Vom Schlingern und Rutschen

Anderntags aber auf dem Weg von Berlin zurück nach Irland, im Wartesaal von Terminal C., spätabends, es ist der letzte Flug, kippt die Stimmung plötzlich und unvermittelt. Kippt so wie eine Geburtstagsfeier auf der eben die Gäste noch fröhlich sangen, doch plötzlich und unvermittelt fliegen Fäuste, zerbrechen Stuhlbeine, geht eine Vase und zwei Freundschaften auf immer zu Bruch. Oder eine Hochzeit auf der eben noch Brautvater und die Mutter der Braut Brüderschaft tranken, doch schon nach einem weiteren Lied, fehlen dem Bräutigam drei Zähne, die siebenstöckige Hochzeitstorte liegt zermatscht im Gras und einem Cousin dritten Grades wächst ein Veilchen über dem linken Auge. Die Braut weint leise. Im Wartesaal von Terminal C da ging es ganz ähnlich zu.Auf einmal war dort ein Spalt in der Welt. Einen Würstchenstand gibt es dort neben den langen Reihen mit schwarzen Stühlen. Hungrige Reisende bekommen dort Bockwürstchen mit Löwensenf, Coca-Cola und belegte Wecken.

Das Flugzeug aber ist verspätet und die Würstchenstandverkäuferin ruft durch den Wartesaal: „Hier ist jetzt gleich Schluss, wa!“ Vielleicht begann es das. Einer Reinigungsfrau entglitt der schwere Wagen, ein scharf riechendes Reinigungsmittel lief aus, lief den Reisenden über die Schuhe, die Frau sah auf den umgekippten Wagen, starr und unbewegt, als könne sie sich nicht mehr erinnern, wofür der Wagen gedacht sei und warum sie hier stünde mit einem Kehrbesen in der Hand spät in der Nacht. Zwei Frauen und ich heben den Wagen auf, sortieren die Müllbeutel zurück, Zewa für die blaue Lauge auf dem Boden. „Ist alles in Ordnung?“, frage ich die Frau. Sie sieht mich an und sagt: „ich weiß es nicht.“ Eine der anderen Frauen sagt einem Sicherheitsmann Bescheid. „Sie kommen jetzt mal besser mit“, sagt er zu der Frau. Sie läuft ihm hinterher. Der Wagen bleibt zurück. Ihm fehlt ein Rad, das fällt mir auf. Ausgerechnet das. Eine Gruppe von Männern, Iren, hat Bier gekauft, zischend und klackernd öffnen sie die Büchsen. Gulp. Ihre Stimmen werden mit der Menge der Büchsen lauter, aber auch verzerrter, Betrunkenengespräche, aber seltsam undeutlich, sie klingen als sprächen sie in eine kaputte Lautsprecheranlage, ein unangenehmer Hall ihrer zigfachen Wiederholungen von Feckin Joe I told you like its just bullshit, like, ye know, there was this Lady like Sue or Jo who put me on the facebook. Einer der Männer knackt mit den Fingern, seine Finger machen das gleiche Geräusch wie die aufschnappenden Bierdosenlaschen. Eine Gruppe italienischer Männer vergleicht Tinder-Photos von Frauen. Sie lachen über die Frauen. Die Frauen sehen alle gleich aus. Die Männer finden die Frauen seien höchstens Durchschnittsware. Dann lachen sie wieder. Ein langes, ausdauerndes Lachen, seltsam uferlos und ziellos, blechern so als fiele es in die Bierdosen. Die Bierdosen liegen neben den Sitzen. Die trinkenden Männer beginnen zu rülpsen. Dann aber schleißt die Würstchenverkäuferin wirklich ihren stand. Rasselnd zieht sie den Rollladen herunter. Schnapp. Dann klingelt ihr Telefon und nach den ersten Worten beginnt die Frau zu schreien. Ein schreckliches, hohes, grauenvolles Schreien, ein Schreien aus der Unterwelt, ein Schreien wie von Dante erfunden. Hoh und schrill und lang schreit die Frau in das Telefon hinein und wir alle starren die Frau an.
Die Männer mit den Bierbüchsen beginnen zu lachen. Sneering laughter, mir fällt keine deutsche Entsprechung ein. Die Frau schreit und nur manchmal passen einzelne Worte in ihre Schreie hinein. „Wenn du wieder lieb bist, dann bin ich auch wieder lieb.“ Das ist ein ganzer Satz zwischen den schrillen, sich an das Dach des Wartesaals heraufschraubenden Schreien.
Aber dann verlässt die Frau die Kraft und sie beginnt zu weinen, ein Weinen das eigentlich ein Heulen, ein Howl, Howl, Howl ist und die Männer mit den Bierbüchsen lachen immer lauter, als wollen sie das Weinen der Frau übertrönen. Die Frauen mit denen ich den Putzwagen aufhob und ich wir nicken uns zu und dann gehen wir zu der Frau herüber. Aber die Frau am Telefon will nichts von uns wissen, will auch nichts hören, stößt uns weg und rennt davon. Sie kehrt nicht zurück, auch nicht als jemand sie knarrend ausrufen lässt: Frau G. an den Würstchenstand. Die lachenden Männer werfen Bierbüchsen in die Richtung. „What a bitch“ schreien sie. Schließlich kommt das Flugzeug doch noch, an der Tür streiten sich ein Mann in einer gelben Weste, der vage etwas mit Sicherheit zu tun haben scheint und ein Mann, der die Bordkarten kontrolliert. Erst schimpfen sie nur miteinander, dann boxen sie sich, einer fällt hin, Tritte dann stürmt der Mann mit der gelben Weste davon.

Im Flugzeug müssen wir noch einmal eine Dreiviertelstunde warten. Es ist still. Eine beunruhigende Stille, eine Stille doppelt und dreifach so laut, wie die schreiende Frau, nur das Knacken der Fingernägel des einen trinkenden Mannes ist zu vernehmen. Dann hebt das Flugzeug ab.

Fahl und müde sieht der Mond auf uns herunter, ein langer Schatten, kalte Arme, so als rauchte er langsam eine Zigarette, als bräuchte er etwas um seine Hände zu beschäftigen während er uns zu sieht, wie wir kippen und brechen, wie unsere Welt keineswegs so stabil und geordnet ist, wie wir es uns einreden hier und dort, so als hätte der Mond etwas über uns gelernt, was wir im Sonnenschein vor uns und auch vor ihm verbergen. Lange sehe ich ihm zu dem Mond und seinem dünnen, fahlen Schatten, der uns folgt, unwillig, bitter und wohl auch von heftiger Traurigkeit erfasst. Über Manchester schließlich, das Flugzeug senkt sich schon nach Dublin herüber, verliere ich den Mond aus dem Auge und 30 Minuten später, trete ich vor dem Flughafen auf die Straße. Im Auto neben dem Tierarzt aber schließe ich die Augen, zuhause fahre ich vorsichtig mit dem Finger über Stuhl, Tisch und Bett, die Standuhr tickt, der Hund reibt seinen Kopf an meinen Beinen und noch einmal sehe ich zum Mond herüber, der sich die kalten Hände vor die Augen legt. Erst zwei Tage später aber kann ich dem Tierarzt von der Nacht erzählen, in der die Welt plötzlich und unverhofft aus den Fugen geriet und auch ich schwankte und schlingerte wie auf feuchten und glatten Bohlen zwischen dem Lachen der Männer und der schreienden, weinenden Frau.

17 thoughts on “Vom Schlingern und Rutschen

  1. Das ist wirklich gruselig!
    Als wenn wahrlich die Welt für einen Moment aus den Fugen geraten ist und nicht mehr ganz das höhnisch-verzerrte Spiegelbild ihrer selbst abdecken kann. Als wenn die Wunden aufgerissen wären an denen die Welt schon so lange rumdoktort und die doch immer wieder nur schmerzendes Narbengewebe wachsen lassen.
    Ein Blick in die Vorhölle, in der es keinen Halt gibt an Schönem und Vertrauten, an dem jeder sich für sich selbst behaupten muss, schreiend, lachend, verwirrt, nur um sich selbst zu vergewissern, auch da zu sein.
    Kein Wunder, dass es zwei Tage dauert um den Schleier des Aushaltens wieder zurückzuzerren, und sanfte Berührungen mit dem, was aus der guten Welt noch da ist, immer da sein wird.

    xx

  2. Oh ja, die kenne ich, diese Risse im Gewebe der Alltagswelt, die den Blick auf grausliche Abgründe freigeben. Die fast ganz gleichen aber eben doch nicht ganz gleichen Parallelwelten, in denen man nicht zuhause ist. Und Flughäfen in der Nacht sind überhaupt ein gutes Trittbrett in Richtung Depression

  3. Oh ja, diese Schieflage der Welt, das aus den Fugen geraten, das geht nicht spurlos an einem vorbei. An manchen Tagen ist es besonders schwer, die guten Dinge nicht aus den Augen zu verlieren. Wann immer Sie schlingern und straucheln, ich hoffe und wünsche, Sie finden Halt.

  4. Es sind Geschichten wie diese, die zeigen: die Zivilisation ist, wie gesagt wird, ein dünner Firnis, – darunter lauert und brodelt die Barbarei.

    Wem dies nicht bewußt ist, nie bewußt wurde, in vermittelten oder selbst erlebten Geschichten, lebt auf noch dünnerem Eis als jene, die es nur allzugut wissen.

    Dennoch bleiben Gottfried Benns Worte über „das Sanfte und das Gute“ – das Wunder des Lebens – ebenso wahr wie gültig:

    „Ich habe Menschen getroffen, die,
    wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
    schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
    auch noch eine Benennung zu haben −
    „Fräulein Christian“ antworteten und dann:
    „wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
    kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ −
    „wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!
    Ich habe Menschen getroffen, die
    mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
    aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
    am Küchenherde lernten,
    hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen
    und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
    die reine Stirn der Engel trugen.

    Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
    woher das Sanfte und das Gute kommt,
    weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.“

    • Sehr wahr, dass die Zivilisation eine dünne Decke ist, die viele Hände und Herzen braucht, damit diese uns alle trägt.

  5. Ich weiss nicht, ob die Welt hier Risse erhält oder ob sich gerade an Flughäfen und Bahnhöfen nicht einfach nur besonders gut zeigt, was auf der glatt polierten Alltagsoberfläche so oft einfach unter den Teppich gekehrt wird.

    Auf alle Fälle kann es erschreckend sein, diesem „Wahnsinn“ so in die Augen zu schauen. Ich hoffe, Sie haben dieses Erlebnis inzwischen verkraftet.

    Liebe Grüsse
    Clara

  6. Sage ich doch, dass to sneer keine gute Übersetzung zulässt. Naja, eigentlich hat es Lakritze gesagt, aber dennoch.
    Schöner Blick in den Abgrund haben Sie uns heute geliefert! Sie wissen ja, der Abgrund schaut zurück? Vielleicht fühlt man sich deswegen so unbehaglich danach. Alkohol und Fingerknacken scheint dagegen zu helfen. Auf Alkohol wäre ich auch gekommen.

  7. Der Lack ist dünn. Ja, Herr Fischer. Der Tex von Gottfried Benn ist sehr schön.
    Wo wohl die Sanften wachsen und warum bleiben sie so, trotz alledem?
    Vielleicht sind se da, die Welt dort zu kitten wo sie Risse bekommt.
    So wie unser Fräulein eine ist. Sehen. Helfen.

    • Beklemmung erfasst mich, ob der Beschreibung solcher Abgründe. Es ist zum Verzweifeln. Die Welt ist zum Verzweifeln. Und trotzdem…

  8. Ja, komisch, manchmal ist es so. Es scheint, die Welt gerät an allen Ecken und Enden aus den Fugen. Und manchmal umgekehrt. Alle sind freundlich, nur Gutes widerfährt einem. Ich frage mich dann, ist es das im Gleichtakt schwingende kollektive Unbewusste. Oder bin ich es selbst, der mittels selektiver Wahrnehmung oder Kraft eigener Wirkung die Welt in die eine oder andere Richtung drängt.

    • Das frage ich mich auch und ich ginge noch lieber in die Berggasse zu Sigmund Freud hinüber und fragte ihn. Vielleicht gibt es wirklich wie Sie sagen ein kollektives Unbewusstsein und zieht in die Tiefe oder schwingt ins Glück.

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