Auf einer anderen Seite.

Mein Vater spricht fast nie über Politik.

Die liebe C. lächelt immer dann, wenn Patienten mit ihr über Politik sprechen.

Schwesterchen interessiert sich nicht für Politik.

Mein Vater hat zwei Tageszeitungen abonniert.

Die liebe C. und ich beginnen den Tag mit den frühen Nachrichten. Die frühen Nachrichten reichen wir immer an Schwesterchen weiter.

Mein Vater wählt FDP, weil sich die FDP auch nicht für Politik interessiert.

Niemand ist so gut über Politik informiert wie mein Vater.

Desinteresse kann auch Vorsicht sein. Vielleicht.

Mein Vater, schon als meine Schwester und ich noch klein waren, klopfte an die Tür bevor er eintrat.

„Störe ich?“, fragt mein Vater und noch immer klopft mein Vater so an die Tür und ich nehme die Zeitung vom Sessel und mein Vater spricht lange über die Verbannung Ovids nach Tomi, das Ende von Seneca oder einen der vielen römischen Kriege.

„Wie übersetzt Du das?, fragt mich mein Vater, manchmal spät Abends. Er im Sessel und ich auf einem bunten Kissen in der Fensterbank. Mein Vater käme Nachts niemals und fragte mich: „Wen wählst Du oder was hältst du von?“ Mein Vater fragt mich oft nach der Bedeutung des Wortes otium oder einem merkwürdig gebrauchten Ablativ.

Ich wähle nicht in Deutschland. Mein Vater wählt wieder in Deutschland. Mein Vater war lange Staatenloser, mein Vater hat sich des unerlaubten Grenzübertrittes schuldig gemacht, mein Vater geht niemals ohne seinen Pass aus dem Haus. Wir alle, die wir uns Nachts treffen, in einem Zimmer, in der Küche, in der Diele oder im Treppenhaus, wir alle haben mehr als einen Pass. Aber niemals sprechen wir über die Pässe und nur einmal hat meine Schwester ihren Vater gefragt, ob er sich als Flüchtling gefühlt hätte, damals. Mein Vater antwortete erst viel später, er sei davongekommen, sagte er und das war alles, was er sagte, dann sprach er lange und schnell über das Ende Roms oder Augustus, mein Vater spricht selten über die Gegenwart und verwundert, fragt mein Vater seine Frau manchmal, was er antworten sollte, fragten die Leute ihm, was es denn Neues gäbe.
Als Erstes fiele ihm vielleicht eine Ovid Übersetzung ein. Wir ähneln uns nicht, nicht in der Nacht und auch nicht am Tag, wir schließen die Türen, wir teilen von unseren Geschichten, nur Ecken, Spiegelkanten, wir haben immer nur für eine Nacht miteinander gelebt und uns immer von fern gesehen, geschrieben, aber in einem ähneln wir uns, wir alle lächeln. Wir haben keine Knoten im Taschentuch, wir legen uns die Knoten in die Mundwinkel hinein.

Unter den Augen des Kaisers geschah alles, was in Rom geschah. Was hat der Kaiser denn nicht gesehen? Jerusalem war auch einmal Rom und Ovid schrieb wieder und wieder. Er schrieb vergeblich, vielleicht nicht weniger vergeblich als wir.

Kommen Gäste, dann wollen die Gäste über Politik reden und nicht über Ovid. Die Gäste, die kommen, wollen uns erklären, dass wir naiv seien, auch dumm, leichtsinnig, wir sind noch unangenehmer als die Bahnhofsklatscher, die doch schließlich wieder nach Hause gingen. Die Gäste sagen: „Das bringt doch alles nichts.“ Sie sagen es in Richtung meines Vaters, der lieben C. und mir. Mein Vater legt Kuchen auf die Teller, die liebe C. stellt die Blumen in die Vase, ich frage: „Tee oder Kaffee?“. Die Gäste wären überrascht, wüssten Sie, das bei uns niemand jemals das Wort Flüchtling gebraucht und als ich die Aufklärungssprechstunde begann, da nickte mein Vater, und als mein Vater mir erzählte, dass am Montag E. käme zum Deutsch Lernen, da nickte ich, es klang nicht anders als der D., der am Mittwoch kommt zur Latein Nachhilfe.

Den D. lässt mein Vater Coca-Cola deklinieren, das merkt sich leichter hat mein Vater irgendwann einmal herausgefunden als die bemühten Beispielvokabeln und der D. der immer schon auf einen Latein-Sechser abonniert war, hat einen Zweier geschrieben in der Latein-Probe und mein Vater lächelte, denn mein Vater leitet aus einem Sechser nichts weiter ab, als das jemand noch nicht in die Schönheit lateinischer Prosa fiel.

An den Montagen aber mit der E. aber hat mein Vater nicht das Alphabet mit ihr gepaukt oder Buchstabenkarten gemalt, sondern für die E. gesungen, wie er heute für die Enkelkinder singt. Der Mond ist aufgegangen, sang die E. ganz leise und damit war es geschehen, die E. hatte in die deutsche Sprache gesehen, hineingesehen, damit war der Großteil der schon geschafft, sagte mein Vater, dann muss man nur noch üben, so kommt die E. zum Deutsch Üben am Montag und mein Vater begeistert sich Woche für Woche mit der E. an römisch-somalischer Beziehung von vor 2000 Jahren und so sprach mein Vater mit der E. darüber was ein Bürger sei und nicht so sehr darüber, dass Mimi ein Auto hat und Paul ein Fahrrad.

„Was ist ein Bürger?“, fragt mein Vater die E. und auch sich.

„Was wollen die hier?“, fragen die Gäste.

Mein Vater, der noch einmal davonkam, hat mit dem Blumenwürfel Hebräisch gelernt, damals in Jerusalem.

Mein Vater und ich wir sprechen kein Deutsch miteinander.

Die Gäste fragen: „Warum sprecht ihr kein Deutsch miteinander?“

Mein Vater sagt: „Es hat sich noch nicht ergeben.“

Dann lache ich, so ist mein Vater. Mein Vater klopft an, an der Tür in der Nacht. Seine Mutter und ich sprachen Deutsch und mein Vater will noch immer unser Gespräch nicht stören.

Mein Vater malt die Gesichter der Gäste auf die Servietten. Die Gäste streiten über Politik und wir lächeln und hören zu. Wir selbst wissen nichts beizutragen, wir sehen die Welt von unterschiedlichen Rändern aus. Man ist vorsichtig an den Rändern.

Spätabends klopft mein Vater an die Tür. Die Gäste sind gegangen.

„Störe ich Dich?“ „Nein“, sage ich, komm doch herein und mein Vater sitzt im Sessel und ich auf der Fensterbank.

„Es war nicht genug, nur zu sagen, civis romanus sum“ sagt mein Vater und dann legt er den Kopf zur Seite und lächelt mir zu. „Merkwürdig nicht wahr, sagt er, dass alle über etwas reden und bestimmen wollen, obwohl wir noch nicht einmal für die Vergangenheit wissen, was das bedeutet, ein Bürger zu sein und eine Kultur zu haben, so als sei nicht alles auch immer umgekehrt möglich und dann schüttelt mein Vater den Kopf.
„Nachtgeschwätz“, sagt er, aber ich erinnere mich noch an eine andere Nacht, da spielte ich die Mondscheinsonate, diesen Fingeraufwärmer und mein Vater, der wie wir alle, niemals über Politik sprach, neigte den Kopf zur Seite und sagte ist es nicht merkwürdig, dass die Deutschen damals den Angriff auf Coventry Operation Mondscheinsonate nannten? Damals wie heute nickte ich, denn alles, wirklich alles lässt sich auch in sein Gegenteil verkehren. Alles kann immer auch schon anders sein.

Aber dann gähnt mein Vater, die Kirchturmuhr schlägt zwei Uhr und mein Vater entschuldigt sich: „Dich so lange wachzuhalten“ und schon ist er aus der Tür verschwunden, so still und leise, wie er kam, denn eigentlich sprechen wir nicht über Politik und wenn dann doch nur ganz ausversehen, zufällig und unfallhaft.

21 thoughts on “Auf einer anderen Seite.

  1. Und in welchen Sprachen sprechen Sie dann miteinander? So beim Kuchen ohne Gäste?
    Manches vergisst man seltsamerweise nie, die erste Lektion in Roma I kann ich noch auswendig, sie endet mit „Avus ambulat.“

  2. Es muss wunderschön sein, in so vielen Sprachen zu Hause zu sein.
    Daß man in allen zum rechten Zeitpunkt über das Richtige zusammen schweigen kann, ist noch wertvoller. x

    • Ach, ich bin da gar nicht so sicher. Es ist eher ein griffbereiter Notfallkoffer oder eine beständige Erinnerung an das Unbehaustsein. Wie wichtig es ist miteinander schweigen zu können, vergisst man so schnell.

      • Irgendwann wirst Du ankommen und die Koffer auspacken wollen, alles an den richtigen Platz stellen können und es wird gut sein. Und das Schweigen wird heilsam sein. Irgendwo auf dieser Welt wartet dein Behaustsein, ich bin mir da sehr sicher. x

  3. 😍, es ist immer wieder wie einen Traum aus einer anderen Welt träumen. Solch großartige Geschichten. Danke dafür und den stets mit dem Lesen verbundenen neuen Horizont.

    • Ja, das gemeinsame Schweigen in vielen Sprachen, das ist es wohl. Mein Vater ist von jener sprudelnden Neugierde angetrieben, die mich auch immer wieder überrascht. Es braucht wohl überall mehr Licht.

  4. „Wir ähneln uns nicht, nicht in der Nacht und auch nicht am Tag, wir schließen die Türen, wir teilen von unseren Geschichten, nur Ecken, Spiegelkanten, wir haben immer nur für eine Nacht miteinander gelebt und uns immer von fern gesehen, geschrieben, aber in einem ähneln wir uns, wir alle lächeln. Wir haben keine Knoten im Taschentuch, wir legen uns die Knoten in die Mundwinkel hinein.“

    Herzergreifend 💓

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