Doktortörtchen!

„Ich warte im Le Petit Parisien auf Dich“, sagt der Tierarzt. Ich nicke. Der Tierarzt liebt das Le Petit Parisien. Das Le Petit Parisien ist hat filigrane Stühle und in jeder zweiten Lampe fehlt eine Birne. Hinter der Theke steht die schöne Jacinta. Der Tierarzt war einmal sehr verliebt in die schöne Jacinta. Aber die schöne Jacinta wollte den schattenschmalen Tierarzt nicht, sondern einen Mann, der sie schmeißen kann. Die schöne Jacinta kommt aus einer Familie von Ringern aus der Normandie. Der Tierarzt nahm Abstand von dem Versuch, die schöne Jacinta für sich zu gewinnen. Aber jetzt sagt die schöne Jacinta zu mir: Read On, ich gebe auf den Tierarzt acht. Ich nicke, dabei ist mir doch selbst speiübel und würde ich trinken oder wäre es nicht kurz vor zehn Uhr am Morgen, ich verlangte wohl einen Absinth, aber dann gehe ich hinüber in die Uni und beantworte zwei Stunden lang alle Fragen, die den einbestellten Professoren zu meiner Doktorarbeit so einfallen. Es sind erstaunlich viele Fragen und die Augen der Professoren glitzern, so wie die Augen des Jägers kommt ihm die Hirschukuh endlich vor die Flinte. Mit sehr zittrigen Knien verlasse ich nach zweieinhalb Stunden die ehrwürdige Universität und gehe hinüber ins Petit Parisien. Um die Mittagszeit ist das Café voll. Frauen mit falschen Gucci-Handtaschen unterhalten sich über die Mängel ihrer Liebhaber, die Aussichten am St Patricks Day eine neue Liebe zu finden und natürlich über Chanel, Gucci und Louis Vuitton Handtaschen.

Dort liegt der Tierarzt unter einer Zeitung begraben, Wirtschaft, Sport und Politik sind schon ein Haufen kleiner Schnipsel, die schöne Jacinta stellt dem Tierarzt einen neuen Tee auf den Tisch und verdreht die Augen. „Herzlichen Glückwunsch“ sagt sie und der Tierarzt springt auf. Ein Stuhl fällt um. Noch niemals ist im Le Petit Parisien um die Mittagsstunde ein Stuhl umgestoßen worden, aber heute fällt er wirklich um. Mädchen, sagt der Tierarzt. Tierarzt sage ich und dann atmen der Tierarzt und ich aus. „Wirklich?, sagt der Tierarzt. Oh, ja, sage ich und der Tierarzt nickt. „Was wird erst Kälbchen sagen!“ Aber das bliebt noch abzuwarten, denn erst einmal gilt es ein Erdbeertörtchen zu verzehren. Die schöne Jacinta lacht und sagt: „Es muss alles seine Ordnung haben.“ „Erst Prüfung, dann Erdbeertörtchen“ und ich sehe selig wie ein Schaf auf das Törtchen hinunter. Die Frauen reden schon lange wieder über Männer und Handtaschen, die schöne Jacinta verwarnt den Kellner nicht immer Tisch 12 mit Tisch 27 zu verwechseln, die Chansons im Hintergrund singen von der Liebe, eine weitere Glühbirne geht aus, dafür kommt die Sonne zurück und der Tierarzt sagt: „Mädchen, was würde deine Großmutter sagen?“

Ich muss lachen, denn sie hätte ein zweites Törtchen bestellt, gelacht und gesagt, „aber weißt Du Kind, was ich Dir wirklich übel nehme ist, dass Du die Promotion nicht auf Deutsch verfasst hast. Englisch ist doch keine Sprache für einen preußischen Juden.“ Er Tierarzt lacht, die schöne Jacinta lacht, die Sonne lacht, aber ich lächle nur, denn das hätte sie wirklich gesagt und ich wünschte sie würde es sagen können und wer weiß vielleicht zwinkert sie von irgendwoher der schönen Jacinta zu, die die besten Erdbeertörtchen in Dublin bäckt und meine Großmutter wusste Talent zu würdigen, wo immer sie es traf. Der Tierarzt aber überlegt, wie es denn nun eigentlich geht: Mädchen Doktor? Doktor Mädchen? Deutsch ist eine verflixt schwere Sprache, aber ich schüttle den Kopf „Fräulein Doktor, Tierarzt it is.“ „So sei es“, sagen die schöne Jacinta, der vergessliche Kellner und auch der Tierarzt. Für einen Moment, erinnere ich mich noch einmal an Frau S., die mir erklärte, dass jemand der so dumm sei wie ich niemals auch nur einen Schulabschluss schaffen würde, wie schön ist es doch, dass Menschen sich wieder und wieder irren.

Es ist geschafft, denke ich. Es ist geschafft. Darauf ein Doktortörtchen.

Woanders ist es auch schön

Shiva ist zurück und lacht, nehme ich an mit gespitztem Mund über den S. und sein irdisches Leben und Lieben.

Einer der beeindruckendsten Texte, die ich dieses Jahr gelesen habe. Eine Familie hat zwei Flüchtlinge aus Afghanistan aufgenommen und erzählt über das Zusammenleben, Schwierigkeiten, Alltagskomik und warum Frau Mullah eben , Frau Mullah heißt. Eine ganz große Leseempfehlung und wie so oft Dank an Kiki, die, den Text geteilt hat.

Wie man sich selbst näher kommt, ob nun in Shorts oder nicht.

Herr Buddenbohm schreibt so einhellig großartige Texte, dass man alle dauerempfohlen möchte, aber dieser Text über Pfirsiche, ja Pfirsiche ist schon so besonders wie großartig.

Herr Rau kocht und ich bewundere nicht nur das beeindruckende Endergebnis , sondern auch die so appetitlich ausschauenden Zubereitungsschritte, ich bin ja auch in der Küche ein wirres Shetlandpony, dass anfängt mit sieben Schüsseln zu hantieren, feststellt was alles fehlt und mindestens zwei Zinnkrisen bekommt, ob das alles auch wirklich kosher ist.

Frau Nessy schenkt sich selbst einen Monat und nimmt uns mit nach Italien und das macht sehr viel Spaß, auch wenn ich beim Wort Reifendruck nun schon immer zusammenzucke. Was das Internet so alles mit einem macht.

Der Tierarzt, Freund von Groß und Kleinvieh anempfiehlt diese Porträtserie in der die schönsten Hühner ihre Aufwartung machen.

Die Bauern aus Maharashtra sind nicht länger still.

Tierarzt, das Wochenlied? Der Tierarzt nickt sofort verständig und schmettert Niall Horan’s „On the Loose“. Das Lied und das soll hier nicht unerwähnt bleiben, erfreut sich bei den Schafen größter Beliebtheit.

In einer einzigen Nacht

1938 war die Mali-Tant 16 Jahre alt.

1938 hieß die Mali-Tant noch nicht Mali-Tant.

Am 11. März 1938 tritt um 19.30 Uhr der Bundeskanzler Kurt Schuschnigg an ein Radiomikrofon.

Radio Verkehrs AG, heißt das 1924 gegründete Unternehmen.

G*tt schütze Österreich , sagt der Kanzler Kurt Schuschnigg. Der Kanzler Kurt Schuschnigg war ein frommer Mann. Einmal hatte er mit Alma Mahlers Tochter Anna eine Affäre. Auch ein frommer Mann vergisst sich mal.

Der Vater der Mali-Tant war kein frommer Mann, aber auch er hörte zu wie im Radio Kurt Schuschnigg sich verabschiedete vom österreichischen Volk. Seine Frau, die nicht Alma hieß, saß nicht vor dem Radio, sondern zusammen mit der Mali und ihrer zweiten Tochter verbrannte sie Literatur und die Mali versenkte Schnipsel von Büchern, Zeitschriften und Briefen im Abort. Die Mutter der Mali dankte ihrer Schwiegermutter, eine Frau mit modernen Angewohnheiten, die ihrem Sohn und der Schwiegertochter ein Wasserklosett viele Jahre vor dem 38er Jahr zur Hochzeit geschenkt. Wer hätte gedacht, dass ein Wasserklosett sich einmal als so nützlich erweisen würde?

Der Vater der Mali-Tant war Gynäkologe und Jude. Es gab kaum etwas Schlimmeres im 38er Jahr als Jude und Frauenarzt zu sein.

Der Vater der Mali-Tant hatte Bücher im Schrank stehen, die die Nazis, die hiesigen wie die Deutschen als volksschädigend klassifiziert haben. Bücher über den weiblichen Körper und Bücher über Homosexualität. Die Schriftenreihe des Deutschen Instituts für Sexualwissenschaft und natürlich Freud. Man war doch schließlich in Wien.

Am Abend klopften oft Frauen an die Tür. Die Frauen wollten, dass der Vater der Mali ihnen half, es wegzumachen, die Frauen waren Frauen von Roten, Brauen und auch die Frauen von gläubigen Katholiken. Der Vater der Mali-Tant war kein gläubiger Mann. Er glaubte nicht an die Roten, die Braunen und auch nicht an den Herrn Jeus Christ. Der Vater der Mali-Tant glaubte an moderne Medizin. Der Vater der Mali glaubte nicht an Bäder in kochend heißem Wasser und oder an Stricknadeln. Der Vater der Mali öffnete die Tür, wenn die Frauen klopften.

Nachdem der Kanzler Schuschnigg seine Ansprache beendigt hat, hisst jemand eine Hakenkreuzflagge.

Die Rede dauerte drei Minuten.

Sein Bruder Arthur Schuschnigg, der die Musikredaktion der RAVAG leitet, legt eine Schallplatte auf.

Im Radio spielt man den zweiten Satz aus Josef Haydns Streichquartett  Op. 76, No. 3.
Man nennt es auch das Kaiserquartett, sein zweiter Satz ist eine Variation über das Thema der alten Kaiserhymne aber auch das Deutschlandlied lässt sich zu dieser Melodie intonieren. Ganz nach Belieben.
Um viertel nach acht, tritt Arthur Seyß-Inquart vor das Radiomikrofon: Er redet, wie die Nazis es immer so gern taten über Volksgenossen, Ruhe, Ordnung und Disziplin.

Ich weiß nicht ob Arthur Schuschnigg noch einmal Musik auflegte.

Die Familie der Mali aber zerreißt Bücher, Briefe und Zeitschriften. Die Mali-Tant sagt: wir hatten alle ganz blutige Hände von dem scharfen Papier.

Kurz nach Mitternacht hat das alte Österreich aufgehört zu existieren.

In den Tagen nach dem Österreich zur Ostmark wurde, beganngen die Ausschreitungen gegen die Juden.

Von einer Minute auf die nächste hatten die Juden keine Rechte und auch keine Heimat mehr.

Der Vater, die Mutter, die Geschwister und auch die Mali mussten auf der Straße knien und den Boden säubern und dabei: Juda verrecke, singen.

Die Wiener nannten das Reibpartien. Ist Deutsch nicht eine schöne, harmlose Sprache?

Die Menschen auf dem Boden, die man von den Fotos kennt, knieten eben auf dem Boden und die Umstehenden lachten. Es waren lustige Tage in Wien.

Die Nazis kamen und durchsuchten die Wohnung und die Ordonnanz des Vater, der Mali.

Mehr weiß ich nicht. Ich weiß nichts über die Tage zwischen dem 11. März und der Deportation der Familie der Mali-Tant. Ich weiß erst wieder, wann der Vater, die Mutter, die Schwiegermutter und die Geschwister abgeholt worden und wo man sie hingebracht hat und wann sie vermutlich gestorben sind, denn bis auf die Mali ist niemand aus der Familie aus den deutschen Todeslagern zurückgekommen.

Mali erzähl mir die Geschichte wo dein Vater ein Äffchen fand. Die Mali erzählt mir die Geschichte.

Mali erzähl mir die Geschichte wo die Mama sich den Saum ihres Hochzeitskleides gekürzt hat. Die Mali erzählt mir die Geschichte.

Mali erzähl mir die Geschichte, wo dein Bruder einmal zehn Kugeln Erdbeereis verschlang. Die Mali erzählt mir die Geschichte.

Mali erzähl mir vom 38er Jahr, aber immer bricht die Mali-Tant an einer Stelle ab.

„Bevor ich sterb, erzähl ich es dir“, sagt die Mali.
„Noch lebe ich ja“, sagt die Mali.

Sie sagt nicht: Noch lebe ich ja immer in Wien und seit ein paar Jahrzehnten auch wieder in der Wohnung in der sie aufwuchs, und in der für viele Jahre, diejenigen lebten, die im 1938er Jahr dort einzogen.

Die Wohnung ist hell und licht.

Ich versuche mir manchmal den Vater der Mali vorzustellen. Ob er wohl ihre Augen hatte? Oder sie seine Nase? Es gibt keine Bilder mehr.

Die Mali lebt noch immer in Wien.

Heute werden in Wien ganz ungerührt antisemitische Lieder in Wien gesungen, keiner stört sich daran.

„Österreich war ein mildes Land“, hat der Dichter Anton Kuh einmal geschrieben.

Er hat sich geirrt der Dichter Anton Kuh.

Sie können in ganz Europa: Du Saujud rufen, es kümmert keinen. Der verdeckte Antisemitismus wird immer offener und auch immer perfider, dass habe auch ich hier gelernt von der schwedischen Dame, deren verleumdende Lügen ich nicht vergesse, aber auch ich sage wie die Mali: Ich muss doch leben.

So haben wir immer gelebt in Europa.

Immer sind die Nasen der Juden angesehen wurden, dabei es sind die Hälse, die sich gleichen, wir schlucken alles hinunter, immer wieder, jeden Tag neu.

Bevor ich sterb, erzähl ich es Dir, sagt die Mali. Aber noch muss ich leben. Ich nicke, die Mali spricht über andere Dinge,die Mali-Tant ist auch Ärztin geworden, die Leute sagten über die Mali-Tant: Eh klar, die Juden behandeln die Tschuschen umsonst, aber wir müssen löhnen. Die Mali-Tant war Kinderärztin. Wenn es bei der Mali-Tant nachts klopft, macht sie die Tür nicht auf. Einmal war es ich, ein verspäteter Zug, ein leeres mobile Phone. Ich rief sie aus der Trafik an und sie machte die Tür auf: „Mädi, es tut mir so leid, ich muss dein Klopfen überhört haben. Aber später, da kam die Mali zu mir ins Zimmer: „Einmal erzähl ich es dir.“ Die Mali saß lange bei mir am Bett und ich legte meinen Kopf in ihren Schoss. Es war dunkel im Zimmer und die Mali schwieg.

2018 können sie in Deutschland, in Österreich und in Europa vieles sein, außer Jude, da stören sie außer als Thema von Gedenkreden nur. Es ist ja alles auch schon so lange her.

Aber an jenem 11. März hat sich unser Blick auf die Welt verändert, unwiederbringlich, in einer einzigen Nacht.

Postscript im Nebel

Am Morgen als der Tierarzt mich von der Klinik abholt, dämmert der Tag schon. Aber über dem Tag liegt dichter Nebel. Alles ist grau. Der dunkelblaue Mantel des Tierarztes ist grau, der rote Volvo ist grau, grau bin auch ich. Aber das ist nicht nur der Nebel.An der Haltestelle vor der Klinik warten zwei Männer auf einen Bus.Sie ziehen die Schultern so hoch es geht, als versteckten sie sich vor dem Nebel. Der Nebel findet auch sie.
Der Nebel verschluckt die Bäume und die Straße vor uns ist grau. Auf den Bäumen sieht man die Krähen nicht, aber man kann sie hören, so früh am Morgen sind die Krähen trotzdem schon wach. Die Krähen sind lauter als sonst, aber vielleicht ist das auch nur das Echo, das sich durch den dichten Nebel schickt. Mit den Krähen kommt das Unheil, aber das sage ich nicht. Der Tierarzt und ich kennen uns aus mit dem Unheil. Wir schweigen über die Krähen, dort auf den Bäumen. Der Tierarzt riecht nach der Kühle der Nacht, nach dem Regen auf seinen Wangen und nach dem Hunger, der Tierarzt riecht nach dem Hunger und auch nach dem Moos, das man manchmal noch findet tief im Wald. Aber heute ist der Wald grau und wir fahren die lange Straße entlang. Es ist ein weiter Weg, am Morgen nach der Nachtschicht ist der Weg besonders lang.

Der Tierarzt fragt nicht. Das wird mir fehlen, die meisten Menschen bohren mit ihren Fragen ungerührt in einem herum, der Tierarzt kann warten. In einem einzigen Haus in der Straße ist schon Licht. Ein gelber Fleck mitten im Nebel. Vielleicht steht dort eine Frau im Fenster und malt sich die Augen nach, vielleicht rasiert sich ein Mann, vielleicht trinkt ein anderer Mann durstig aus dem Wasserhahn, vielleicht sucht eine andere Frau nach einer Kopfschmerztablette. Aber schon verschluckt der Nebel das kleine, gelbe Licht.

„Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen“, sage ich und der Tierarzt sieht mich an. „Nein, sage ich.“ Ich sage nicht: Genickbruch. Das schreibe ich nur auf später, vielleicht schluckt der Nebel auch diesen Satz herunter.

Die Treppe war eine selbstgebaute Treppe.

Die Treppe hat dreiundzwanzig Stufen.

Die Treppe hat kein Geländer.

„Er ist die Treppe doch jede Nacht zwei oder dreimal hinuntergegangen“, sagt die Frau, die jetzt auch eine Witwe ist.

Jede Nacht.

Der Mann schlief auf dem Dachboden schon seit Jahren.

Die Treppe hat er selbst gebaut.

Wir wissen nichts über die Ehen anderer Leute.

Die Frau hat gut geschlafen.

Der Mann fiel und die Frau schlief.

Der Mann hat geschnarcht.

Es war einfacher so.

Sie hat ferngesehen.

Der Mann saß in der Nacht lange am Computer.

Sei sei immer aufgewacht, kam er spät ins Bett.

So sei es besser gewesen.

Auf der Treppe stehen leere Flaschen.

Die Flaschen sind grün.

Die Flachen stehen noch alle. Oder schon wieder.

Es sind viele Flaschen auf der Treppe.

So sei es einfacher gewesen in der Nacht.

Sie seien schon lange verheiratet gewesen.

Der Mann hat die Treppe selbst gebaut.

Dann kommt die Polizei.

Es sind viele Stunden vergangen, nachdem der Mann fiel und die Frau den Notruf wählte.

Die Polizei hat Fragen.

Die Frau zeigt den Polizisten die Treppe.

Die Treppe hat noch immer dreiundzwanzig Stufen.

Die Treppe ist steil.

Auf dem Boden, das Blut, Haare, auf dem Boden liegt auch ein Pantoffel. Der Pantoffel ist kariert. Das ist ein Loch im Schuh denke ich. Warum sehe ich auf das Loch im Pantoffel?

Später sagt die Polizei etwas von Ungereimtheiten.

Es gibt viele Möglichkeiten die Treppe hinunterzufallen.

Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen.

Wir sind lange schon aus der Stadt herausgefahren, nach der nächsten Kurve sieht man das Meer, aber das Meer ist grau, der Nebel hat das Meer verschlungen und der Tierarzt hält nicht an und ich schwimme nicht in das Meer hinein und die Kälte behält die Nacht, sondern wir fahren weiter, im Radio spielt jemand Hammerklavier, die Mondscheinsonate, aber auch den Mond, der sonst am Morgen noch blass ist, hat der Nebel verschluckt. Die Häuser im Unterland sind grau, und grau ist auch der Weg hinauf ins Oberland, der Kirchturm St Sylvester ist nur ein grauer Schatten, aber ich weiß auf den Bäumen im Kirchturm und auf den Bäumen vor dem Haus, da sitzen die Krähen, mit den Krähen kommt das Unheil immer nur näher. Dann sind wir zu Haus. Grau ist das Haus. Grau ist die schwere Gartentür. Ich ziehe mich aus, der Tierarzt macht Tee. Ich stelle die Waschmaschine an, vielleicht nimmt die Waschmaschine die Nacht mit. Ich esse ein Honigbrot. Der Tierarzt sieht mir zu. Ich gehe ins Bad und das Wasser ist warm. Danke, Tierarzt für das warme Wasser und das Schweigen. Der Tierarzt zieht sich aus und ich lege meinen Kopf an seinen Rücken. Wie lernt man das Leben, frage ich ihn, aber der Tierarzt und ich wir haben keine Antwort, nicht auf diese Frage und auch nicht auf viele andere Fragen.

Der Tierarzt bringt Tee und ich ziehe die Vorhänge zu. Die Vorhänge sind blau, auf den Vorhängen spazieren Pfauen umher und Mädchen in rosa Kleidern tanzen. Ich mag die Vorhänge, die Pfauen, die Mädchen, das Zimmer schimmert hellblau und nicht mehr Grau. Der Tee wird nur langsam kalt in den großen Tassen. Der Pullover des Tierarztes in den ich mich wickle ist blau, mein Pullover den der Tierarzt auf sein Kopfkissen legt ist grün, blau und grün schimmert das Zimmer. Die Tassen sind weiß. Draußen vor dem Fenster sitzen die Krähen noch immer in den Bäumen. Die Krähen werden niemals heiser. Wo ist nur die Nachtigall geblieben. Ich weiß nichts über Nachtigallen, über Krähen weiß ich immerhin, dass mit ihnen das Unglück kommt. Das ist schon etwas. Der Tierarzt und ich trinken Tee. Schlaf, sagt der Tierarzt. Meine Hände sind kalt, sage ich. Der Tierarzt nickt. Ich schlafe ein.

Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen, fällt mir ein als ich aufwache später, der Tierarzt hängt die Wäsche auf, der Nebel lehnt sich an die Hauswand. Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen, erinnere ich mich. Was ist das nur für ein Satz.

Wie mein Vater einmal am Internationalen Frauentag die Zukunft des Sozialismus malte, aber das auch wieder nicht recht war.

Mein Vater konnte gut zeichnen, als er ein Kind war.

Meine Großmutter suchte einen Zeichenlehrer für ihn. Herr K. war ein Trinker und malte Kulissen für das Stadttheater. Er sah sich gern bereit meinen Vater in die Geheimnisse des Zeichnens einzuweihen.

Herr K. hatte eine Sammlung mit Heften von vor dem letzten Krieg. Die Hefte zeigten Frauen bei eindeutigen Handlungen. Mein Vater besah sich die Hefte, aber keine der Frauen so befand er, konnte mit der schönen Chemielehrerin mithalten, die neu an die Schule gekommen war.

Herr K. trank blaue Schnäpse, mein Vater fragte seine Mutter nach Josephine Baker. Meine Großmutter lobte den Musikgeschmack meines Vaters.

Der Zeichenlehrer des Gymnasiums ließ die Schüler Blumensträuße malen. Mein Vater malte den schönsten Blumenstrauß. Der Kunstlehrer war beeindruckt. Weniger beeindruckt war der Kunstlehrer davon, dass mein Vater nicht bei der FDJ war.

„Am nächsten Frauentag könne er sich als aufrechter Bürger der Deutschen Demokratischen Republik beweisen“, sagte der Kunstlehrer. Mein Vater nickte. Er wollte sich vor allem gern vor der Chemielehrerin beweisen. Die Chemielehrerin war Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.

Der Kunstlehrer sprach von einem Plakat auf dem die starken Frauen des Sozialismus zu sehen wären. Traktoristinnen, Melkerinnen, Fabrikarbeiterinnen. Die Frauen seien die Zukunft des Sozialismus sagte der Kunstlehrer. Seine Frau arbeitete nicht. Sie blieb mit den Kindern zu Hause. Darüber wollte der Kunstlehrer nicht reden. Der Kunstlehrer sprach lange über die Rolle der Frau und die Entwicklung des Marxismus-Leninismus.

Mein Vater nickte.

Zuhause fragte er seine Mutter: „Was macht den Internationalen Frauentag aus?“, fragte er sie. Meine Großmutter sagte: Am Internationalen Frauentag trinken die Männer Schnäpse und die Frauen bekommen warme Worte bevor sie wieder an die Arbeit gehen.“

Mein Vater nickte.

Dann fragte er seinen Vater: „Was macht den Internationalen Frauentag aus?“ Mein Großvater sagte jeder Tag sei Frauentag und es sei eine Schande einer Frau Nelken zu schenken.

Mein Vater nickte.

Dann malte mein Vater ein Bild.

Der Traktor war am schwierigsten, auch deshalb weil mein Vater sich damals wie heute nicht für technische Dinge interessierte und die Bilder, die der Kunstlehrer ihm zur Verfügung gestellt hatte, waren zudem schwarz-weiß und nicht besonders deutlich. Traktoristin bei der Ernte am Donbass, Dreherin an der Werkbank in der VEB Chemnitz, derlei Bilder waren in den Broschüren zu sehen. Mein Vater probierte lange am Traktor herum, bis es endlich klappte.

Mein Vater malte eine Frau, die Frau saß rittlings auf dem Traktor. Sie hatte die Beine von Josephine Baker, sie machte einen Mund wie Hedy Lamarr. In den Händen hielt sie eine riesige Sahnetorte. Auf der Sahnetorte war eine Kirsche. Die Frau trug einen Rock. Der Rock war sehr kurz. Der Rock ähnelte auffällig jenem Rock, den die Chemielehrerin im Sommer trug. Auf dem Rock waren Kirschen. Die Frau trug einen Zylinder auf dem Kopf wie Marlene Dietrich einstmals einen trug. Die Frau hatte einen blonden Bubikopf, nicht unähnlich jener Traktoristin vom Donbass in der Broschüre des Kunstlehrers. Die Frau auf dem Traktor hatte ein berauschendes Lächeln.

Im Hintergrund des Bildes standen Männer mit erhobenen Flaschen. Sie waren sichtlich angetrunken. Die Flaschen wie auch der Traktor waren grün. Zukunft hatte mein Vater auf den Traktor geschrieben. Die Frau lächelte genau so wie die Chemielehrerin, wenn sie sagte: Wasserstoffperoxid.

Mein Vater konnte gut zeichnen. Mein Vater war sehr gut in Chemie.

Vor dem Traktor kniete ein Mann im Anzug. Er hielt einen Strauß roter Rosen in der Hand und lächelte zerknirscht. Auf dem Boden lagen lauter rote Nelken.

„Süßer wird der Sozialismus nie“, schrieb mein Vater unter das Plakat. Internationaler Frauentag 19XX.

Mein Vater hatte jede Nacht gemalt, um das Plakat rechtzeitig fertigzustellen.

Am Internationalen Frauentag hielt der Direktor des Gymnasiums eine Rede.

Frauen und Zukunft kam darin vor und öfter noch Frauen und die siegreiche Arbeiterklasse und Frauen und Sozialismus und heroische Zukunft, aber mein Vater sah aufgeregt zur Chemielehrerin herüber.

Dann war der Direktor endlich fertig mit seiner Rede. Der Direktor redete fast so lange wie der Direktor der Poliklinik. Eine Frau redete nicht.

Aktivisten der sozialistischen Arbeit des weiblichen Lehrerkollekivs wurden ausgezeichnet. Sie bekamen Nelken, eine Medaille, und ein Präsent.

Der Schulchor sang ein Lied und dann noch ein zweites Lied.

Der Direktor räusperte sich schließlich. Der Kunstlehrer blickte stolz nach vorn.

Der Direktor sagte: Der Schüler R. aus der Klasse 11c. präsentiert sein Plakat zum Internationalen Frauentag.

Mein Vater kam auf die Bühne.

Mein Vater sah zur Chemielehrerin, ob sie auch wirklich guckte.

Mein Vater entrollte sein Plakat.

Die Schüler kicherten.Manche Schüler machten eindeutige Handbewegungen.

Das Lehrekollektiv schwieg. Das Lehrerkollektiv schwieg geschlossen.

Der Direktor trat vor das Plakat.

Der Direktor schnappte nacht Luft.

Der Direktor schrie: Es ist eine Schande. Was für ein Schmutz!

Was bist du nur für ein Schmierfink?

Der Schüler R. befleckt die sozialistische Ordnung.

Der Schüler R. verhöhnt die Anstrengungen aller Werktätigen.

Der Schüler R. beschmutzt die Ehre der sozialistischen Frau und Mutter.

Der Schüler R. ist eine Schande für den Sozialismus.

Der Direktor bestellte meine Großmutter ein.

Meine Großmutter hatte an dem Plakat nichts auszusetzen.

„Traktoristin sei kein schlechter Beruf“, sagte meine Großmutter.

Der Direktor schrie: „Er lasse sich doch nicht für dumm verkaufen.“

Mein Vater wurde der sozialistischen Erziehung nicht für würdig empfunden. Er musste das Gymnasium verlassen. Meine Großmutter besorgte ihm eine Stelle bei der Post und meinem Vater, der gut zeichnen konnte, eröffneten sich ganz neue Vertriebswege für den von ihm gezeichneten Comic. Die Heldin hieß Johanna Kirsche. Johanna Kirsche war eigentlich Chemikerin, hatte einen zahmen Tiger und betrieb mit ihrer Mutter einen Nachtclub: Cherry on Top. Ihr Gegenspieler war Professor Apfel, er sah dem Direktor des Gymnasiums nicht ganz unähnlich.

Zwei Jahre später aber floh mein Vater aus der DDR, aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Das Plakat aber gelangte auf welchem Weg auch immer in die Hände des Buchhändlers der kleinen Stadt und man erzählt sich, dass jener gegen die Zahlung eines Handgeldes in unbestimmter Höhe Stammkunden einen Blick auf den süßen Sozialismus werfen ließ. Aber man erzählt sich viel in kleinen Städten und wo das Plakat heue ist, weiß niemand so ganz genau.

Der tropfende Hahn.

Wir werden alle sterben“, ruft die Frau des Krämers mir zu.

„Das ist der Lauf der Dinge, Frau des Krämers“, rufe ich zurück.

„Das ist nicht witzig“, sagt die Frau des Krämers und stemmt beide Arme in ihre Hüften.

„Aber wahr“, sage ich. In meinen Händen halte ich Vanillezucker, Mehl und eine Dose eingelegter Pfirsiche. ( Ich liebe eingelegte Pfirsiche. ) Außerdem schafft der Tierarzt manchmal ein eingelegtes Pfirsichdrittel.

„Ihnen kann es ja egal sein“, schnarrt die Frau des Krämers.

„Gegen den Tod kommt man nicht an,Frau des Krämers“ erwidere ich und stelle den ersten Teil meiner Einkäufe auf den Tresen bevor ich mich auf die Suche nach Blockschokolade mache, denn es gilt für den sich angesagten Besuch einen Kuchen zu richten.

„Aber doch nicht so!“, blökt die Frau des Krämers ganz genau wie Kälbchen, wenn er findet das könne doch nicht alles an Möhren gewesen sein.

„Wie wird er Sie denn ereilen?“, frage ich ein bisschen listig, denn ich ahne schon was gleich kommt.

Das ist alles nur die Schuld dieses Konzerns, ranzt die Frau des Krämers und hebt die Hände zum Himmel. Sie meint Irish Water.

„Das ist keine Firma sondern ein Saufhaufen, richtige Schranzen sind das die in Dublin in den Büros sitzen, während wir verdursten, früher hätte es das nicht gegeben, alle entlassen, alle entlassen, this company is a disgrace for our country, putting us all to shame“, ich suche derweil noch nach Palmin, Öl und Erdnüssen. Denn wenn die Frau des Krämers erst einmal anfängt mir erhobenen Händen auf die „da oben“ zu schimpfen hat es keinen Sinn sie zu unterbrechen, die Frau des Krämers hat das Talent aller Klageweiber ( die Männer sind hier mitgemeint ) in unendlichen Wiederholungen Schmähungen gegen G*tt, die Welt und irgendwie immer auch mich vorzubringen.

Der Anlass ihrer großen Schmähung ist eine Ankündigung  von Irish Water. Der irische Wasserversorger hat nämlich angekündigt, dass in den nächsten Tagen im Großraum Dublin der Wasserdruck verringert wird, Wasser zeitweise abgestellt wird und überhaupt und sowieso sind die Haushalte zum Wassersparen angehalten. Die Ursache liegt am strengen Frost der letzten Tage, viele Wasserrohre sind beschädigt oder geplatzt und müssen repariert werden. Die Wasserreservoirs sind erschöpft und so kommt aus dem Hahn, den die Frau des Krämers empört vor mir aufdreht nur ein dünnes Rinnsal statt eines satten Strahls. Die Frau des Krämers ruft: E-S I-S-T Empörend.

Aber ich denke nicht so sehr an den tropfenden Wasserhahn, sondern an den Sommer von vor zwei Jahren. Da war die Frau des Krämers schon einmal oder einmal mehr E-M-P-Ö-R-T. Damals versuchte die Regierung „water charges“ einzuführen. Jeder Haushalt sollte eine monatliche Gebühr an Irish Water entrichten,  Wasseruhren sollten eingebaut werden, nicht nur um den Verbrauch zu messen, sondern auch um Lecks schneller zu finden, vor allem aber sollte in die Erneuerung des Wassersystems investiert werden.

Die Frau des Krämers schrie Zeter und Mordio: „Kommunismus!“, „Bananenrepublik“,

Aber am lautesten schrie sie: „Ich zahle keinen Cent. Sie druckte Waschzettel, die sie ins Fenster des Ladens hängte und auf denen stand: I AM NOT PAYING und diese Zettel verteilte sie im Dorf, stritt mit dem Priester, der sich weigerte solch einen Zettel an die Kirchentür zu hängen. I AM NOT PAYING an eine katholischen Kirche hätte ja auch schon fats eine protestantische Note und als ich eines Sommermorgens in den Laden kam, um Milch einzuholen, da hielt mir die Frau des Krämers auch solch einen Zettel hin. „Oh sagte ich, da verschwenden Sie Zeit und Mühe, ich zahle schon Wassergebühren.“ Die Frau des Krämers sah mich an, als hätte ich ihr mitgeteilt, dass der Tierarzt und ich in Vegas geheiratet hätten und erst nach zwei Minuten angestrengten Atem Holens hatte sie wieder genug Luft um mich als Verräter zu beschimpfen. „Aber“ schrie sie damals „ sie habe es gleich gewusst mit den Ausländern gibt es immer nur Ärger.“ Damals sagte ich, wie teuer Wasser in Israel ist und wie viel Wassergebühren man in Deutschland zahlt, aber die Frau des Krämers war ja schon bei „Die Ausländer sind schuld“ angekommen.

Eines Samstag Morgens fuhr die Frau des Krämers mit anderen Empörten in einem Bus nach Dublin, um dort gegen die Wassergebühren zu demonstrieren. I am not paying for rain schrieb sie auf das Schild und als ich sie fragte, ob sie sich mit Wasser aus der Regentonne die Zähne putzte, hielt nur die Anwesenheit des Tierarzts die Frau des Krämers davon ab, mich zu würgen. Der Tierarzt, der damals noch zwei Dörfer weiter entfernt lebte zahlte, der Priester zahlte und ich zahlte auch. Aber die meisten Menschen protestierten und zahlten nicht.

Die Frau des Krämers lachte hämisch und sagte: „Sie werden schon sehen“, nur die Dummen zahlen.

„Dumm, vielleicht schon, Frau des Krämers sagte ich, aber noch dümmer ist es wenn das Wassernetz nicht erneuert und repariert wird, noch dümmer ist es, wenn in die Wasserversorgung nicht investiert wird, am dümmsten ist, es am Grundlegendsten zu sparen.

Die Frau des Krämers wollte nichts davon hören. „Wasser ist ein g*ttgegebenes Recht“ fluchte sie und ich sagte: „G*tt steht aber nicht in ihrem Garten und leert die Kloake.“ Die Frau des Krämers empörte sich und ich ging müde ins Oberland zurück.

Und wirklich die Frau des Krämers hat Recht behalten, die Water charges wurden zurückgenommen und irgendwann flatterte ein Scheck ins Haus, der die gezahlten Gebühren zurückerstattete. Ich dachte erst das sei ein Scherz. Dann überwies ich das Geld nach Indien. Dort ist Wasser noch viel teurer als in Israel oder Deutschland.

Die Frau des Krämers triumphierte. Oh, wie die Frau des Krämers triumphierte. Sie und ihre Mitstreiter seien die Retter der Insel, das Volk habe gesprochen und das gute Irland verteidigt, während Menschen wie ich, denen das Duckmäusertum auf die Stirn geschrieben stehe, einmal richtig abgewatscht worden sein. Die Frau des Krämers ist zufrieden mit der Welt, und dem Wasser, das aus reinen Protestgründen aus dem Hahn läuft. Kostet ja nichts.

Die Frau des Krämers beließ den Zettel: „I am not paying“ im Fenster. Sie stand auf der richtigen Seite der Geschichte und Irish Water investierte nichts in die Sanierung und Verbesserung der Leitungen, sondern verwaltete einen Mangel, wie so viele Mängel in Irland einfach verwaltet werden und die Frau des Krämers ließ den Hahn laufen, so wie sie es eben wollte, denn sie verwaltet ja nur ein g*ttgegebenes Recht.

Aber gestern da beschwerte die Frau des Krämers sich über das marode System, die fehlenden Investitionen, die ein disgrace sein für the whole country und währenddessen tropfte der Wasserhahn traurig vor sich hin.

Ja, sage ich, Frau des Krämers ist es nicht merkwürdig, dass immer wenn man glaubt man habe schon gewonnen, am Ende alle verlieren?

Die Frau des Krämers starrt mich trotzig an. „Was wissen Sie schon, Sie Ausländer?“

„Dass am Ende alle zahlen, Frau des Krämers, so oder so“ sage ich, „wenn das Gemeinwohl nicht auch zu den Dingen zählt, die bewahrt werden sollen“ und dann sage ich, „das ist alles für heute“ und lege ein Stück Parmesan zu den anderen Dingen dazu.

Die Frau des Krämers aber schweigt und der Wasserhahn tropft.

Woanders ist es auch schön

Die großartige Donnerbella ver-misst ihren Vater und ja diesen Text kann man gar nicht oft genug empfehlen und auf jeden Fall muss man ihn immer wieder lesen.

Es gibt Texte, die werden niemals alt. Via e13 Kiki

Eines dieser Blogs , die das Internet immer noch und immer wieder zu einem guten Ort machen.

Katrin Scheib über einen roten Koffer, Aeroflot und die Sache mit dem Shetlandpony.

So viel Licht und so viel Herz in einem Text.

An mir sind die Oscars völlig spurlos vorbeigegangen, aber ich kann hierüber so sehr lachen, dass es mich schüttelt . Wahre Cineasten haben ohnehin seit jeher schon ihren Kopf über mich geschüttelt.

Bekanntlich bin ich ja der altmodischste Mensch der Welt und wüsste gar nicht, wie man Essen ins Haus bestellt, aber abgesehen von einer prinzipiellen Abneigung dies zu tun, sind die Realitäten der Lieferdienste entsetzlich.

Emil entziffert Handschriften und ich erinnere mich noch mit Schaudern an die schreckliche Handschrift eines Sekretärs aus den 1630er Jahren,mit der ich mich für Wochen plagte und die aussah als hätte jemand Tintenkleckse auf das Papier geniest.

„Tierarzt, rufe ich was singst für die Pinguine?“ Der Tierarzt zögert nicht einmal für dreißig Sekunden, sondern ruft:“ Ellie Ingram , denn dazu wippen auch die Löwen auf ihren Tatzen.“ So sei es.

Vom Wunsch einmal eine Dänin zu sein.

Die Wetterkapriolen über Irland aber haben dazu geführt, dass zwei Flüge gestrichen wurden, die Lufthansa ist lange schon überbucht und so bekniete ich eine SAS-Dame am Telefon, mir doch einen Platz in einer Maschine zu verschaffen, die via Kopenhagen nach Dublin fliegt. Die SAS-Dame knickte schließlich ein, in den nördlichen Ländern kennt man sich mit sturen Shetland Ponies aus und so verbrachte ich zwei Stunden auf dem dänischen Flughafen, besah mir die Mitreisenden und als ich dann endlich in Dublin eintraf und den Tierarzt erspähte, der sich hinter einer Palme versteckte, da war mir alles klar.

„Man müsste Däne sein, Tierarzt, sage ich also, als wir langsam und vorsichtig auf vereisten Wegen dem Dorf entgegenschaukeln. „Däne?“, fragt der Tierarzt und bremst an einer Ampel. „Däne“, sage ich. „Wäre ich Däne, dann lebte ich in einem blauen Holzhaus auf dem Land, aber vor allem hätte ich sommerblondes Haar, wie alle Frauen die mit mir in Terminal C auf einen Weiterflug warteten. Alle Frauen waren zu dem groß gewachsen und mit Abstand die Allerkleinste war ich, das kommt bestimmt weil die dänische Frau jeden Morgen ein Glas frischer schäumender Milch trinkt, direkt vom Euter ins Glas sozusagen, denn fahre ich fort im Garten hinter dem blauen Holzhaus stünde eine Ziege mit Namen Margarethe, die so lange Milch gäbe bis auch ich 1,86 m groß wäre.“

„Die Däninnen aber haben nicht nur herrlich blondes Haar, sondern auch große, feste Zähne und als neben mir eine Dänin in einen Apfel beißt kracht der Apfel, als fiele eine Tür ins Schloss. Solche Zähne hat man in Dänemark.“ Der Tierarzt erschauert, aber vielleicht ist ihm einfach auch nur kalt. Jedenfalls hätte auch ich gern dänische Zähne, seufze ich. Das kommt bestimmt von den guten Heringen, die man in Dänemark schon den kleinen Kindern gibt. Sieben Kinder hätte ich in dem blauen Holzhaus irgendwo in den Dünen. Sie hießen Lasse, Nisse, Tysse, Lotte, Totte, Jette und Mette und Sonntag Nachmittags sprängen sie vom Meer an den Tisch und tauchten einen Keks in ein Glas frische Milch, schlängen einen grünen Hering und einen Kanten Brot hinunter und wären schon wieder nach draußen verschwunden.“
Der Tierarzt schweigt betreten und krächzt: „Sieben Kinder?“ „Gewiss“, sage ich stell dir nur vor, wie sie alle im Kreis auf Kälbchen ritten, Kälbchen hieße natürlich nicht Kälbchen sondern Kølbchen.“ Der Tierarzt schweigt. „Weißt Du die dänischen Kinder scheinen mir ein sehr gelassenes Gemüt zu haben, denn auf dem Terminal C. da trat ein Mädchen ihrem Bruder mit seiner ganzen vierjährigen Gemeinheit auf den Fuß und der Bube zuckte nur mit der Wimper während die Mutter einmal scharf über den Rand ihrer Brille sah und schon entschuldigte sich das Mädchen. Wortlos, Tierarzt, kannst Du Dir das vorstellen?“

Der Tierarzt ächzt Undeutliches. „Überhaupt sage ich Tierarzt, wäre ich Däne, dann wäre auch ich ein gefestigter Mensch mit starken Prinzipien, Milch am Morgen und Hering am Abend, meine Zimtschnecken wären keine Monstrositäten, sondern schrien Hygge auf einem bunten Teller, der natürlich nirgendwo angeschlagen wäre. Überhaupt der Däne in seiner ganzen Weltfestigkeit ist nicht ständig mit Peinlichkeiten beladen, so wie ich es bin. Eine Dänin in einem hellblauen Leinenkleid nämlich, zog ein Kopfkissen ( auch jenes war hellblau ) aus ihrer Tasche heraus und legte sich in Ecke des Terminals schlafen. Es hatte etwas derartig natürlich-angemessenes, dass jeder sich fragte, wie man kein Kopfkissen dabeihaben könnte, um etwas zu ruhen. Da die Dänen anders als die Berliner auch nicht krakeelen sondern still sitzen und wispernd miteinander sprechen ( nur manchmal wird diese Stille von einem Kiefer, der einen Apfel zermahlt durchbrochen) kann man auch auf einem Flughafen himmlische Ruhe finden.“ Selbst Konflikte lösen die Dänen auf eine Art, wie es mir niemals gegeben wäre, denn als ich meinen Pass zeigen muss, steht vor mir ein Pärchen, in einem der typischen Pärchenzwistigkeiten um verlegte Schlüssel, eine verlorene Uhr oder etwas in der Art und eine zu späte Abfahrt, aber er klopft ihr auf die Schulter wie einem guten Wallach und so aufgerichtet, zieht sie einen Wollpullover über und Hand in Hand legen sie die Pässe vor. Ist das nicht erstaunlich, Tierarzt?“, sage ich. Der Tierarzt murmelt: „Immerhin habe ich niemals eine Frau wie einen tumben Haflinger behandelt.“ Aber das ignoriere ich geflissentlich. „Überhaupt Dänisch, sage ich ist eine ganz und gar formidable Sprache, wenn ich auch kein Wort verstehe, so hat das Dänische etwas als gurgle man auf Deutsch, ein frisch-gluckernder Gebirgsbach, so klänge Dänisch und der Däne an sich, sei auch nicht so schwatzhaft wie ich es leider bin, sondern wäge seine Worte, bevor er da bin ich mir sicher bedeutungsschwere Dinge zur Lage der Welt erkläre. Der Tierarzt aber ist nun deutlich empört. „Deutsch schönste Sprache, aber Hallöchen!“

Dann schaukeln wir durch das Unterland. „Was wäre eigentlich mit mir in deinem dänischen Leben?“, fragt der Tierarzt schließlich. „Ach, sage ich keine Sorge, Du wärst Birger Birgersson und Zahnarzt in Kopenhagen. Einen roten Volvo hättest du aber nicht mehr, sage ich, sondern die Dänen sind ja alle furchtbar gesund, ein Rad mit Solarpaneelen und strammen Wadeln vom Radfahren im dänischen Wind. Am Wochenende aber ruderten wir auf der See und einmal im Jahr käme die Lokalpresse vorbei um den großen Fisch zu fotografieren, den der ungeheuer geduldige Zahnarzt Birger Birgersson und seine sieben Kinder jedes Jahr auf ein Neues erangelte. Am Abend würdest Du Rentierfleisch salzen und tränkest einen kurzen Aquavit. „Du weißt nichts über Aquavit Mädchen, hustet der Tierarzt und sagt: Ich möchte dich erinnern, dass Du auf einer Gesellschaft einmal eine Eierlikörpraline ausgespuckt hast. Etwas indigniert sehe ich zu ihm herüber. „Ausgespuckt?“ Ich habe das widerliche Ding in ein Taschentuch getan und dir in die Hosentasche geschoben. Der Tierarzt nickt und dann habe ich den ganzen Abend mit einer geschmolzenen Eierlikörpraline in meiner Hosentasche verbracht und das weiße Kleid einer entzückenden Dame verschmutzt.“ Aber so schnell bin ich nicht bereit nachzugeben. „Birger Birgersson“ zische ich, hätte so etwas noch am selben Abend großzügig vergessen. Aber der Tierarzt grunzt böse: „Birgersson, wäre so blau gewesen, dass er die Namen seiner Kinder vergessen hätte.“ Dann schweigen wir beide sehr dänisch vor uns hin.

Der Tierarzt schließlich bremst scharf und hält vor dem kleinen, windschiefen Haus irgendwo in einen kleinen irischen Dorf. „Birger Birgersson würde ich es schon zeigen“, knurrt er und fügt finster hinzu: „Hygge, Hygge“, aber es klingt ganz und gar nicht so einladend, gemütlich oder nach warmen Blaubeerkuchen mit Schlagsahne wie ihn Birger Birgersson, seine Frau, die sieben Kinder und die Ziege Margarethe im blauen Haus in den Dünen Dänemarks am Sonntagnachmittag zu verzehren pflegen, um hernach mit Kølbchen in den Sonnenuntergang zu reiten.

Die Datenautobahn für das Gesundheitswesen und die kleine Praxis der lieben C.

Ich kenne niemanden der so gelassen und heiter mit dem Unbill umgeht, die ein Leben so mit sich bringt wie meine liebe C. Das Ungeschick meines Vater, der Weihnachten sein Schlüsselbund verlegte und es genau zwei Tage wiederfand nachdem sie alle Schlösser hat auswechseln lassen, kommentierte sie mit einem kurzen Nicken und der Feststellung sie sei froh, dass er sich kein Bein gebrochen habe. Die liebe C. ist von unendlicher Geduld mit den drei Grazien ihrer Praxis, und dem ewig schussligen Apotheker und auch für den absoluten Alptraumpatienten den es in jeder Praxis gibt, hat die liebe C. ein gutes Wort. Ganz zu schweigen von ihrer unablässigen Geduld mit den Kapriolen, die Schwesterchen und ich jahrein und jahraus veranstalten. Als meine Schwester einen Mann heiratete, den sie dreizehn Tage kannte, schloss die kleine Stadt Wetten ab, wie die Frau Doktor diesen Hasardeur wohl vertreiben würde. Die liebe C. aber schmückte den Garten, suchte mit Schwesterchen ein Kleid und gerührter als sie war niemand als Schwesterchen auf den Marktplatz trat und rief: Ich habe Ja gesagt. Schwesterchen ist mit jenem Mann noch immer verheiratet und strahlt noch immer so wie am Tag als sie ihn ihrer Mutter vorgestellt hat. Die Wetteinsätze, dass die liebe C. ihren Schwager mit dem Besenstiel vertreiben würde, sind sehr hoch gewesen.
Aber auch meine ständigen Dramen nimmt die liebe C. mit ihrer ganz eigenen Gelassenheit hin und noch niemals hat sie den Kopf geschüttelt und gesagt: „Nun lass mich doch endlich in Frieden mit Indien, Aufklärung, Liebeskatastrophen und deinem ewigen: Was soll nur werden.“ Verdenken könnte ich es nicht und dennoch, meine liebe C. erträgt sogar meine endlosen Ausführungen über Mies van der Rohe in Brünn und Harry Graf Kesslers irische Mutter. Mein Vater ist über diese Abhandlungen schon eingeschlafen, aber die liebe C. nickt und läuft noch lächelnd in ihr Verderben, denn sie sagt: „Lass uns doch bald einmal nach Weimar fahren.“ Dabei ist es kreuzgefährlich mit mir zu verreisen, denn ich stehe für Stunden in Museen und noch viel länger vor allen Häusern in denen Harry Graf Kessler einmal dinierte.
Und so erschrecke ich mich doch sehr, um nicht zu sagen über alle Maßen als ich die liebe C. anrufe und sage: Süße, alles gut bei Dir?“ und am anderen Ende knurrt die verehrte Frau meines Vaters. Die liebe C. knurrt nie. Doch einmal, habe ich sie knurren hören, da war die Hebamme vom Dienst betrunken, aber das ist eine andere Geschichte. Die liebe C. knurrt und ich frage noch einmal sehr vorsichtig nach, ob sie in Ordnung sei. Die liebe C. seufzte so tief, dass mir das Herz ganz schwer wird.

 
„Es war ein schrecklicher Tag“ sagt sie und das sagt die liebe C. nie einfach so. Das Monster ist da. „Oy“, sage ich und dann seufzt meine liebe C. noch einmal. Das Monster heißt Telematik-Infrastruktur und wenn sie eine Arztpraxis haben, so ist nun Gesetz, dann müssen sie ein solches Gerät in die Praxis einbauen lassen. Das Monster hat 4000 Euro gekostet und es ist ganz egal, dass die liebe C. in einem Jahr die Praxis zusperrt. Denn die liebe C. hat seitdem sie 16 ist, gearbeitet, gearbeitet und gearbeitet. Aber Gesetz ist Gesetz und so hat die liebe C. natürlich 4000 investiert und 500 Euro in einen Heilkundeausweis, denn wie alle Welt weiß, die Ärzte haben es ja und am Freitag kam ein zertifizierter Techniker, der der lieben C. lange Vorträge hielt, über ihre Verantwortung, aber vor allem über die Strafgebühren die fällig werden wenn man statt x doch y macht. Aber die liebe C. hat ja eine laufende Praxis und die Praxis ist immer voll und für Vorträge über x und y hat die liebe C. nicht so Recht Zeit.
Es hat schon genug Zeit gekostet, die Praxis umzuräumen, denn die telematic Infrastruktur kann nicht einfach irgendwo stehen, sondern die liebe C. musste einen Schrank ( abschliessbar) einbauen lassen, der Schrank konnte nicht frei stehen, sondern musste anbgebohrt werden. Die liebe C. mein Vater und der Handwerker des Vertrauens verbrachten ein Wochenende damit die Praxis um das Telematik Infrastrukturgerät herum neu zu organisieren, denn die Praxis ist nun einmal eine Praxis und wird auch von Vorträgen weder höher, noch kleiner, oder gar breiter. Der Techniker am Freitag kam zwei Stunden zu spät und nach zwei Stunden in dem der Techniker am Telematik Infrastrukturgerät, Kabeln und dem Schranktresor fummelte, ging das Gerät noch immer nicht. Der Techniker fluchte, die liebe C. verbat sich Flüche und zeigte auf die Uhr: „In einer Stunde begönne ich mit den Hausbesuchen“ sagte sie. Der Techniker fluchte noch einmal und die liebe C. knallte die linke Augenbraue hoch, wer einmal die liebe C, gesehen hat, wie sie ihre Augenbraue nach oben zieht, der wird dies niemals vergessen. Nach einer Stunde erkannte das Telematik Monster jede dritte Karte, dann fiel es aus. „Was sie jetzt machen solle?“, fragte die liebe C. den Techniker, der zuckte mit den Schultern. „Das hätten sie ihm auf dem Telematic Lehrgang nicht erklärt.“ Die liebe C. zeigte auf seinen Schild, welches ihn als zertifizierten Techniker auswies und zog noch einmal ihre Augenbraue nach oben. Da schrie der Techniker schon, dass er doch auch nichts dafür könne, dass das Scheißding die Karten nicht einlesen könne und das sie sich schon mal auf saftige Rechnung freuen könne.“ „Das seien Überstunden.“
Die liebe C. informierte den Techniker darüber, dass sie immer noch selbst entscheiden würde, worüber sie sich freute. Der Techniker verschwand unter dem Schreibtisch, die liebe C. begann ihre Hausbesuche. Das Ergebnis blieb dasselbe. Das Telematik Infrastrukturgerät für 4000 Euro funktioniert nur bei jeder dritten Karte. Aber sagt die liebe C. es ist gar nicht das Geld oder die Technik, nicht einmal die Tatsache, dass es keine Mitsprachemöglichkeit gibt oder der vermaleidete Schrank.

Aber die schlichte Tatsache, dass man als Arzt jetzt freier Mitarbeiter der Krankenkassen sei, denn deren Interessen bedient das Telematik Monster. Die liebe C. am Hörer schüttelt den Kopf. „Weißt Du, es ist die völlige Verweigerung darüber nachzudenken, wie eine Praxis wie diese funktioneirt.“ Und ich denke wie die liebe C. an alle Patienten, die im Telematik-Digitalisierungswunder gar nicht vorkommen, denn das neue Gerät, akzeptiert nur neue Karten. Aber die kleine Praxis hat nicht nur Patienten, wie in der Krankenkassenwerbung jung, dynamisch, progressiv sind, sondern sehr viele Patienten, die durch viele Raster fallen, die unsere Gesellschaft so hat.

Die liebe C. behandelt nämlich auch die, die gar keine Karte haben, den gescheiterten Unternehmer, dem die Beiträge für die private Versicherung über den Kopf wuchs, wie auch den Obdachlosen Mann von der Straße und das sind bei ihr niemals Einzelfälle, sondern sehr, sehr Viele und dann all diejenigen, die eine alte Karte haben oder die gar nicht wissen, welche Karte denn nun die richtige ist und die in die Praxis kommen, nicht nur wegen einer Impfung oder eines EKGs sondern weil Frau Doktor auch einen Blick auf komplizierte Schreiben der Krankenkasse, des Arbeitsamts und oder des Gerichtsvollziehers wirft und dann auch anruft und Hilfe organisiert. Ich erinnere mich noch wie die liebe C. und ich damals als die Flüchtlinge in die Stadt kamen, zwei Wochen am Stück nicht nur untersucht und übersetzt haben, sondern darum gekämpft haben, dass es für die Menschen irgendwann einmal auch eine Krankenkasse gäbe, die sie aufnimmt.
Aber das hat lange gedauert und war unendlich mühsam und wie so oft hat die liebe C. eben ganz selbstverständlich behandelt, sich gekümmert, wie sie sich seit Jahr und Tag darum müht, dass die Praxis ein Ort ist, an dem sich gekümmert wird: um die Studentin aus Kolumbien, deren Karte das Telematik Lesegerät niemals erkennen wird und deren Sohn auf dem Praxissofa geboren wurde, um den Mann aus Polen, der für die Leute der Stadt die Gärten richtet, und den ein Baum traf, um die Rumänen, die in der Fabrik schaffen und die Frauen aus Osteuropa, die auf den Feldern ernten und von denen eine böse Blutvergiftung und noch mehr Angst vor dem Krankenhaus hatte, die alte Rentnerin mit den offenen Beinen, die jeden Tag zur lieben C. in die Praxis kommt für einen neuen Verband, vor allem aber für all die, die in die Praxis kommen und sagen: „Nächstes Mal denke ich an die Karte.“

Alles Menschen, alles keine Telematik Kunden. Aber natürlich klingt das langweilig, banal und keineswegs nach der Praxis des 21. Jahrhunderts von dem Gesundheitspolitiker und Krankenkassen träumen, die niemals Patienten treffen, die mit einem zerknitterten Brief in der Hosentasche vor der lieben C. stehen und sagen: „Frau Doktor würden Sie wohl?“, weil sie nicht lesen können oder weil die Welt so kompliziert geworden ist und die Ungeduld so groß auch auf jene zu warten, für die eine Sprechstunde via ipad nach dem Grauen klingt und nicht nach einem Versprechen. Dort wo jetzt der Telematik Tresor steht, stand immer ein Schränkchen mit Tee, Wasser und einer Obstschale für die Patienten. „Atmen Sie erst mal durch“, ist der Satz den die liebe C. am häufigsten sagt, die Patienten wunderten sich: „Frau Doktor, Sie räumen ja um.“ Frau Doktor nickte und zeigte auf die neue Tee-Ecke.“ Machen Sie sich keine Sorgen, sagte die liebe C. „wir bekommen das schon hin.“

„Ein Jahr mit dem Monster werde ich auch noch überstehen“, sagt sie und schüttelt den Kopf, aber auch wenn sie lächelt am Telefon, denn die liebe C. der gelassenste Mensch der Welt, die niemals lange den Kopf unter Wasser hält, weiß ich doch, das es wieder ein Jahr wird, in dem fast alles schwieriger und komplizierter wird und am Ende und das wissen wir beide, bezahlt nicht sie den Preis für das Telematik Infrastrukturgerät, sondern all jene, die auf der „Datenautobahn für das Gesundheitswesen“ lange schon abgehängt sind.

Am Montag kommt der Techniker wieder.

Eisläufer viele Jahre nach Pieter Breughel

Ein sonniger Nachmittag ist es, trotz der klirrenden Kälte und der Mantel ist wattiert und dunkelblau und der Schal ist lila und ich kann ihn mir zweimal um den Hals wickeln und dann stehe ich am See, in dem ich das ganze Jahr schwimme. Aber jetzt ziehe ich die dicken gefütterten Stiefel nicht aus, sondern stehe am Rand des Wassers und da ist das Eis. Ein sonniger Freitagnachmittag ist es und dann ist mir als kippt die Welt ein bisschen und es ist nicht mehr 2018, sondern ich stehe an einem anderen Ufer, in einem anderen Land und neben mir sitzt der Maler Pieter Breughel und er sieht auf das Eis des Weilers Sint-Anna-Pede bei Bruxelles. Das Bild, dieses Jahres 1565 aber ist das Spiegelbild zum sonnigen Nachmittag am Rand von Berlin so viele Jahrhunderte später.

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Wirklich aber sind sie alle noch da, die Menschen seiner Bilder, sie gleiten über das Eis, sie tragenähnliche Mützen, sie lachen und jauchzen, sie rufen: „Vorsicht“, Obacht oder auch „Autsch“, ganz wie die Menschen die 1565 mit einer falschen Drehung auf dem Eis landeten und sich den Steiß rieben. Schon aber kommt ein anderer und zieht den Freund wieder hoch. Damals wie heute haben die Kinder rote Wangen-

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Ein Vater hat sich ein Seil um den Bauch gebunden und am Seil entlang zieht er das Kind über das Eis. Eine Mutter richtet ein schluchzendes Kind wieder auf, vielleicht kam ein Zweig zwischen die Kufen und schon schlug es hin. Zum Glück gibt es auch 2018 noch immer offene Arme. Ein Liebespaar hält sich bei den Händen und vielleicht sind sie  gerade erst vierzehn Tage zusammen und teilen sich später andächtig Kakao. Jetzt aber hält sie seine Hände, denn es ist klar, er holpert auf den Kufen während sie ganz andächtig, federleicht und schwungvoll über das Eis fährt, aber ihre Hände sind warm, denke ich mir und er lächelt mit roter Nasenspitze, der Frau zu, über die er jetzt schon mehr weiß, als er dachte und schon gleiten sie vorüber. Ihr roter Schal leuchtet noch lange und dann fahren zwei Mädchen vorüber mit schwarzen Ohrenschützern aus Plüsch und Glitzerjacken und eines der Mädchen hat eine Tasche mit Katzenohren. Selbst die Eishockeyjungs sind sehr beeindruckt. Einer von ihnen, fährt plötzlich ruckwärts, einen eleganten Bogen schlägt er, das sollen natürlich die Mädchen bemerken, aber schon stolpert er, schlittert auf dem Eis entlang, die Mädchen kichern, die Freunde grölen, er ist hochrot und ruft: „Na nun macht doch mal Tempo“ und schon ist der Puck wieder auf dem Eis und die Mädchen drehen sich doch noch einmal um.

Eine Mutter hat einen grünen Kinderwagen, ein Sportwagen und den Kinderwagen und sie trägt einen eleganten blauen Mantel. Vielleicht Jil Sander oder so und ihre Schlittschuhe erinnern eher an Anna Karenina, mit langen ausgreifenden Bewegungen aber schiebt sie das Kind über das Eis, schneller ist sie, selbst als die großen Männer, die doch mit Kraft über das Eis fahren, alle hängt sie ab, schon ist sie hinter einer Kurve gefunden, aus meinen Augenwinkeln fährt sie genau so schnell wie die Dame auf Pieter Breughels Bild. Neidisch sehen ihr diejenigen hinterher, die Kinder und Proviant auf Schlitten über das Eis ziehen, mühsam ist da, im Eis sind schon tiefe Rillen und die Kinder wollen natürlich kein Käsebrot sondern Kuchen. Ein anderer Mann älter schon ruft: „Hannelore!, Dir ist doch ganz kalt, sie stehen unter zwei Bäumen und haben keine Schlittschuhe dafür aber Schneeeisen unter die Füße geschnallt, aber jetzt gibt es Tee mit Schuss, der Mann holt nämlich einen kleinen silbernen Flachmann hervor und ruft: „Hannelore Du wirst gleich sehen!“ Hannelore pustet über den Tee und wärmt sich die Hände. Ihr Mann genehmigt sich noch einen Schluck. Diesmal ohne Tee.

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Ein Hund läuft auf das Eis, kläglich versagen seine Pfoten und verdattert schlittert er einem Kind hinterher, welches doch auch so gerne mit den Großen Eishockey spielen möchte, aber die Großen wollen nicht und so kickt es den Puck zum Hund, aber dem Hund ist das Eis unheimlich, er jault, bemauzt über die kalten Pfoten, aber zurück kommt er auch nicht und schließlich schleppt sein Herrchen ihn vom Eis. Mit finsterer Miene sitzt der Hund schließlich am Ufer. Auf einer Bank sitzen  zwei Jungs mit Musik, sie sind zu cool für das Eis und vielleicht können sie auch nicht Schlittschuh laufen und so sitzen sie ähnlich bedropst wie der Hund am Ufer, immerhin im Sonnenschein. Eine andere Gruppe hat keine Hockeyschläger, aber schon gibt es Holzstöcker und wieder nickt Pieter Breughel mir zu. Ich aber wandere weiter, am anderen Ufer ist es still, denn hier planschen die Enten und das Eis ist dünn und brüchig, der See ist nicht ganz zugefroren und immer wieder gleiten die Menschen auf dem Eis gefährlich nah an die Bruchkanten heran.

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Immer habe ich mir den Styx, der in die Unterwelt führt und auf dem Charon rudert so vorgestellt, als teilte jener Fluss, in die Welt mit festem Grund und jenen Teil ohne Boden und so gluckert das Wasser und in der Luft liegt das Geräusch der Kufen, die in weiten Bögen über das Eis gleiten. Vielleicht aber ist es auch der Nöck, der hämisch lachend mit den Fingerknöcheln gegen das Eis klappert, denn der Nöck sieht es nicht gern steigt man ihm zu sehr auf die Zehen und nicht zum ersten Mal hat der Nöck mit kalten Händen einen Hund, ein Kind oder einen Mann tief unter das -Eis gezogen. Aber dann erreiche ich nach einer dreiviertel Stunde wieder das Ufer an dem Pieter Breughel sitzen könnte, um die lachenden, verschwitzten, kreischenden Kinder, Eltern, Tanten und auch die ältere Damen einzufangen, die wagemutig wie vielleicht keiner mit zwei Krücken und Schlittschuhen auf das Eis geht und erst trippelnd, dann aber sicherer werdend davongleitet, ein Schwan unter vielen, zwei Männer haben Drachen aufgespannt, die sie über das Eis ziehen, dicht heran an das dunkel-dräuende Wasser. Noch einmal Glück gehabt und am Ufer sehe ich noch einmal Anna Karenina im blauen Mantel, die Sonne lacht golden und ein Mann vor mir da bin ich mir sicher, packt gerade sein Skizzenbuch ein, zwinkert mir zu. „Au Revoir Mademoiselle“ und in vielen Jahren wird in einem großen Museum ein Bild enthüllt. Ein später Pieter Breughel wird es dann heißen und die Szene ist diesmal der Schlachtensee am Rande der großen Stadt Berlin.