Wie der April riecht

Vorbemerkung: Da der April außergewöhnlich arbeitsintensiv war, verzögerte sich die olfaktorische Monatsnotiz um zwei Tage. Bitte sehen Sie es mir nach.

Der April riecht nach der ersten Sonnencreme und Schokoladeneis. Der April riecht nach Wäsche unten auf der Leine im Garten. Die Wäscheleine ist zwischen Apfel- und Kirschbaum gespannt, der April riecht nach Sonnenflecken und auch nach Staub: die Nachbarin klopft die Teppiche aus. Der April riecht nach Holzkohlefeuer und offenen Schuhen, der April riecht nach Scheuermilch und klarem Wasser. Der April riecht süßlich nach der ersten Runde Rasen mähen aller Nachbarn. Am Morgen riecht der April nach den modrigen Resten des Winters am See. Der April riecht nach süßen Kaubonbons und nach frischer Minze. Der April riecht nach Rosmarin. Der April riecht nach feuchter, schwerer Erde und der April riecht nach Buschwindröschen versteckt tief im Wald, hinter dem Moos verborgen, selbst die Sonnenstrahlen sind dort nur mehr mattes Gold. Der April riecht nach der Teermaschine, die die Winterrisse auf den Straßen überklebt und nach dem Zigarettenrauch mit dem die Bauarbeiter sich vor dem Teergeruch verstecken. Der April riecht nach leichtem Riesling und Rhabarberschorle. In meiner Kindheit roch der April nach Gries mit Rhabarbergrütze, einmal stahl die Nachbarskatze die Schale vom alten, gelben Küchentisch meiner Großmutter, seitdem hat die Schale einen Sprung und die Katze leckte sich noch lange ihre Pfoten. Der April riecht nach der Müllabfuhr und nach frischer Druckerschwärze. Der April riecht nach langen Arbeitstagen, Müdigkeit und Achselschweiß. Der April riecht nach der ersten, frischen Kresse und nach dem letzten Rest Zitrone, der an den Eiswürfeln klebt. Der April riecht nach Kaffeelikör, den gibt Herr Zingarelli an den Eiskaffee und alle loben Herrn Zingarelli, der weiß wie man den Sommer näher lockt. Der April riecht nach Grillanzünder und dem festen Willen das endlich alles besser wird. Der April riecht nach Kontaktanzeigen und jungen Kälbern, Hunden, Schafen. Der April riecht nach dicken Regentropfen, die lange an den jungen Blättern hängen, der April riecht nach der bangen Frage: „ob wohl Hölderlin im Abitur dran kommt?“ Der April riecht nach frischgemahlenen Kaffeebohnen und den allerletzten Lageräpfeln hinten in der Speisekammer. Der April riecht nach Spargel Hollandaise. Der April riecht nach gestärkten Hemden. Der April riecht nach Birkenpollen und der arme Nachbar niest: Zwölfmal Hatschi! Der April riecht nach kaputten Tennisschlägern und vertrockneten Lavendelbüschen. Der April riecht nach guter Hoffnung und nach der Frühjahrsmüdigkeit. Der April riecht nach kalten Nächten und dem Frösteln einer Dame, deren Tischherr nicht mehr kommt, nicht an diesem und auch an keinem anderen Abend. Der April riecht manchmal doch noch mal nach Schnee und denen, die schimpfen denen dreht er eine lange Nase und wirft gleich Hagel hinterher. Der April riecht in Berlin nach frischer Hundescheiße und in Dublin nach zu viel Cider in einem dunklen Pub. Der April riecht nach dem letzten Osterei und auch nach dem letzten Löffel Hustensaft. Der April riecht nach Reiseplänen, nach der Hoffnung auf ein Wochenende in Italien und nach den leichten Sommerbetten. Der April riecht nach Mascarpone und nach einer Prise Zimt. Der April riecht nach Urin in dunklen Ecken, nach Blasenpflastern und nach den dichten Busbaumhecken. Der April riecht nach Bluebells und Bräunungscreme, der April riecht nach Kardamom und den letzten Krümeln Tee in der grünen Dose.

Der April riecht nach Sonnenschein im Regen.

8 thoughts on “Wie der April riecht

  1. …habe mich leicht verletzt, beim plötzlichen Runterfallen, konnte mich einfach nicht mehr halten, als ich auf der Bettkante sitzend las: ….riecht nach der bangen Frage: „ob wohl Hölderlin im Abitur dran kommt?“

    Großartige Zusammenstellung … allerbestes Kopfkino

  2. Super Gerüche! Und nach frisch gewaschenem Haar im ersten Sommerwindchen! Haben Sie es gut, vielleicht bei einem Wochenende in Italien….DAS geht auch im Mai!

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