Aller guten Torten sind Drei…

Am Freitag Nachmittag gehe ich in einen Schreibwaren-cum-Postversand Laden.Ich habe mir geschworen, dass dieses Jahr kein Debakel die Torte befallen wird.
Ich sage: Ich suche einen stabilen Pappkarton. Der Schreibwarenverkäufer nickt und holt Kartons hervor. Ich besehe die Kartons und schüttle den Kopf: „Nein, sage ich, ich brauche einen richtigen Karton, nicht diese windigen Dinger hier.“ Der Schreibwarenverkäufer seufzt und steigt eine Treppe hinab und kehrt mit mehr Kartons zurück. Ich schüttle den Kopf. Der Schreibwarenverkäufer sieht mich finster an und sagt: Sind Sie sicher, dass Sie keine Eisenkiste brauchen?“ Ich bin mir sicher und wiederhole mein Verlangen einen festen Karton aus Pappe zu erwerben. Der Mann seufzt noch einmal und dann fällt ihm ein Karton ein, den er doch eigentlich schon längst vergessen hat. Der Karton ist sehr stabil und vor allem hat der Karton fest verklebte Seiten und keine dünn gefalzten Ecken. Ich nicke begeistert und kaufe, Schnurband, breiten, braunen Tesafilm, noch mehr Band, Luftpolsterfolie und Packpapier. Der Schreibwarenverkäufer sieht mich sehr misstrauisch an, dann kommt der Tierarzt in den Laden, bewundert den Karton und sagt frohgemut: Der Karton wird das Biest schon halten. Der Schreibwarenverkäufer überlegt, wie wohl Bonnie und Clyde aussehen mögen. Ich lächle und zahle, aber der Mann hinter dem Tresen sieht mich an als sei ich Jack the Ripper.

Nachts um drei Uhr aber klingelt mein Wecker und ich schleiche in die Küche, dort sitzt nur die Katze auf dem Tisch ( streng verboten ) und liest die Zeitung, ich aber beginne mit der Herstellung der Geburtstagstorte für meine liebe C. Jedes Jahr schüttelt die C. den Kopf, nein Liebes sagt sie: „Ich wünsche mir nur, dass ihr kommt und wir haben es schön miteinander.“ Aber meine liebe C. liebt auch die Heidelbeercrèmetorte, die schon ihre Schwiegermutter, meine Großmutter also für sie buk und so steht auf dem Geburtstagstisch seit Jahr und Tag eben diese Torte. Ich schlage Eier für den Teig, pfeife beim Buttercreme Schlagen, aber nur leise es ist ja noch mitten in der Nacht, teile Tortenböden, streiche Heidelbeermarmelade auf die Tortenhälfte, füge Crème und Heidelbeeren hinzu und staple die Hälften aufeinander, hoffe das der Tortenring hält, bestreiche das ganze mit einer Joghurtsahnecreme, stelle den Kühlschrank so kalt es geht und sage zur Torte: „Augen zu.“

Aber dieses Jahr ist es damit noch nicht getan und selbst die Katze, die doch Milch schlürft, in der Zeitung blättert, und mich ansonsten links liegen lässt, springt auf den Küchenschrank ( strengstens verboten ) und sieht zu mir herunter, denn Klebeband, Schnüre und ein Karton können aus Katzensicht nichts Gutes bedeuten. ( Als wäre ich wahnsinnig genug, diese Katze in einen Karton zu zwängen?) Inzwischen kommt auch der Hund in die Küche getapst und sieht auf Karton und Utensilien, ich schüttle den Kopf und der Hund kaut sorgenvoll auf einem Pantoffel ( allerstrengstens verboten ), als ich den Karton mit Paketklebeband versehe, stolpert auch der Tierarzt in die Küche und besorgter noch als Hund und Katze starrt er auf das feste Band. „Du willst doch nicht Kälbchen?“ „Kälbchen?“, sage ich, du nimmst doch nicht an, als ließe sich das verzogenste aller Tierchen am Strick zum Markte führen?“ Der Tierarzt seufzt erleichtert und dann stelle ich die Torte ganz vorsichtig in einen Tortenkarton, der Tortenkarton kommt in den Transportkarton, in den Transportkarton kommt Luftpolsterfolie, Papier, gute Wünsche, einige Flüche, dann kommt Packpapier um den Transportkarton, darauf folgt Klebeband, darauf Schnüre. Ich nicke zufrieden, treibe den Tierarzt zur Eile an, denn einmal gilt es pünktlich loszufahren, um langsam zum Flughafen zu gondeln, um bloß den Karton nicht zu beschädigen. Der Tierarzt holt das luggage holdall, ich ermahne die Tiere nett zur E. zu sein, die das Haus einhütet und ich ermahne besonders die Katze, denn die Katze kann gar nicht genug ermahnt werden. Dann fahren wir langsam zum Flughafen. Ich umklammere den Karton und langsam, sehr langsam, erkläre ich den Sicherheitsbeamten, die Sache mit der Heidelbeertorte, die Herren nicken und ganz langsam fährt die Torte durch das Durchleuchtungsgerät, mein Herz klopft, der Tierarzt atmet schneller, der Karton bewegt sich keinen Zentimeter, die Buttercreme ist hart wie ein Stein, die Torte ist hindurch. Ich umklammere die Torte auf meinem Schoß, bis wir aufgerufen werden, ich schiebe den Karton vorsichtig unter den Vordersitz, ich schlinge mir einen Schnur um die Hand, damit der Karton nicht wegrutscht, oder um die Torte im Notfall schnell zu mir ziehen zu können.
Wir haben einen Direktflug gebucht, ich starre zwei Stunden auf die Torte, der Tierarzt starrt zwei Stunden auf mich, wie ich auf die Torte starre. Der Pilot landet wie auf Samtpfoten, wir gehen ganz langsam aus dem Flughafen hinaus, ich umklammere die Torte, der Tierarzt schreit jeden Flugreisenden, der sich zu schnell nähert ein schrilles „Hallöchen“ zu, der Effekt ist enorm: Die Leute springen zur Seite und vor dem Flughafen erspähen wir den ehemaligen geschätzten Gefährten F. Mein Finger sind steif und kalt, aber ich umklammere den Tortenkarton auf der Fahrt in die kleine deutsche Stadt.

Ich flüstere: Bloß nicht stolpern, Read On, jetzt bloß nicht stolpern“ und dann sind Torte und ich tatsächlich im Haus. Die liebe C. strahlt: „Süüüße!, Du sollst doch nicht. Es ist eisig kalt, die Torte wird in eine Holzkiste auf den Balkon gestellt.“ Dann fallen die Nichten über mich her und ich falle ins Bett. Draußen pfeift der Wind, ich krieche noch einmal aus dem Bett und tappe auf den Balkon. Der Karton steht sicher und fest auf dem Balkon. Ich schlafe wieder ein. Der Wecker am Morgen zeigt sieben Uhr: „Himmel Hilf, denke ich, schon so spät!“ Dann tappe ich in die Küche. In der Küche sitzen Schwesterchen, Schwager, das Geburtstagskind, die Mali-Tant, mein Vater, der Tierarzt und starren mich an. „Was ist denn?“, sage ich und küsse meine liebe C. „Mazal tov!“ Jetzt gibt es Torte. Die Mali-Tant sagt: „Geh Mädi, es is halt a kleines Malheur geschehen.“ Ich höre Malheur, ich sehe zu den Nichten herüber, die Kinder haben blauverschmierte Gesichter. Die Kinder sehen so aus als seien sie in eine Heidelbeertorte gefallen.

„Nein“, sage ich, aber die liebe C. sagt: „Süße, die Torte war hervorragend!“ „Köstlich“, sagt Schwesterchen, „Superb“, sagt mein Schwager, „Wie beim Dehmel“, sagt die Mali-Tant, wie einmal in Versailles, sagt mein Vater. Der Tierarzt sagt: Mädchen, die Torte roch wirklich sehr gut. „Wir haben dir ein Stück aufgehoben“, heulen die Nichten und schieben mir einen Teller blauen Kuchengatsch hin, aber dann haben wir um das Tortenmesser gestritten und dann ist die Torte heruntergefallen.

Ich muss mich setzen und als alle durcheinanderschreien, schwöre ich mir: „Nächstes Jahr, da kaufe ich ein Schloss und mit dem Schlüssel verschließe ich den Karton und den Schlüssel verstecke ich meinem Strumpf und dann sehe ich betrübt auf den Rest der stolzen Heidelbeercrèmetorte hinüber.

22 thoughts on “Aller guten Torten sind Drei…

  1. Oh, schon wieder ein Torten-Malheur. Aber was ist schon die tolle Form einer Torte gegen ihren noch tolleren Geschmack. Lassen Sie sich das letzte Stück vom blauen *Kuchengatsch* munden. 😉

  2. Oh je, aber die Torte kam heil bei C an und sie freute sich sehr über die Torte, das ist doch das Wichtigste. Auch dass ihr ebenfalls dort seit!
    Und Kinder sind halt Kinder, nicht? Die wollten ja nichts böses. Und an diese Geschichte, werden sich die Kinder noch in 20 Jahren erinnern, so ist das mit Pech und Pannen, wenn alles rund läuft, geht es vergessen!

  3. „…der Tierarzt schreit jeden Flugreisenden, der sich zu schnell nähert ein schrilles „Hallöchen“ zu, der Effekt ist enorm“
    In meinem Kopf entstehen zwar sehr, sehr lustige Bilder, aber das hätte ich schon gerne live gesehen.
    Soviel Mühe mit der Torte und dann – aber solange sie geschmeckt hat…irgendwas ist ja immer.
    Ein Hoch auf die liebe C., auf Sie (Frl. Dr.!) und auf alle anderen. Und auf ganz viele wunderbare neue Geschichten.

  4. Hach, was für eine Tortengeschichte. Als ahnte man nicht: Es wird doch noch etwas geschehen. Hauptsache aber ist, dass die Torte nebst Ihnen, Frl. Dr., und dem Tierarzt gut bei der lieben C. ankam. Und Kinder sind eben Kinder. Und wie sagte meine liebe Großmutter immer? „Ach geh, im Bauch kommt eh alles durcheinander!“ Alles Gute der liebe C. zum Geburtstag! Kehren Sie gut zurück! Herzlich, Sunni

    • Ihre Großmutter hatte natürlich Recht und wie langweilige wäre es auch andersherum gewesen… Möge die liebe C. noch viele Geburtstage erleben! Besten Dank für Ihre Wünsche!

  5. Ich backe dem Freund zu seinem Geburtstag immer eine Nusstorte mit Buttercreme, seine Lieblingstorte. Und sie muss schmecken, wie bei seiner Oma früher. Das ist mein Endgegner. Der Boden fast ohne Mehl, hauptsächlich Nüsse, krümelig ohne Ende, aber drei Böden sollen es schon sein, sagt der Freund, back sie doch einzeln. Letztes Jahr ist mir die Buttercreme davon gelaufen… Dabei hatte ich den Pudding extra einen Tag vorher gemacht, ihn durch ein Sieb gestrichen, damit er keine Klumpen hat, das gute Kakaopulver genommen… Die Böden auch einen Tag eher, damit sie auf jeden Fall ausgekühlt sind.
    Nächstes Jahr werde ich die Buttercreme dann erstmal kalt stellen. Der Freund meinte, ich hätte einen Designerkackhaufen gebacken, wegen der zerlaufenden, braunen Buttercreme. Aber geschmeckt hätte sie (ich esse eher weniger Buttercreme und nach der ganzen Backerei hatte ich auch keinen Appetit mehr), nur dieses Jahr hätte er gerne wieder helle und dunkle Buttercreme, nicht nur dunkle (die mir besser schmeckt, weswegen ich es mir einfacher gemacht habe, mit nur einer Sorte).
    Ich fühle mit Ihnen!

    Da fällt mir noch ein, das der Freund mir mal die Geschichte erzählt hat, wie er im Praktikum auf einem Landwirtschaftsbetrieb einer Ferse das gehen am Halfter beibringen sollte, da sie zu einer Schau sollte. Nun, er war erfolgreich. Vor allem im Stehenbleiben und sich nicht umrennen Lassen. Damit hat wohl nur die Ferse nicht gerechnet und wäre fast umgefallen. Also, wenn Sie da mal Bedarf haben, wegen des Kälbchens, sagen Sie Bescheid, dann machen wir mal Urlaub in Irland 😉

  6. Ich las Ihren schönen Beitrag, und mir war irgendwie klar, dass da noch ein Malheur passieren musste. Vielleicht im nächsten Jahr?
    Dass die Berliner bei einem freundlichen Hallöchen so verdattert sind, dass sie aus dem Weg gehen, überrascht mich kein bisschen. Diese Freundlichkeit ist uns Berlinern ja höchst suspekt. 😉

  7. Also allmählich glaube ich ja, dass etwas furchtbares passiert, sollte es die Heidelbeertorte ohne Malheur auf den Geburtstagskaffetisch schaffen. 🙂

  8. Es scheint das Schicksal zu sein, Ihres und das der Torten … Mal wieder eine filmreife Szene, die mich herrlich schmunzeln ließ, auch wenn Ihnen in dem Moment wahrscheinlich nicht danach zumute war. Vielleicht sollten Sie die Familienbiographie nicht als Roman, sondern als Drehbuch angehen.

  9. Bei Kindern und anderen Katastrophen liegt es einfach absolut jenseits unserer Möglichkeiten, irgendetwas zu verhindern, oder auch nur zu kontrollieren. Kinder muss man einfach akzeptiereren, so wie man Vulkanausbrüche akzeptieren muss, und sie sie so annehmen, wie man Gewitterstürme annehmen muss, aber auch so genießen, wie man einen grandiosen Sonnenuntergang genießen darf, wenn es mal einen solchen gibt, und das ist doch gar nicht so selten,

  10. Ach, die Kinder wieder einmal… sollten Sie jemals mit unnützem Wissen angeben wollen, wären Sie vielleicht daran interessiert, zu erfahren, dass auf Katalanisch „die Kinderschar“ la canalla (weiblich) genannt wird. Schreien Sie es ruhig laut: Kanaille! Es tut gut. Canalla bedeutet wenn männlich natürlich „böse Menschen niederer Gesinnung“, aber das können andere romanische Sprachen auch. Das mit den Kindern ist jedoch m.W.n. einzigartig katalanisch.
    PS: Synonyme zu Kanaille laut Duden: Aas, Bösewicht, Ganove, Ganovin, Gauner, Gaunerin, Halunke, Luder, Scheusal, Schuft, Schwein, Strolch, Ungeheuer, Unhold, Unholdin 🙂 Und jetzt versuchen Sie dem Tierarzt zu erklären, warum es Halunke, Unhold und Unholdin gibt, Halunkin jedoch nicht.

  11. Da möchte man ja fast darum bitten, Sie mögen nicht nur Geshcichte zur Torte sondern auch das Rezept zur Torte teilen. Sie haben mir den Mund wässrig gemacht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.