränken muss. Erdbeeren ißt man mit beiden Händen, vorsichtig legt man sich die Erdbeere zwischen die Lippen, tastet mit der Zungenspitze an den Rändern der Erdbeere entlang, zerbeißt sie nicht wie ein Stück zähes Fleischman, sondern drückt langsam fast ganz ohne Zähne die Erdbeere im Mund zusammen, bis einem der Saft der Erdbeere in den Mund und dann über das Kinn läuft, langsam kaut man die Erdbeere bis man ihre Schärfe schmeckt und nicht nur die Süße.

Harmlos ist die Erdbeere nicht, sondern die Erdbeere ist verräterischer noch als Lippenstiftspuren auf weißen Hemde, Erdbeeren nämlich bleiben noch lange im Mund, haften im Mundwinkel, schieben sich unter das Zahnfleisch, locken Zungen, Münder, Herzen zu sich hinein. Es gilt sich vorzusehen, denn wer der Erdbeere und ihrer schweren Süßigkeit erst einmal verfällt, der ist verloren, nicht zuletzt ging Gustav von Aschenbach auch an den überreifen Früchten zu Grunde.

Vorsichtig also muss man sein bei der Wahl derjenigen, mit denen man sich Erdbeeren teilt, von deren Lippen man Erdbeeren pflückt und noch vorsichtiger gilt es abzuwägen wem man Erdbeersaft aus den Mundwinkeln leckt. Denn dazu sind Erdbeeren da. Selbst die Erdbeeren eingeweckt im Regal im Keller wissen noch etwas von den unendlichen Sommern und der Liebe mit ihrem scharfen Schwert.

Fernhalten aber und da kann kein Zweifel bestehen, muss man sich von denjenigen, die mit dem Messer Erdbeeren grob zerhacken oder in einen Schnellmixer tun, um dann Proteinpulver auf die Erdbeeren zu gießen und diese Mischung dann in Plastikflaschen in ein Fitnessstudio zu tragen. Erdbeeren vergeben so etwas nicht. Es gilt bei der Partnerwahl vorsichtig zu überprüfen, wie das Verhältnis des Verlobten oder auch nur des Juni-Geliebten zu den Erdbeeren ist.

Abzuraten ist von jenen, die eine Erdbeere grob und in einem Stück verschlingen. Niemals wird aus ihnen ein tastender Küsser, sondern immer werden ihre Hände zu schnell unter Blusen und Rocksäume fahren. Obacht ist auch vor jenen angebracht, die mit triumphierendem Blick behaupten, Erdbeeren seien eigentlich Nüsse. Grobheiten werden ja nicht davon besser, dass man sie laut herausblökt. Mit einem solchen Partner, werden sie niemals einen großen Sommer, dafür aber viele, kleine Misslichkeiten erleben. Unerfreulich sind auch diejenigen, die einen duftenden Teller voller Erdbeeren mit Kopfschütteln betrachten und sagen: „Ist das alles zum Dessert?“ Noch schlimmer, sagt man seien jene Barbaren die Erdbeeren zusammen mit klebrigen Marshmallows grillen. Auch hier droht ihnen Ungemach, Menschen nämlich die das Einfache nicht schätzen, werden niemals ein Geheimnis erkennen oder auch nur die angedeutete Geste eines überschlagenen Knies zu würdigen wissen. Nur die wenigsten wissen mit einer Erdbeere umzugehen, zu viele sind vorschnell, grob oder schlichtweg nicht in der Lage im richtigen Moment mit dem Zeigefinger an einem Kinn entlangzufahren, bevor die Seidenbluse Schaden nimmt.

Am besten lassen sich Erdbeeren mit Kindern, Igeln und Wildtauben teilen.

Aber im Sommer empfiehlt es sich durchaus, einer Sommerbekanntschaft eine Erdbeere anzureichen und zu sehen, ob Zungenspitze und Erdbeersaft zusammenpassen. Ansonsten laufen sie lieber zurück in den Garten, pflücken sich eine Handvoll Erdbeeren und liegen halb in der Sonne, halb im Schatten und spüren der schweren Süße der roten Früchte nach.

Sonntag

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🍒 Cherry, cherry lady. #cherries🍒 #inmygarden #cherry

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Früh am Morgen hat das Gras nasse Füße.

Ich dann auch.

In den Kirschbaum klettern mit den alten Tennisschuhen.

Ich weiß gar nicht, wem die Tennisschuhe eigentlich gehören. Außer dem Tierarzt spielt niemand Tennis, aber die Tennisschuhe sind schon immer die Schuhe mit denen man in die Bäume steigt. Sie passen auch jedem von uns. Der lieben C. mit Schuhgröße 36 und mir mit Schuhgröße 40, eigentlich 41, aber das gebe ich nicht zu. Mein Vater steigt nicht in die Bäume. In die Bäume steigen bei uns nur die Damen.

Auf dem Apfelbaum sammeln sich die Stare und Amseln.

Im Stamm des Apfelbaums befindet sich das garteninterne Wettbüro. Gehandelt werden hier nicht Rennpferde oder Fußballspieler, sondern die Frage, ob das Fräulein Read On wohl durch die Krone bricht und sich den Fuß verstaucht.

Ich klettere hinauf, die Vogelschar johlt.

Die Vögel finden Menschen hätten im Kirschbaum nichts zu suchen.

Ich finde es sollte für einen Clafoutis reichen.

So unterschiedlich sind die Interessen.

Ich kämpfe mit den biestigen Kirschbaumästen.

Die Vögel brüllen Schlachtgesänge.

Ich schreie: „Ihr gemeinen Biester, euch soll die Katze holen“

Dann verfangen sich meine Haare in den Kirschbaumzweigen und na ja der Kirschbaum kann sich jetzt an Flechtfrisuren versuchen.

Die Vögel kreischen Obszönitäten.

Aber dann ist die blaue Schale voll und ich hangle mich wieder herunter.

Nur meine Füße wollen nicht so wie ich will und so zapple ich etwas hilflos mit den Füßen und finde die Leiter nicht.

Zum Glück ist die liebe C. aufgewacht und ruft: „Süße, links, du musst nach links.“

Meine Fußspitzen finden die Leiterkante.

Die Vögel sind enttäuscht.

Ich bin zufrieden.

Wir trinken Kaffee im Gras und essen Croissants auf der Terrasse.

Dann schließt die liebe C. die Praxis auf.

Der Notdienst beginnt um 9 Uhr.

Die erste ist Frau G.

Frau G. hat eine Krankheit und die heißt Einsamkeit.

Zwanzig Minuten erzählt sie der lieben C. vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

Dann quietscht das Gartentor und sie bringt eine Waschschüssel voll Kirschen vorbei.

Eine Stunde später weiß ich auch alles vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

In der DDR hat Frau G. Handtaschen genäht, in der DDR gab es Fabriken in denen Frauen wie Frau G. Handtaschen für Quelle und Neckermann nähten.

Sie sagt: Wir Flüchtlingsfrauen waren froh um die Stelle.

Aber die Finger hat sie sich schon ruiniert. War ja Akkordarbeit und das Licht schlecht in der Fabrik. Aber als Flüchtling da durfte man sich erst recht nicht beschweren

Frau G. hilft mir beim Croissant-Essen. Dann fährt sie wieder los und ich gehe in die Praxis und gehe meiner lieben C. zur Hand.

Die liebe C. legt sich hin.

Ich rühre Mehl, Butter, Eier, Zucker, Vanille, Zimt und Topfen für den Clafoutis zusammen. Es ist ein Rezept meiner Großmutter unter dem Rezept steht: Bitte die Gäste vor dem Essen darauf hinweisen, dass die Steine noch in den Kirschen sind. Am 16.08. 1978 wäre Frau F. fast erstickt. Drei Ausrufezeichen.

Die liebe C. wird also vor den Kirschkernen gewarnt.

Wir beide atmen schwer nach dem Clafoutis, aber das liegt am Schmand und an der Butter.

Die liebe C. macht die Augen zu.

Ich telefoniere mit der lieben Freundin nördlich des Rheins.

Mit der lieben Freundin nördlich des Rheins lässt es sich vortrefflich telefonieren und da ich einen förmlichen Antrag auf Erhalt eines Wusnchzettels gestellt habe, wird es hoffentlich nie wieder vorkommen, dass ich ihr ein Buch, das sie schon hat auf ihre Rheinseite schicke.

Es hat mich scheußlich gefuchst.

Dann aber kehrt die liebe C. aus der Hängematte zurück und sagt: „Stell Dir vor, ich habe von einem scheppernden Wecker geträumt, den ich überall suchte.

Buhu, sage ich.

Wir essen Erdbeertorte zum Trost und dann ein Käsebrot.

Wir liegen im Gras und erzählen uns Dinge, die man sich nur im Schatten der Bäume und dem flackernden Sonnenlicht erzählt.

Ich wasche mir die Haare und die liebe C. bringt mich zum Zug.

Ich winke auch dann noch, wenn ich sie schon nicht mehr sehen kann.

Der Zug ist voll und ich stehe und mit mir stehen viele. Es ist müde Luft im Zug. Der volle ICE ist ein Aquarium für Menschen. Es ist stickig und warm, aber auf dem ipod ist Schuberts Winterreise.

Dann knackt ein Lautsprecher. Der Zugführer sagt: „Sehr verehrte Reisende, ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel gegen Mexiko mit 1:0 verloren.

Ein Mann sagt: Mensch, was soll denn die Durchsage wir sehen das doch alles live.

Ein Mann springt auf und ruft: Ich möchte hier sagen, ich bin kein Mexikaner und finde die deutsche Nationalmannschaft ist eine tolle Mannschaft.

Applaus für den Mann, der kein Mexikaner ist.

Schubert in meinem Ohr ist auch nicht glücklich.

In der S-Bahn sitzen zwei Mädchen mit Plastikgirlanden in Schwarz-Rot-Gold neben mir.

Die eine der beiden sagt: Das ist alles die Schuld von dem Putin. Der hat die Gruppenauslosung manipuliert und jetzt haben die Deutschen die voll schweren Gegner und die anderen alle so die anderen. Die leichten halt.

Ihre Freundin nickt. „Aber das Make-Up hält voll gut, sagt sie und bewundert ihre Deutschlandfahnen auf der Wange im S-Bahn Fenster.“

Die Andere sagt: „Ja, steht dir voll gut, gerade die Kontraste.“

Ich steige aus und radle in den Wald zurück.

Für eine halbe Stunde sitze ich auf der Fensterbank und neben mir sitzt meine alte Freundin Wildtaube und knackt Sonnenblumenkerne.

Über dem Kirchturm geht die Sonne unter.

Grenfell Towers-Ein Jahr später.

Am 14 Juli 2017 mitten in der Nacht rief mich meine Schwester an. Meine Schwester sagte: Es brennt in London. Ein Haus brennt. Es ist alles live im Fernsehen. Es sind Menschen in dem Haus, ich kann den Rauch riechen hier bei mir am Fenster. Da verbrennen Menschen in dem Haus. Grenfell Towers hieß der Wohnblock, North Kensington. Meine Schwester stand am Fenster und sah den brennenden Turm und meine Schwester und ich schwiegen am Telefon. Am nächsten Morgen waren 72 Menschen verbrannt.
Das ist doch Dickens, sagte ich zum Tierarzt am nächsten Morgen. 2017 verbrennen Menschen in London, mitten in der Stadt vor unser aller Augen.
Der Tierarzt schwieg, denn was hätte er schon sagen sollen.

Damals las ich die Nachrichten, klickte mich durch Videos,hörte Politiker, Aktivisten, Überlebende, las Zeitungsartikel, war mir sicher,dass das Versagen bei der Verwaltung, bei der Lokalpolitik, bei der Bauwirtschaft lag. Bitter lag es einem auf der Zunge und ich dachte oft an die Toten und die Lebenden und was das heißt für eine Gesellschaft, für uns, verbrennen in einer Nacht 72 Menschen. Das sind indische Nachrichten, aber dann waren es Nachrichten aus Großbritannien.

Fast ein Jahr später sitze ich im Flugzeug nach Zürich und auf meinen Knien liegt die London Review of Books,die ich in sklavischer Ergebenheit lese, so lese wie andere die Auto-Bild oder die Gala. Eine ganze Ausgabe widmet die LRB den Grenfell Towers. Oder besser Andrew O’Hagan hat eine ganze Ausgabe lang Platz bekommen um über die Nacht in der es brannte, nachzudenken.

Er beginnt so: „At daybreak on 14 June 2017, a large maladorous cloud hung over West London. You could see it for miles, acrid and acrimonious, the whole country waking up with a sense of disorder. And people required an answer. So we wiped our eyes and blamed the council.“

Es ist ein langer, ein quälender Text, ein Text von dem man immer wieder die Augen lösen muss, ein Text von dem man sich erholen muss, ein Glas Wasser, ein zweites und erst dann kann man weiterlesen. O’Hagan erzählt die Geschichten derjenigen, die dort lebten, erzählt von ihren Hoffnungen,Träumen, Enttäuschungen, von ihrem Blick auf London und es ist eine erzählende Beschreibung bis in den Tod hinein. Aber das ist es nicht allein, es ist kein Text, der nur memorial ist. Es ist ein Text über uns alle, über mediale Wahrnehmung, über die Verbreitung von Fakten, die sich niemals feststellen lassen und doch ungeprüft weitergetragen werden, über die Sehnsucht nach Schuldigkeit, nach Klarheit und was es heißt, wenn diese Sehnsucht so stark wird, wenn die Suche nach Schuldigen so geführt wird, dass es am Ende Schuldige gibt, die keine sind.

Das ist neben den Lebensbeschreibungen, das Eindrücklichste was dieser Text tut. Alle Welt war davon überzeugt, schon in der Nacht, dass der Council die Menschen im Stich ließ, dass Grenfell die Geschichte ein so schwerwiegender Vorwurf, der bis heute das Narrativ über Grenfell trägt, dem auch ich glaubte, und der sich doch kaum halten lässt:

„The council found hotels for hundreds of residents that day. Everyone from the tower who wanted to go and everybody from the blocks below. Housing officers arrived at the town hall while the tower was still on fire, and some of them barely left the office for days. They had their own ‘emergency attack’ plan and they sent out ten or 12 officers to each rest centre. Everybody was desperate for a list of the missing, but it isn’t easy to provide that. For a start, it was difficult to be sure so early on, and while the media were desperate to know and busy accusing everyone who didn’t have the information to hand of being ignorant, careless or callous, you have to be very careful with lists of the missing. People can turn up and it’s out of order to release information that families might rely on. It’s the job of the police, but everyone wanted the housing officers to confirm names, although they couldn’t, wouldn’t and shouldn’t. ‘It felt as though we were doing the police’s job as well,’ an experienced housing officer told me. ‘That’s how we felt. Officers were being asked these questions, and the council was being blamed for not being able to say whether a family member was alive or not, but it was never our job. The council was being presented with an impossible task.’

But something strange began to happen. A feeling turned into a slogan, and suddenly the ‘narrative’ the social workers talked about later was in place: the council was on a mission to neglect. At one level, the narrative was connected with something both the public and the media wanted: a story of our austere times, a totemic unfairness myth. Then, as one of the housing officers put it, Emma Dent Coad, the new MP for Kensington, ‘starts saying to the press “the council isn’t here,” and it was absurd.’ Council workers on the ground felt she was treating the whole thing as if it were a political game.

Und:

“ You know what?’ another head of service told me. ‘On day two, we sent a ton of people out to the hotels to settle people. The housing officers were there and everybody was active. And at one point early on, one of my colleagues called and said: “Actually the families have said can you stop sending people.” That’s the irony.’

‘It doesn’t fit the narrative,’ another one said, ‘but in actual fact there were too many helpers. And there were too many donations. And there were too many crazies. But you won’t hear that on Newsnight.’

‘As often as possible,’ Frida from Children’s Services said, ‘we had to sit down and cross-check to see that every family had a keyworker. But families would then say to journalists and politicians, “Oh no, I’ve not seen anybody from the council,” because they didn’t associate the person sat next to them in the room with people from the council.’

Es ist die Geschichte über uns alle, über die Fatalität von Wahrnehmungen, die Echt-Zeit Suggestion, das auch hierzulande anschwellende Brüllen, dass nach einem Mord oder was auch immer, spätestens fünf Minuten später Ursache, Name und Anschrift frei verfügbar sein müssen, das Verwechseln, dass Internet-Aktivisten in Wahrheit gar keine Informationen haben, sondern nur über das schreckliche Wort Reichweite verfügen, das aber völlig ungeprüft, es ist eine Geschichte darüber, davon wie wenig wir darüber wissen, wer sich alles, wo engagiert, weil es leichter ist, Vorwürfe zu erheben, über Gutmenschen zu grölen, Sozialarbeiter zu verachten, Lehrer zu beschimpfen und es immer, wirklich immer besser zu wissen. Es ist die Geschichte von Prominenten, die nichts wissen und viel sagen, es ist die Geschichte von Tory-England, das sich all seiner Prinzipien selbst enthoben hat und von Teresa May, der egal ist welche Köpfe rollen, solange es nur nicht ihr eigener ist.

„Holgate was due to take part in a telephone meeting with the prime minister, Sajid Javid and other ministers that Friday at 3 p.m. It had been arranged by Number 10. Just before it began, Barradell warned Holgate that one of the ministers, probably the prime minister, was going to suggest in the course of the call that the Grenfell survivors be promised that they would be rehoused within the next two or three weeks. Holgate was gobsmacked: it wasn’t possible for any council anywhere to find homes for so many people in that time. ‘You can’t reject this,’ Barradell said. According to my sources, the telephone conversation – May and Javid speaking, Holgate assumed, from a cabinet briefing room; Holgate and Barradell gathered around a box on a table in the town hall – was about what could practicably be offered to the victims. The prime minister was keen that action should be decisive; it was put to the two town clerks that people should be told they would be rehoused in either two or three weeks. Laura Johnson, the borough’s head of housing, had made the point elsewhere that day that victims would not feel ready to make a decision about housing for some time yet. It was too big a decision and many of them were very traumatised. She had decades of experience with tenants. Rock Feilding-Mellen said that experienced housing officers had told him the same thing, ‘that the people who’d lost their flats would quite rightly need time before reaching such an important decision, and they had every right to have that time.’ But the ministers insisted.”

Es ist eine Geschichte darüber, dass wir in Zeiten leben, die Helden sucht und dafür werden Geschichten imaginiert, die wie hier nicht stattgefunden haben.

“David Lammy, the Labour MP for Tottenham and a family friend of the artist Khadija Saye, accused the authorities of covering up the ‘true’ number of the dead in order to prevent a riot. ‘Trust is at rock bottom in the community,’ he said. ‘Failure to provide updates of the true number that died is feeding suspicion of a cover-up.’ ‘Residents saw dozens of people jumping out of windows to escape the fire.’ ‘Bodies piled up in stairwells and corridors.’ When Emily Maitlis of Newsnightasked Lammy to justify these comments, he retreated in a welter of compassion for those who ‘witnessed it’. ‘I wasn’t there,’ he said.”

Es ist die Geschichte von Feuerwehrmännern, die falsche Entscheidungen treffen oder nicht anders treffen konnten,so ist das auch die, die es wissen müssen, können sich irren. Aber vielleicht ist das Traurigste von allem doch die Erkenntnis, dass es inzwischen unmöglich scheint, dass Trauer möglich ist, auch wenn es keinen Skandal gibt, sondern viele Zusammenhänge fatale Kraft gewinnen. Das ist das Schreckliche, dass wir Trauer nur noch im Gefolge von Skandal und Aktivismus, von gefühlten Fakten, von ignorierter Realität und vom Beharren wir wüssten es besser, denn wir haben doch live zugesehen, möglich scheint. Aber es ist nicht genug. Es ist nicht genug.

Die Rubrik hier heißt Woanders ist es auch schön. Aber das trifft für den heutigen, den einzigen Link, den ich Ihnen sehr ans Herz legen will nicht zu. 72 Menschen sind tot, mitten in London, in der Mitte von uns.

Der Text aber ist beides zugleich und das ist selten geworden unter den lauten und lauteren Stimmen unserer Tage. Der Text ist Mahnung und Gedächtnis zugleich.