In der Tiefe der Nacht

Meine Schwester ruft an. Spät in der Nacht ruft sie mich an. Schwesterchen sorgt sich, manchmal in der Nacht. In der Nacht sind die Sorgen größer als am Tag. 2 Monate noch bis Bébé No.5 auf die Welt kommt. So viele Nächte. So viele Schatten. „Leg nicht auf“, sagt meine Schwester. Ich lege nicht auf, sondern gehe aus dem Schlafzimmer herunter, um den Tierarzt nicht zu wecken, wickle mich in ein dickes Tuch und lege mich auf das grüne Sofa. Im Sessel schläft die Katze. Der Sturm lacht ein tiefes, ein dunkles Lachen. Aber Schwesterchen fürchtet sich in dieser Nacht vor allem: vor dem Klabautermann, vor der Nacht, vor dem hustenden Sturm, vor der Zukunft, vor der Vergangenheit, es gibt Nächte, die sind dunkler als andere Nächte und meine Schwester sagt: „Leg nicht auf.“ Ich lege nicht auf, sage ich und singe ihr ein Lied ins Ohr. Aber meine Schwester fürchtet sich vor dem Lied mitten in der Nacht. Das Lied ist so allein, wie ich sagt sie heute Nacht. Ich höre auf zu singen und dann fällt mir ein, wie es war als ich klein war und ich immer, wenn ich den langen Sommerferien bei meiner Großmutter in Deutschland war, zu ihr ins Bett kroch, wenn ich mich fürchtete, ich fürchtete mich oft als ich ein Kind war.

Meine Großmutter wachte auf, wenn ich zu ihr kam. Meine Großmutter hatte einen leichten Schlaf und ich hatte immer kalte Füße, aber vielleicht wachte sie auch aus anderen Gründen auf. Ich habe sie nie gefragt, denn ich wusste ja, wenn ich kam, dann wachte sie auf.

„Ich fürchte mich so vor dem hässlich grinsenden Mond, sagte ich zu ihr und zeigte aus dem Fenster. Siehst Du er lacht über mich.“

Meine Großmutter erzählte mir von der unglücklichen Liebe des Mondes zur Sonne, aber ich fürchtete mich noch immer vor dem versetzten Liebhaber und seinem kalten Lachen.

„Komm, flüsterte meine Großmutter mir in ihr Ohr“, wir spielen ein Spiel. Wir finden etwas was noch viel, gefährlicher, ungemütlicher und schrecklicher ist, als der hämische Mond oder Donar auf seinem Wagen oder den knallenden Blitzen draußen auf der Straße.“ Ich fange an:

Meine Großmutter sagte: Mit einer Kutsche durch die engen Straßen der Stadt fahren, nur um vor dem Stadttor in eine Falle von Straßenräubern zu geraten und beim Ziehen der Pistole feststellen: Das Pulver ist nass

Ich musste ein bisschen kichern unter der Bettdecke, trotz der Räuber.

Ich sagte: Eine Leiter an den Apfelbaum schieben, bis in die Krone klettern, dann fällt die Leiter um.

„Uhuhuh“ machte meine Großmutter, die durchaus etwas von einem Uhu hatte, wenn sie kicherte.

„Mit einem Segelboot auf das offene Meer heraus fahren, nur um festzustellen, dass das Boot ein Leck hat und man selbst nicht schwimmen kann.

„Zu dumm“, kicherte ich.

„In ein Labyrinth hineinlaufen und erst mitten in den dichten Hecken feststellen, dass die Hose ein Loch hat und in der Hosentasche ein Kompass war, panisch umherirren, nur um dann den Minotaurus zu wecken.

Meine Großmutter schauerte und überlegte:

„Mit einem Stein auf den saftigen, roten Apfel zielen, den Apfel herunterholen, aber auch den Bienenstock treffen, die Bienenkönigin beim Mittagsschlaf treffen und beim Davonrennen alle Olympiarekorde brechen.

„Die erste Geige im Orchester spielen und bei einer großen Premiere herausfinden, dass alle anderen ein ganz anderes Stück spielen als man selbst, dann spielt gar keiner mehr und der Dirigent jagt einen vor Augen der gesamten Stadt davon.

„Aiaiaiai“, sagte meine Großmutter und irgendwann waren die Wolken vor den Mond gezogen und verbargen sein Lachen, Donar, der rächende Donnerg*tt hatte die Lust verloren und die Blitze hatten beim Nachbarn eingeschlagen und ich schlief in den Armen meiner Großmutter ein, die glaubte man könnte die Angst vor etwas, mit etwas anderem herausgruseln, aber mehr noch glaubte meine Großmutter noch an den Halt der kleinsten Geschichte.

„Okay“, sage ich zu meiner Schwester am Telefon, erinnerst du dich wie Ami und ich uns in der Nacht bis zum Vergnügen gruselten? Bist du bereit?“

Meine Schwester muss fast schon ein kleines bisschen lachen: „Ihr Beiden“, sagt sie und ich muss schlucken, denn so lange bin ich schon Großmutterlos.

„Los geht es“, sage ich: „Eine alte Ruine erforschen, erst bricht der Professor sich ein Bein, aber noch bevor der Sanitätsdienst kommt, streicht eine Banshee durch die alten Räume und singt von Mecki Messer und seinem abenteuerlichen Leben.

Meine Schwester lacht. „Eine Banshee kann singen?“

Ich sage: „Eine Banshee singt gar nicht schlecht.“

Meine Schwester sagt: „Mitten im Wald einen Wolf mit Bauchweh treffen ihn ins Krankenhaus bringen, seine Frau verständigen und noch von ihr auf dem Parkplatz gefressen werden.“

Abscheulich, sage ich.

Aber dann fällt mir wirklich das allergruseligste ein: „Im Kühlschrank nach selbstgemachten Vanillepudding greifen, den größten Löffel nehmen, den man kriegen kann, einen gewaltigen Happen verschlingen, nur um festzustellen, dass die Auszubildende Selleriesuppe im Kühlschrank vergessen hat.

Schwesterchen am Telefon lacht so sehr, dass Bébé No. 5 erwacht und ihr gegen die Rippen stößt.

„Ihr Beiden“, sagt Schwesterchen und gähnt sie und sagt: „Süße, die Sorgen sind leichter und leiser geworden.“

„Gute Nacht, Schwesterchen“, sage ich, aber ich liege noch lange wach und denke an meine Großmutter und denke an all die Jahre, in denen ich glaubte meine kalten Füße weckten sie auf und nicht wusste, dass die Erinnerungen sie wachhielten Nacht für Nacht.

17 thoughts on “In der Tiefe der Nacht

  1. Also Selleriesuppe ist wirklich! furchtbar! gruselig!!

    Es sind wirklich gruselige Geschichten dabei. Aber nie wird die gruseligste erzält, die uns wach hält oder uns des nachts aufweckt. Vielleicht würden sie wachsen, wenn man sie raus lässt, oder schrumpfen. Man weiß das nie so genau bis es vielleicht doch passiert ist. Das hängt von der Chemie der Geschichte und des Umfeldes ab. Da muss man vorsichtig sein.

    Eine Großmutter (oder ein Großvater) als beruhigender Engel sind das beste Mittel zum Einschlafen. Und Deine Ami wird immer da sein, mit ihren schützenden Geschichten. Du darfst Sie nur nicht vergessen, meine Liebe. Und wir helfen Dir hier, und ich bin tief geehrt, sie immer wieder aufs Neue etwas mehr kennenzulernen. Großeltern sind wunderbar. Im besten Sinne des Wortes.

    S x

    • Selleriesuppe ist obergruselig und gehört in den Index der allergruseligsten Gruseleien.

      Das Schönste und das Schrecklichste kann man sich nie erzählen und Du hast Recht man kann gar nicht vorsichtig genug sein.

      Nirgendwo bin ich jemals sicherer gewesen als in ihren Armen und ich schwöre Ihre Methode dem Grusel mit mehr Grusel zu begegnen funktioniert.

  2. Liebe Readon, Sie haben ein großes Herz, einen wachen Geist und unendlich viel zu geben. Was für ein Glück, eine Schwester/Freundin/Geliebte/Nachbarin/Tante/etc.etc, wie Sie zu haben…Danke

  3. Das ist eine ausgesprochen großartige Idee von Madame Großmutter (paradoxe Intervention?). Ich werde sie ausprobieren, wenn mich nachts mal wieder das bescheuerte Karussell Habe-ich-das-Fax-auch-wirklich-abgeschickt-wo-muss-ich-den-Messestand-überhaupt-aufbauen-das-kann-ich-mir-nie-alles-merken wach hält und mir die allergräulichsten Geschichten inklusive abgeschlagenen Medusenhäuptern ausdenken.

  4. So ein schöner Ansatz um von dunklen Gedanken abzulenken. Ich hoffe, ich kann von der Idee profitieren, wenn es meinen 3 Jungs mal schlecht geht.

  5. Wie wunderbar Sie erzählen können. Und fast jeden Tag aufs Neue. Wie haben Sie es nur geschafft zu Ihrer Schwester so ein liebevolles Band zu haben. Ich bin oft sehr traurig, dass meine von mir heissgeliebten Töchter so oft im Zwist sind. Oder wird das anders, wenn man erwachsen ist. Ich habe leider nur eine tote Schwester, die aber in mir lebt… Dankeschön.

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