Kurze Kosmologie des Kusses.

Es gibt viele Küsse. Es gibt Sonntagmorgenküsse, Küsse, die man sich lieber noch einmal überlegt hätte, es gibt feuchte Küsse, es gibt Nasenküsse, es gibt Küsse, die viele Kilometer weit fliegen und Küsse, die im Nebel verschwinden. Es gibt Küsse für Hinter-die-Ohren, Küsse für die Manteltaschen, es gibt die knallenden Küsse von Tanten im Flur und an manchen Küssen bliebt der Lippenstift kleben. Manche Küsse gibt es nur in Gedanken und über andere Küsse macht man sich lange Gedanken. Es gibt Küsse für zwischen die Beine und Küsse auf Nasenspitzen. Es gibt Küsse aus dem Himmel und immer wieder cheek to cheek. Es gibt Küsse zum Niederknien.

Es gibt den Bruderkuss. Es gibt Politikerküsse, sie sind dem Bruderkuss nicht unverwandt. Es gibt Filmküsse und dann gibt es diesen Kuss. (Oh ja, immer noch swoon). Es gibt Küsse für gute und schlechte Tage, es gibt Zungenküsse und leider gibt es nur noch sehr wenige Handküsse. Es gibt Küsse zwischen Augenbraue und Schläfe und es gibt Küsse, die fallen manchmal doch wieder herunter und lassen sich nicht wiederfinden. Es gibt Küsse, die finden sich nicht und manche Küsse finden sich doch wieder. Es gibt Küsse mit Zitronengeschmack und manche Küsse sind bitter wie Wacholder. Es gibt Küsse für den Hausflur und Küsse auf dem Küchentisch. Es gibt Küsse mit Zähnen und Küssen geht auch ganz ohne Gebiss. Es gibt Küsse für nach dem Zähneputzen und Küsse mit Kuchen im Mund. Es gibt Küsse, die gegen schlechte Träume helfen. Es gibt Geschwisterküsse, es gibt Kollegenküsse und es gibt Küsse auf der Weihnachtsfeier. (Die zählen aber nicht im Ganzen). Es gibt Küsse, die mehr flüstern und es gibt Küsse, die nach weniger schreien. Es gibt dunkelrote und hellgrüne Küsse. Es gibt Küsse, die auf Kinderlachen folgen, es gibt Kinderweinen, auf das Küsse folgen müssen, es gibt Trostküsse und Küsse mit Unruhe in den Mundwinkeln. Es gibt Küsse für wenn der wenn der weiße Flieder wieder blüht. Es gibt Küsse, die schleichen sich an und es gibt Küsse, die rennen einen um. Es gibt Küsse für Diplomarbeiten und es gibt Küsse nach dem Ja-Wort. Es gibt Küsse unter der Laterne, Küsse am Bahnhofsvorplatz und Küsse zwischen den Igeln im Geräteschuppen.

Es gibt Küsse auf einer roten Picknickdecke und Küsse mit Salzgeschmack. Es gibt Küsse, die brennen wie alter Whiskey ( so erzählte man mir), es gibt lange Kälberzungen, die einem   über das Gesicht schlecken ( das weiß ich leider), nur Katzen küssen sich nicht. Es gibt Küsse über Rohweinflaschen und dann waren da ja auch noch Susi und Strolch. Es gibt Küsse, die verändern alles und es gibt Küsse, die ändern nichts. Es gibt Küsse, die sind besser als Creme Catalan, es gibt Küsse aus zweiter Hand, es gibt Küsse, die sind schlimmer als Sellerie. Es gibt Klimas Kuss.  Es gibt Kino-Küsse und Küsse im Kajak, es gibt Küsse, die triefen vor Spott und Hohn, es gibt Küsse mit scharfen Kanten und es gibt Küsse, die sind ein schlaffer roter Luftballon. Es gibt Küsse, die sind aus gutem Grund verboten, es gibt die Küsse der Kardinäle, es gibt Küsse für jede und Küsse für keine Gelegenheit. Es gibt Küsse, die knallen und Küsse zum Ausruhen, die gibt es auch.

Aber dann gibt es auch den Herrn Rotkehl, der am Morgen auf dem Fensterbrett sitzt und nach Frau Rotkehl tschilpt, kommt sie dann zu ihm aufs Fensterbrett, dann legt er den Kopf zu Seite und ich bin mir sicher er heißt Humphrey Rotkehl und sieht sie an, zwinkert, einmal, zwinkert zweimal und dann küsst er sie Schnabel an Schnabel mit derartig zärtlicher Innigkeit, das Tierarzt, Katze, Hund und ich mit feuchten Augen hinter der Fensterscheibe seufzen. Was für ein Kuss! Frau Lauren Rotkehl Bacall aber legt nach zwei Küssen den Kopf nach rechts und lässt sich vor dem dritten Kuss Brotkrumen reichen, die der Verehrer sorgfältig prüft, bevor er ihr die schönsten und besten Krumen in den Schnabel legt und küsst und küsst und küsst. Es gibt Küsse, die enden nie.

16 thoughts on “Kurze Kosmologie des Kusses.

  1. Katzen küssen mit feuchten Nasenspitzen und manchmal streichelnd mit der zarten Stelle zwischen Stirn und Öhrchen, knapp vor der Ohrmuschel, da wo die Haare so wenig sind, dass zart die Haut darunter hervorlugt ;).
    Und dann gibt es noch Texte, die ganz hervorragend mitten ins Hirn hinein küssen, an die Stelle, die alles kribbeln lässt im Magen und sowieso, so wie dieser hier ♥!

  2. Es gibt auch noch die Anker-küsse, die wir delikat und leicht mit warmen Lippen platzieren, damit sich der andere daran festhalten kann.
    Es gibt Schlüssel-und-Schloß-Küsse, die einem unerahnte Weiten und Tiefen eröffnen wenn sie denn wohlplatziert angewandt werden.
    Dann gibt es noch den Kuss-in-die-neue-Welt, der gleich nach dem siehe oben folgen sollte.

    Manche Küsse sind besser gedacht als getan, und können auch funktionieren, wenn sie nicht appliziert werden. Von manchen Küssen weiß der Empfänger eigentlich nichts, aber sie funktionieren trotzdem, weil sie immateriell materialisiert wurden. Auf Briefbögen, auf social media replies, in den Wind, auf die Oberfläche des Meeres, damit sie ihren Weg finden. Und irgendwie tun sie es auch. Richtig programmiert finden sie ihr Ziel.

    Der Kuss, richtig und einvernehmend appliziert, kann Leben aufhellen und retten.
    Von den anderen, den gezwungenen, den schlabbrig labbrigen werden wir kein weiteres Wort verlieren. Sie haben sich durch ihren Zwang disqualifiziert. Aber sie können genauso tief dringen.
    Und brauchen dann mehrer Tonnen richtiger Küsse und Gedanken um erdrückt zu werden.

    Wir sollten alle viel vorsichtiger küssen. Und ehrlicher.

    • „Wir sollten alle viel vorsichtiger küssen. Und ehrlicher.“

      Sehr wahr. Denke dabei besonders an Kinder, die sich nicht immer über solche Zuwendungsbezeigungen
      freuen.

  3. Und dann gibt es Texte, die einem zufliegen, während man auf der Couch liegt und hofft, dass Magen-Darm bald vorbei ist. Sie streifen einen wie ein flüchtiger Kuss, fliegen weiter zum nächsten Leser und lassen einen lächelnd zurück. Und auf einmal ist es gar nicht mehr so schlimm.

  4. Wenn mit Liebe gekocht wird, gibt es Kuss-Kuss, wie mein Sohn verwundert ob des sonderbaren Namens eines Gerichts in der Kita, uns mitteilte – welch fabelhafte Dinge, sich manchmal ergeben, wenn man noch nicht schreiben kann.
    In besonderer Erinnerung sind mir Dreierküsse mit den Schwestern, den beiden Eltern…

  5. Und dann gibt es Texte, von denen man geüsst wird und wiederküssen möchte. Und es gibt den einen ersten Kuss, bei dem frau weiß, dass mit ihm die Liebe ihres Lebens beginnt und den sie nie vergisst.

  6. Man möchte gehen und Küsse verteilen, selbst wenn man (aus Gründen) eher nicht so der „Kuss-Mensch“ ist. Allerdings muss ich einer Sache widersprechen: Katzen küssen sich sehr wohl! Sie lassen sich nur nicht so leicht dabei erwischen. Und manchmal küssen Katzen sogar Menschen. Doch, doch!

  7. In Wolf Haas, Verteidigung der Missionarsstellung widmet Haas eine ganze Seite oder mehr nicht der Typologie der Küsse, aber der atemlosen metaphernüberreichen Schilderung eines ganz besonderen Kusses. Das war mir einmal Anlass für eine Übung für meine Schüler und Schülerinnen, es Haas nachzutun. Darf ich ein paar Ergebnisse hier präsentieren?

    So still und unauffällig wie ein Spion, der den Auftrag erhalten hatte, den mächtigsten Mann der Welt auszuspionieren und Daten zu stehlen, die strategischen Vorteil bringen in einem Krieg, der verloren scheint, aber es nicht ist, die aber in einer Kammer gelagert sind, die mit einer Alarmanlage gesichert ist, die auf zu hohe Lautstärken reagiert, aber nur mit einem Lip­penscan deaktiviert werden kann, um festzustellen, ob es kein Roboter ist, diesen Alarman­lagenscan durchführt, küsste er sie.

    …so still und flüchtig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als wäre er der frei schwebende, von der Strömung getragene Tentakel einer Kompassqualle, die das zarte Bein eines jungen Mädchens streift, welche mit ihren Eltern den schon lang er­träumten Urlaub macht und sich gerade von den sanften Wellen der Ägäis in Richtung Küste treiben lässt, nach­dem sie zuvor aus Übereifer etwas zu weit aufs Meer hinaus ge­schwommen war…

    …so leise, wie wenn ein Affe sich in den Bäumen so sachte, dass man nicht einmal den Wind in den Blättern hört, von Ast zu Ast hangelt um an der dösenden Schlange, die mit geschlossenen Augen in gerade diesem Baum hängt, in dem sich der Affe bewegt, die Mango zu rauben, um deren Saft, mit gespitzten Lippen aus zu schlürfen, küsste er sie, …

    …so kurz und flüchtig, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als würde ein längst ausge­storbener Flugsaurier mit nahezu unscheinbaren Schwingen über ein einzelnes Blatt schweben, weder deutlich noch wahrnehmbar, während die trockene Luft zwischen den Bäumen eine Be­rührung gerade zu greifbar und dennoch nicht bestimmt erscheinen lassen und eben jene hauchdünne Konsistenz der Flügel, die ebenso ungewichtigen, vom Wind zurückgelassenen Blätter, an der Spitze der Bäume streifen, …

    …so kurz und flüchtig küsste er sie, wie ein Ertrinkender, der nach seinem scheinbar endlo­sen Kampf im dunklen Blau des Meeres, das dazu auch noch erschreckend tief war, in ra­sender Ver­zweiflung, japsend und nach Luft ringend, seinen letzten, kurzen, flüchtigen, nur gering sauer­stoffhaltigen Atemzug tat und schlussendlich mit einem sachten Blubbern unterging…

    Aber die Rotkehlchen schlagen alles. Ich habe einmal ein Paar Rotkehlchen bei so einem Kuss gesehen (und schnöde fotografiert), das war schon sehr schön.

  8. Darauf mangels echter Küsse wenigstens einen sog. „Schaumkuß“…
    Jetzt! Sofort!
    Aber leider keiner in erreichbarer Nähe.

  9. Dass der 6.7. eines jeden Jahres der „Internationale Tag des Kusses“
    sein soll, ist, wie so viele andere Kalender-Thementage mehr als kurios.
    Philematologen, sog. Kussforscher, behaupten, dass in den meisten Kulturen Paare sich nicht küssen.
    „Warum sich Menschen überhaupt küssen, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Viele haben eine eher unromantische Theorie“:
    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tag-des-kusses-14326885.html

    Die Kuss-Praxis zeigt sich glücklicherweise von ‚Kuss-Theorien‘ unbeeindruckt. 🙂

  10. da hat die Muse aber heftig zugeküsst, my dear. Sollten noch irgendwelche Küsse zu kurz gekommen zu sein, dann waren es sicher keine innigen sondern eher flüchtige. Leider gibt es iin Zeiten hochgekrempelter Ellenbogen mmer mehr Menschen mit Küss-den-Unverträglichkeit oder sogar Leck-Küsse-Intoleranz.. Mögen Deinen zarten Zeilen die Kuss-Zölibaten von ihrer Askese befreien 🙂
    Küss die Hand
    dj endorfin

  11. Wie passend. Grad heute hab ich mit dem fünfjährigen Sohn ein Gespräch darüber gehabt, wer wann wen wie wo küssen darf. Und dass es wichtig ist, dass ein Kuss allen Beteiligten gut tut.

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