Wie die Sache mit Harry Breisacher, dem unfreiwilligen Privatermittler begann.(1)

Mit den letzten Sonnenstrahlen aber wandern der Tierarzt und ich um den kleinen See herum, der nicht mein Badesee ist, aber der Spaziersee im kleinen Ort am Rande der großen Stadt Berlin. Der Tierarzt reckt sich und seufzte der Sonne entgegen. „Mädchen ist das schön.“ Die Sonne funkelt, das Eis knackt, der Nöck gurgelt, ein Schwanenpaar tappt vorsichtig über das Eis. „Diese Idylle“ schwärmt der Tierarzt. Das ist Deutschland.“ Dann gehen wir weiter und der Tierarzt lobt den deutschen Wald, die deutsche Sonne und die deutsche Autobahn, denn die sieht man und hört man vom See aus. Aber die lobt der Tierarzt eher aus Versehen.

Ich räuspere mich und sage: „Ja, ja, das könnte man meinen, dass hier die Idylle zu Hause sei.“ Der Tierarzt sieht zu mir herüber: „Was meinst Du Mädchen?“ Na ja sage ich, weißt du im März 1923 geschah hier ein Mord am See.
Der Tierarzt bleibt stehen. „Ein Mord hier?“ Ja, sage ich am 20 März 1923 zog man hier eine Leiche aus dem Wasser.“ Der Tierarzt erschauert und sieht hinter die Bäume, ob nicht dort auch eine finstere Gestalt mit einem Revolver lauert. Aber da ist niemand außer den beiden Schwänen. „Hmm“, sage ich, dann kennst Du wahrscheinlich auch nicht Harry Breisacher, den berühmten, wenn auch unfreiwilligen Berliner Privatermittler, der den Fall schließlich aufklärte, wenn es auch etwas dauerte, denn Harry Breisacher war eigentlich Arzt in der Charité, unglücklich verliebt, das heißt unglücklich entlobt und ein schwerer Trinker.

Der Tierarzt murmelt: Harry Breisacher, Privatermittler. „Oh ja, sage ich,Bremischer war der wohl bekannteste jüdische Privatermittler.
Aber schon greife ich vor, denn alles beginnt ohne Harry Breisacher, denn der trinkt ja wie gewöhnlich und ist nicht zu Hause, als es bei der alten Witwe Oppermann am 21. März 1923 so gegen halb sechs Uhr Abend klingelt. Die Witwe Oppermann muss man wissen, war keine richtige Witwe, sondern eine gescheiterte Opernsängerin mit Liebhabern, die sie irgendwann aufhörte zu zählen. Einer hinterließ ihr eine Villa, im damals neu gegründeten Vorort von Berlin. Auch sein Tod sollte in einem anderen Zusammenhang Harry Breisacher noch einmal beschäftigen, aber für jetzt und heute genügt es erst einmal zu wissen, dass die Witwe Oppermann, Zimmer an Junggesellen vermietete und so wohnte seit Jänner 1919 auch der Friseurmeister Yossele Horowitz gebürtig aus Breslau bei ihr und eben auch Harry Breisacher. ( Zwei Zimmer im ersten Stock ). Die Polizei aber verlangte nicht nach Breisacher, sondern verhaftete den Friseur Yossele Horowitz wegen Mordes am Friseur Hans Hansen aus Hamburg, der wie Horowitz Teilnehmer des „Preisfrisierens um die Weltmeisterschaft“ war, die in jenem März vom Berliner Damenfriseur und Perückenmacherverein veranstaltet worden war. Zwei Teile hatte jener Wettbewerb über den in allen Zeitungen berichtet wurde und jeweils 80 Minuten hatten die Teilnehmer um die „modern-schönste“ und „ historisch-echteste Frisur“ zu kreieren. Zum Verhängnis wurde Yossele Horowitz, das jener Hans Hansen nicht nur einen nordischen Namen und eine Ehefrau namens Edda hatte, sondern vor allem, dass Hansen lautstark am Vortag mit Yossele Horowitz gestritten hatte. Es ging so sagten die befragten Friseure um Haarnandeln und ein Nest aus Federn. Horowitz habe Hansen des feigen Diebstahls bezichtigt und sieben Stunden später war Hansen mit der von ihm gefertigten Perücke abzüglich eines Federnestes wie es Marie Antoinette auf einer Feier zu Ehren des Hofmarschalls St. Pierre getragen hatte, auf dem Grunde des Sees gefunden worden. Ein heftiger Wind hatte ihn ans Ufer geschwemmt und der Zeitungsjunge, der auch bei den Villen am See die Runde machte, hatte so markerschütternd zu schreien begonnen, dass nicht einmal Kakao und Butterwecken ihn beruhigen konnten. Für die Berliner Kriminalpolizei war der Fall klar: Horowitz gegen Hansen: Der Wettstreit der Friseure hatte ein tödliches Ende gefunden. Das Mordmotiv war eindeutig und die Nähe des Wohnortes des Friseurs Yossele Horowitz und des Fundortes der Leiche sprachen Bände. Die Handschellen klickten und das letzte was die Witwe Oppenheimer von Yossele Horowitz hörte war ein verdutztes: Na nu.

Dies alles aber verpasste Harry Breisacher, denn Breisacher trank an jenem Abend und er trank nicht aus Vergnügen, sondern um sich zu betäuben, darauf kam es ihm an. Damals konnte man gut und schnell trinken in Berlin und Harry Breisacher kam erst viele Stunden nach der Verhaftung Yossele Horowitz nach Haus. „Pfui, wie Sie stinken“, rief die Witwe Oppenheimer und Breisacher seufzte. Die Witwe Oppenheimer nämlich nahm regen Anteil am Leben ihrer Mieter, aber diesmal hielt sie sich nicht weiter auf am verknitterten Anzug und den blutigen Augen von Harry Breisacher. Sie sagte: „Breisacher, sie haben den Horowitz abgeholt, wegen Mord!“ Die Witwe Oppenheimer machte ein Bühnengesicht, dass sie auch gemacht hatte als sie 1902 einmal eine sterbende Heldin mimte. Breisacher aber musste sich das Lachen verkneifen, denn die Witwe Oppenheimer erschauerte häufig heilig, wenn eine Katze von links kam, wenn der Briefträger die Rechnung für die Milch brachte und wenn die Tarotkarten etwas besonders Schreckliches weissagten. Eine höhere Milchrechnung zum Beispiel. „Von Anfang an“, sagte Breisacher also und die Witwe Oppenheimer begann noch einmal von der Verhaftung und dem Na nu Yossele Horowitz zu erzählen. Breisacher schüttelte den Kopf, nicht wegen des Na nu, sondern weil er zum ersten Mal vom Wettstreit der Friseure hörte und nur dunkel erinnerte er sich, das in den letzten Wochen die Witwe Oppenheimer tatsächlich mit noch alberneren Frisuren als sonst Staub vom Grammophon wischte. War das tatsächlich ein Vogelnest auf ihrem Kopf gewesen? „Haute Couture, Herr Dr Breisacher“ schnappte die Witwe beleidigt, die fand, dass die Frisuren sie um gut zehn Jahre verjüngt hatten.

Breisacher gähnte und zuckte mit den Schultern. „Die Polizei“, fing er an, aber die Witwe Oppenheimer fuhr empört zusammen: „Die Polizei?“ „Sie glauben doch nicht wirklich die Polizei will die Unschuld unseres guten Horowitz beweisen?“ Aber Breisacher hörte ihr schon nicht mehr zu, denn plötzlich erinnerte er sich doch an etwas, aber das sagte er der Witwe Oppenheimer nicht. Am Donnerstag nämlich hatte das Telefon geklingelt, ein altmodischer Apparat im Flur, der immer dann klingelte wenn Breisacher in die Klinik musste, oder der nur klingelte um ihn die Klinik zu rufen, aber am Donnerstag, da sagte eine Stimme am Telefon: „ Yossi? Ich bin es Hans.“ „Wer ist da?“, hatte Breisacher gefragt, aber die Stimme am Telefon war schon verschwunden und Breisacher hatte sich nichts weiter gedacht, war froh gewesen, einmal nicht wieder los zu müssen, diese ewigen Kopfschmerzen. Kopfschmerzen bekam Breisacher auch von der schrillen Erzählung der Witwe Oppenheimer und er sagte: „Genug Frau Oppenheimer, ich will mich einmal umhören.“ Die Witwe Oppenheimer aber kannte Harry Breisacher lange genug, um zu wissen, wann es Sinn hatte auf ihn einzureden und wann man besser schwieg. Sie schwieg also und dann war es still im Haus, nur die beiden Kanari im Käfig unten im grünen Salon pfiffen unverdrossen. Sie hießen Hinz und Kunz und auch sie sollten sich einmal als hilfreich beweisen, bei einem der Fälle, auf die der unfreiwillige Privatermittler Harry Breisacher stieß, der damals in Berlin lebte und dessen erster Fall, der Mord am Friseur Hans Hansen aus Hamburg war.

Schon schließe ich die Tür auf, der Tierarzt stolpert beinahe und sagt: „Und Mädchen, hat Breisacher den wahren Mörder gefunden?“ Ja sage ich, Breisacher hat früher oder später, die Dinge ans Licht gebracht. Eher später als früher, obwohl das vielleicht ungerecht ist, denn oft kam Breisacher etwas dazwischen, die Liebe, die Klinik, der Vater oder auch nur eine Flasche Scotch. Aber damals als Breisacher die Treppe hinauf ging, mehr Seemann als Doktor mit schweren Lidern, da erinnerte er sich jenes alten Reimes, den ihm seine Mutter, die eine Engländerin war einmal vorgelesen hatte, saß sie an seinem Bett: The butcher, the baker, the candlestick maker und daran erinnerte sich Breisacher nun an die Stimme seiner Mutter und den Kinderreim The butcher, the baker, the candlestick maker und wie passt da wohl Yossele Horowitz, der Friseur aus Breslau hinein?

20 thoughts on “Wie die Sache mit Harry Breisacher, dem unfreiwilligen Privatermittler begann.(1)

  1. Was für eine wundervolle Geschichte.
    (Aber um ehrlich zu sein, ich würde Dir wahrscheinlich auch gespannt und entspannt zuhören, würdest du das Berliner Telefonbuch vertonen und vergeschichten!)
    Ich freu mich schon auf die Fortsetzung! \o/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.