Kurze Notiz

Die gar nicht mehr so neue, aber auch von mir munter ignorierte Datenschutzverordnung wird auch für dieses Blog seine Schatten voraus und auch hier wird sich dieses oder jenes ändern. Alle Like, Share und Irgendetwas Buttons werden zu diesem Behufe abgestellt. Ich würde die Kommentarfunktion gern behalten, man wird sehen wie das gehen kann. Angeblich bereit WordPress selbst auch Dinge vor, aber bekanntlich kann man nicht vorsichtig genug sein und so erschrecken Sie bitte nicht, ändert sich etwas,es wird sich schon ausgehen. So oder so.

Es dankt für Ihr Verständnis und Ihre Geduld,

Immer Ihr,

Fräulein Read On

Kurze Kosmologie des Kusses.

Es gibt viele Küsse. Es gibt Sonntagmorgenküsse, Küsse, die man sich lieber noch einmal überlegt hätte, es gibt feuchte Küsse, es gibt Nasenküsse, es gibt Küsse, die viele Kilometer weit fliegen und Küsse, die im Nebel verschwinden. Es gibt Küsse für Hinter-die-Ohren, Küsse für die Manteltaschen, es gibt die knallenden Küsse von Tanten im Flur und an manchen Küssen bliebt der Lippenstift kleben. Manche Küsse gibt es nur in Gedanken und über andere Küsse macht man sich lange Gedanken. Es gibt Küsse für zwischen die Beine und Küsse auf Nasenspitzen. Es gibt Küsse aus dem Himmel und immer wieder cheek to cheek. Es gibt Küsse zum Niederknien.

Es gibt den Bruderkuss. Es gibt Politikerküsse, sie sind dem Bruderkuss nicht unverwandt. Es gibt Filmküsse und dann gibt es diesen Kuss. (Oh ja, immer noch swoon). Es gibt Küsse für gute und schlechte Tage, es gibt Zungenküsse und leider gibt es nur noch sehr wenige Handküsse. Es gibt Küsse zwischen Augenbraue und Schläfe und es gibt Küsse, die fallen manchmal doch wieder herunter und lassen sich nicht wiederfinden. Es gibt Küsse, die finden sich nicht und manche Küsse finden sich doch wieder. Es gibt Küsse mit Zitronengeschmack und manche Küsse sind bitter wie Wacholder. Es gibt Küsse für den Hausflur und Küsse auf dem Küchentisch. Es gibt Küsse mit Zähnen und Küssen geht auch ganz ohne Gebiss. Es gibt Küsse für nach dem Zähneputzen und Küsse mit Kuchen im Mund. Es gibt Küsse, die gegen schlechte Träume helfen. Es gibt Geschwisterküsse, es gibt Kollegenküsse und es gibt Küsse auf der Weihnachtsfeier. (Die zählen aber nicht im Ganzen). Es gibt Küsse, die mehr flüstern und es gibt Küsse, die nach weniger schreien. Es gibt dunkelrote und hellgrüne Küsse. Es gibt Küsse, die auf Kinderlachen folgen, es gibt Kinderweinen, auf das Küsse folgen müssen, es gibt Trostküsse und Küsse mit Unruhe in den Mundwinkeln. Es gibt Küsse für wenn der wenn der weiße Flieder wieder blüht. Es gibt Küsse, die schleichen sich an und es gibt Küsse, die rennen einen um. Es gibt Küsse für Diplomarbeiten und es gibt Küsse nach dem Ja-Wort. Es gibt Küsse unter der Laterne, Küsse am Bahnhofsvorplatz und Küsse zwischen den Igeln im Geräteschuppen.

Es gibt Küsse auf einer roten Picknickdecke und Küsse mit Salzgeschmack. Es gibt Küsse, die brennen wie alter Whiskey ( so erzählte man mir), es gibt lange Kälberzungen, die einem   über das Gesicht schlecken ( das weiß ich leider), nur Katzen küssen sich nicht. Es gibt Küsse über Rohweinflaschen und dann waren da ja auch noch Susi und Strolch. Es gibt Küsse, die verändern alles und es gibt Küsse, die ändern nichts. Es gibt Küsse, die sind besser als Creme Catalan, es gibt Küsse aus zweiter Hand, es gibt Küsse, die sind schlimmer als Sellerie. Es gibt Klimas Kuss.  Es gibt Kino-Küsse und Küsse im Kajak, es gibt Küsse, die triefen vor Spott und Hohn, es gibt Küsse mit scharfen Kanten und es gibt Küsse, die sind ein schlaffer roter Luftballon. Es gibt Küsse, die sind aus gutem Grund verboten, es gibt die Küsse der Kardinäle, es gibt Küsse für jede und Küsse für keine Gelegenheit. Es gibt Küsse, die knallen und Küsse zum Ausruhen, die gibt es auch.

Aber dann gibt es auch den Herrn Rotkehl, der am Morgen auf dem Fensterbrett sitzt und nach Frau Rotkehl tschilpt, kommt sie dann zu ihm aufs Fensterbrett, dann legt er den Kopf zu Seite und ich bin mir sicher er heißt Humphrey Rotkehl und sieht sie an, zwinkert, einmal, zwinkert zweimal und dann küsst er sie Schnabel an Schnabel mit derartig zärtlicher Innigkeit, das Tierarzt, Katze, Hund und ich mit feuchten Augen hinter der Fensterscheibe seufzen. Was für ein Kuss! Frau Lauren Rotkehl Bacall aber legt nach zwei Küssen den Kopf nach rechts und lässt sich vor dem dritten Kuss Brotkrumen reichen, die der Verehrer sorgfältig prüft, bevor er ihr die schönsten und besten Krumen in den Schnabel legt und küsst und küsst und küsst. Es gibt Küsse, die enden nie.

Woanders ist es auch schön

Es gibt Erfahrungen, die nie aufhören wehzutun. Man liest das mit hilflosem Entsetzen und wünschte,diese Zirkel der Hölle wären doch endlich einmal Vergangenheit und doch vergeht nur die Zeit und andere Kinder stehen mit dem Rücken zur Wand.

Hund und Herr und überhaupt ein Blog zum Festhalten.

Die Liebe ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.

Ich finde es ist schon sehr traurig und beschämend wie wenig und wie wenig würdevoll den abscheulichen Angriff auf Guernica gedacht wird. Ich bin einmal in Guernica gewesen und der Schrecken, der Schrecken über die vollständige Zerstörung, hat mich nie wieder verlassen. Es ist beschämend.

Die Sache mit dem Kreuz. Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz.

Ein großartiger und sehr nachdenklich stimmender Text darüber,wie wir Behinderungen wahrnehmen. .

Mehr Gedichte, bitte.

Das Herz, das Herz wird einem so schwer.

Der Tierarzt aber findet am Freitag müsse man wenigstens im Fahrstuhl, im Treppenhaus oder an der Ampel für fünf Minuten tanzen und dann öffnet der Tierarzt das Küchenfenster, dreht Soulé auf laut und schwört, dass die Schafe schon munter mit den Schwänzen wackeln.

Fünf Minuten oder lieber keine Werbepause

Ich ärgere mich bekanntlich nur sehr selten, und noch viel seltener ärgere ich mich über Internetdiskussionen. Ich habe ein Kalb in den Flegeljahren, eine Auszubildende, die mich in den Wahnsinn treibt und noch dazu sehr, sehr niedrigen Blutdruck. Außerdem habe ich nie Zeit. Bin ich zwar äußerlich eine Shetlandpony, dass stets eilig irgendwohin rast, so beharre ich darauf, dass ich das Herz eines Faultiers habe. Ich interessiere mich fast nie für Aufreger und in den langen Jahren radikalen Außenseiterseins habe ich gelernt, dass diejenigen, die am lautesten quieken, nie etwas zu sagen haben. Ich habe es mir gut gemerkt und dann und wann, gerade wenn ich mich ohnehin schon maßlos über die Auszubildende errege, reicht der Rauch aus den Ohren doch noch für fünf Minuten Verwunderung. Über das Thema selbst: Bloggen und Werbung ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von jedem und natürlich sage ich jetzt doch etwas.

Ich lese keine Werbung und mir ist ganz gleich, wie sie daherkommt, ob als Wischzettel im Briefkasten oder als Blogbeitrag. Ich sehe kein Verkaufsfernsehen und klicke auf keine Werbelinks. Gegen die aggressive Dauerbeschallung hat der liebe G*tt Adblocker erfunden und am Briefkasten klebt ein Pickerl: „Bitte keine Werbung.“ Ich weiß, wir leben in Zeiten in denen Menschen vor dem notebook sitzen und ihre DM Einkäufe auspacken und auf dem zwei Stunden Flug von Dublin nach Berlin soll ich Parfüm, Herrenuhren und Sonnencreme kaufen und am besten passend zahlen.

Nichts davon tue ich und ich bin noch viel altmodischer als Sie bis dato ohnehin glauben. Ich glaube es gibt ein Recht darauf, nicht immer und nicht überall und nicht ausschließlich als Kunden wahrgenommen zu werden- auch nicht als Potenzielle. Sie, die Sie aus verschiedenen Gründen dieses Blog anklicken, sind nicht meine Kunden, sie sind Leser.
Um noch viel altmodischer zu werden. Ich glaube und tue dies aus tiefstem Herzen: Jedes Gemeinwesen braucht Leser. Leser sind so kostbar wie das weiße Dromedar. Leser wie Sie alle es sind, kommen mit ihrer Neugier, ihren Erfahrungen, ihrem Wissen, ihrer Einzigkeit, ihrer Hingabe, ihrer Liebe, ihrer Sehnsucht und ihrer Angst zum Text, zu vielen Texten, zu Romanen, Novellen, zu Blogtexten wie es sie hier gibt. Der Leser liest, macht sich Gedanken, kichert, schüttelt den Kopf, raucht eine Zigarette, schreibt einen wütenden Brief, seufzt und niest und wundert sich wie ein Fräulein sich von einem Kälbchen narren lässt. Es ist das Wunder des Lesens, der Verstehens, des Nicht-Begreifen Könnens, des fragenden, zweifelnden Lesen, des Falten und Mitnehmen eines Wortes, eines halben Satzes, eines ganzen Gedankens. Der Leser ist ein ernster Mensch, der Leser weiß etwas, sucht etwas, der Leser denkt nach. Rodins Denker ist ein Leser gewesen, der Leser ist kein Kunde, dem ich im Vorbeigehen noch Plastikschüsseln, eine Fernsehzeitung, Waschnüsse und Erdbeerkakao aufschwatze, tue ich das, suche ich keine Leser sondern Kunden mit vorgeformten Erwartungshalten, die nicht für einen Text kommen, sondern weil sie etwas brauchen oder etwas brauchen sollen.

Das ist ein diametraler Unterschied und hätte Thomas Mann jedem Zauberberg ein paar Herrenunterhosen beigelegt, wäre er eben Verkäufer von Unterhosen mit Text gewesen. Der Leser ist eine andere Kategorie als der Käufer und ich finde es sehr schade, wie wenig Wertschätzung der Leser hat. Es wird dann sehr oft und sehr empört darauf verwiesen, dass die Werbetexte doch mit reinem Herzen und viel Blut geschrieben sei und dass der Leser doch ruhig mal auf das flackernde Werbedings klicken möge, dass sei er doch schuldig und die das schreiben, meinen das auch ernst. Mag sein, diese Blogger wissen etwas über den Kunden, aber über das Lesen wissen sie nichts. Nichts über die Beziehung zwischen Text und Leser, die länger hält als jede Matratze, die Erinnerungen macht und Raum gibt, wie lange man braucht bis man einen Text wirklich begreift und oft tut man es nie und kehrt zurück und erinnert sich doch- an Haarseife, Handtaschen, und Schuhe ohne Boden erinnert man sich nicht und auch an sie wird man sich nicht erinnern, hat der Kunde, den sie Leser nennen genug, oder braucht etwas anderes,schon kehrt er ihnen in den Rücken.

Aber was ich ihnen übel nehme, ist das sie mit ihrem Gerede von den so schön geschriebenen Verkaufsgeschichten, so tun als nähmen sie die Geschichten ernst, als vertrauten sie auf die Geschichte, auf die Worte, als seien sie involviert, aber wie die Landliebe Familie und die Persil-Mutter sind sie keine Erzähler, sondern Verkäufer und immer ein bisschen lachen muss ich über das gekränkt vorgetragene: „Aber ich schreib doch nur, was mir gefällt.“ Der Selbstbetrug der Werbung ist wirklich nicht zu unterschätzen und dann ist Tchibo ein super Ort und die Fabriken in Indien kennt eh keiner und beim Agenturtreffen sind auch alle nett und als die Matratze aufhörte zu miefen, schlief man wirklich gut und überhaupt man will nur das Beste und wirbt gern mit Begriffen wie: natürlich, handgemacht und authentisch. Weniger gern und auch hier ist Landliebe Vorbild spricht man über Kilopreise, Produktionsbedingungen und Vergleichsangebote und weil man doch auch eine Geschichte erzählt, drückt das Gewissen noch weniger.

Das können Sie machen und meine Stimme hat kein Gewicht in diesen Fragen, aber ihre Texte, die sind nicht anders als das Wochenprospekt von real mit Hack im Angebot, auch wenn sie das nicht glauben wollen, denn sie zucken mit den Achseln und finden man könne ohnehin alles kaufen und wer nicht mit den Wölfen heult, der wird gefressen und sie glauben daran und lachen empört, aber dann sind die fünf Minuten schon um und ich will wirklich nichts kaufen und auch keine Geschichten darüber lesen, warum ich es sollte.

Glauben Sie mir, das Teuerste was ich habe sind meine Leser.

Vom Suchen und Finden

Manche Tage so glaubt man können gar nicht mehr schlimmer werden und während man so vom Bahnhof zurück ins Oberland mehr schwankt als geht, murmelt man vor sich hin: „Immerhin kann es heute nicht mehr schlimmer kommen“ und dann kickt man wie ich einen Stein vor sich hin und stößt sich den Zeh und lässt es lieber bleiben.

Aber als ich mit der Nasenspitze schon fast gegen den Kirchturm St Sylvester stoße, läuft mir der Tierarzt in offenen Hemdsärmeln entgegen. Der Tierarzt ist aufgelöst. Der Tierarzt ruft: „Der Hund ist verschwunden.“ Ich sage: „Hast Du gerade gesagt der Hund ist verschwunden?“ Man muss nämlich wissen, dass der tierärztliche Hund sehr alt ist. Der Hund hat eine graue Nasenspitze, graue Ohren und graue Pfoten. Am liebsten liegt der Hund auf dem Teppich vor dem Fenster mit Meerblick und ruht. Man muss dazu aber auch wissen, dass der tierärztliche Hund zwar wie alle tierärztlichen Tiere sehr eigensinnig, aber auch sehr gefräßig ist. Klappert man mit einer Schüssel, in der sich beispielsweise Weintrauben befinden, hat man sieben Sekunden später eine Hundeschnauze im Knie und siebzehn Sekunden später ist man in der Tat davon überzeugt, dass der tierärztliche Hund wirklich kurz vor dem Hungertod steht, bekommt er nicht sofort etwas zu fressen angereicht. Man muss weiter wissen, dass der tierärztliche Hund anders als alle anderen Tiere des Haushaltes, sehr viel Gefallen daran findet sich wie ein Mehlsack auf jedes Paar Füße in Reichweite fallen zu lassen, um dann sehr lange und ausgiebig gestreichelt zu werden. Ansonsten gibt es über den tierärztlichen Hund zu sagen, dass er eine Vorliebe für alle Form von Schlappen hat, die er mit Hingabe und großem Enthusiasmus zerkaut. Man kann also sagen für einen so seltsamen Haushalt wie den unsrigen ist der tierärztliche Hund wie gemacht. Der Hund ist immer da.

Aber der Hund ist nicht da.

Der Hund kommt nicht als wir gegen alle Töpfe im Küchenschrank klappern.

Der Hund liegt nicht halb unter dem grünen Sofa verborgen, wo er sich so gern am Abend die Pfoten im letzten Sonnenlicht wärmt.

Der Hund liegt nicht unter den Bettdecken vergraben, die er so liebt, nicht zuletzt auch deshalb weil es dem Hund strengstens untersagt ist, auf das Bett zu springen. Aber den Hund kümmert das natürlich nicht, wie alle Tiere im Haus und auf der Wiese ohnehin tun, was ihnen in den Kopf kommt.

Der Hund balgt sich nicht mit der Katze um eine Untertasse Milch.

Die Befragungen derselben Katze über den Verbleib des Hundes bleiben ergebnislos.

Der Tierarzt ruft: Oh liebster unter den Hunden so komm doch zurück.

Die Katze grinst hämisch.

Ich verwarne die Katze streng.

Die Katze springt eingeschnappt auf den Sessel und krallt sich in meine Lieblinsgsstrickjacke, ich fauche, die Katze faucht, die Katze gewinnt und dreht mir den Rücken zu.

„Müsst ihr immer streiten?“, schluchzt der Tierarzt.

Ich renne in den Garten.

Im Garten ist kein Hund.

Wir rennen auf die Schafweide hinter dem Haus.

Auf der Schafweide blöken die Schafe, aber unter den weißen Wollkugeln blitzt nirgendwo Hundefell hervor.

Ich habe Seitenstechen.

Wir rennen zum Strand.

Ich sage dem panischen Tierarzt lieber nicht, dass der Hund einen noch schlechteren Orientierungssinn hat als ich. (Das ist keine gute Nachricht.)

Am Strand ist kein Hund.

Wir rennen panisch ins Oberland zurück.

Wir drehen das Haus um und suchen auch im Eisschrank nach einem großen Retriever.

Im Eisschrank ist kein Hund. Auch nicht in der Speisekammer, im Bettkasten, oder im Kleiderschrank.

Der Tierarzt schluchzt nach seinem Hund.

Ich schlucke.

Inzwischen ist es dunkel.

Der Tierarzt schluchzt: „Vielleicht wollte der Hund ja Kälbchen besuchen?“

Aber ich glaube das nicht. Denn aus Kälbchens Kindertagen,als Kälbchen auf dem Sofa ruhte, da erinnere ich noch zu gut, wie der Hund glaubte in Kälbchen einen großen Hundebruder gefunden zu haben glaubte, nur um herauszufinden , dass von Kälbchens Dickschädel nicht nur metaphorisch zu sprechen ist.

 
Ich greife nach einer Taschenlampe und springe über die Gartenmauer. Stellen sie sich keine Gazelle vor, denken Sie an ein Shetlandpony, das mit gebleckten Zähnen über einen Wassergraben hechtet und weil es ja schon dunkel ist und der Tag besonders schrecklich war, bleibe ich an einer Mauerkante hängen. Rums. War das mein Kinn oder Knie? Knie entscheide ich, das ist nicht so schlimm.

Dann renne ich durch den Pfarrgarten und als ich wieder umdrehen will, stolpere ich über eine große Wurzel beim Fliederbusch. Diesmal ist es wirklich das Kinn. Die Wurzel ist ein großes Fellbündel. Für einen kurzen und sehr langen schrecklichen Moment fürchte ich, der Hund sei tot. Dann höre ich es schnarchen. Der Hund schnarcht. „Mäuschen“, rufe ich und kitzle den Hund unter dem Kinn. Der Hund rollt sich zur Seite und schleckt mir freudig mit der Zunge über die Hand und dann realisiert der Hund, dass er doch tatsächlich das Abendbrot verschlafen hat. Der Hund und ich tappen zurück in unseren Garten. Der Tierarzt wirft sich dem Hund entgegen, der Hund ist begeistert von so viel Aufmerksamkeit und der riesige Hund liegt auf dem Schoß des schmalen Tierarztes und der Hund ist außer sich vor Glück, denn das grüne Sofa ist für Vierbeiner strengstens verboten, vor allem scharfen Katzenkrallen ist dortiger Aufenthalt untersagt und der Hund wälzt sich triumphierend vor den Augen der Katze auf dem Sofa umher und kaut auf einem Pantoffel. Der Tierarzt schluchzt vor Seligkeit. Die Katze starrt mit ganzer Verachtung auf Tierarzt und Hund. Denn die Katze liebt den Tierarzt, aber gerade liebt die Katze den Tierarzt ganz und gar nicht.

 
Ich lasse dem Tierarzt die Seligkeit und der Katze die Eifersucht. Im Badezimmer besehe ich mein Kinn. Es ist ein angeschlagenes Kinn, morgen früh wird das Kinn blau sein, es ist ein Kinn wie gemacht für das Ende eines schrecklichen Tages. Dann mache ich das Licht aus, denn wer weiß ob einen ein schrecklicher Tag nicht auch noch unter der Bettdecke findet.

Woanders ist es auch schön

Oft bleiben Geschichten von Menschen, die Monate später tot in ihrer Wohnung gefunden werden, nur eine Randnotiz unten auf Seite 3,umso treffender und eindringlicher ist dieser Text: Ich kenne jetzt auch seinen Vornamen.

Die wunderbare Frau Casino nimmt Abschied und nicht nur wegen dieses Textes, lesen Sie dieses Blog. Es ist so fein.

La Gröner sitzt im Hörsaal und nimmt uns mit: Eichhörnchenpinsel. Na sowas. Na sowas! Was wirklich? Ja.

Die Sache mit den Bildern vom Stadtfest sehr eindringlich erklärt.

Ich mochte die neue Volksbühne unter Chris Dercon sehr,aber das was gerade und unter viel Mühen begonnen hat, ist schon wieder zu Ende. Die Süddeutsche Zeitung hat hat nach Gründen für Ende vor dem Anfang gesucht. .Es ist ein Text mit vielen Einsichten, aber auch ein sehr deutscher Text( Desaster, Scheitern, AiAiAi und ein Text über die Einsamkeit und Häme der Berliner Kulturszene, die gerne weltoffen wäre, aber vor allem gemein ist.)

Noch so eine Blogperle. Ich sehe immer Herrn Permaneder um’s Eck schauen.

Was das Schweigen zu einer abscheulichen Tat über das Indien Modis sagt.

Da sage noch einer Bloggen sei nicht ansteckend. Der Tierarzt in seiner Funktion als Musikbeauftragter hat inzwischen eine Zettelsammlung mit Lieblingsstücken, Regenstücken, Tanztönen und Musik für zwischendurch, so dass ich Sie alle hier mit Musik bis 2028 versorgen kann, dann aber so kurz vor Mitternacht sprang der Tierarzt über die Katze und hieß mich Ihnen Seinabo Sey dringend ans Herz zu legen. Schon geschehen.

Verantwortungsvoll

In Deutschland wird eine Redewendung sehr oft bemüht, wann immer man sich in Deutschland mit dem Antisemitismus zu befassen hat und die Redewendung ist immer gleich. Sie geht so: „Wir tragen Verantwortung dafür, uns schützend vor jüdisches Leben zu stellen.“ Oder „Wir haben keine Schuld, aber eine besondere Verantwortung. „Oder Jüdisches Leben gehört selbstverständlich zu Deutschland. Das steht unter unserem besonderen Schutz.“

Vielleicht fühlen sich diejenigen und es gibt in Deutschland bekanntlich viel mehr Träger von einer besonderen Verantwortung als Juden schon beim Aufsagen dieser Sätze besonders verantwortungstragend und zuversichtlich. Das weiß ich nicht. Aber ich halte den Satz oder die Variationen dieses Satzes für falsch, für ermüdend und für die Umkehrung der simplen Tatsache, dass niemand in Deutschland Verantwortung für jüdisches Leben übernimmt als die Juden selbst.

Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben in Deutschland gibt, so verschwindend klein es auch ist, liegt bei den Juden. Bei den Juden, die zurückkehrten in das Land der Täter und der toten Familien. Sie lag bei den Juden, die eine Minyan bildeten als die Synagogen ausgebrannt waren, sie lag bei den Juden, die die Täter grüßten und die dennoch das gleiche Treppenhaus nutzten. Was sollten sie auch anderes tun. Die Verantwortung dafür, dass es wieder jüdisches Leben gibt in Deutschland lag bei den Überlebenden in den DP Camps, die Theater spielten und einen Hakoah Schwandorf begründeten. Die Verantwortung für jüdisches Leben trugen Juden wie meine Großeltern, die zurückkehrten aus Israel, weil sie das Heimweh nicht ertrugen. Das Judentum noch in Deutschland lebt, liegt auch an meiner Großmutter, der preußischsten unter den deutschen Juden, die nicht aufhörte deutscher Jude zu sein. Die Verantwortung lag bei meinem Großvater, der Jiddisch sprach und am Freitag Abend rasierte er sich vor dem Shabbat. Die Verantwortung für jüdisches Leben liegt bei all den Juden, die in Deutschland leben und die am Freitag Morgen Challah backen oder auch nicht, die nicht mehr zur Shul laufen können, weil es keine Shul mehr in Laufweite gibt und die trotzdem in die Synagoge gehen und die alten Geschichten wiedererzählen und streiten über Jaakob und Jospeh und im Frühjahr auch immer wieder darüber ob Spargel kosher ist. Die Verantwortung für jüdisches Leben in Deutschland übernehmen alle Eltern jüdischer Kinder, die ihre Kinder in den jüdischen Kindergarten schicken, obwohl die Polizei vor der Tür stehen muss, weil das die deutsche Realität ist und trotzdem trauen die Eltern sich und ihren Kindern das zu. Dass die Kinder sich nicht nur an die Polizei erinnern, sondern an das Treidel-Spiel vor Chanukkah oder an den Ausflug zum Wannsee. Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben gibt, liegt bei allen Juden in Deutschland, die immer noch die gleichen Witze erzählen:

Kennen Sie den?: Kohn gibt auf der Post ein Telegramm an seinen Geschäftspartner Grün auf. „Akzeptiere ihr Angebot. Hochachtungsvoll.Kohn. Der Postbeamte sagt: „Das Hochachtungsvoll können sie weglassen!“Kohn erstaunt: „Wie Sie kennen den Grün auch?“

Die Verantwortung dafür, dass es noch immer jüdisches Leben gibt, liegt nicht darin, dass sie bereit sind einem Auschwitz-Überlebenden eine Schulstunde lang zuzuhören, sondern daran, dass die Überlebenden an ein Leben nach Auschwitz glauben wollten. Und wir übernehmen die Verantwortung für die Trauer, die immer da ist, für die Wut, die Tränen, für die Großmütter, die mit dem Kleiderbügel auf sich einschlagen und für die Schuld am Leben geblieben zu sein als alle starben. Ich habe die Verantwortung übernommen für Pavel Ehrenstein, Mitglied des Auschwitzer Zirkels, als meine Großmutter starb und der als er zehnjährig 1933 im Schwimmbad war, von deutschen Buben so lange unter Wasser gehalten wurde, bis er fast ertrank und dem die Angst vor dem Wasser nie abhanden kam und so kam ich dreimal die Woche zu ihm, wie vor mir meine Großmutter und hielten ihm die Hand in der Badewanne und halfen ihm heraus und sangen die Lieder unserer Mütter für ihn. Wir, nicht sie übernehmen die Verantwortung für uns.

Wir lieben sie mit den Alpträumen und mit der Angst vor dem Zahnarzt und der besten Hühnersuppe der Welt. Wir sind aufgewachsen mit den Armen auf denen die Nummern klebten. Wir merkten uns die Nummern gut und wir die Juden streiten am Freitag-Abend über das Jude-Sein oder über die Energiewende oder die schreckliche Affäre zwischen Tani und Levi in München. Wir als Schwestern, Brüder, wir als Ehemänner und Geliebte, wir übernehmen die Verantwortung dafür auf der Straße eine Kippa zu tragen, oder sie lieber abzunehmen, wir schicken unsere Kinder auf das jüdische Gymnasium oder eine Schule ganz ohne Konfession und wir trösten, erklären und versuchen zu verstehen, wenn das passiert was für sie Antisemitismus ist, aber für uns Teil unseres Alltags und dann übernehmen wir die Verantwortung für ein Gespräch mit dem Klassenlehrer für einen Schulwechsel, für die Suche nach Jobangeboten in Israel. Vielleicht ja doch? Aber sie, nein, wir sind nicht mehr ihre Schutzjuden, ihre Hofjuden, wir wissen nichts von ihrer Verantwortung, die Verantwortung die sie uns immer zu erklären, was soll sie uns sein?

Die Verantwortung liegt bei uns und weil wir so wenige sind, ist es an uns auch ihre Fragen wieder und wieder zu beantworten und wieder und wieder ihnen zuzuhören, wie sie uns den Nahostkonflikt erklären. Wir sind geduldig, dass ist Teil unserer Verantwortung und ich freue mich, wenn sie zum Shabbat dazukommen und noch mehr freue ich mich, wenn sie Bilder machen, dann fühle ich mich nicht ganz so schlecht und ein bisschen lebendiger in einem Judentum, das in Deutschland oft etwas vom Zoologischen Garten hat.

Aber die Verantwortung tragen wir, für die Geschichten, die wir heute schreiben, für die Mühsal, für die Verletzungen, für die freundlichen Tage und die weniger freundlichen Tage. Die Verantwortung für das Judentum in Deutschland tragen Menschen wie mein Vater, der mit Rebecca Kirsche eine jüdische Superheldin erfand, damit meine Schwester und später auch ich, ein jüdisches Vorbild hatten und seine Frau, die liebe C., die wie schon meine Großmutter, der Judendoktor ist und für viele Menschen wird sie der einzige Jude bleiben, den man kannte und nicht nur einmal in einem gestreiften Anzug im Schulbuch sah. Die Verantwortung für das Judentum tragen wir, ob wir auf dem Standesamt heiraten oder doch unter der Chuppah, ob wir laute oder leise, religiöse oder säkulare Juden sind, ob wir hierbleiben oder fortziehen, die Verantwortung haben jene übernommen, die zurückkamen, die immer noch da sind und die zurückkehren, aber eines haben wir gelernt, wir alle, wenn wir jüdisches Leben nicht möglich machen, dann gibt es keines und daran ändert auch die Existenz einer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nichts, deren Emails ich immer gleich lösche.

Anstelle all jener leeren Redensarten von der Verantwortung und der besonderen Verantwortung, und der allerbesondersten Verantwortung, schiene es mir doch an der Zeit etwas ganz Konkretes zu tun für die Jugendlichen, die in Familien aufwachsen, wo nicht nur der Judenhass blüht, sondern überhaupt die Zukunft ein grauer Ort ist. Wenn jeder Politiker, der für Juden Verantwortung übernimmt doch lieber zehn Euro gäbe für Initiativen, die mit jungen Männern ob nun aus Hellersdorf oder Raqqa Basketball spielen, zuhören, nachfragen, die nicht loslassen, gerade wenn es nicht gut läuft, die die Kinder auffangen, die von klein auf harte Hände kennen, aber keine Kommunikation und die nirgendwo willkommen sind, dann wäre auch den Juden auf der Straße geholfen, die Kippa tragen. Wenn es in der Schule mehr Sozialarbeiter gäbe und einen Sandsack für den Ärger, der in einem tobt, weil man 15 ist und die Mädchen lachen und man nur „Saujude“ schreien kann, weil das schon der Vater schrie und weil man nur den Plattenbau in Hoyerswerda kennt und nicht den Strand mit bloßen Füßen, dann wäre es an der Zeit für all die Verantwortung zu übernehmen für die keiner da ist. Die Aufklärungssprechstunde hat zu einem rapiden Abfall an jungen Männern geführt, die Schlampe rufen und Ficki-Ficki schreien, es braucht mehr Aufklärungssprechstunden, Malkurse, mehr männliche Vorbilder, mehr Umarmungen und nicht mehr Leitartikel empörter Leitartikler und auch keine leeren Redensarten. Verantwortung ist nicht die Wiederholung der immer gleichen Floskeln.

Das haben all die, die Verantwortung übernehmen für jüdisches Leben in Deutschland nicht verdient.

In der Tiefe der Nacht

Meine Schwester ruft an. Spät in der Nacht ruft sie mich an. Schwesterchen sorgt sich, manchmal in der Nacht. In der Nacht sind die Sorgen größer als am Tag. 2 Monate noch bis Bébé No.5 auf die Welt kommt. So viele Nächte. So viele Schatten. „Leg nicht auf“, sagt meine Schwester. Ich lege nicht auf, sondern gehe aus dem Schlafzimmer herunter, um den Tierarzt nicht zu wecken, wickle mich in ein dickes Tuch und lege mich auf das grüne Sofa. Im Sessel schläft die Katze. Der Sturm lacht ein tiefes, ein dunkles Lachen. Aber Schwesterchen fürchtet sich in dieser Nacht vor allem: vor dem Klabautermann, vor der Nacht, vor dem hustenden Sturm, vor der Zukunft, vor der Vergangenheit, es gibt Nächte, die sind dunkler als andere Nächte und meine Schwester sagt: „Leg nicht auf.“ Ich lege nicht auf, sage ich und singe ihr ein Lied ins Ohr. Aber meine Schwester fürchtet sich vor dem Lied mitten in der Nacht. Das Lied ist so allein, wie ich sagt sie heute Nacht. Ich höre auf zu singen und dann fällt mir ein, wie es war als ich klein war und ich immer, wenn ich den langen Sommerferien bei meiner Großmutter in Deutschland war, zu ihr ins Bett kroch, wenn ich mich fürchtete, ich fürchtete mich oft als ich ein Kind war.

Meine Großmutter wachte auf, wenn ich zu ihr kam. Meine Großmutter hatte einen leichten Schlaf und ich hatte immer kalte Füße, aber vielleicht wachte sie auch aus anderen Gründen auf. Ich habe sie nie gefragt, denn ich wusste ja, wenn ich kam, dann wachte sie auf.

„Ich fürchte mich so vor dem hässlich grinsenden Mond, sagte ich zu ihr und zeigte aus dem Fenster. Siehst Du er lacht über mich.“

Meine Großmutter erzählte mir von der unglücklichen Liebe des Mondes zur Sonne, aber ich fürchtete mich noch immer vor dem versetzten Liebhaber und seinem kalten Lachen.

„Komm, flüsterte meine Großmutter mir in ihr Ohr“, wir spielen ein Spiel. Wir finden etwas was noch viel, gefährlicher, ungemütlicher und schrecklicher ist, als der hämische Mond oder Donar auf seinem Wagen oder den knallenden Blitzen draußen auf der Straße.“ Ich fange an:

Meine Großmutter sagte: Mit einer Kutsche durch die engen Straßen der Stadt fahren, nur um vor dem Stadttor in eine Falle von Straßenräubern zu geraten und beim Ziehen der Pistole feststellen: Das Pulver ist nass

Ich musste ein bisschen kichern unter der Bettdecke, trotz der Räuber.

Ich sagte: Eine Leiter an den Apfelbaum schieben, bis in die Krone klettern, dann fällt die Leiter um.

„Uhuhuh“ machte meine Großmutter, die durchaus etwas von einem Uhu hatte, wenn sie kicherte.

„Mit einem Segelboot auf das offene Meer heraus fahren, nur um festzustellen, dass das Boot ein Leck hat und man selbst nicht schwimmen kann.

„Zu dumm“, kicherte ich.

„In ein Labyrinth hineinlaufen und erst mitten in den dichten Hecken feststellen, dass die Hose ein Loch hat und in der Hosentasche ein Kompass war, panisch umherirren, nur um dann den Minotaurus zu wecken.

Meine Großmutter schauerte und überlegte:

„Mit einem Stein auf den saftigen, roten Apfel zielen, den Apfel herunterholen, aber auch den Bienenstock treffen, die Bienenkönigin beim Mittagsschlaf treffen und beim Davonrennen alle Olympiarekorde brechen.

„Die erste Geige im Orchester spielen und bei einer großen Premiere herausfinden, dass alle anderen ein ganz anderes Stück spielen als man selbst, dann spielt gar keiner mehr und der Dirigent jagt einen vor Augen der gesamten Stadt davon.

„Aiaiaiai“, sagte meine Großmutter und irgendwann waren die Wolken vor den Mond gezogen und verbargen sein Lachen, Donar, der rächende Donnerg*tt hatte die Lust verloren und die Blitze hatten beim Nachbarn eingeschlagen und ich schlief in den Armen meiner Großmutter ein, die glaubte man könnte die Angst vor etwas, mit etwas anderem herausgruseln, aber mehr noch glaubte meine Großmutter noch an den Halt der kleinsten Geschichte.

„Okay“, sage ich zu meiner Schwester am Telefon, erinnerst du dich wie Ami und ich uns in der Nacht bis zum Vergnügen gruselten? Bist du bereit?“

Meine Schwester muss fast schon ein kleines bisschen lachen: „Ihr Beiden“, sagt sie und ich muss schlucken, denn so lange bin ich schon Großmutterlos.

„Los geht es“, sage ich: „Eine alte Ruine erforschen, erst bricht der Professor sich ein Bein, aber noch bevor der Sanitätsdienst kommt, streicht eine Banshee durch die alten Räume und singt von Mecki Messer und seinem abenteuerlichen Leben.

Meine Schwester lacht. „Eine Banshee kann singen?“

Ich sage: „Eine Banshee singt gar nicht schlecht.“

Meine Schwester sagt: „Mitten im Wald einen Wolf mit Bauchweh treffen ihn ins Krankenhaus bringen, seine Frau verständigen und noch von ihr auf dem Parkplatz gefressen werden.“

Abscheulich, sage ich.

Aber dann fällt mir wirklich das allergruseligste ein: „Im Kühlschrank nach selbstgemachten Vanillepudding greifen, den größten Löffel nehmen, den man kriegen kann, einen gewaltigen Happen verschlingen, nur um festzustellen, dass die Auszubildende Selleriesuppe im Kühlschrank vergessen hat.

Schwesterchen am Telefon lacht so sehr, dass Bébé No. 5 erwacht und ihr gegen die Rippen stößt.

„Ihr Beiden“, sagt Schwesterchen und gähnt sie und sagt: „Süße, die Sorgen sind leichter und leiser geworden.“

„Gute Nacht, Schwesterchen“, sage ich, aber ich liege noch lange wach und denke an meine Großmutter und denke an all die Jahre, in denen ich glaubte meine kalten Füße weckten sie auf und nicht wusste, dass die Erinnerungen sie wachhielten Nacht für Nacht.

Ein letzter Karton

Regen vor dem Fenster. Pfützen im Garten. Wind überall. Das Meer schlägt gegen die Felsen. Die Schafe haben missliche Gesichter. Tee und die Zeitung. Der Tierarzt sieht erst aus dem Fenster und dann zu mir. „Kannst Du allein fahren?“, fragt er, er fragt viel zu leise. Der Regen, der Wind, der Teekessel, Beethoven 7. Symphonie im Radio sind lauter. Aber ich höre ihn doch. „Ja“, sage ich und suche nach den Schlüsseln. Die Autoschlüssel liegen in der Schale aus Weinblättern im Flur, die Schlüssel zum Haus in dem der Tierarzt viele Jahre lang wohnte, liegen in seinem Wetterfleck. Der Wetterfleck hängt am Haken.

„Bis gleich“, sage ich und der Tierarzt sieht aus dem Fenster. „Komm zurück“, sagt der Tierarzt ich nicke. Das Haus des Tierarztes ist verkauft, ausgeräumt ist es schon längst, nur ein paar Dinge gibt es noch zu holen, die Schlüssel werfe ich in den Briefkasten, sagte ich zum Notar am Telefon. „Prima“, sagte der Notar. Ich fahre mit dem Auto vom Oberland ins Unterland, so viel Regen gegen die Scheiben, das Auto ist ein Ruderboot.

Drei Dörfer liegen zwischen dem Oberland und dem Haus des Tierarztes. Ich stelle das Auto vor dem Gartentor ab. Pfützen im Garten, das Tor knarrt, der Schlüssel lässt sich nur schwer im Schloss drehen, dann geht die Tür doch auf. Pfützen auf dem Boden. Das Haus ist dunkel und ich stehe am Fenster. Vor dem Fenster ist das Meer. Grau ist das Meer und es ist kalt. Noch einmal gehe ich durch das Haus. Behalten hat der Tierarzt nicht viel. „Ich brauche nichts mehr“, sagte er und seine Frau sagte dasselbe. Ich verkaufte die Möbel und überwies die Hälfte der Summe an seine Frau. Einmal habe ich sie danach noch angerufen. „Was mit ihren Sachen werden solle?“, fragte ich sie auf dem Anrufbeantworter. Vielleicht saß sie in Ota neben dem Telefon, vielleicht war sie ausgegangen. Ich ließe das Telefon lange klingeln.

So viele Kleider, Hosen und Mäntel. Aber die Frau rief niemals zurück. Mit dem Tierarzt spricht sie schon lange nicht mehr. Ich habe die Kleider alle verschenkt. Noch einmal habe ich nicht auf ihren Anrufbeantworter gesprochen. Aber viele Wochen später noch habe ich davon geträumt, dass sie ihre Kleider und Mäntel zurückforderte, irgendwann hörten die Träume auf. Die Küche ist leer, das Schlafzimmer, das Wohnzimmer, im Arbeitszimmer steht ein Karton.

Hat der Karton schon immer dort gestanden? Ich erinnere mich nicht. Aber jetzt steht er da und ich mache den Karton auf. Im Karton ist ein vertrockneter Blumenstrauß, Ehreringe, Schleifenband und dann sehe ich die Bilder. Der Tierarzt ist jung auf den Bildern. So jung. „Du bist so jung“, denke ich und sehe den Tierarzt an. Die Bilder beginnen mit dem Haus. Der Tierarzt und seine Frau vor dem Haus. Der Tierarzt mit Nägeln zwischen den Zähnen, die Hände halten ein Regal. Das Regal habe ich auseinandergenommen fällt mir ein. Der Tierarzt hat nichts gesagt, als ich aus dem Regal viele Bretter machte, aber hier auf dem Bild baut der Tierarzt das Regal auf. Der Tierarzt mit einem Regenschirm in der Hand und dann ein zweites Bild: Der Tierarzt und seine Frau unter dem Schirm im Regen, sie lacht, ein helles Lachen, der Tierarzt und seine Frau auf einer Picknickdecke, der Tierarzt liest ein Buch auf dem Bild. Der Tierarzt und seine Frau schlafen auf einem Schaukelstuhl. Ein Bild und vielleicht ist es das schönste von allen, der Tierarzt mit viel längeren Haaren als heute und einer schwarzen Ente unter dem Am. Die Ente hieß Guiness und war eines der vielen Tiere, die der Tierarzt irgendwann unter seine Arme nahm, aber ich habe Guiness nicht mehr kennengelernt.

Irgendwann sind die Bilder nicht mehr in Irland, sondern in Japan und irgendwann hören die Bilder auf. Etwas war anders denke ich, und nehme noch einmal ein Bild in die Hand und erst dann fällt mir auf was anders ist. Der Tierarzt sitzt an einem Tisch und schält eine Birne und ein Bild weiter ißt seine Frau einen Birnenspalt und auf einem dritten Bild läuft dem Tierarzt Birnensaft aus dem Mundwinkel. Dann fällt mir auf was anders ist: die Bilder sind alle aus einer Zeit in der, der Tierarzt noch gegessen hat und ich sehe die Bilder noch einmal an. Ich sehe eine Butterdose, ein Brotmesser, Krümel auf der Picknickdecke, den Tierarzt mit einem Stück Kuchen in der Hand. Geburtstagskuchen. Der Tierarzt mit Sahne auf der Nasenspitze, der Tierarzt am Herd. Vielleicht Spaghetti Bolognese. Der Tierarzt schält eine Banane mit diesem Lächeln bei dem die Frau des Krämers und alle Frauen zwischen Dublin und Dingle just swoon, der Tierarzt beim Abwasch, Schaum an den Armen, der Tierarzt mit einem Paar Kirschen im Ohr. Der Kirschbaum im Garten ist immer noch kahl.

Aber dann lege ich die Bilder zurück in den Karton, ich trage den Karton ins Auto, nehme einen Wäschekorb mit Geschirr mit und dann schließe ich die Tür zum letzten Mal zu. Die Schlüssel in den Briefkasten wie versprochen. Am Meer halte ich an, Schuhe aus, Kleid aus, die Strickjacke auch, ich laufe ins Meer und schwimme viel zu lange in der kalten See und dem kalten Regen. Dem Meer ist es egal, ob man weint und ich denke an den jungen Mann und seine Frau auf den Bildern und dann schlägt eine Welle über mich hinweg. „Es hat einmal eine Zeit gegeben in der der Tierarzt gegessen hat“, sage ich ins Meer hinein und schwimme weiter. „Aber nicht mit Dir“, sagt das Meer und das Meer irrt sich nie.

Dann fahre ich zurück. Nasses Haar und sandige Füße. „Das ist der Rest“, sage ich und stelle den Karton auf den Tisch.

„Die Bilder, sage ich, die Bilder ich hätte dich vorher fragen sollen. „Nein“, sagt der Tierarzt und macht den Karton auf, „Du musst mich nicht fragen, ich hätte dich nicht bitten dürfen.“ Ich wasche das Meer und die Kälte ab und als ich zurückkomme, sieht der Tierarzt noch immer die Bilder an. „Ihr wart ein schönes Paar“, sage ich. „Ich sage nicht, warum willst Du das nicht mir mir?“  Auch nicht: „Warum ist wenn ich komme, immer alles schon wieder zu Ende?“ Ich sage: „Hast Du etwas gegessen?“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Es tut mir leid“, sagt er. Vor dem Fenster der Regen, das Meer, der Wind, ich wasche ab. Im Radio spielt jemand Chopin.

Woanders ist es auch schön

Rissima reist durch Georgien macht wunderbare Bilder, hat ein georgisches Kälbchen getroffen und erzählt wunderbare Geschichten dazu. Das Schönste ist, dass sie uns mitnimmt.

Bekanntlich und Sie als leidgeprüfte Leserinnen und Leser wissen davon ein Lied zu singen, ich kann keine Sprache richtig und mache auch im Deutschen entsetzlich viele Fehler, deswegen finde ich es immer so spannend zu hören wie andere Sprachen lernen, die von mir sehr verehrte Frau Istrice lernt gerade Niederländisch.

Ich musste darüber so sehr lachen, dass ich einen Schluckauf bekam.

Die Sache mit den Erdbeerhüttchen handgeschnitzt sozusagen. Via Frau Kaltmamsell

Wer wenn nicht der Tierarzt quiekte beim Wort Mondkalb verzückt auf? Das Ganze klingt jedenfalls nach einer tollen Idee.

Ein tolles Blog , dass in jeder Hinsicht die Augen öffnet und immer wieder bin ich mir sicher genau dafür ist das Internet erfunden worden.

Howard Jacobson denkt über Antisemitismus nach.

Ein wunderbares Buch über Straßenhunde, die in Indien viel häufiger vorkommen als Kühe und die doch nur selten jemand so sieht und beschreibt.

Ich rufe also wie üblich zum Tierarzt herüber, der die Musikempfehlung der Woche herbeirufen soll. Der Tierarzt ruft: Mädchen, Let’s eat Grandma. Ich stehe auf und geht zum Tierarzt herüber, denn nur ein Mann im Fieberwahn würde doch einen solchen komplett wahnsinnigen Vorschlag anbringen. „Tierarzt“, sage ich also,“seit wann hast Du derartiges Fieber?“ „Fieber?“ krächzt der Tierarzt, Du wolltest Du doch eine Musikempfehlung für die verehrten Leser!“ Indeed, knurre ich, aber die Aufforderung eine Großmutter zu verspeisen, klang in meinen Ohren kannibalisch aber nicht musikalisch. „Doch, doch, sagt der Tierarzt, die heißen so.“Falling Into Me“ singen die Großmütteresser und ich bin dann wohl offiziell alt. Spießig war ich ja schon immer.