Eine Welt ohne Winter-Emil Nolde in der National Gallery of Ireland, Dublin.

Schon lange dachte ich, dass wir doch die Nolde Ausstellung sehen müssten, wo ich es doch noch niemals nach Seebüll geschafft habe und die National Gallery doch nur einen Steinwurf von der Universität entfernt liegt. Aber irgendetwas war immer und vor allem war keine Zeit für Emil Nolde. Aber heute, endlich dann, stehen wir doch in der Ausstellung über den deutschen Dänen, den Protestanten, den Viel- und Weltreisenden, den Antisemiten und Nationalsozialisten, dem die Nazis schließlich verboten, Farbe zu kaufen, dem Liebhaber, Maler, dem Künstler, der Friese war und in allem wohl vor allem Farbe sah.

Fast allein sind wir in den Räumen, denn draußen scheint die Sonne und die Touristen und Dubliner wollen lieber in der Sonne sitzen und nicht nur die gemalte Sonne sehen. Aber lange fehlt uns die Sonne nicht. Denn die Bilder, die Emil Nolde malt, sind alle hell. Es ist eine Welt ohne Winter. Noch seine finstersten Bilder, die Soldaten mit der dunkelblauen Uniform haben goldene Knöpfe und hinter ihnen ist eine gelbe Wand, ein Kornfeld vielleicht geht auch die Sonne unter. Gestorben wird auch im Sommer. 1911 ist das Bild gemalt und bald schon die fielen die Soldaten kopfüber in den Tod hinein. Aber seine Bilder sind das Licht. Emil Nolde malt das Meer gelb. Das Dampfschiff, das er auch malt sieht man kaum in den Wellen, die grün, blau, grau, aber vor allem gelb sind. Man steht vor dem Bild und man fragt sich, wie man so lange nicht wissen konnte, dass das Meer gelb ist. Emil Nolde zeigt es einem.

An einer blauen Wand hängt eine Serie von Bildern, Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden. Sie heißt Winter  Berlin 1910/11.( Ich weiß ausgerechnet in der BZ. Hilft nüscht.) Was man sieht: Frauen mit Seidenkleidern, Sommerhüten, Spitzenschleiern, Frauen ohne Hoffnung, Frauen mit der Hoffnung auf eine Nacht, Männer mit Absichten, Männer in leichten Hemden, Männer mit Jacketts für den Sommer, Männer, die rauchen und Männer, die ihre Hände gleich, wenn wir nur wegsehen, zwischen die Brüste, die Beine, die Haare der Frauen schieben. Auf den Bildern ist Sommer, niemand friert, keine Regenschirme tropfen, keine schweren Stiefel behindern den Tänzer, die Frauen haben keine frostroten Hände. Emil Nolde malt eine Welt ohne Winter. Würde man bei einem Maler aus Friesland nicht graue, braune, schwarze Felcken erwarten? Aber so ist das mit Emil Nolde, man kann sich nicht sicher sein mit ihm. Einem Mann fehlt Haar auf dem Kopf und Nolde malt ihm lila Haar. Man sieht den Mann nur von hinten, aber man weiß sofort, dieser Mann muss lila Haar haben.

Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges fährt Nolde in die Südsee. Die Deutschen nennen Guinea, Kaiser-Wilhelmsland und Nolde malt die typischen Bilder jener Jahre, wie alle sie malten, vor allem Paul Gauguin. Er sucht das Originäre, die Wurzel der Welt und ist überrascht, dass überall auf der Welt Menschen Zahnschmerzen und Liebeskummer haben. Vielleicht ist das die ewige deutsche Überraschung, die Erkenntnis, dass andere auch Durst haben und sich ein Glas Wasser nehmen ohne zu fragen. So kommen einem die Bilder vor, das macht sie so uneindrücklich, denn die Enttäuschung darüber, dass es kein Paradies gibt, die ist doch so alt wie die Welt selbst und keine deutsche Erfindung. Ein einziges Bild unterscheidet sich von den enttäuschten Südesseträumen, da malt Emil Nolde einen Jungen oder ein Mädchen, dass in den Wellen schwimmt, schwerelos und so frei wie man als Mensch wohl selten ist.

Es ist schade, dass die Ausstellung die vieles richtig macht, die so hell ist, die so erhellend ist, um die simple Tatsache herumschleicht, das Nolde eben nicht nur Mitglied der NSDAP, mit dummem Geschwafel über Max Liebermann, Paul Cassirer und den Juden an sich auffiel und den Nazis auch dann noch hinter herrannte als sie seine Bilder in den Giftschrank sperrten und von ihm genug hatten, die beständige Mystifizierung aber in der man immer andeutet, er sei tief in seinem Herzen doch ein anständiger Jung‘ aus dem Norden gewesen, ist nicht nur falsch, sondern hat eher gegenteiligen Effekt. In Wirklichkeit hing Nolde wie viele Männer und Frauen, die in Hitler den Erlöser sahen, Ideen an die sich als mörderisches Programm erwiesen und als der Zug dann einmal losgefahren war, da hielt man sich eben fest, so fest man konnte und auch Emil Nolde fuhr mit und staunte darüber, dass Adolf Hitler kein großer Ästhet war und ärgerte sich darüber, dass ein Porträt eines SA-Mannes dann doch nicht zu Stande kam. Ein Glück möchte man sagen, denn die ungemalten Bilder , kleine Aquarellminiaturen, die von fern an Andersen Märchen erinnern, sind wirklich Kleindode und von so zarter Hand gemalt, die durch alle Zeiten tragen.

Ein außergewöhnlicher Mensch ist Emil Nolde nicht gewesen, nur seine Bilder sind von außergewöhnlicher Lichtheit, von strahlender Transzendenz und aufgehobener Möglichkeit. Kein Wunder, dass uns als wir wieder auf die Straße treten die Sonne viel blasser und müder scheint, als noch vor zwei Stunden.

Emil Nolde, Colour is Life, National Gallery of Ireland, Dublin. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 10. Juni 2018. Eintritt 15 Euro, ermäßigt 10 Euro.

 

41 thoughts on “Eine Welt ohne Winter-Emil Nolde in der National Gallery of Ireland, Dublin.

  1. Ich las deinen Beitrag mit großem Interesse und gemischten Gefühlen. Die Beschreibung von Noldes Bildwelt – insbesondere die mit dem gelben Meer – finde ich sehr gelungen. Andere Textstellen fordern Einwände heraus. Nehmen wir den zentralen Vorwurf, Nolde sei Nazi und Antisemit gewesen und geblieben, obgleich er seit 1938 nicht mehr ausstellen durfte und seit 1939 Malverbot hatte, und obgleich sein Werkkomplex zum Christusleben das Zentrum der „Entarteten Kunst“ in Berlin bildete, über 1000 Bilder beschlagnahmt und viele zerstört wurden. Malt ein glühender Nazi Jesus, die Apostel, Maria wie Juden? oder doch eher, wenn überhaupt, als helle blonde Geschöpfe? ja, malt ein Nazi ü b e r h au p t solch inbrünstig frommen Bilder wie „Jesus und die Kinder“?
    Der Vorwurf des Antisemitismus wird ihm vor allem gemacht wegen seiner feindseligen Äußerungen gegen Liebermann und Cassirer – aus dem Jahre 1910! Meines Erachtens ging es dabei um eine künstlerische Auseinandersetzung: der expressionistische Künstler der Brücke, deren Mitglied Nolde war, gegen den Statthalter des (verspäteten) Impressionismus in Deutschland Liebermann. Der großbürgerliche maßvolle Liebermann konnte den wilden wüsten Expressionismus nicht leiden und verhinderte zusammen mit dem großmächtigen Cassirer nach Kräften, dass er Erfolg hatte. Beide – Nolde und Liebermann – erlitten in Nazi-Deutschland dasselbe Schicksal: sie wurden verfemt (der eine wegen seiner Kunst, der andere wegen seines Judentums).
    Nolde wollte eine „deutsche Kunst“ – und tatsächlich ist der Expressionismus „deutsch“. Nirgendwo sonst hat er sich so entwickeln können. Ist er deshalb antisemitisch?

    Nebenbei: Grad kürzlich las ich einen Ausspruch von Baselitz (einem Hauptvertreter der „Wilden“, dh des neuen Expressionismus), deutsche Kunst sei hässlich, seit Dürer schon, und mithin sei er selbst ein wirklich deutscher Künstler.

    Ich habe auch Einwände gegen die Charakterisierung seiner Südsee-Bilder. Wunderbar seine Skizzen von Menschen. Zur in Neu-Guinea vorgefundenen Situation sagt er in seinen Erinnerungen: „Wenn von den farbigen Eingeborenen aus, eine Kolonialgeschichte einmal geschrieben wird, dann dürfen wir weißen Europäer uns verschämt in Höhlen verkriechen.“

    Auch stimmt es nicht, dass Nolde kein außergewöhnlicher Mensch war. Sicher war er kein außergewöhnlich guter oder kluger oder gebildeter oder angenehmer Mensch, er kam aus sehr engen „kleinen“ Verhältnissen, hatte keine gute Ausbildung, kämpfte sich mühsam durch. Außergewöhnlich war er aber doch.

    Mögen seine Bilder nun einmal für sich wirken, ohne all die kritischen Blicke auf sein Leben. Wer wirft den ersten Stein?

      • Ich bin immer wieder überrascht wie sehr Emil Nolde stärkste Emotionen und Verteidigungshaltungen provoziert, wie man hier sehen kann. Danke für den Hinweis zum Zeit-Artikel.

      • Jetzt möchte ich mich für den link herzlich bedanken und das, was ich oben geschrieben habe, weitestgehend revidieren. Ich kannte all diese Zitate nicht, die einen mehr als unangenehmen Charakter offenbaren, bin offenbar in meiner Noldekenntnis in den späten 50er – frühen 60er Jahren stehengeblieben, als ich den Maler für mich entdeckte (vor allem den biblischen Zyklus und die Tänzerinnen). Nolde und den deutschen Expressionismus zu entdecken, war damals gar nicht so einfach – wenn man, wie ich, in der äußersten Provinz Holsteins lebte, wo es nicht mal eine richtige Buchhandlung, geschweige denn eine politische oder künstlerische Diskussion gab. Er war keinesfalls mainstream, höchstens die Blumenbilder und Landschaften fanden Anklang, die wichtigen Personendarstellungen hingegen galten weiterhin als entartet (auch wenn man das Wort vermied).
        Also, danke schön für die Aufklärung und Diskussion hier.

      • Es gehört zu den großen Vorzügen dieses Blogs und das ist allein Ihnen die Sie hier diskutieren zu verdanken, dass man sich zuhört, offen ist für Austausch, bereit its alte Standpunkte zu verlassen und ein Gespräch beginnt. Für diese Bereitschaft und den Willen dazu, kann ich mir nur immer wieder bei Ihnen allen hier bedanken.

    • Liebe gkazakou,
      Emil Nolde hat an seiner Entnazifizierung fleißig gearbeitet und man hat ihm so bereitwillig wie unhinterfragt geglaubt. Dabei kam ihm sozusagen zugute, daß seine Arbeiten 1937 als „Entartete Kunst“ gewertet wurden.

      Erst in den letzten Jahren wurde sein Nachlass aufgearbeitet. Es stimmt nicht, daß Nolde ab 1939 Malverbot hatte, er hatte Ausstellungsverbot. Umgeachtet dessen arbeitete und verkaufte er noch in den 1940ern. Noldes antisemitische Äußerungen gegen Liebermann und Cassirer endeten nicht 1910, er kam darauf 1938 zurück, als er seine Form des Expressionismus als urdeutsche Kunst verkaufen wollte und Liebermann noch 3 Jahre nach dessen Tod als Beispiel für den „jüdischen Weltbeherrschungstrieb“ anführte und „den Bekämpfer alles künstlerische Deutschen“ nannte. … Seinen Künstlerkollegen Max Pechstein wollte er als „Juden“ denunzieren; 1934 trat er der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig bei, die zur Nationalsozialistischen Arbeiterpartei in Nordschleswig (NSDAP-N) zusammengeführt wurde. Über Hitler schrieb er: „Der Führer ist groß u. edel in seinen Bestrebungen u. ein genialer Tatenmensch.“

      Vielleicht interessiert Sie ein Artikel über die Nolde-Ausstellung im Städel-Museum 2014, in der etliche Bilder gezeigt wurden, die während des angeblichen Malverbotes entstanden.

      Warum sich inbrünstige Frömmigkeit und Nazismus/Antisemitismus ausschließen sollten, wird mir auch nicht klar. Es wirkt bis heute auf so manchen braven Christen provokant, daß Jesus Jude war und eine zunächst jüdische Sekte gründete, viele Jahrhunderte des christlichen Antijudaismus wirken nach.

      Liebe Mlle Read On,
      leider kann ich nicht mit konkreten Bildtiteln dienen, aber ich erinnere mehrere Berlinbilder von Nolde (in der Ausstellung ‚Ich und die Stadt‘ im Gropiusbau Ende der 80er), auf denen es ausgesprochen kalt, dunkel, nächtlich, unwirtlich zugeht – weiß ich deswegen noch, weil ich so überrascht war, daß der Nolde auch anders kann als Blumen und Meer.

      • Vielen Dank, liebe Dame von Welt, dass Sie sich die große Mühe gemacht haben hier Konkretes und die Diskussion erhellendes zusammenzutragen. Das sind alles sehr lesenswerte Hinweise.

        Spannend, da haben wir wirklich beide einen ganz anderen Nolde angetroffen!

  2. Auf Emil Nolde bin ich zur Zufall gestoßen – ich kam vor Jahren mal am Emil-Nolde-Museum in Berlin unweit des Auswärtigen Amts vorbei – und erinnere much an sehr schöne Bilder, die er in der Schweiz gemalt hat als er dort als Grafiklehrer arbeitete. Das Museum ist anscheinend 2013 geschlossen worden. Die Bilder haben mich sehr beeindruckt, mit seiner Biographie muss ich mich eingehender befassen, wie ich jetzt merke. Vielen Dank für den Anstoß. 🙂

  3. Nein, my Dear,
    Nolde war kein Nazi und kein Antisemit, das stimmt nicht, geistert aber immer in den Feuilletons umher. Er war ein stockkonservativer Christ.
    Nolde heiratete in zweiter Ehe in die Familie von Frau Hauptschulblues ein.
    Er war zutiefst enttäuscht über das Malverbot, hatte er doch nichts gegen die Nationalsozialisten, wie Abermillionen Deutscher.
    Hauptschulblues ist mitnichten ein Antisemit, wenngleich er doch die Politik Israels auf Schärfste kritisiert.

    • Nun ja, vielleicht lesen Sie mal was Herrn Nolde so über Max Liebermann einfiel und es gibt nun wirklich genug valide Forschung, die doch weit über die proklamierte Unschuld und die tiefe Traurigkeit,die Sie hier konstatieren hinausgeht. Ich finde es weiterhin doch sehr eigentümlich wie Sie hier betonen Sie seien kein Antisemit-als hätte ich das je behauptet- und Ihre politischen Ansichten zu Israel haben mit meinem Ausstellungsbesuch nun eigentlich sehr wenig zu tun.

      • Calm down, calm down, so war es nicht gemeint, wie es jetzt interpretiert wird.
        Die Auslassungen zu Liebermann (dessen Nachfahren H. einmal begegnet ist) und auch Cassirer sind abzulehnen, sind aber sehr früh gewesen und hatten Konkurrenz unter Malern als Hintergrund.
        Nolde hatte in der Tat Malverbot, nicht nur Ausstellungsverbot. In dieser Zeit sind die Verbotenen Bilder entstanden. Er hatte dann auch Probleme, Farben und Leinwand zu bekommen.
        Der letzte Satz (Antisemit) sollte als Beispiel dafür dienen, dass Nolde kein Antisemit war, wenngleich er sich mit Juden „angelegt“ hat.

      • Wie gesagt, ich teile Ihren Standpunkt in dieser Hinsicht nicht, sondern sehe seine Rolle kritischer, ohne seine Malerei zu verdammen, nur muss ich das ja jetzt nicht wie ein Spruchband wiederholen. Man ist sich ja ohnehin nur selten einig. Warum sollte das hier anders sein?

    • @ Hauptstadtblues

      Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Wie auch immer geartete Verwandtschaftsverhältnisse und christlicher Konservatismus sind für Sie so eine Art Schutzschild vor Rassismen und antisemitischer Hetze?

      Weil durch Nolde selbst nach 1945 und weiterhin nach seinem Tod auch durch die Nolde Stiftung antisemtische Hetze aus seinen Büchern einfach rausgestrichen wurde, gilt das als nie passiert? Warum? Warum kann nicht anerkannt werden, was gängiger Forschungsstand ist? Müssen wir das Rad neu erfinden, damit Dinge erträglicher werden?

      Das ist so als säße ein Kleinkind mitten in einem Raum unter eine große Decke und würde annehmen, niemand sieht es. Irgendwann ist aber die Fähigkeit entwickelt, Dinge außerhalb der eigenen Wahrnehmungsfeldes als existent zu begreifen. Eigentlich.

  4. Ich reibe mich schon lange an der Vita Emil Noldes. Wie kann Einer so genial malen und gleichzeitig so schändlich handeln/denken?!
    Mindest- Fazit: Die Welt ist halt mal nicht schwarz/weiß. Wenn ich lerne, Gegensätze auszuhalten, bringt mich das weiter. Verstehen muss ich das nicht. Aber ich muss „STOP“ rufen, wenn jemand gegen die Grundsätze der Menschlichkeit agiert. Und für mich und mein Seelenheil muss ich für die Kunst einstehen, die mich berührt. Und die Kunst, die das nicht kann, muss ich gelten lassen. Das verlange ich von mir selbst und von allen Leuten, die mir lieb sind und mit denen ich mich umgebe.

  5. Sich darüber zu wundern, dass jemand schäbig ist und dennoch gut malen (schreiben / kochen / musizieren / Raketen bauen…) kann kommt mir vor, wie wenn man sich wundern würde, dass jemand ein herzensguter Mensch ist und dennoch nicht malen (schreiben / kochen / musizieren / Raketen bauen…) kann.

      • Nun, angesichts der Bilder kann ich nur schlussfolgern, dass entweder Expressionismus doch „malen“ ist, oder dass die Annahme mit der expressionistischen Geisteshaltung irrig ist.
        Oder Nolde war schizophren und wurde beim malen (und nur dann) ein anderer Mensch. Halte ich für extrem unwahrscheinlich.

    • @Ferrer: Das Wort “schäbig“ finde ich sehr treffend als Charakterisierung.

      Ob Nolde Nazi oder Antisemit war oder beides kann doch keine wirkliche Frage mehr sein. Er ist freiwillig in die Partei eingetreten: ergo Nazi! Und spätestens mit der versuchten Verleumdung Pechsteins als Jude wird deutlich, wie genau und zustimmend er mit der Ideologie der Nazis vertraut war und diese skrupellos zu nutzen versuchte: ergo Antisemit. Das sind Fakten.

      Etwa 15 Jahre mag es her sein, dass mein Mann und ich Seebüll besuchten – eine überwältigende Pracht!
      Damals war nur die durch Weglassung geschönte Biographie zu lesen, kein kritisches Wort war zu finden. Und wenn wir das wissen konnten…..

      • Danke für Ihren Kommentar. Es ist sehr schade, dass die Heldenverehrung und das malerische Genius vor allem wohl in Seebüll kritische Auseinandersetzung verhindern, dabei gewönne Nolde und sein Werk dadurch. Wie Sie sagen Fakten sind eben auch erst einmal anzuerkennen.

  6. Liebe readonmydear, danke für die wunderbare und differenzierte Beschreibung der Nolde Bilder. Ich habe die Bilder auch in meiner Jugend “ entdeckt“ und als besonders empfunden. Ich habe mich seit bestimmt 25 Jahren nicht mehr damit befasst, bin irgendwie auf dem gleichen Wissensstand wie Hauptschulblues und bin jetzt richtig schockiert, wie es wirklich war. Danke für den Zeitlink. Scheinbar wurde wirklich bis vor einigen Jahren ein völlig anderes Bild über Nolde vermittelt. Wie geht man mit so etwas um? Tolle Kunst oder Musik und der Mensch, der so etwas erschaffen hat? Richard Wagner z. B. hat grandiose Musik komponiert, aber war ja auch ganz krass Antisemit. Schwierig, damit umzugehen mit diesem Wissen. Wichtig: Nichts unter den Tisch zu kehren.

    • Ich glaube man kann die Kunst bewundern und genießen und trotzdem um die dunklen Seiten wissen. Mir ist das Verschwiegen und Überdecken immer unangenehmer gewesen als offene Auseinandersetzung.

  7. Eigenartig, dass die Kuratoren der Ausstellung in der National Gallery um diese Tatsache herumgeschlichen sind, ich frage mich, wieso? Kirsten Jünglings Biografie Die Farben sind meine Noten erschien doch bereits 2013, das Städel machte es, passend zur großen Nolde-Retrospektive 2014, zum Buchtipps des Monats. Im Städel-Katalog konnte man auch genügend Belege seiner rechten Gesinnung nachlesen, den Katalog gab es auch auf Englisch – kannten die Ausstellungsmacher in Irland den etwa nicht?

    In der Berliner Dependence der Stiftung Seebüll sah ich 2007 eine Ausstellung seiner Aquarelle, dort wurde damals noch Noldes Verhältnis zum Nationalsozialismus schön gefärbt.

    • So weit ich das übersehe, ist die Ausstellung in enger Kooperation mit Seebüll entstanden und da scheint mir gibt es weiterhin nur sehr zurückhaltende Versuche sich möglichst offen mit Nolde und seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

      • Zwar sehr spät, aber nicht so zurückhaltend: in Seebüll fand im Oktober 2017 ein Symposium in Kooperation mit der FAZ statt, Noldes Biographie wurde auf der Website der Stiftung entsprechend ergänzt und es gibt dort auch den Hinweis auf neuere Forschung (<-der Text ist sehr lesenswert, u.a. im Hinblick auf Noldes Umsätze nach 1937).

  8. Ich habe diese Ausstellung gesehen und blättere gerade im damals gekauften Katalog, kann aber bei den abgebildeten Bildern nichts finden, wo es kalt, dunkel, nächtlich unwirtlich zugehen würde. Nicht abgebildet sind Conférencier (Tusche, laviert), Nächtliche Szene, Schauspieler (Bassermann als Mephisto), Schauspielerin (rotes Kleid) und Theaterszene (Gespräch) (alles Aquarelle), klingt von den Titeln her auch nicht nach unwirtlich etc. Alle Bilder sind aus den Jahren 1910/11.

    • Mein obiger Kommentar bezog sich auf den Text von die dame.von.welt, in dem es um die Nolde Bilder in der Ausstellung Ich und die Stadt im Gropiusbau ging: „leider kann ich nicht mit konkreten Bildtiteln dienen, aber ich erinnere mehrere Berlinbilder von Nolde (in der Ausstellung ‚Ich und die Stadt‘ im Gropiusbau Ende der 80er), auf denen es ausgesprochen kalt, dunkel, nächtlich, unwirtlich zugeht – weiß ich deswegen noch, weil ich so überrascht war, daß der Nolde auch anders kann als Blumen und Meer.“

      • Das war nicht eindeutig zu erkennen, weil Ihr Kommentar nicht unter dem der dame.von.welt stand. Allerdings ist es auch nicht immer ganz einfach, den richtigen „Antworten“-Knopf zu erwischen, damit die Reihenfolge stimmt. Sich mit Zitaten oder der direkten Ansprache mit @ zu behelfen, macht die Zuordnung aber auf jeden Fall leichter.

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