Die Stadt ist ein Schiff

Am Stadtrand ist der Himmel ein grauer Fluss. Schuhe, Schlüssel, die Tasche ist rot. Der Himmel ist ein Fluss. Feine Tropfen in den Haaren und im Gesicht. Ich fahre auf dem Meeresgrund, der Vorort ist eine versunkene Stadt, ein gelbes Licht in der Straße, hier liegt das Schiff noch im Hafen. Das Fahrrad fährt gut auf dem Meeresgrund. Es wunderte sich nicht, wenn die Fische neben ihm durch die Pfützen schwömmen. Es ist still auf dem Rad, auf der Straße, im Vorort, die Stadt auf dem Meer ist nur ein fernes Glucksen.

Die Treppe hat viele Stufen. Die Stufen sind nass, der graue Himmel, der ein Fluss ist führt von hier aus zum Meer. Das Schiff ist die Stadt, ein Koloss, das Schiff liegt schwer auf den Wellen. Die Wellen sind grau, angekettet ist das Schiff auf dem Meeresboden, der heute grau ist, grau wie das Meer an kalten Tagen. Vielleicht ist es auf dem Meeresgrund, wo niemals Licht ist, so sagt man, heute ein blauer Teppich ausgerollt. Die S-Bahn fährt über den Meeresgrund, ich lehne den Kopf gegen die Scheibe, die rote Tasche ist schwer, die Tannen sind keine Tannen mehr, sondern große und schwere Seegrasgewächse, ein umgestürzter Baum bei näherer Betrachtung ein Kalkriff, die Autos schnelle, kleine Unterseeboote, die S-Bahn, die Fähre zum alten Kahn. Der Himmel ist ein grauer Fluss.

Die S-Bahn wird voller. Eine Frau und ihre Söhne essen frittierten Fisch aus roten Pappen, die S-Bahn ist eine Fähre, die Fischfabriken der Stadt laufen auf Hochtouren, zwei Männer mir gegenüber wollen in ein Konzert, eine Premiere sagen sie. Die Männer haben alte Hände, sie können nur noch schwer aufstehen, die S-Bahn, die eine Fähre ist, schwankt über den grauen Wellen. Die Männer schwanken, fallen fast wieder zurück auf die Sitze. Wollen keine ausgestreckte Hand, sie wollen sich erinnern an die Nächte in denen sie jung waren und tanzten auf dem Schiff. Jede Premiere kann einmal die letzte sein, sagt der eine Mann zum Anderen. Der andere Mann sagt nichts. Dann stolpern die Männer in die Nacht hinaus. Der Himmel ist fast schwarz. In der Stadt endet der Fluss. Die Stadt ist ein Schiff, das Schiff liegt an einer langen Kette auf dem Meer, die Kette hat viele Ösen, die Kette zieht sich durch den Fluss, zieht sich bis an die Ränder der Stadt, vielleicht zieht die Kette sich noch viel weiter, das weiß ich nicht. Das Ende der Kette hat noch niemand gesehen.

Die schwere rote Tasche und ich wir wechseln, die Bahnen, der Bahnhof ist glitschig, der Bahnhof ist ein verrostetes Wrack, auf dem Boden liegen zerschlagene Flaschen, das Bier riecht süßlich und herb, fauliger Tanggeruch, ein Mann spuckt auf den Boden, ich balanciere vorsichtig über die Pfützen, die Spucke, den glitschigen Tang, der Bahnhof ist eine lange schon verlassene Mole. Von hier aus fährt keiner mehr nach Amerika, hier sind schon alle am Ende, halten sich fest am Schiff. Die Stadt ist ein Schiff. In der nächsten Bahn schält ein Mann eine Mandarine, die Schale fällt auf den Boden, ein kringelnder Seestern, bald wird auch er neben den Kaugummiblasen eingewachsen sein, in das Riff, das das Schiff umgibt sich durch die Kette frisst, die das Schiff hält. „Brauchen sie eine Tüte?“, frage ich den Mann, der die Mandarine schält. Der Mann starrt mich an, ein müder Segler vielleicht, bis er versteht, was ich meine mit der Tüte und den Schalen auf dem Boden. „Was bist denn du für eine?“, fragt er und klingt wie Ringelnatz. Dann aber springt er auf und rennt zur Tür, die Mandarine schmeißt er auf den Bahnhof, ich hebe die Schale auf, der Mülleimer auf dem Bahnhof ist voll, oben auf dem Müll liegt jetzt die Mandarinenschale, das Meer liest man in den Zeitung ist voller Plastikflaschen, das Schiff kann den Müll nicht mehr bei sich behalten, denke ich in jeder Nacht verliert das Schiff Flaschen, Scherben, Papierboxen mit den Resten vom Fisch in Asia-Sauce, vielleicht schwimmt bald auch die Mandarinenschale davon.

Der Himmel ist schwarz, je tiefer die Bahn in das Meer hineinfährt, um so dunkler und schwerer wogt auch das Schiff. In derr Bahn sitzt mir nun ein Paar gegenüber. Ein Mann, der etwas zu sagen hat, eine Frau, die sich auf den Mann verlässt. Sie sagt: „Ohne Dich stehe ich das nicht durch.“ Er sagt: „Ich werde für dich da sein.“ Sie seufzt. Er lacht. „Frauen brauchen einen richtigen Mann“, sagt er und sie sagt: „Du bist so ein starker Typ“ und dann öffnet er eine Flasche Bier und der Deckel springt von der Flasche auf sein Knie und dort bleibt es liegen, bis der Mann es mit der Fingerspitze wegschnippt, der Deckel dreht sich fällt auf den Boden, die Fähre hält an, der Mann und die Frau steigen aus und seine Hand liegt auf ihrem Po und breitbeinig wie ein Matrose am Kai zieht er die Frau hinter sich her und trinkt aus der Flasche und schon fährt die Bahn weiter, nur noch der Deckel auf dem Boden liegt, wo er hinfiel.

Ein Mann steigt ein, er wirft seine Zigarette unter der Tür hindurch kurz bevor die Türen schließen. Düdelüt macht die Fähre, das Schiff ist ganz nah, ein schwarzer Schatten schon, keine Möwen, der Mann sagt er heißt Dieter und wünscht den Passagieren eine wunderschöne Reise. Er sei vor dreieinhalb Wochen aus der Haft entlassen und jetzt sei er auf der Straße, etwas mit einem Amt habe nicht geklappt und dann hält er die Hände nach oben. Die Hände von Dieter sind schwarz und gerissen und ich krame nach Geld. Das Schiff ist die Stadt. Das Schiff hat tiefe Maschineräume, dunkle Gänge und wer erst einmal in den Maschinenräumen angekommen ist, ganz weit unten auf dem Grund des Schiffes, der findet nur schwer zurück an das Deck, wo die Frauen stehen in kurzen Kleidern, die Frauen sind schön, sie singen und Dieter starrt sie an und dann sieht er weg, seine schwarzen Hände, ich lege Geld in seine Hände und ich weiß nicht, ob das reicht für eine Nacht fern der Maschinenräume und Dieter ist schon wieder verschwunden, die Frauen lachen, sie rufen: „Was für ein Assi.“ Die Frauen wollen an Deck. Dann steige ich aus, die schwere rote Tasche und ich, die Treppen sind glitschig, ein Mann zieht sich am Geländer entlang, zwei Jungen rappen an der Ecke, ihre Stimmen sind gedämpft, eigentlich kommen nur Blasen aus ihrem Mund, die Fische singen ähnlich wie sie, das Radio ist zu laut für ihre Stimmen.

Am Bahnhof kaufen Touristen Drogen, die Drogen braucht man für die Party sagt ein Mann zu einem Anderen. Sie haben rosige Gesichter, sie wollen Drogen, aber erst noch etwas essen. Eine Grundlage schaffen. Sie kommen aus Landau, das sagen sie den Drogenhändlern, die wissen nicht wo Landau ist, auf dem Schiff kennt man sich besser nicht zu sehr, die Männer gehen vor mir die Straße hinunter. Sie sagen: Ey ist das geil hier, die Bahnen kommen alle fünf Minuten und das mit den Drogen voll easy und dann gehen sie zu einem Mexikaner und der Mann mit dem blauen Hemd über der Hose sagt: „Ey, das heißt „Los Banditos“ wie in Landau. Die Männer haben Heimat gefunden auf dem Schiff und ich gehe weiter, eine Frau wird von ihrer Freundin in einem Einkaufswagen geschoben, sie halten Sektflaschen in den Händen, aber dann rumpelt der Einkaufswagen gegen eine Bordsteinkante und die Frau heult auf: „Das tut voll weh, pass doch auf und die Freundin lässt sie einfach stehen und setzt sich auf den Bordstein und trinkt Sekt.

Das Schiff zieht seine Kreise durch die Nacht, zieht an der Kette und ich verschwinde in einem Haus und die rote Tasche wird leichter und Stunden später kehre ich zurück aus dem Haus in das Schiff, es ist spät und ich laufe auf dem Meeresgrund entlang, denn der Himmel ist das Meer und die Straße ist feucht und ich laufe an der Kette entlang an der Schiff zieht und wieder warte ich auf eine Bahn und die Bahn kommt und ein Mann kommt zu spät und will die Tür aufdrücken mit beiden Armen, aber das Schiff ist stärker als der Mann, der sich täuschen lässt von dem Bier und den Cocktails nur 3,90 Euro und die Tür drückt ihn weg und die Tür zerbricht seine Brille. Die Brille hätte auch seine Nase sein können, aber er schreit Scheiße und seine Frau fotografiert ihn und lacht: „Was für ein Idiot“, sagt sie und setzt sich hin und dann sagt sie: „Ich weiß nicht, wo ich hinfahren wollte, das weiß nur er.“ Aber er ruft Scheiße und die Bahn fährt durch das Schiff und das Schiff ist die Stadt.

Am Zoologischen Garten steige ich aus und auf dem Platz, der eine Mole ist, denn das Wasser, das der Himmel ist schwappt über uns hinweg und am Rand des Hafens, da erleichtert sich ein Mann, einer der Männer aus dem Maschinenraum des Schiffes, nämlich, so ist das auf dem Schiff und eine Gruppe von Frauen filmen den Mann, unter Gelächter und das Schiff an der Kette, dem fehlt der Steuermann vielleicht oder vielleicht hat das Schiff auch aufgehört zu zählen, wie viele es verliert in der Nacht, aber da in diesem Moment, da zerbricht etwas auf dem Schiff und ich rufe zu den Frauen hinüber: „Lassen Sie das. Lassen Sie den Mann in Ruhe“ und die Frauen kichern und schreien: „Da scheißt einer auf die Straße“ und ihr Lachen ist unbändig und das Schiff verschluckt ihren Lachen nicht, das Echo des Meeres reicht weiter als andere und der Mann verschwindet mit halb hochgezogenen Hosen und es ist spät und die Bahn fährt weit hinaus, schon rückt das Schiff ferner, einmal hält die Bahn noch auf dem Meeresgrund, ein Mann trinkt allein in einer Bar.

Ringelnatz vielleicht, ein Bruder, der kein Bruder ist, Ringelnatz, der das Schiff kannte, auch den Maschinenraum, manchmal weiß ich nicht, ob der Maschinenraum nicht näher ist, als wir glauben und ich frage mich öfter noch, wie viele über Bord gehen könne, ohne das wir es merken müssen und dann steige ich aus, der Himmel, der das Meer ist liegt schwarz auf den Stufen, eine schmale Kante zischen Fluss und Schiff und die lange, verrostete Kette die Kette wird dünner und schmaler durchgerieben ist sie schon fast, wo sie Hoffnung heißt mit der Verzweiflung berührt sie die Brücken zwischen dem Meer und dem Fluss und ich liege im Bett und ich höre das Rauschen und die knarrende Kette und die Stadt ist ein Schiff und der Himmel, der Fluss.

13 thoughts on “Die Stadt ist ein Schiff

  1. Sehr surrealistisch. Mag ich.
    Grad denk ich darüber nach, warum so viel ausgelacht & über andere gelacht wird statt miteinander.
    So gut, dass die rote Tasche leichter geworden ist. 😊

  2. Vielleich ist nicht nur die Stadt ein Schiff, sondern unser ganzes Dasein; wundern würde ich mich nicht, so wie es oft genug schwankt und schaukelt. Und die Maschinenräume? Ich glaube, der Weg dahin ist nur kurz und die Treppe steil, ein kurzes Straucheln oder Schubsen, schon fällt man hinunter. Glatt und rutschig ist die Treppe auch und es muss schwer sein, wieder herauszukommen aus eigener Kraft, ohne eine helfende Hand.
    Wie sehr wünsche ich, das Schiff könnte immer in ruhigen und friedlichen Gewässern fahren, doch es ist wohl – leider- Utopie.

  3. Was für beeidruckende Bilder, der Bauch der Stadt, der Meeresboden und das Schiff.
    Zuerst dachte ich, das ist halt die Stadt mit Schmutz und Drogen, mit Gescheiterten und alle der Häme.
    Aber dann ist mir eingefallen, dass in der Nachbarstadt die Blauen und Braunen ummarschieren, und Anhänger haben, die alle nicht wollen, dass eine Moschee gebaut wird. Auch Schmutz und Häme und Dreck und Verzweiflung.
    Und doch ist überall Wunderland, und Leben, irgendwie hat Ringelnatz immer recht.

  4. Der Fluß über Berlin.
    Ein Sprachgemälde irgendwo zwischen Otto Dix, Alfred Döblin, und Wim Wenders.
    Der Fluß ist die Stadt ist das Schiff ist die Kette, deren Ende noch nie jemand gesehen hat. x

  5. Danke.

    Wem, der sie einst hörte und mitsummte, fällt beim Lesen dann nicht eine Melodie ein.

    Und der Text dazu:

    „Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken
    Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken
    Die Mannschaft, lauter meineidige Halunken
    Der Funker zu feig um SOS zu funken
    Klabautermann führt das Narrenschiff
    Volle Fahrt voraus und Kurs aufs Riff!“

    https://www.youtube.com/watch?v=8Lz_qPvKCsg

    Über Jahrhunderte grüßt noch der alte Brant:

    „Von denen man ein Teil hier find’t,
    Die auch im Narrenschiffe sind.“
    ___________________________

    Doch ist’s – auf dem Meer des Lebens – derzeit gerade die Woche, in der nicht nur im Kirchenschiff der (Passions-)Musik Bachs gelauscht wird, gelauscht werden kann:

    https://www.youtube.com/watch?v=nc-ljvthDAs

    Wo ein Hafen erahnbar wird.

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