Wie der Mai riecht

Der Mai riecht nach dem Geißblatt hinter dem Gartenzaun. Der Mai riecht nach Zement und Staub überall Bauarbeiten, aufgerissene Straßen, Gruben und ein Zementmischer dreht sich im Kreis. Eine Katze läuft durch den noch feuchten Beton. Der Mai riecht nach Lindenblüten süßlich und ein bisschen zu schwer. Der Mai riecht nach Wäscheweiß der Frau des Krämers, die wäscht im Mai Gardinen, die Bettwäsche und die guten Tischtücher. Die Betten lüften im Garten aus, der Garten ist hinter dem Haus, aber das ganze Dorf riecht nach Waschpulver und den Alpenträumen des Krämers und seiner Frau.

Der Mai riecht nach den ersten reifen Erdbeeren, rot und saftig tropft der Saft an den Mundwinkeln hinab, meinen und denen der Kinder. Der Mai riecht nach verblühten Kastanien und Akazien, der Mai riecht nach der blühenden Heide hinter dem Haus im Oberland. Dumpfig riecht der Berliner Garten, nach Sumpfdotterblumen, die es dort gar nicht gibt, nur das alte steinerne Bassin in dem die Kröte Jahr für Jahr ihren Sommer verbringt und doch der Mai riecht nach Schlingpflanzen und Algen, ein Farn verfängt sich in meinem Bein, nie lässt der Nöck einen vergessen, wem der See eigentlich gehört. Der Mai riecht nach Grillkohle und wer früh vor sieben Uhr zum Schlachtensee fährt, bevor die Wagen der BSR die Reinigung übernehmen, da riecht der See nach allen Alkoholsorten auf den Regalbrettern von Lidl, ALDI, REWE und Co. Der Mai riecht nach halbgeschmolzenen Eiswürfeln in tiefen Gläsern, nach Zitronenlimonade mit Pfefferminz und nach verwelkten Gurkenscheiben. Der Mai riecht nach geschnittenem Rasen und dem Staub hinter dem Bücherregal. Der Mai riecht nach Milchkaffee und Mottenkugeln.

Der Mai riecht nach Meer, manchmal ist das Meer ein Freibad und manchmal ist der Geruch von Meer auch eine hellblaue Flasche von Nivea. After Sun. Der Mai riecht nach dem Lachen der Kinder, die wieder und wieder durch den Rasensprenger laufen. Bitte Read On, noch einmal die andere Richtung, die Kinder haben Seitenstechen und in den Pfützen im Rasen hüpft die Kröte vergnügt umher. Der Mai riecht nach Thé vert Marrakech Mint, eine Tasse nach der anderen trinke ich am Schreibtisch. Der Schreibtisch riecht nach gerunzelter Stirn und zu vielen dort verbrachten Stunden. Der Mai riecht nach geriebener Möhre mit Apfel, Essig und Rosinen, rieb meine Großmutter Möhren dann war der Sommer beinahe da. Ich reibe noch immer Möhren und Äpfel und sehe auf den Kalender.
Der Mai riecht nach der ersten gelben Rose. Die erste gelbe Rose im Garten behauptet der Tierarzt riecht nach Lakritze. Der Priester fand, dass die gelbe Rose nach gerösteten Mandeln röche. Dabei weiß doch jeder, dass die erste gelbe Rose im Jahr nach Earl Grey Tea riecht.
Der Mai riecht nach der blühenden Heide und Zahnpasta. Der Mai riecht nach Biskuit. Der Mai riecht nach ausgelutschten Orangenschalen und brennenden Füßen vom zum ersten Mal Laufen in den schönen Sandalen mit goldenen Riemchen, die trug eine Frau mir gegenüber in der S-Bahn, wieder und wieder drehte sie die Knöchel vor und zurück, ganz und gar versunken in den Anblick ihrer goldenen Füße.

Der Mai riecht nach den salzigen Rändern an den Hemden der Pendler im Zug. Der Mai riecht nach langen Nächten und Lampions, der Mai riecht nach dem Rotstift und Sorgenfalten und im Bus sitzt ein Mann mit einer einzigen roten Rose. Im Mai antwortet manchmal jemand auf eine Kontaktanzeige. Der Mai riecht nach Hoffnung, Aufbruch und am Telefon sagt ein Mann: „Bei dem Wetter stört mich nicht einmal nach die Schwiegermutter.“ Der Mai riecht nach Anispastillen und Kartoffeln mit Leinöl und Quark. Der Mai riecht nach Eis am Stiel, der Mai riecht salzig und süß zugleich , schwer wie der Regen, der in der Luft liegt, aber der Regen hat dann doch ganz eigene Pläne. Der Mai riecht nach Goldregen und rissig gewordenem Schrankpapier aus einer alten Drogerie.
Der Mai riecht nach Anfang und Segeltuch.

Vom Schlingern und Rutschen

Anderntags aber auf dem Weg von Berlin zurück nach Irland, im Wartesaal von Terminal C., spätabends, es ist der letzte Flug, kippt die Stimmung plötzlich und unvermittelt. Kippt so wie eine Geburtstagsfeier auf der eben die Gäste noch fröhlich sangen, doch plötzlich und unvermittelt fliegen Fäuste, zerbrechen Stuhlbeine, geht eine Vase und zwei Freundschaften auf immer zu Bruch. Oder eine Hochzeit auf der eben noch Brautvater und die Mutter der Braut Brüderschaft tranken, doch schon nach einem weiteren Lied, fehlen dem Bräutigam drei Zähne, die siebenstöckige Hochzeitstorte liegt zermatscht im Gras und einem Cousin dritten Grades wächst ein Veilchen über dem linken Auge. Die Braut weint leise. Im Wartesaal von Terminal C da ging es ganz ähnlich zu.Auf einmal war dort ein Spalt in der Welt. Einen Würstchenstand gibt es dort neben den langen Reihen mit schwarzen Stühlen. Hungrige Reisende bekommen dort Bockwürstchen mit Löwensenf, Coca-Cola und belegte Wecken.

Das Flugzeug aber ist verspätet und die Würstchenstandverkäuferin ruft durch den Wartesaal: „Hier ist jetzt gleich Schluss, wa!“ Vielleicht begann es das. Einer Reinigungsfrau entglitt der schwere Wagen, ein scharf riechendes Reinigungsmittel lief aus, lief den Reisenden über die Schuhe, die Frau sah auf den umgekippten Wagen, starr und unbewegt, als könne sie sich nicht mehr erinnern, wofür der Wagen gedacht sei und warum sie hier stünde mit einem Kehrbesen in der Hand spät in der Nacht. Zwei Frauen und ich heben den Wagen auf, sortieren die Müllbeutel zurück, Zewa für die blaue Lauge auf dem Boden. „Ist alles in Ordnung?“, frage ich die Frau. Sie sieht mich an und sagt: „ich weiß es nicht.“ Eine der anderen Frauen sagt einem Sicherheitsmann Bescheid. „Sie kommen jetzt mal besser mit“, sagt er zu der Frau. Sie läuft ihm hinterher. Der Wagen bleibt zurück. Ihm fehlt ein Rad, das fällt mir auf. Ausgerechnet das. Eine Gruppe von Männern, Iren, hat Bier gekauft, zischend und klackernd öffnen sie die Büchsen. Gulp. Ihre Stimmen werden mit der Menge der Büchsen lauter, aber auch verzerrter, Betrunkenengespräche, aber seltsam undeutlich, sie klingen als sprächen sie in eine kaputte Lautsprecheranlage, ein unangenehmer Hall ihrer zigfachen Wiederholungen von Feckin Joe I told you like its just bullshit, like, ye know, there was this Lady like Sue or Jo who put me on the facebook. Einer der Männer knackt mit den Fingern, seine Finger machen das gleiche Geräusch wie die aufschnappenden Bierdosenlaschen. Eine Gruppe italienischer Männer vergleicht Tinder-Photos von Frauen. Sie lachen über die Frauen. Die Frauen sehen alle gleich aus. Die Männer finden die Frauen seien höchstens Durchschnittsware. Dann lachen sie wieder. Ein langes, ausdauerndes Lachen, seltsam uferlos und ziellos, blechern so als fiele es in die Bierdosen. Die Bierdosen liegen neben den Sitzen. Die trinkenden Männer beginnen zu rülpsen. Dann aber schleißt die Würstchenverkäuferin wirklich ihren stand. Rasselnd zieht sie den Rollladen herunter. Schnapp. Dann klingelt ihr Telefon und nach den ersten Worten beginnt die Frau zu schreien. Ein schreckliches, hohes, grauenvolles Schreien, ein Schreien aus der Unterwelt, ein Schreien wie von Dante erfunden. Hoh und schrill und lang schreit die Frau in das Telefon hinein und wir alle starren die Frau an.
Die Männer mit den Bierbüchsen beginnen zu lachen. Sneering laughter, mir fällt keine deutsche Entsprechung ein. Die Frau schreit und nur manchmal passen einzelne Worte in ihre Schreie hinein. „Wenn du wieder lieb bist, dann bin ich auch wieder lieb.“ Das ist ein ganzer Satz zwischen den schrillen, sich an das Dach des Wartesaals heraufschraubenden Schreien.
Aber dann verlässt die Frau die Kraft und sie beginnt zu weinen, ein Weinen das eigentlich ein Heulen, ein Howl, Howl, Howl ist und die Männer mit den Bierbüchsen lachen immer lauter, als wollen sie das Weinen der Frau übertrönen. Die Frauen mit denen ich den Putzwagen aufhob und ich wir nicken uns zu und dann gehen wir zu der Frau herüber. Aber die Frau am Telefon will nichts von uns wissen, will auch nichts hören, stößt uns weg und rennt davon. Sie kehrt nicht zurück, auch nicht als jemand sie knarrend ausrufen lässt: Frau G. an den Würstchenstand. Die lachenden Männer werfen Bierbüchsen in die Richtung. „What a bitch“ schreien sie. Schließlich kommt das Flugzeug doch noch, an der Tür streiten sich ein Mann in einer gelben Weste, der vage etwas mit Sicherheit zu tun haben scheint und ein Mann, der die Bordkarten kontrolliert. Erst schimpfen sie nur miteinander, dann boxen sie sich, einer fällt hin, Tritte dann stürmt der Mann mit der gelben Weste davon.

Im Flugzeug müssen wir noch einmal eine Dreiviertelstunde warten. Es ist still. Eine beunruhigende Stille, eine Stille doppelt und dreifach so laut, wie die schreiende Frau, nur das Knacken der Fingernägel des einen trinkenden Mannes ist zu vernehmen. Dann hebt das Flugzeug ab.

Fahl und müde sieht der Mond auf uns herunter, ein langer Schatten, kalte Arme, so als rauchte er langsam eine Zigarette, als bräuchte er etwas um seine Hände zu beschäftigen während er uns zu sieht, wie wir kippen und brechen, wie unsere Welt keineswegs so stabil und geordnet ist, wie wir es uns einreden hier und dort, so als hätte der Mond etwas über uns gelernt, was wir im Sonnenschein vor uns und auch vor ihm verbergen. Lange sehe ich ihm zu dem Mond und seinem dünnen, fahlen Schatten, der uns folgt, unwillig, bitter und wohl auch von heftiger Traurigkeit erfasst. Über Manchester schließlich, das Flugzeug senkt sich schon nach Dublin herüber, verliere ich den Mond aus dem Auge und 30 Minuten später, trete ich vor dem Flughafen auf die Straße. Im Auto neben dem Tierarzt aber schließe ich die Augen, zuhause fahre ich vorsichtig mit dem Finger über Stuhl, Tisch und Bett, die Standuhr tickt, der Hund reibt seinen Kopf an meinen Beinen und noch einmal sehe ich zum Mond herüber, der sich die kalten Hände vor die Augen legt. Erst zwei Tage später aber kann ich dem Tierarzt von der Nacht erzählen, in der die Welt plötzlich und unverhofft aus den Fugen geriet und auch ich schwankte und schlingerte wie auf feuchten und glatten Bohlen zwischen dem Lachen der Männer und der schreienden, weinenden Frau.

Das rote Kännchen

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Vor vielen Jahren besuchte ich die Mali-Tant im Waldviertel. Dort hat die Mali ein Haus, aber vor allem hat die Mali einen Garten. Aus Budapest mit dem Oldsmobile fuhr ich also in Richtung Österreich- damals bin ich mit dem Oldsmobile noch viel weitere Strecken gefahren. Damals wie heute aber war mein Ortssinn bedenklich schlecht. Zwar hatte ich einen Straßenatlas Europa mit mir und auch die Richtung war mir ungefähr klar, aber wie so oft im Leben scheitert man am Detail und damals hatte ich kein Navigationsgerät und auch kein iphone.

Nach Dörfern mit immer unbekannteren Namen musste ich einsehen, dass ich mich hoffnungslos verfahren hatte. Aber im Leben soll man die Abenteuer nehmen wie sie kommen, ich setzte mich in einem Dorf in einen Heurigen trank eine große Apfelschorle und aß Marillenknödel.
Es gibt weiß G*tt schlechtere Dinge als sich an einem Sommertag auf dem Land zu verfahren. Die Dorfbevölkerung bewunderte das Oldsmobile und das Oldsmobile ließ sich bewundern. Als die Dorfbewohner aber Preise nannten und sehr lautstark ihre Kaufabsicht äußerten, am lautesten bot der Sohn des Bürgermeisters, zahlte ich lieber rasch, denn was kann ein Fräulein schon ausrichten gegen den Sohn vom Herrn Bürgermeister und dessen Wunsch nach einem alten Auto?

Ich fragte also nicht nach dem Weg, sondern verließ das Dorf schunkelte eine Landstraße hinunter bis ins nächste Dorf. Dort hatte es keine Wirtschaft und überhaupt machte das Dorf einen verlassenen Eindruck. Vielleicht hatte der Sohn des Bürgermeisters des anderen Dorfes hier den Gasthof gekauft, nur um ihn zu schließen. Totenstill lag das Dorf in der gleißenden Sohne, überwachsen der Weiher, ein Storchennest auf dem Kirchturm und sonst: Stille.

Zwei Straßen weiter aber entdeckte ich einen Eisenwarenladen. Ich liebe Eisenwarenläden. Dieser Laden war das Paradies. Emailletöpfe, Zuckerperlen in Plastikflaschen, geflochtene Weidenkörbe wie aus dem Habsburgerreich, Schrauben in allerlei Formen, Sensenblätter, eine kaputte Uhr, auf einem Sessel schlief eine Katze. Aber auch der Laden, obwohl doch ein Glöckchen meine Ankunft anzeigte, war still und ich sah niemanden hinter der alten Kasse. „Hallo, Hallo“, rief ich also, aber nicht einmal die Katze zuckte mit den Ohren und ich sah mich vorsichtig um. Auf einem Regalbrett stand eine Reihe von altmodischen Krügerln aus Emaille mit denen man vortrefflich die morgendliche Milch wärmen kann. „Wie schön, es doch wäre so ein Kännchen zu haben, dachte ich mir, stellte mich auf die Zehenspitzen und hangelte nach dem Kännchen. Das Kännchen war rot. Als ich mich umdrehte, stand hinter mir eine winzige, alte Dame. Sie mag nicht größer als 1,40 Meter gewesen sein, ihre Augen waren von einem verschwommenen Blau und mir war, als sei sie mindestens zweihundert Jahre alt. Vielleicht hatte sie einmal mit dem alten Kaiser getanzt oder den alten Rabbi Löw gekannt, in Österreich ist immer alles auch ganz anders möglich.

„Pardon“, sagte ich also, ich würde gern dieses rote Krügerl hier erwerben und zudem tät ich gern wissen, wie ich von hier aus in Richtung Zwettl fahre? Die alte Frau sah mich suchend an. „Den Weg will ich ihnen schon sagen“, sagte sie langsam und mit einer Stimme, die nach Birken, die im Wind singen klang. „Aber vor dem Krügerl würd ich mich in acht nehmen, das ist noch immer zurückgekommen.“
Ich drehte das rote Kännchen in der Hand hin und her. Es schien mir harmlos. Ein Kännchen zum Milch wärmen in der Früh. Die alte Dame wisperte etwas von komplizierten Verhältnissen von einer vornehmen Dame, die erst das Kännchen an die Wand und dann den Ehemann aus dem Haus geworfen habe und von einer Haushälterin, die das Milchkännchen auf dem Herd ließ und dann war es um das Haus geschehen. „Ach“ sagte ich, sehen Sie mich heiratet niemand und vielleicht war ja nicht die Haushälterin schuld, sondern eine durchgebrannte Sicherung.“

Die alte Dame aber keckerte leise und sagte, dass sie schon viele Flüche gesehen habe und dieses Kännchen sei besonders schwer von einem Fluch getroffen.“ Mir aber gefiel das rote Kännchen noch immer und ich kaufte es ihr ab. Ungewöhnlich genau und präzise, schrieb die alte Dame mir auf, wie das Oldsmobile und ich wohl nach Zwettl kämen und wirklich war ich viel näher am Haus und Garten der Mali-Tant als ich gedacht hatte. Dann vergaß ich das Dorf, den Laden und die alte Frau und lag mit der Mali im Gras und aß so viele Brombeeren bis ich eine blaue Zunge hatte.

Das rote Kännchen fiel mir erst später wieder ein und es dauerte noch einen oder zwei Umzüge bis ich das erste Mal Milch wärmte. Das Kännchen wärmt formidabel. Aber zugeben muss ich doch, ganz unrecht hat die alte Dame nicht gehabt. Manchmal und ich schwöre, sind nicht länger als dreißig Sekunden vergangen, da schäumt die Milch wütend über und verzischt in der blauen Flamme. Dann wieder wird die Milch auch nach fünf Minuten nicht wärmer und wieder ein anderes Mal, da zieht die Milch hässliche Blasen und schmeckt bitter oder versalzen. Einfach so. Dann denke ich wieder an die verblichenen Augen der Frau und ihre Geschichte von der Frau und dem heftigen Wurf erst des Krügerls und dann des Mannes und nie ganz vergessen habe ich die Haushälterin und so warte ich immer, dass der Herd wirklich abgestellt ist, wenn ich das Kännchen zu mir herüberziehe. Manchmal steht das Kännchen an einer ganz anderen Stelle im Schrank oder auf einmal fehlt einer Tasse ein Henkel und dann wieder ist über monatelang Ruh, bevor das Kännchen zu schäumen und spucken beginnt.

Noch immer aber habe ich das Kännchen sehr gern. Noch öfter, wenn auch nicht mehr mit dem Oldsmobile bin ich aus Budapest oder Prag kommend ins Waldviertel zur Mali-Tant gefahren, denn ihr Haus und den Garten gibt es ja noch immer. Ich habe es oft versucht, aber das stille Dorf und den Eisenwarenladen habe ich nie wieder gefunden. Vielleicht hat der Sohn des Bürgermeisters eines Tages den Laden oder das ganze Dorf gekauft und die alte Frau liegt auf dem Dorffriedhof vergraben und nur die Störche oben auf dem Schornstein wissen wohl, ob es oder doch ganz anders gekommen ist.

Der Istanbul-Grill ist eine deutsche Insel.

Manchmal hat man zwischen zwei Terminen noch Zeit. Zu wenig Zeit, noch einmal in den Vorort im Berliner Südwesten zu fahren und zu viel Zeit um schon am verabredeten Ort zu sein. So ging es mir anderntags. Ich stand auf einmal unversehens auf einer fürchterlich öden Berliner Straße. Nagelstudios, eine Aral-Tankstelle, eine Anwaltskanzlei für Familienrecht mit verstaubten Teddybären im Fenster. Wohnhäuser, auf der Straße rauschender Autoverkehr. Eine Seniorenresidenz. Vor dem Eingang rauchen die Pfleger und die Bewohner. Kein Café, außer einer Bar, die ist geschlossen. An der Ecke aber ist ein türkischer Imbiss. Istanbul-Grill, geöffnet ab 9.30 Uhr. Es war elf Uhr.

„Ayran und einen Pfefferminztee, bitte“ sage ich. Der Mann hinter dem Tresen nickt. „Für hier?“. „Für hier“ sage ich und setze mich in eine Ecke, in die ein bisschen Sonne fällt. Ein Fernseher über der Theke. Die Sängerin singt von der Liebe. Bilder von Beirut. Der Mann, der Ayran und Tee bringt, seufzt. Beirut?, frage ich. „Ja“, sagt er. „Rabat?“, fragt er mich. „Fast“, sage ich. Aber die gleiche Sprache sprechen wir doch. „Istanbul-Grill?“, frage ich. „Vor zwei Jahren ist der Inhaber zurück in die Türkei. Izmir. Ruhestand. Istanbul liegt am Meer. Beirut liegt auch am Meer. Das passt schon. Ich lache. Er lacht. Ein offenes Lachen. „Schon lange in Berlin?“, fragt er mich. Ich schüttle den Kopf. „Nur noch gelegenheitshalber.“ Der Mann nickt. Wir sprechen über Beirut, Berlin, Hundescheiße auf dem Gehweg, den langen Winter, den besten Wochenmarkt und er sagt: Karim. Ich sage: Read On.

Dann muss der Mann zurück hinter die Theke. Eine Gruppe von Bauarbeitern kommt in den Istanbul-Grill. Es sind Polen. Der älteste der Bauarbeiter hat schon graue Haare und einen Stoppelbart, der Jüngste sieht aus, als wäre er gestern noch in der Schule gewesen. Vielleicht ist das so. Fünf Döner-Teller mit allem. Das müssen sie nicht sagen. Sie setzen sich hin. Der Mann hinter der Theke begrüßt die Männer mit Namen. Schön dich zu sehen: Piotr, Pavel, Matheusz,Jakub,Radek.

Sie nicken und vor dem Döner-Teller kommt eine Suppe. Der Mann hinter der Theke, fragt nach der Baustelle und dem Rücken des ältesten Mannes der Runde. „Schwer heben, nicht gut“ sagt er. Die Bauarbeiter sagen: Ja, aber immer alles schnell, schnell.“ Alle seufzen und dann essen sie.

„Sie sind wie Familie“, sagt Karim hinter der Theke zu mir und bringt noch einen Tee.

Erst dann fällt mir auf, dass der Istanbul-Grill viel mehr Besucher hat als ich erst dachte.

Am Tisch mir gegenüber hält sich ein Mann an einem Bierglas fest. Er trägt eine speckige Lederweste und zu seinen Füßen stehen vier Plastiktüten. Ungekämmtes Haar, eine alte Baseballkappe vor ihm auf dem Tisch. Seine Turnschuhe haben keine Schnürsenkel mehr, sondern sind mit Paketklebeband zusammengehalten. Er bekommt auch eine Suppe wie die Bauarbeiter. Er sitzt tiefgebeugt über der Suppe und schlürft. Statt einer Serviette behilft er sich mit dem Ärmel. Der Mann wäre in keinem Restaurant, keinem Café willkommen, für Männer wie ihn gibt es die Bahnhofsmission, wir wollen lieber nicht neben ihnen sitzen und dann gibt es denn Grill-Istanbul. Ein Bier, welches der Mann in 5 Cent Stücken bezahlt und eine Suppe, die auf keiner Rechnung auftaucht. Der Karim, der macht ne richtig gute Suppe wie bei Muttern ruft der Mann.

Hinter dem Mann mit der Suppe sitzt eine grell geschminkte Frau, sie trinkt Kaffee und liest in der Hörzu. Sie sieht immer wieder auf ein Telefon vor ihr auf dem Tisch. Aber das Telefon klingelt nicht. Schließlich wählt sie eine Nummer und dann ruft sie dreimal: Scheiße, Scheiße, Scheiße. Sie stopft die Hörzu in die Tasche und Karim sagt: „Stress zu Hause?“ Die Frau nickt. „Große Scheiße“ sagt sie. Der Bert ist mit den ganzen Möbeln einfach weg. Dann geht sie geschlagen nach draußen.

Karim räumt die Kaffeetasse ab.

Links von der Theke wo Börek mit Hack und Spinat und Käse und kleingeschnittenes Gemüse liegt, da sitzt ein Mann, vielleicht Mitte 40. In einer Tasche hat er Hemden aus der Reinigung, 10 Hemde für 12 Euro oder so. Vielleicht hat er seinen Job verloren, dann die Frau, dann vielleicht das Haus, vielleicht hat er nur noch ein bedsit, keine richtige Wohnung mehr. Die Kinder schämen sich. Er ist einen Döner, hastig und hungrig, vielleicht ist das die warme Mahlzeit am Tag.

Dann kommen zwei Männer und zwei Frauen aus dem Seniorenheim in den Istanbul-Grill. Einen der Männer habe ich rauchen sehen vor der Tür. Er hat eine Sauerstoffflasche dabei, er hustet, ein angestrengtes Husten, ein Husten der schlimmer wird, aber der Mann strahlt. „Hallo Karim“. Karim kommt und sagt: Hallo Heinz.“ Die zwei Männer und zwei Frauen setzen sich an ihren Tisch. Karim bringt Bier, Kaffee und Saft. Prosit, ruft Heinz und dann bringt Karim ein Brettspiel: Mensch Ärgere Dich nicht und schon würfeln Heinz und seine Freunde und für einen Moment ist die Seniorenresidenz gegenüber ganz weit weg, ist der Istanbul-Grill ein Restaurant mit Meerblick und Zeitvertreib. Zwei Mädchen kommen herein. Mädchen, die Jacqueline und Tiffany heißen und eine Handvoll Kleingeld haben. „Reicht das für zwei Eis?“

Ihre Mutter raucht vor der Tür.

Die Mädchen bekommen Eiscreme, aber gleichzeitig Nachhilfe in Mathematik, Wertschätzung und dieses Strahlen, das Karim hat für die Menschen, die im Feuilleton gesellschaftliche Verlierer oder Transferempfänger heißen.

Der Istanbul-Grill ist ein Gemälde von Otto Dix. Hier setzen die Trinker, die Obdachlosen, die noch nicht ganz Obdachlosen, die Gelegenheitsarbeiter, die Zugehfrauen zwischen zwei Wohnungen, die Bauarbeiter, die Menschen, die nicht weiter wissen, denen die Tage zu lang sind, die aufgegeben haben, die Alten zu denen vielleicht an Weihnachten noch einmal Besuch kommt, aber sonst nicht mehr. Hier sitzen die Anderen. Der Istanbul-Grill und es gibt viele von ihnen, ist Sozialamt, erste Hilfe, Familienersatz, ist Wärme und nicht nur die wärmende Suppe. Der Istanbul-Grill holt Leute von der Straße, fragt nicht, verachtet nicht, schenkt Tee nach. Im Istanbul-Grill kann man anschreiben und man kann seine Plastiktüten später abholen und dann liegt ganz oben ein Döner mit allem in Silberpapier. Der Istanbul-Grill ist Heimat, Wohnzimmer, der letzte Anker und die stete Vergewisserung: „Hallo, gut dich zu sehen.“ Das hören die Gäste sonst wohl schon seit Jahren nicht mehr.

Dann aber muss ich gehen. „Danke, sage ich und Karim sagt: „Ich hoffe man sieht sich wieder.“ Ich nicke. Danke, sage ich noch einmal und ich denke, es wäre doch an der Zeit öfter Danke zu sagen, dafür, dass so viele, die wir vergessen im Grill Istanbul willkommen und aufgehoben sind. Ihre Geschichten, die von Karim aus Beirut, dem Inhaber des Istanbul-Grills werden nicht erzählt, oder nur sehr selten, wenn wir darüber sprechen, was Deutschland prägt, aber ohne sie, ohne ihre Fähigkeit den Menschen die es am nötigsten haben, die Hand hinzuhalten, wäre Deutschland ein viel, viel ärmeres Land.

Karim bringt mir Baklava.

Ich will Trinkgeld geben.

Aber Karim hat das Wort auf Deutsch noch nie gehört.

Wir streiten natürlich darum, ob er es annehmen will.

Für den nächsten Gast, sage ich schließlich.

Wir lachen.

Salam aleikum, Karim.

Der Karim ist ein Mensch, sagte der Mann mit dem Bierglas und der Suppe und den vielen Plastiktüten. Ein richtiger Mensch.

Edit, 27.05. 2018: Der Istanbul- Grill ist dabei keine Ausnahme. Die wunderbare Kiki hat hier auch so eine eindrucksvolle, und mich sehr bewegende Geschichte über das Mensch-Sein aufgeschrieben.

Kurze Notizen

Am Morgen mit den Füßen im Garten stehen.

Tau an den Fußsohlen.

Nur vorsichtig auftreten. Was weiß man schon über die Feen, die morgens im Garten tanzen?

Die alte Freundin Wildtaube schlief noch.

So früh. Immer so früh.

Dem Tag, die Minuten aus der Tasche ziehen.

Manchmal frage ich mich doch, wie lange der Tag sich das noch gefallen lassen wird.

Im See geschwommen.

Auf dem Rücken gelegen und langsam, langsam im Kreis gedreht.

Dann bricht der Tag hinein.

Mit dem Tag kommen die Zweifel, aber das stimmt nicht. Ich habe auch Zweifel in der Nacht. Es sind nur andere Zweifel.

Zum ersten Mal die roten Birkenstock-Sandalen angezogen.

Große Liebe und pinke Zehennägel.

In der S-Bahn stadteinwärts sitzen sieben Männer mit weißen Hemden. Zwei haben die Hemdsärmel aufgekrempelt, einer trägt das Hemd weit offen, seine Freundin krault ihm das Brusthaar. Mein Bärchen sagt sie. Die anderen weißen Hemden sind hochgeschlossen.

Berlin-Mitte ist voller Leihfahrräder. Leihfahrräder sind das Letzte was Berlin-Mitte noch braucht. Die Fahrräder sind gelb und heißen ofo. An der Ampel sitzt eine Frau auf dem Boden. Sie sammelt Geld in einem alten Becher. Ein Mann wirft sein leeres Brotpapier in den Becher. Sie zuckt nicht zusammen.

Eine Frau in einem Erdbeerhäuschen schminkt sich die Lippen nach.

Dunkellila.

Es ist merkwürdig. So viel in Mitte hat lange schon geschlossen, aber der Bubble-Tea Laden ist immer noch da. Eine Schulklasse trinkt dort bunten Tee aus riesigen Plastikbecher. Die Jungen stecken sich die Perlen in die Nase. Die Mädchen kreischen.

Im Bioladen klärt eine Frau ihre Beziehung vor der Stiege mit Süßkartoffeln. Sie sagt: „Verkauf mich nicht für dumm!“ Sie würgt eine Kartoffel und gleich darauf packt sie den Lauch und schreit: „Das mit deiner Mutter werde ich dir nie verzeihen.“ Man kann den Lauch weinen hören. Ich gehe ohne Süßkartoffeln aus dem Bioladen.

Auf einer Bank gesessen.

Einen Apfel gegessen. Apfelschorle getrunken.

Ich bin jetzt Verkaufsberaterin sagt eine Frau zu ihrer Freundin.

„Wo?“, fragt die Freundin.

„Bei Primark“, sagt sie.

Ihre Freundin schnaubt. „Da kaufen doch nur Assis ein.“

Alle Frauen in Berlin-Mitte sind so schön.

Ich seufze und nehme meine Tasche.

Mein Vater ruft an. Er hat den Kashmirpullover der lieben C. zu heiß gewaschen. Verzweiflung. Er übt Gesprächsanfänge: „Oh Du Tausendschöne, kein Pullover reicht an Deine Augen.“

Lieber nicht, sage ich.

„Sagst du es ihr?“

„Ja“, sage ich.

„Süße, mein Vater hat deinen Kashmirpullover zu heiß gewaschen.“

Die liebe C. lacht.

„Ich weiß, dein Vater ist wie ein zahnschmerzgeplagter Bär umher geschlichen.“

Niemand lacht so wie die liebe C.

Ein Lachen für die Dunkelheit.

In der S-Bahn weiter in David Sedaris Tagebüchern gelesen. Auf der Rückseite, loben die Kritiker den Humor und die Ironie.

Im Buch wird auf jeder zweiten Seite, eine Frau erschlagen, bedroht, vergewaltigt, gedemütigt, bestohlen. Nicht von Sedaris selbst, sondern in dem Leben, dessen Teil er ist. Schwer ist es das zu lesen. Eine gewaltige Welle aus Tätlichkeiten, Seite für Seite. Bedrückend und bleischwer fällt das Buch zurück in die Tasche.

Ein Mann starrt mich an, als ich ihn bitte seinen Rucksack vom Sitz zu nehmen, damit ich sitzen kann. Er seufzt über mein Anliegen, als müsse er einen Stein einen Berg hinaufwälzen. Eine ältere Dame sagt zu mir: Dass Sie sich das trauen!

So habe ich das noch nie gesehen.

Endlich zurück im Wald.

Erdbeeren kaufen, aber nicht aus einem Erdbeerhäuschen. Das Wort schon ist mir unbehaglich. Die Verniedlichung von Landwirtschaft ist mir immer seltsam gewesen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Garten auch Erdbeeren ziehe. Ob für mich oder die Schnecken ist weiter fraglich.

Barfuß über die Dielen.

Eine Dreiviertelstunde Klavier.

Mehr Arbeit.

Wasser der alten Freundin Wildtaube gereicht.

Das Fenster weit aufgemacht, um der Geigenschülerin der Nachbarin zuzuhören.

César Franck.

Zwei Postkarten geschrieben.

Einen Vortrag gelesen.

Ein Fenster geputzt.

Auf dem Fensterbrett sitzt die Müdigkeit und schaukelt mit den Beinen.

Ein Fuchs auf der Straße.

Eine durchgebrannte Glühbirne.

Auf meinem Zeigefinger: ein Marienkäfer.

Windschatten

Der Tierarzt besucht seine Vergangenheit und L. sagt: „Komm wir sind am See.“ Ich komme spät, Freitag Nacht, eine Handvoll Schlaf, zu mehr reicht es nicht. Am Morgen mit dem Oldsmobile zu Herrn Yilmaz. Vier Kilo Orangen, eine Tüte voll Mispeln, Erdbeeren, Schafskäse, Ziegenkäse, warme Sesamkringel. Herr Yilmaz sagt: „Fräulein Read On, Sie sind ja noch eiliger als sonst. „Weintrauben“, sage ich brauche ich noch. Herr Yilmaz nickt: „Fräulein Read On, was machen wir nur mit Ihnen?“ Ich zucke mit den Schultern und Herr Yilmaz poliert einen Apfel an seiner Schürze. Ich winke und bevor ich wieder ins Oldsmobile steige, kaufe ich einen Arm voller Pfingstrosen. Die Ampel ist rot. Das Restaurant Dubrovnik hat während der Bauarbeiten geöffnet, lese ich. Dann durch die Stadt auf den Friedhof. Zwei irische Steine, ein Großmuttergrab.

Lange stehe ich dort und dann fahre ich weiter. Autobahn. Ein Polizeiauto, dann Stau. Motor aus. Ein Buch in der Tasche. Links eine Baustelle. Geröll und ein hellblaues Dixieklo. Patrick Melrose nimmt Drogen in New York. Ich rufe die L. an: „Mach langsam“, sagt sie. Aber wir stehen ohnehin. Der Verkehrsfunk sagt: „Das dauert länger.“ Neben mir legt ein LKW-Fahrer den Kopf auf das Lenkrad. Vor mir steht ein Wohnmobil. Der Mann und die Frau klappen Campingstühle auf, sitzen am Rand, sie pellt Eier, er beißt in eine Stulle. Sie hält das Gesicht in die Sonne. Die Eierschalen werfen sie an den Straßenrand. Ein Mann steigt aus dem Auto aus und zieht an seiner Krawatte. Er schreit in sein Telefon. „Ich nehm noch Käffchen“, ruft die Frau. Der Mann verschwindet im Wohnmobil. Der Mann mit dem Telefon, blafft das Ehepaar an: „Wie blöd kann man sein mitten auf der Autobahn.“ Der Mann aber mit der Butterstulle in der Hand sagt: „Hier bewegt sich nüscht, junger Mann.“ Der Mann reißt sich die Krawatte herunter und dreht sich um. Der Mann mit der Stulle hebt den Daumen. Eine Stunde später geht es weiter. Autobahn der Freiheit steht auf einem Schild. Kiefernwälder, ich nehme die Landstraße. Vor vielen Jahren, da fuhr meine Großmutter noch im Oldsmbile mit. „Komm, sagte sie, Kind ich zeige Dir Deutschland.“ Wir hatten Fontane im Rucksack. Kremmen steht auf einem Schild, ich biege links ab.

Einmal lagen wir auf einer Wiese, märkischer Sand, ich hatte eine Schwäche für Innstetten, aber sie habe ich geliebt. Ich halte nicht an am Schild. Ich wandere schon lange nicht mehr mit Fontane unter weißem Sand entlang. Aber ich sehe sie und mich noch immer dort liegen, mein Kopf auf ihrem Arm. Ihre Hände waren immer kühl. Meine Großmutter war ein Gebirgsbach.

„Tust du mir eine Liebe?“, fragt die L. „Immer“, sage ich. Die L. hat Butter vergessen. Der Supermarkt heißt Norma. Kerrygold heißt die Butter. Ein Mann schreit eine Frau an: „Scheiß Wessis- kaufen uns das ganze Grillfleisch weg.“ Die Frau starrt den Mann an und eilt zur Kasse. Auf dem Parkplatz fotografieren Touristen das Oldsmobile. Ein Mann erklärt mir etwas über ein Oldtimer-Museum, wo er einmal war und dann sagt er plötzlich und unvermittelt: „Seit zehn Jahren hatte ich keinen Sex mehr.“ Erst dann sehe ich das Bier in seiner Hand und die Pfeffi-Flaschen in der Jackentasche. „Alles Gute“, sage ich. Der Mann nickt. 1990er Party mit DJ Katze steht auf einem Schild. Ich fahre weiter. Die Straßen werden schmaler, Einfamilienhäuser neben Plattenbauten. Die, die es geschafft haben, sehen auf die, die zurückblieben. Die Grenze verläuft nicht zwischen West und Ost, sie verläuft zwischen Poetenweg und der Straße des Friedens. „Drauf geschissen“, neue Sonderausstellung steht auf einem Plakat und eine Burg ist auf dem Plakat abgebildet.

Noch fünf Kilometer bis Neu-Boston, ich fahre weiter. Links blühen die Akazien. Weiße Tränen als Blüten. Militärisches Übungsgelände steht auf dem Schild. Eine merkwürdige Vorstellung, dass den Soldaten Blüten in die Augen fallen, während sie durch den Sand rennen oder ein Panzer zerdrückt die Blüten. Die Bundeswehr übt im Kiefernwald. Eine Akazienarmee. Meine Großmutter hätte gelacht. „So, so, Kind“ und ich weiß noch wie ich vor den Fontanewanderungen, viele Jahre früher, als wir durch Deutschland fuhren und ich die Bäume zählte, sie immer fragen wollte, warum sie als man sie holte, sie sich nicht in dem dichten deutschen Wald versteckte. Aber ich habe die Frage heruntergeschluckt bis ganz zuletzt.

An der Ampel links abbiegen, hat die L. mir aufgeschrieben, fast hätte ich es verpasst. Das Oldsmobile aber, der treue Freund aber seufzt nur ein kleines bisschen. Das Tor ist offen. Schloss Hubertushöhe. Einmal ging hier der Kaiser jagen. In der DDR Lehranstalt für Binnenfischerei. Für ein paar Jahre Hotel. heute ist es leer. Die L. und der O. haben hier eine Ferienwohnung. Ich stelle das Oldsmbile in den Schatten. Die L. läuft mir entgegen. „Halt mich fest, bitte halt mich fest“, denke ich. Ich sage: „Schön Dich zu sehen“, sage ich. Die Einkäufe nach oben.

Mit bloßen Füßen auf den Steg. Schon immer Wasser. Kalt ist das Wasser. „Halt mich fest“, denke ich, „halt mich fest.“ Eine Kanufahrerin erschrickt sich vor mir im Wasser. „Nein“, sage ich, kein Krokodil. Auf dem Steg sitzen schließlich, Wassertropfen auf dem Rücken, in den Haaren, blaue Lippen. Am See werden Forellen geräuchert. Kaffee und Kuchen macht 4, 50 Euro. Die L. legt mir das Handtuch über den Rücken, die Sonne legt ihre Arme um mich. Von rechts dann ein Segelboot. Flatterndes Segeltuch, von fern schon winkt der F. Die Arca, das Boot meiner Mutter ist schon im Süden. Bald geht auf der F. auf große Fahrt. Heute legt er an. Why not, heißt sein Boot. „Why not, sage ich“, als er anlegt und mir die Hand hinhält. Der Wind steht gut.

Woanders ist es auch schön

Ein Wort.

Kikeriki.

Schlecht wird einem beim Lesen,unaufhaltbar kalt wird die Welt angesichts dieser Geschichte von Missbrauch und Gewalt.

Bauwerke haben ja heute immer oft größenwahnsinnige Preise und dann sind sie da und groß und fertig, aber das hier ist anders, leiser, schöner und wie ich glaube auch klüger .

Das klingt nach einem Buch, das ich unbedingt lesen will.

Ich muss zugeben, ich bin der letzte Mensch, de noch nie etwas von Stephen King gelesen hat, aber grusle mich mich sehr vor Büchern, in denen hinter der nächsten Tür immer schon einer mit dem Messer lauert. Ich bin aber überhaupt im 19. Jahrhundert stecken geblieben und manchmal fragen mich Studenten, ob ich nicht Benedict Cumberbatch super hot finden würde und ich muss dann ein intelligentes Gesicht machen und weiß doch nicht, ob der Mann singt oder schauspielt. Stephen King jedenfalls hat eine Geschichte geschrieben, die Ihnen nicht vorenthalten werden soll und vielleicht raten Sie mir in den Kommentaren, ob es ohne Messer ausgeht.

Oldie but Goldie, aber sowas von.

Magnus Hirschfeld war unbeirrt und bleibt ein großes Vorbild in Sachen Sexualaufklärung.

Tierarzt, wir brauchen noch Musik. Der Tierarzt nickt und und schon singt whenyoung in mein Ohr. Eines dieser Lieder bei denen man mitsingen muss.

Graue Ränder

Am Morgen ist alles grau. Das Meer ist nur ein grauer Fleck, Nebel über den Wiesen, die Spitze des Kirchturms St Sylvester fast verschwunden, die Kastanien auch sie grau und verlegen am Straßenrand. Der Hund ist ein grauer Fleck im Garten. Der Tierarzt sucht seine Uhr, ich nehme die Tasche vom Stuhl. Wir fahen ins Krankenhaus. Grau liegt die Straße vor mir, das Unterland ist nur noch ein grauer Fleck im Augenwinkel, schon sind wir vorbei gefahren, die Straße führt am Meer vorbei. Das Meer ist ein grauer Spiegel, blind geworden in den Jahren in denen sich niemand mehr die Haare machte vor dem teuren venezianischem Glas. „Bitte nimm mich wieder mit“, sagt der Tierarzt, verdreht seine Hände. „Ja“, sage ich, das Milchauto hupt. „Versprich es mir“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich und das Milchauto biegt nach links ab und ich fahre immer weiter geradeaus. Im Radio graue Nachrichten, das Radio an, das Radio aus.

Im Krankenhaus warten wir. Grüne Stühle, graues Linoleum, der Tierarzt grau im Gesicht, aber vielleicht ist das auch nur eine Metapher, auf dem Flur sitzen sonst nur Mädchen, die Mädchen sind jung und so dünn und sofort beginne auch ich abzuwägen, ob ein Mädchen wohl dünner ist als der Tierarzt, aber der Tierarzt ist ein Schatten, längst außerhalb der Hungerkämpfe der Mädchen auf dem Flur. Sie alle halten Wasserflaschen in den Händen. Sie erkennen den Tierarzt als einen von ihnen.Sie nicken ihm zu. Der Tierarzt hält meine Hand. „Lass mich nicht hier“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich. Der Tierarzt ist dünner als sie. Sie sind noch keine Schatten. „Lauft möchte ich Ihnen sagen, lauft vor dem Hunger davon.“Die Mädchen haben müde Augen. Ich sage nichts. Die Ärztin kommt. „Tierarzt“, sagt sie und der Tierarzt lächelt. Es ist ein graues Lächeln, hilflos, neblig, es verbirgt ja nichts mehr. „Kommen Sie“, sagt sie und nickt mir zu. „Wollen Sie hier warten?“, sagt sie zu mir. „Ja“, sage ich.

Mir fällt an diesem Ort nichts anderes ein. Die Mädchen trinken aus den Wasserflaschen. Heute wird gewogen. Ich habe noch nie eine Waage besessen. Als ich so alt war, wie die Mädchen wollte ich wissen, wie man ein schönes Mädchen wird, wie man richtige Brüste bekommt, wie man. Ich habe es nicht herausgefunden, ich weiß nicht was die Mädchen herausfinden wollen. Sie tragen Trainingsanzüge aus rosa Plüsch. Die Trainingsanzüge sind alle zu groß, sie reden über Bauchfett. Der Tierarzt hatte drei Waagen. „Warum Drei?“, fragte ich ihn damals. „Die vierte Waage ist kaputt“, sagte er. Dann sagte ich nichts mehr.

Das Linoleum wellt sich unter meinen Füßen. Grau ist das Meer. Ich lese die Zeitung und lese die Zeitung nicht, ich trinke Tee, den Tee bringt die Krankenschwester. „Here hun“, sagt sie und sie lächelt als ich sage: „Ja.“ „Mit Zucker?“ „Ja“, sage ich. Sie strahlt. Ich trinke den Tee und zerdrücke den Plastikbecher. Ein Telefon klingelt. Niemand antwortet. Nach jeder Minute macht der schwarze Zeiger der Uhr: Tock. Viele Tock später kommt der Tierarzt zurück. „Kann ich Sie einen Moment sprechen?“, sagt die Ärztin zu mir. „Ja“, sage ich und sehe den Tierarzt an. Der Tierarzt nickt und versteckt seine Hände. „Ich will nur wissen, ob es Ihnen gut geht“, sagt die Ärztin. „Ja“, sage ich. Was soll ich sagen? „Die Verantwortung“, sagt sie. „Sie haben meine Mutter nicht gekannt“, sage ich. Sie sieht mich an. Graue Augen, vielleicht auch grün wenn die Sonne scheint. „Oh“, sagt sie. „Ja“, sage ich und sie nickt und wir schweigen. „Hier ist meine Nummer“, sagt sie. „Rufen Sie mich an, wenn.“ „Ja“, sage ich und sie lächelt und ich lächle und dann gehe ich zurück.

„Komm“, sage ich und wir gehen hinaus auf den Parkplatz und dann sitzen wir im Auto. Der Tierarzt zittert. Kalte Hände. Die Heizung an. Die Scheiben beschlagen. Der Tierarzt atmet aus, ich atme ein. „Du hast mich nicht zurückgelassen“, sagt er. „Nein“, sage ich. „Nein.“ Neben uns hält ein Auto, eine Mutter bringt ein Mädchen in die Klinik. Dann fahren wir nach Haus. Der Tierarzt nimmt den Wetterfleck vom Haken. „Weiteratmen“, sagt er. „Ja“, sage ich.

Ich mache Tee, telefoniere, lese die Zeitung doch, schreibe etwas auf, streiche etwas durch, hänge Wäsche ab, hänge Wäsche auf, mahle Kaffee, setze Reis auf, sehe in den Nebel hinaus und suche nach den Kronen der Kastanien, der Hund sucht einen Ball. Der Tierarzt kommt zurück. Im Radio verliest ein Nachrichtensprecher den Tod von Thomas Wolfe. „Irgendwann, sagt der Tierarzt habe ich einmal „Schau Heimwärts Engel“ gelesen. Ich erinnere fast nichts mehr. Nur das Eine noch, die Beschreibung einer Speisekammer. Eine prächtige, gefüllte Speisekammer mit allen möglichen Dingen war das. Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Käsesorten und Obst, Weinbrand, alle möglichen Dinge, die niemand in Tipperary jemals gesehen hat. Dinge, die es bei uns nicht gab. Zu einem richtigen, vollständigen Leben, stellte ich mir ein Haus, vor mit genau so einer Speisekammer, ein Leben in dem man eine Speisekammer hat, wo niemand schreit, wo keine Stühle fliegen, wo und dann bricht der Tierarzt ab. Er lacht, er lacht so laut und hohl, wie er niemals lacht, er lacht so lange bis er weint.

Immer schon habe ich geglaubt, das Lachen und Weinen eigentlich dasselbe sind.

„Ja“, sage ich schließlich, denn mehr fällt mir nicht ein.

Wie die Frau des Krämers fast einmal ein Porträt geworden wäre und dann doch nur ein dunkles Omen übrig blieb.

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Seit sieben Jahren schon nimmt ein Künstler in unserem kleinen Dorf irgendwo in Irland, wo es mehr Schafe als Menschen gibt, Quartier. Der Künstler ist ein älterer englischer Herr, der Cordhosen, ein Tweedjackett und robuste Schuhe trägt. Der Künstler logiert im blauen Haus, das nicht etwas so heißt weil es blaue Fensterläden hätte, sondern weil die inzwischen verstorbene Besitzerin schon Vormittags trank. Dörfer wie das unsere verzeihen nichts.
Ihr Sohn aber bietet weiter Fremdenzimmer an. Damals also im ersten Jahr seiner Residenz im Dorfe, betrat der Maler den Laden der Frau des Krämers, die in ihm keinen Künstler, sondern nur einen Engländer erblickte. Nun ist die Frau des Krämers den Engländern an sich feindlich gesonnen, müsste die Frau des Krämers aber zwischen Künstler und Engländer wählen so wählte sie immer einen Engländer.

Die Frau des Krämers hat bekanntlich starke Ansichten und so überzog sie den Mann, der wie wir alle eigentlich nur einen Himbeerscone wollte mit der drohenden Aussicht, dass sich ein Künstler angesagt habe: „Künstler weiß die Frau des Krämers sind allesamt Lotterbuben, liegen bis zehn in den Federn, missachten den Kirchgang am Sonntag, haben eine Geliebte, unbezahlte Rechnungen und Ideen. Ideen sind das Schlimmste. Ideen haben zu Coca-Cola, dem Rückgang der Taufe, der Erderwärmung und Dingen im Bett geführt, die unaussprechlich sind. Schlimmer noch haben Ideen zu Supermärkten geführt. Die Supermärkte sind der Todfeind der Frau des Krämers.

Der Künstler sah mit saurer Miene zur Frau des Krämers herüber und sagte: „Der Künstler bin ich.“

Die Frau des Krämers erlebte einen seltenen Moment der Sprachlosigkeit.

Der Künstler aber nahm Quartier im blauen Haus und seit sieben Jahren trägt er am Morgen seine Staffelei an den Strand und malt das Meer.

Manchmal zieht der Künstler auch zu uns ins Oberland und malt Meer, Wolken und die Ginsterhecken.

Der Künstler ist ein schweigsamer Mann.

Er sagt: Morning und dann Bye.

Manchmal telefoniert er mit einem billigen mobile phone.

Der Künstler hat eine Thermoskanne mit Tee und einen kleinen, silbernen Flachmann bei sich. Immer wenn er den Deckel abschraubt um ihn mit Tee zu befüllen, gibt er einen guten Schluck aus dem Flachmann dazu.

Seine Bilder sehen nicht so aus, als ob er Ideen hätte. Aber der Tierarzt sagt, ich solle das nicht schreiben, denn vielleicht würde der Künstler doch irgendwann Kälbchen porträtieren.

Ich schreibe es trotzdem.

Der Künstler aber ist ohnehin selten im Oberland, noch seltener bei der Kälberweide, fast nie im Laden der Frau des Krämers.

Der Künstler tut das Unaussprechliche und kauft im Tesco das Nötigste ein.

So vergehen die Jahre und die Leinwände vielleicht auch. Aber es nagt in der Frau des Krämers. Nicht nur, dass der Künstler im blauen Haus logiert und nicht in ihrer Scheune ist Anfechtung, aber es ist noch etwas Anderes, denn die Frau des Krämers hatte selbst eine Idee.

Ein Bild von sich und ihrem Laden nämlich. In Öl. Auf Leinwand. Mit einem goldenen Rahmen.

Wäre das nicht ein Werbeträger wie es ihn sonst nirgendwo gibt?

Die Frau des Krämers in ihrer besten Schürze, mit frischer Dauerwelle und den guten grünen Schuhen. Im Hintergrund der Laden mit roter Markise und dem Glöckchen an der Tür. Natürlich die Auslagen ein Füllhorn irischer Landwirtschaft. Rinderhälften neben saftigem Stilton und in einem Korb ofenfrische Scones. Die Frau des Krämers sieht dieses Bild vor sich. Es ist ihr Bild. Es ist der ganze Schluss ihres Lebens. Ihr Laden und Sie.

Das Problem ist nur, wann immer der Künstler ihren Laden betritt, will er nichts wissen von ihren Andeutungen, ihren Hinweisen, ihren Fingerzeigen in Richtung rote Markise, Schaufenster und natürlich auf sich selbst. Die Frau des Krämers ich habe es selbst gehört, ließ sogar einmal das Wort Muse fallen und das will etwas heißen, denn Musen sind weiß G*tt keine Frauen die Bienenstich backen, sondern Frauen, die sich für viel Geld Dummheiten auf die Arme tätowieren lassen. Die Frau des Krämers aber wollte wirklich sehr gern ein Bild vom Künstler gemalt bekommen. Nun ist die Geduld der Frau des Krämers lang, aber nicht unendlich und da der Künstler auf keinen ihrer Zaunpfähle auch nur mit einem Wort reagierte, entschloss sich die Frau des Krämers zum Äußersten. Sie bat den Künstler um ein Portrait.

Der Künstler verneinte und betonte er sei Landschaftsmaler.

Die Frau des Krämers erlebte erneut einen Moment der Sprachlosigkeit. Als ich nach dem morgendlichen Bade aber ihr Geschäft betrat, hatte sie die Worte wieder.

„Kein Künstler, ein Scharlatan ist dieser Mann. Ein Wolkengucker, ein Taugenichts, ein Wurm von einem Künstler, ein Mann ohne Ideen, ohne Visionen, stumpfe Meerbilder, ein kleiner Engländer, der so malte wie ihre Tochter in der dritten Klasse. Ein Amateur, ein Mann der genau ins blaue Haus gehöre und für den der verbrannte Scone, den sie ihm in die Tüte schob noch zu gut sei.“ Die Frau des Krämers sieht mich an und schäumt. Dann sieht sie mich an. „Fräulein Read On sagt sie mit schneidender Kälte, das ist alles ihre Schuld.“ „Nein, Frau des Krämers, das kann nicht sein, sage ich, ich lebe ja noch nicht seit sieben Jahren im Dorf. Ich wusste nichts vom Wollen und Werden des Künstlers. „Dieser Quacksalber“ äfft die Frau des Krämers, ist ein dunkles Omen für unser Dorf gewesen und ich habe es damals gleich geahnt, zweieinhalb Jahre nach dem Künstler kamen sie ins Dorf. Noch niemals ist ein Ausländer im Dorf geblieben. Wären Sie nicht gekommen, wäre meine Tochter längst schon die Frau des Tierarztes, einen Fotografen hätten wir bestellt, ein Bild hänge über der Tür und ich wäre nicht auf diesen Hallodri von einem Künstler verfallen.“

Noch bevor ich aber erwidern kann, klingelt das Glöckchen über der Tür. Herein tritt der Tierarzt: „Mädchen“ ruft er, ich habe eben den Künstler getroffen. Er will gern Kälbchen porträtieren.“

Zum zweiten Mal an einem Tag verschlägt es der Frau des Krämers die Sprache. In der Geschichte des Dorfes, seiner Menschen und Schafe ist dies noch niemals zuvor der Fall gewesen.

Eine Welt ohne Winter-Emil Nolde in der National Gallery of Ireland, Dublin.

Schon lange dachte ich, dass wir doch die Nolde Ausstellung sehen müssten, wo ich es doch noch niemals nach Seebüll geschafft habe und die National Gallery doch nur einen Steinwurf von der Universität entfernt liegt. Aber irgendetwas war immer und vor allem war keine Zeit für Emil Nolde. Aber heute, endlich dann, stehen wir doch in der Ausstellung über den deutschen Dänen, den Protestanten, den Viel- und Weltreisenden, den Antisemiten und Nationalsozialisten, dem die Nazis schließlich verboten, Farbe zu kaufen, dem Liebhaber, Maler, dem Künstler, der Friese war und in allem wohl vor allem Farbe sah.

Fast allein sind wir in den Räumen, denn draußen scheint die Sonne und die Touristen und Dubliner wollen lieber in der Sonne sitzen und nicht nur die gemalte Sonne sehen. Aber lange fehlt uns die Sonne nicht. Denn die Bilder, die Emil Nolde malt, sind alle hell. Es ist eine Welt ohne Winter. Noch seine finstersten Bilder, die Soldaten mit der dunkelblauen Uniform haben goldene Knöpfe und hinter ihnen ist eine gelbe Wand, ein Kornfeld vielleicht geht auch die Sonne unter. Gestorben wird auch im Sommer. 1911 ist das Bild gemalt und bald schon die fielen die Soldaten kopfüber in den Tod hinein. Aber seine Bilder sind das Licht. Emil Nolde malt das Meer gelb. Das Dampfschiff, das er auch malt sieht man kaum in den Wellen, die grün, blau, grau, aber vor allem gelb sind. Man steht vor dem Bild und man fragt sich, wie man so lange nicht wissen konnte, dass das Meer gelb ist. Emil Nolde zeigt es einem.

An einer blauen Wand hängt eine Serie von Bildern, Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden. Sie heißt Winter  Berlin 1910/11.( Ich weiß ausgerechnet in der BZ. Hilft nüscht.) Was man sieht: Frauen mit Seidenkleidern, Sommerhüten, Spitzenschleiern, Frauen ohne Hoffnung, Frauen mit der Hoffnung auf eine Nacht, Männer mit Absichten, Männer in leichten Hemden, Männer mit Jacketts für den Sommer, Männer, die rauchen und Männer, die ihre Hände gleich, wenn wir nur wegsehen, zwischen die Brüste, die Beine, die Haare der Frauen schieben. Auf den Bildern ist Sommer, niemand friert, keine Regenschirme tropfen, keine schweren Stiefel behindern den Tänzer, die Frauen haben keine frostroten Hände. Emil Nolde malt eine Welt ohne Winter. Würde man bei einem Maler aus Friesland nicht graue, braune, schwarze Felcken erwarten? Aber so ist das mit Emil Nolde, man kann sich nicht sicher sein mit ihm. Einem Mann fehlt Haar auf dem Kopf und Nolde malt ihm lila Haar. Man sieht den Mann nur von hinten, aber man weiß sofort, dieser Mann muss lila Haar haben.

Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges fährt Nolde in die Südsee. Die Deutschen nennen Guinea, Kaiser-Wilhelmsland und Nolde malt die typischen Bilder jener Jahre, wie alle sie malten, vor allem Paul Gauguin. Er sucht das Originäre, die Wurzel der Welt und ist überrascht, dass überall auf der Welt Menschen Zahnschmerzen und Liebeskummer haben. Vielleicht ist das die ewige deutsche Überraschung, die Erkenntnis, dass andere auch Durst haben und sich ein Glas Wasser nehmen ohne zu fragen. So kommen einem die Bilder vor, das macht sie so uneindrücklich, denn die Enttäuschung darüber, dass es kein Paradies gibt, die ist doch so alt wie die Welt selbst und keine deutsche Erfindung. Ein einziges Bild unterscheidet sich von den enttäuschten Südesseträumen, da malt Emil Nolde einen Jungen oder ein Mädchen, dass in den Wellen schwimmt, schwerelos und so frei wie man als Mensch wohl selten ist.

Es ist schade, dass die Ausstellung die vieles richtig macht, die so hell ist, die so erhellend ist, um die simple Tatsache herumschleicht, das Nolde eben nicht nur Mitglied der NSDAP, mit dummem Geschwafel über Max Liebermann, Paul Cassirer und den Juden an sich auffiel und den Nazis auch dann noch hinter herrannte als sie seine Bilder in den Giftschrank sperrten und von ihm genug hatten, die beständige Mystifizierung aber in der man immer andeutet, er sei tief in seinem Herzen doch ein anständiger Jung‘ aus dem Norden gewesen, ist nicht nur falsch, sondern hat eher gegenteiligen Effekt. In Wirklichkeit hing Nolde wie viele Männer und Frauen, die in Hitler den Erlöser sahen, Ideen an die sich als mörderisches Programm erwiesen und als der Zug dann einmal losgefahren war, da hielt man sich eben fest, so fest man konnte und auch Emil Nolde fuhr mit und staunte darüber, dass Adolf Hitler kein großer Ästhet war und ärgerte sich darüber, dass ein Porträt eines SA-Mannes dann doch nicht zu Stande kam. Ein Glück möchte man sagen, denn die ungemalten Bilder , kleine Aquarellminiaturen, die von fern an Andersen Märchen erinnern, sind wirklich Kleindode und von so zarter Hand gemalt, die durch alle Zeiten tragen.

Ein außergewöhnlicher Mensch ist Emil Nolde nicht gewesen, nur seine Bilder sind von außergewöhnlicher Lichtheit, von strahlender Transzendenz und aufgehobener Möglichkeit. Kein Wunder, dass uns als wir wieder auf die Straße treten die Sonne viel blasser und müder scheint, als noch vor zwei Stunden.

Emil Nolde, Colour is Life, National Gallery of Ireland, Dublin. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 10. Juni 2018. Eintritt 15 Euro, ermäßigt 10 Euro.