Das rote Kännchen

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Vor vielen Jahren besuchte ich die Mali-Tant im Waldviertel. Dort hat die Mali ein Haus, aber vor allem hat die Mali einen Garten. Aus Budapest mit dem Oldsmobile fuhr ich also in Richtung Österreich- damals bin ich mit dem Oldsmobile noch viel weitere Strecken gefahren. Damals wie heute aber war mein Ortssinn bedenklich schlecht. Zwar hatte ich einen Straßenatlas Europa mit mir und auch die Richtung war mir ungefähr klar, aber wie so oft im Leben scheitert man am Detail und damals hatte ich kein Navigationsgerät und auch kein iphone.

Nach Dörfern mit immer unbekannteren Namen musste ich einsehen, dass ich mich hoffnungslos verfahren hatte. Aber im Leben soll man die Abenteuer nehmen wie sie kommen, ich setzte mich in einem Dorf in einen Heurigen trank eine große Apfelschorle und aß Marillenknödel.
Es gibt weiß G*tt schlechtere Dinge als sich an einem Sommertag auf dem Land zu verfahren. Die Dorfbevölkerung bewunderte das Oldsmobile und das Oldsmobile ließ sich bewundern. Als die Dorfbewohner aber Preise nannten und sehr lautstark ihre Kaufabsicht äußerten, am lautesten bot der Sohn des Bürgermeisters, zahlte ich lieber rasch, denn was kann ein Fräulein schon ausrichten gegen den Sohn vom Herrn Bürgermeister und dessen Wunsch nach einem alten Auto?

Ich fragte also nicht nach dem Weg, sondern verließ das Dorf schunkelte eine Landstraße hinunter bis ins nächste Dorf. Dort hatte es keine Wirtschaft und überhaupt machte das Dorf einen verlassenen Eindruck. Vielleicht hatte der Sohn des Bürgermeisters des anderen Dorfes hier den Gasthof gekauft, nur um ihn zu schließen. Totenstill lag das Dorf in der gleißenden Sohne, überwachsen der Weiher, ein Storchennest auf dem Kirchturm und sonst: Stille.

Zwei Straßen weiter aber entdeckte ich einen Eisenwarenladen. Ich liebe Eisenwarenläden. Dieser Laden war das Paradies. Emailletöpfe, Zuckerperlen in Plastikflaschen, geflochtene Weidenkörbe wie aus dem Habsburgerreich, Schrauben in allerlei Formen, Sensenblätter, eine kaputte Uhr, auf einem Sessel schlief eine Katze. Aber auch der Laden, obwohl doch ein Glöckchen meine Ankunft anzeigte, war still und ich sah niemanden hinter der alten Kasse. „Hallo, Hallo“, rief ich also, aber nicht einmal die Katze zuckte mit den Ohren und ich sah mich vorsichtig um. Auf einem Regalbrett stand eine Reihe von altmodischen Krügerln aus Emaille mit denen man vortrefflich die morgendliche Milch wärmen kann. „Wie schön, es doch wäre so ein Kännchen zu haben, dachte ich mir, stellte mich auf die Zehenspitzen und hangelte nach dem Kännchen. Das Kännchen war rot. Als ich mich umdrehte, stand hinter mir eine winzige, alte Dame. Sie mag nicht größer als 1,40 Meter gewesen sein, ihre Augen waren von einem verschwommenen Blau und mir war, als sei sie mindestens zweihundert Jahre alt. Vielleicht hatte sie einmal mit dem alten Kaiser getanzt oder den alten Rabbi Löw gekannt, in Österreich ist immer alles auch ganz anders möglich.

„Pardon“, sagte ich also, ich würde gern dieses rote Krügerl hier erwerben und zudem tät ich gern wissen, wie ich von hier aus in Richtung Zwettl fahre? Die alte Frau sah mich suchend an. „Den Weg will ich ihnen schon sagen“, sagte sie langsam und mit einer Stimme, die nach Birken, die im Wind singen klang. „Aber vor dem Krügerl würd ich mich in acht nehmen, das ist noch immer zurückgekommen.“
Ich drehte das rote Kännchen in der Hand hin und her. Es schien mir harmlos. Ein Kännchen zum Milch wärmen in der Früh. Die alte Dame wisperte etwas von komplizierten Verhältnissen von einer vornehmen Dame, die erst das Kännchen an die Wand und dann den Ehemann aus dem Haus geworfen habe und von einer Haushälterin, die das Milchkännchen auf dem Herd ließ und dann war es um das Haus geschehen. „Ach“ sagte ich, sehen Sie mich heiratet niemand und vielleicht war ja nicht die Haushälterin schuld, sondern eine durchgebrannte Sicherung.“

Die alte Dame aber keckerte leise und sagte, dass sie schon viele Flüche gesehen habe und dieses Kännchen sei besonders schwer von einem Fluch getroffen.“ Mir aber gefiel das rote Kännchen noch immer und ich kaufte es ihr ab. Ungewöhnlich genau und präzise, schrieb die alte Dame mir auf, wie das Oldsmobile und ich wohl nach Zwettl kämen und wirklich war ich viel näher am Haus und Garten der Mali-Tant als ich gedacht hatte. Dann vergaß ich das Dorf, den Laden und die alte Frau und lag mit der Mali im Gras und aß so viele Brombeeren bis ich eine blaue Zunge hatte.

Das rote Kännchen fiel mir erst später wieder ein und es dauerte noch einen oder zwei Umzüge bis ich das erste Mal Milch wärmte. Das Kännchen wärmt formidabel. Aber zugeben muss ich doch, ganz unrecht hat die alte Dame nicht gehabt. Manchmal und ich schwöre, sind nicht länger als dreißig Sekunden vergangen, da schäumt die Milch wütend über und verzischt in der blauen Flamme. Dann wieder wird die Milch auch nach fünf Minuten nicht wärmer und wieder ein anderes Mal, da zieht die Milch hässliche Blasen und schmeckt bitter oder versalzen. Einfach so. Dann denke ich wieder an die verblichenen Augen der Frau und ihre Geschichte von der Frau und dem heftigen Wurf erst des Krügerls und dann des Mannes und nie ganz vergessen habe ich die Haushälterin und so warte ich immer, dass der Herd wirklich abgestellt ist, wenn ich das Kännchen zu mir herüberziehe. Manchmal steht das Kännchen an einer ganz anderen Stelle im Schrank oder auf einmal fehlt einer Tasse ein Henkel und dann wieder ist über monatelang Ruh, bevor das Kännchen zu schäumen und spucken beginnt.

Noch immer aber habe ich das Kännchen sehr gern. Noch öfter, wenn auch nicht mehr mit dem Oldsmobile bin ich aus Budapest oder Prag kommend ins Waldviertel zur Mali-Tant gefahren, denn ihr Haus und den Garten gibt es ja noch immer. Ich habe es oft versucht, aber das stille Dorf und den Eisenwarenladen habe ich nie wieder gefunden. Vielleicht hat der Sohn des Bürgermeisters eines Tages den Laden oder das ganze Dorf gekauft und die alte Frau liegt auf dem Dorffriedhof vergraben und nur die Störche oben auf dem Schornstein wissen wohl, ob es oder doch ganz anders gekommen ist.

31 thoughts on “Das rote Kännchen

  1. Es war einmal ein rotes Kännchen, das schon viel erlebt hatte, und von dem gesagt wurde, dass es auch recht eigensinnig sei.
    Eines schönen Tages wurde das Kännchen von einem freundlichen Fräulein
    entdeckt, welches voller Entzücken das rote Dinge in die Hand und sogleich
    mit nach Hause nahm. Beide hatten Gefallen aneinander und lebten
    fortan in stiller Trautsamkeit.

  2. Ach, im mystischen Waldviertel ist alles möglich, wenn man da bei einem Heurigen sitzt und g´spritzen Wein oder Apfelsaft trinkt, hört man bizarre Geschichten und die Landschaft tut ein Übriges …… Ein wirklich schmuckes, rotes Häferl ist das, ob es auf „Kännchen“ hört ? Da habe ich meine Zweifel 🙂

    • Überall fallen einem die Geheimnisse entgegen….ich bin nicht sicher, ist Häferl nicht ein zu schwerer Name für ein leichtes, rotes Kännchen?

  3. Ach, Sie und Ihre wunderbaren Geschichten! Was bin ich immer wieder froh, über Ihr Blog gestolpert zu sein.
    Heute haben Sie mich an Budapest erinnert. Es ist schon viele Jahre her, dass ich einmal dort war, aber ich vergesse es nie und habe immer noch Sehnsucht. Wir übernachteten in einem Hotel oberhalb der Stadt und ich weiß noch genau, wie ich früh am Morgen auf den Balkon trat. Es war kühl und weit unten lag lautlos und leicht nebelverhangen die Stadt, die Donau schimmerte im Morgenlicht; ein wunderbarer Anblick und mit Worten nicht zu beschreiben. Danke für’s Erinnern.

  4. Ja, die roten Kännchen. Manche sind auch blau, mit weißen Punkten. Eine Weile ist es ganz still um sie, so als sammelten sie Kraft. Und dann….

    • Warum lesen Sie eigentlich in einem Geschichten-Erzähl-Blog mit wenn Sie Ironie als Mittel, Wunder als Augenzwinkern und Märchenhaftes nicht mögen?

      • Oh, Entschuldigung, ich mag ihre Geschichten sehr , einschließlich Ironie und Augenzwinkern. Mein Kommentar ist offenbar nicht richtig angekommen.

  5. Hach, wenn es Sie und Ihre Worte nicht geben würde, wäre mein Blogleben nach dem DSGVO-Tag um einen noch viel größeren Teil leerer, als es jetzt leider bereits ist.
    Schreiben Sie weiter, Fräulein Dr., schreiben Sie weiter! Von roten Kännchen, den Unwägbarkeiten des Leben & der Liebe, von Bananen, Indien, Irland, dem Prof., dem Kälbchen und – ja – auch von der Frau des Krämers ;).
    Herzlichst,
    Ev

    • Ich will mein Bestes versuchen und ich bin auch sehr traurig darüber, dass so viele Blogs verschwinden und verschwunden sind. Ich hoffe sie kehren bald zurück. Danke- die Frau des Krämers ohne die geht es ja nun wirklich nicht.

  6. Das weiss doch jedes Kind, wenn es Märchen liest (und das sollten alle, nicht nur Kinder), dass man Verwünschungen und Flüche nur mit Liebe und guten Taten überwinden kann. Ist doch logisch. Und ich meine ebenfalls, dass es vermutlich auf den Namen Häferl hört. Ob der Tierarzt das aussprechen kann?

    • Ich werde den Tierarzt natürlich auf die Probe stellen. Dass man Flüche überwinden kann, steht außer Frage, aber das Kännchen scheint mir doch zu leicht für ein Häferl, wäre das nicht viel schwerer und aus irdenen Ton?

      • Duden meint nein, und Google zeigt mehr Ton als Blech. Die Mehrheit zeigt also leichtes Geschirr, meistens aus Ton oder Porcellan, nur manchmal aus emaillierten Blech. Call it quits? Sagen Sie den Tierarzt, wenn er richtig ausspricht, kriegt er eine Füllung Sanddornsaft daraus.

  7. Es gibt auch ein rotes Milchkännchen mit weissen Punkten. Das steht seit über 50 Jahren in der Eifel in einem Küchenschrank. Meine Patentante nimmt es manchmal hervor und erinnert sich daran, wie sie es nach der Hochzeit gekauft hat. Und sich vorgestellt hat, dass sie darin ihrem kleinen Mädchen, das sie sich sehr wünschte, Milch wärmt. Das kleine Mädchen ist nie geboren worden, aber zwei Söhne. Bei allem Schweren, das meine Tante durchmachen musste in ihrem Leben, kann sie heute mit fast 80 Jahren sagen, dass sie ein glückliches Leben hat(te). Und das rote Milchkännchen mit den weissen Punkten erinnert sie an die Zeit als junge Frau mit ihren Wünschen, ihrer Sehnsucht.
    Danke für Ihre Kännchengeschichte!

    • Ach, was für eine schöne und traurige Geschichte. Danke,dass Sie sie mit uns teilen. Es liegt so viel Leben, so viel Sehnsucht in den Dingen.

  8. Wenn sie die Wegbeschreibung noch haben, müsste man die rückwärts ausführen können und so von der Malitant ins Dörfchen kommen.

  9. Danke für die Geschichte. Bei auf schwäbisch heißen diese kleinen Kännchen/Töpfchen Häfele. Das hat eine frisch aus Norddeutschland kommende Kollegin von mir mal kurzfristig zur Verzweiflung gebracht . Die alte demente Dame bei uns im Pflegeheim wollte nämlich gar keinen kleinen Schiffshafen sondern nur ihr Kaffeekännchen.

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