Kurze Notizen

Am Morgen mit den Füßen im Garten stehen.

Tau an den Fußsohlen.

Nur vorsichtig auftreten. Was weiß man schon über die Feen, die morgens im Garten tanzen?

Die alte Freundin Wildtaube schlief noch.

So früh. Immer so früh.

Dem Tag, die Minuten aus der Tasche ziehen.

Manchmal frage ich mich doch, wie lange der Tag sich das noch gefallen lassen wird.

Im See geschwommen.

Auf dem Rücken gelegen und langsam, langsam im Kreis gedreht.

Dann bricht der Tag hinein.

Mit dem Tag kommen die Zweifel, aber das stimmt nicht. Ich habe auch Zweifel in der Nacht. Es sind nur andere Zweifel.

Zum ersten Mal die roten Birkenstock-Sandalen angezogen.

Große Liebe und pinke Zehennägel.

In der S-Bahn stadteinwärts sitzen sieben Männer mit weißen Hemden. Zwei haben die Hemdsärmel aufgekrempelt, einer trägt das Hemd weit offen, seine Freundin krault ihm das Brusthaar. Mein Bärchen sagt sie. Die anderen weißen Hemden sind hochgeschlossen.

Berlin-Mitte ist voller Leihfahrräder. Leihfahrräder sind das Letzte was Berlin-Mitte noch braucht. Die Fahrräder sind gelb und heißen ofo. An der Ampel sitzt eine Frau auf dem Boden. Sie sammelt Geld in einem alten Becher. Ein Mann wirft sein leeres Brotpapier in den Becher. Sie zuckt nicht zusammen.

Eine Frau in einem Erdbeerhäuschen schminkt sich die Lippen nach.

Dunkellila.

Es ist merkwürdig. So viel in Mitte hat lange schon geschlossen, aber der Bubble-Tea Laden ist immer noch da. Eine Schulklasse trinkt dort bunten Tee aus riesigen Plastikbecher. Die Jungen stecken sich die Perlen in die Nase. Die Mädchen kreischen.

Im Bioladen klärt eine Frau ihre Beziehung vor der Stiege mit Süßkartoffeln. Sie sagt: „Verkauf mich nicht für dumm!“ Sie würgt eine Kartoffel und gleich darauf packt sie den Lauch und schreit: „Das mit deiner Mutter werde ich dir nie verzeihen.“ Man kann den Lauch weinen hören. Ich gehe ohne Süßkartoffeln aus dem Bioladen.

Auf einer Bank gesessen.

Einen Apfel gegessen. Apfelschorle getrunken.

Ich bin jetzt Verkaufsberaterin sagt eine Frau zu ihrer Freundin.

„Wo?“, fragt die Freundin.

„Bei Primark“, sagt sie.

Ihre Freundin schnaubt. „Da kaufen doch nur Assis ein.“

Alle Frauen in Berlin-Mitte sind so schön.

Ich seufze und nehme meine Tasche.

Mein Vater ruft an. Er hat den Kashmirpullover der lieben C. zu heiß gewaschen. Verzweiflung. Er übt Gesprächsanfänge: „Oh Du Tausendschöne, kein Pullover reicht an Deine Augen.“

Lieber nicht, sage ich.

„Sagst du es ihr?“

„Ja“, sage ich.

„Süße, mein Vater hat deinen Kashmirpullover zu heiß gewaschen.“

Die liebe C. lacht.

„Ich weiß, dein Vater ist wie ein zahnschmerzgeplagter Bär umher geschlichen.“

Niemand lacht so wie die liebe C.

Ein Lachen für die Dunkelheit.

In der S-Bahn weiter in David Sedaris Tagebüchern gelesen. Auf der Rückseite, loben die Kritiker den Humor und die Ironie.

Im Buch wird auf jeder zweiten Seite, eine Frau erschlagen, bedroht, vergewaltigt, gedemütigt, bestohlen. Nicht von Sedaris selbst, sondern in dem Leben, dessen Teil er ist. Schwer ist es das zu lesen. Eine gewaltige Welle aus Tätlichkeiten, Seite für Seite. Bedrückend und bleischwer fällt das Buch zurück in die Tasche.

Ein Mann starrt mich an, als ich ihn bitte seinen Rucksack vom Sitz zu nehmen, damit ich sitzen kann. Er seufzt über mein Anliegen, als müsse er einen Stein einen Berg hinaufwälzen. Eine ältere Dame sagt zu mir: Dass Sie sich das trauen!

So habe ich das noch nie gesehen.

Endlich zurück im Wald.

Erdbeeren kaufen, aber nicht aus einem Erdbeerhäuschen. Das Wort schon ist mir unbehaglich. Die Verniedlichung von Landwirtschaft ist mir immer seltsam gewesen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Garten auch Erdbeeren ziehe. Ob für mich oder die Schnecken ist weiter fraglich.

Barfuß über die Dielen.

Eine Dreiviertelstunde Klavier.

Mehr Arbeit.

Wasser der alten Freundin Wildtaube gereicht.

Das Fenster weit aufgemacht, um der Geigenschülerin der Nachbarin zuzuhören.

César Franck.

Zwei Postkarten geschrieben.

Einen Vortrag gelesen.

Ein Fenster geputzt.

Auf dem Fensterbrett sitzt die Müdigkeit und schaukelt mit den Beinen.

Ein Fuchs auf der Straße.

Eine durchgebrannte Glühbirne.

Auf meinem Zeigefinger: ein Marienkäfer.

18 thoughts on “Kurze Notizen

  1. Eine Dreiviertelstunde (dreiviertel Stunde?) Klavier. Das ist schön. Schön wie zwei Gedichte von Rilke lesen. Oder eins von Heine. Oder den Anfang von Beethovens Violinkonzert zu summen. Ah, das Leben leben, was für ein Abenteuer! Was für ein Genuss! Was für eine Gnade! Shalom und gute Nacht.

  2. Dem Tag die Minuten aus der Tasche stehlen und Erdbeeren für die Schnecken ziehen…das kommt mir sehr bekannt vor…was für schöne Notizen!

      • Oh ja, das ist in Ordnung, letztes Jahr hat dafür nicht eine Schnecke den Weg in den Garten gefunden. Dieses Jahr scheint ein Schneckenjahr zu sein. Nur dem Erbsenwickler würde ich gerne zuvor kommen, denn der kommt zuverlässig jedes Jahr vorbei…

  3. Irgendwo las ich einmal, dass Schnecken keinen Lavendel mögen. Vielleicht hilft es, rings ums Erdbeerbeet welchen zu pflanzen – die Schnecken finden bestimmt auch noch etwas anderes zu futtern.

      • Gern geschehen. Falls in Ihrem Garten auch schöner Rittersporn wächst – den mögen die Schnecken leider auch sehr. Rosmarin, Thymian und Borretsch wiederum können sie nicht so leiden. Den hübschen Phlox mögen sie auch nicht so gern, dito Tomaten.

  4. *Kurze Notizen*, die es in sich haben.

    Das Primark-Gespräch der Freundinnen zeigt etwas von
    der ‚kognitiven Dissonanz‘, in der wir uns alle mehr oder
    weniger bewegen.

  5. Ich mag Ihre Alltagsbetrachtungen sehr.
    Sedaris habe ich gern gemocht, nachdem ich zuerst „Nackt“ und dann noch einiges mehr von ihm gelesen hatte. Vielleicht belasse ich es aber doch dabei. Leichte Kost waren seine Schilderungen des alltäglichen Wahnsinns ja nur an der Oberfläche und nachdem was Sie schreiben kann ich mir gut vorstellen, dass seine Tagebücher auch nicht so leicht zu verdauen sind.

    • Liebe readonmydear, Kurze Notizen; Sie beobachten sehr genau, was um Sie herum geschieht. Es kommt mir wie Zen vor. Beobachten und loslassen, ohne zu werten…aber etwas macht mich traurig, durstig…hat aber nur mit mir zu tun.

      • Die Welt ist ein trauriger, kurioser, ein schöner, ein seltsamer Ort und wir nur kurze. flüchtige Besucher und vielleicht schreibe ich deswegen manchmal etwas auf, um mich zu erinnern.

  6. Liebe readonmydear, Kurze Notizen; Sie beobachten sehr genau, was um Sie herum geschieht. Es kommt mir wie Zen vor. Beobachten und loslassen, ohne zu werten…

  7. Liebe readonmydear, Kurze Notizen; Sie beobachten sehr genau, was um Sie herum geschieht. Es kommt mir wie Zen vor. Beobachten und loslassen, ohne zu werten…aber etwas macht mich traurig, durstig…hat aber nur mit mir zu tun.

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