Windschatten

Der Tierarzt besucht seine Vergangenheit und L. sagt: „Komm wir sind am See.“ Ich komme spät, Freitag Nacht, eine Handvoll Schlaf, zu mehr reicht es nicht. Am Morgen mit dem Oldsmobile zu Herrn Yilmaz. Vier Kilo Orangen, eine Tüte voll Mispeln, Erdbeeren, Schafskäse, Ziegenkäse, warme Sesamkringel. Herr Yilmaz sagt: „Fräulein Read On, Sie sind ja noch eiliger als sonst. „Weintrauben“, sage ich brauche ich noch. Herr Yilmaz nickt: „Fräulein Read On, was machen wir nur mit Ihnen?“ Ich zucke mit den Schultern und Herr Yilmaz poliert einen Apfel an seiner Schürze. Ich winke und bevor ich wieder ins Oldsmobile steige, kaufe ich einen Arm voller Pfingstrosen. Die Ampel ist rot. Das Restaurant Dubrovnik hat während der Bauarbeiten geöffnet, lese ich. Dann durch die Stadt auf den Friedhof. Zwei irische Steine, ein Großmuttergrab.

Lange stehe ich dort und dann fahre ich weiter. Autobahn. Ein Polizeiauto, dann Stau. Motor aus. Ein Buch in der Tasche. Links eine Baustelle. Geröll und ein hellblaues Dixieklo. Patrick Melrose nimmt Drogen in New York. Ich rufe die L. an: „Mach langsam“, sagt sie. Aber wir stehen ohnehin. Der Verkehrsfunk sagt: „Das dauert länger.“ Neben mir legt ein LKW-Fahrer den Kopf auf das Lenkrad. Vor mir steht ein Wohnmobil. Der Mann und die Frau klappen Campingstühle auf, sitzen am Rand, sie pellt Eier, er beißt in eine Stulle. Sie hält das Gesicht in die Sonne. Die Eierschalen werfen sie an den Straßenrand. Ein Mann steigt aus dem Auto aus und zieht an seiner Krawatte. Er schreit in sein Telefon. „Ich nehm noch Käffchen“, ruft die Frau. Der Mann verschwindet im Wohnmobil. Der Mann mit dem Telefon, blafft das Ehepaar an: „Wie blöd kann man sein mitten auf der Autobahn.“ Der Mann aber mit der Butterstulle in der Hand sagt: „Hier bewegt sich nüscht, junger Mann.“ Der Mann reißt sich die Krawatte herunter und dreht sich um. Der Mann mit der Stulle hebt den Daumen. Eine Stunde später geht es weiter. Autobahn der Freiheit steht auf einem Schild. Kiefernwälder, ich nehme die Landstraße. Vor vielen Jahren, da fuhr meine Großmutter noch im Oldsmbile mit. „Komm, sagte sie, Kind ich zeige Dir Deutschland.“ Wir hatten Fontane im Rucksack. Kremmen steht auf einem Schild, ich biege links ab.

Einmal lagen wir auf einer Wiese, märkischer Sand, ich hatte eine Schwäche für Innstetten, aber sie habe ich geliebt. Ich halte nicht an am Schild. Ich wandere schon lange nicht mehr mit Fontane unter weißem Sand entlang. Aber ich sehe sie und mich noch immer dort liegen, mein Kopf auf ihrem Arm. Ihre Hände waren immer kühl. Meine Großmutter war ein Gebirgsbach.

„Tust du mir eine Liebe?“, fragt die L. „Immer“, sage ich. Die L. hat Butter vergessen. Der Supermarkt heißt Norma. Kerrygold heißt die Butter. Ein Mann schreit eine Frau an: „Scheiß Wessis- kaufen uns das ganze Grillfleisch weg.“ Die Frau starrt den Mann an und eilt zur Kasse. Auf dem Parkplatz fotografieren Touristen das Oldsmobile. Ein Mann erklärt mir etwas über ein Oldtimer-Museum, wo er einmal war und dann sagt er plötzlich und unvermittelt: „Seit zehn Jahren hatte ich keinen Sex mehr.“ Erst dann sehe ich das Bier in seiner Hand und die Pfeffi-Flaschen in der Jackentasche. „Alles Gute“, sage ich. Der Mann nickt. 1990er Party mit DJ Katze steht auf einem Schild. Ich fahre weiter. Die Straßen werden schmaler, Einfamilienhäuser neben Plattenbauten. Die, die es geschafft haben, sehen auf die, die zurückblieben. Die Grenze verläuft nicht zwischen West und Ost, sie verläuft zwischen Poetenweg und der Straße des Friedens. „Drauf geschissen“, neue Sonderausstellung steht auf einem Plakat und eine Burg ist auf dem Plakat abgebildet.

Noch fünf Kilometer bis Neu-Boston, ich fahre weiter. Links blühen die Akazien. Weiße Tränen als Blüten. Militärisches Übungsgelände steht auf dem Schild. Eine merkwürdige Vorstellung, dass den Soldaten Blüten in die Augen fallen, während sie durch den Sand rennen oder ein Panzer zerdrückt die Blüten. Die Bundeswehr übt im Kiefernwald. Eine Akazienarmee. Meine Großmutter hätte gelacht. „So, so, Kind“ und ich weiß noch wie ich vor den Fontanewanderungen, viele Jahre früher, als wir durch Deutschland fuhren und ich die Bäume zählte, sie immer fragen wollte, warum sie als man sie holte, sie sich nicht in dem dichten deutschen Wald versteckte. Aber ich habe die Frage heruntergeschluckt bis ganz zuletzt.

An der Ampel links abbiegen, hat die L. mir aufgeschrieben, fast hätte ich es verpasst. Das Oldsmobile aber, der treue Freund aber seufzt nur ein kleines bisschen. Das Tor ist offen. Schloss Hubertushöhe. Einmal ging hier der Kaiser jagen. In der DDR Lehranstalt für Binnenfischerei. Für ein paar Jahre Hotel. heute ist es leer. Die L. und der O. haben hier eine Ferienwohnung. Ich stelle das Oldsmbile in den Schatten. Die L. läuft mir entgegen. „Halt mich fest, bitte halt mich fest“, denke ich. Ich sage: „Schön Dich zu sehen“, sage ich. Die Einkäufe nach oben.

Mit bloßen Füßen auf den Steg. Schon immer Wasser. Kalt ist das Wasser. „Halt mich fest“, denke ich, „halt mich fest.“ Eine Kanufahrerin erschrickt sich vor mir im Wasser. „Nein“, sage ich, kein Krokodil. Auf dem Steg sitzen schließlich, Wassertropfen auf dem Rücken, in den Haaren, blaue Lippen. Am See werden Forellen geräuchert. Kaffee und Kuchen macht 4, 50 Euro. Die L. legt mir das Handtuch über den Rücken, die Sonne legt ihre Arme um mich. Von rechts dann ein Segelboot. Flatterndes Segeltuch, von fern schon winkt der F. Die Arca, das Boot meiner Mutter ist schon im Süden. Bald geht auf der F. auf große Fahrt. Heute legt er an. Why not, heißt sein Boot. „Why not, sage ich“, als er anlegt und mir die Hand hinhält. Der Wind steht gut.

7 thoughts on “Windschatten

  1. Danke für diese wunderbare Erzählperle zum ausklingenden Pfingsten.

    Herrlich, wie es Ihnen gelingt, in einem Atemzug den Oldtimer-Liebhaber und dessen so unvermittelt erscheinende Äußerung über seine jahrelange Sexabstinenz ins Bild zu setzen.

    „Der Wind steht gut“ klingt beruhigend. Erscheint mir sehr passend zum Fest der Geistsendung, da der
    Hl. Geist bekanntlich weht wo und wie er will.

  2. Ihr Text ist so schön wie melancholisch. Lassen Sie sich wärmen, von der Sonne, von Ihren Freunden, von den Erinnerungen; Hauptsache Wärme.

  3. Das erinnert mich wunderbar an vergangene Ausflüge ins Berliner Umland, warmer Sand, Sonne, die Kühle des Seewassers auf der Haut nach dem Schwimmen, Sonnenbrille, die Natur unterhält sich, ein leiser Wind im Schilf.
    Als wär ich dabei.
    Schön!

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