Die Datenautobahn für das Gesundheitswesen und die kleine Praxis der lieben C.

Ich kenne niemanden der so gelassen und heiter mit dem Unbill umgeht, die ein Leben so mit sich bringt wie meine liebe C. Das Ungeschick meines Vater, der Weihnachten sein Schlüsselbund verlegte und es genau zwei Tage wiederfand nachdem sie alle Schlösser hat auswechseln lassen, kommentierte sie mit einem kurzen Nicken und der Feststellung sie sei froh, dass er sich kein Bein gebrochen habe. Die liebe C. ist von unendlicher Geduld mit den drei Grazien ihrer Praxis, und dem ewig schussligen Apotheker und auch für den absoluten Alptraumpatienten den es in jeder Praxis gibt, hat die liebe C. ein gutes Wort. Ganz zu schweigen von ihrer unablässigen Geduld mit den Kapriolen, die Schwesterchen und ich jahrein und jahraus veranstalten. Als meine Schwester einen Mann heiratete, den sie dreizehn Tage kannte, schloss die kleine Stadt Wetten ab, wie die Frau Doktor diesen Hasardeur wohl vertreiben würde. Die liebe C. aber schmückte den Garten, suchte mit Schwesterchen ein Kleid und gerührter als sie war niemand als Schwesterchen auf den Marktplatz trat und rief: Ich habe Ja gesagt. Schwesterchen ist mit jenem Mann noch immer verheiratet und strahlt noch immer so wie am Tag als sie ihn ihrer Mutter vorgestellt hat. Die Wetteinsätze, dass die liebe C. ihren Schwager mit dem Besenstiel vertreiben würde, sind sehr hoch gewesen.
Aber auch meine ständigen Dramen nimmt die liebe C. mit ihrer ganz eigenen Gelassenheit hin und noch niemals hat sie den Kopf geschüttelt und gesagt: „Nun lass mich doch endlich in Frieden mit Indien, Aufklärung, Liebeskatastrophen und deinem ewigen: Was soll nur werden.“ Verdenken könnte ich es nicht und dennoch, meine liebe C. erträgt sogar meine endlosen Ausführungen über Mies van der Rohe in Brünn und Harry Graf Kesslers irische Mutter. Mein Vater ist über diese Abhandlungen schon eingeschlafen, aber die liebe C. nickt und läuft noch lächelnd in ihr Verderben, denn sie sagt: „Lass uns doch bald einmal nach Weimar fahren.“ Dabei ist es kreuzgefährlich mit mir zu verreisen, denn ich stehe für Stunden in Museen und noch viel länger vor allen Häusern in denen Harry Graf Kessler einmal dinierte.
Und so erschrecke ich mich doch sehr, um nicht zu sagen über alle Maßen als ich die liebe C. anrufe und sage: Süße, alles gut bei Dir?“ und am anderen Ende knurrt die verehrte Frau meines Vaters. Die liebe C. knurrt nie. Doch einmal, habe ich sie knurren hören, da war die Hebamme vom Dienst betrunken, aber das ist eine andere Geschichte. Die liebe C. knurrt und ich frage noch einmal sehr vorsichtig nach, ob sie in Ordnung sei. Die liebe C. seufzte so tief, dass mir das Herz ganz schwer wird.

 
„Es war ein schrecklicher Tag“ sagt sie und das sagt die liebe C. nie einfach so. Das Monster ist da. „Oy“, sage ich und dann seufzt meine liebe C. noch einmal. Das Monster heißt Telematik-Infrastruktur und wenn sie eine Arztpraxis haben, so ist nun Gesetz, dann müssen sie ein solches Gerät in die Praxis einbauen lassen. Das Monster hat 4000 Euro gekostet und es ist ganz egal, dass die liebe C. in einem Jahr die Praxis zusperrt. Denn die liebe C. hat seitdem sie 16 ist, gearbeitet, gearbeitet und gearbeitet. Aber Gesetz ist Gesetz und so hat die liebe C. natürlich 4000 investiert und 500 Euro in einen Heilkundeausweis, denn wie alle Welt weiß, die Ärzte haben es ja und am Freitag kam ein zertifizierter Techniker, der der lieben C. lange Vorträge hielt, über ihre Verantwortung, aber vor allem über die Strafgebühren die fällig werden wenn man statt x doch y macht. Aber die liebe C. hat ja eine laufende Praxis und die Praxis ist immer voll und für Vorträge über x und y hat die liebe C. nicht so Recht Zeit.
Es hat schon genug Zeit gekostet, die Praxis umzuräumen, denn die telematic Infrastruktur kann nicht einfach irgendwo stehen, sondern die liebe C. musste einen Schrank ( abschliessbar) einbauen lassen, der Schrank konnte nicht frei stehen, sondern musste anbgebohrt werden. Die liebe C. mein Vater und der Handwerker des Vertrauens verbrachten ein Wochenende damit die Praxis um das Telematik Infrastrukturgerät herum neu zu organisieren, denn die Praxis ist nun einmal eine Praxis und wird auch von Vorträgen weder höher, noch kleiner, oder gar breiter. Der Techniker am Freitag kam zwei Stunden zu spät und nach zwei Stunden in dem der Techniker am Telematik Infrastrukturgerät, Kabeln und dem Schranktresor fummelte, ging das Gerät noch immer nicht. Der Techniker fluchte, die liebe C. verbat sich Flüche und zeigte auf die Uhr: „In einer Stunde begönne ich mit den Hausbesuchen“ sagte sie. Der Techniker fluchte noch einmal und die liebe C. knallte die linke Augenbraue hoch, wer einmal die liebe C, gesehen hat, wie sie ihre Augenbraue nach oben zieht, der wird dies niemals vergessen. Nach einer Stunde erkannte das Telematik Monster jede dritte Karte, dann fiel es aus. „Was sie jetzt machen solle?“, fragte die liebe C. den Techniker, der zuckte mit den Schultern. „Das hätten sie ihm auf dem Telematic Lehrgang nicht erklärt.“ Die liebe C. zeigte auf seinen Schild, welches ihn als zertifizierten Techniker auswies und zog noch einmal ihre Augenbraue nach oben. Da schrie der Techniker schon, dass er doch auch nichts dafür könne, dass das Scheißding die Karten nicht einlesen könne und das sie sich schon mal auf saftige Rechnung freuen könne.“ „Das seien Überstunden.“
Die liebe C. informierte den Techniker darüber, dass sie immer noch selbst entscheiden würde, worüber sie sich freute. Der Techniker verschwand unter dem Schreibtisch, die liebe C. begann ihre Hausbesuche. Das Ergebnis blieb dasselbe. Das Telematik Infrastrukturgerät für 4000 Euro funktioniert nur bei jeder dritten Karte. Aber sagt die liebe C. es ist gar nicht das Geld oder die Technik, nicht einmal die Tatsache, dass es keine Mitsprachemöglichkeit gibt oder der vermaleidete Schrank.

Aber die schlichte Tatsache, dass man als Arzt jetzt freier Mitarbeiter der Krankenkassen sei, denn deren Interessen bedient das Telematik Monster. Die liebe C. am Hörer schüttelt den Kopf. „Weißt Du, es ist die völlige Verweigerung darüber nachzudenken, wie eine Praxis wie diese funktioneirt.“ Und ich denke wie die liebe C. an alle Patienten, die im Telematik-Digitalisierungswunder gar nicht vorkommen, denn das neue Gerät, akzeptiert nur neue Karten. Aber die kleine Praxis hat nicht nur Patienten, wie in der Krankenkassenwerbung jung, dynamisch, progressiv sind, sondern sehr viele Patienten, die durch viele Raster fallen, die unsere Gesellschaft so hat.

Die liebe C. behandelt nämlich auch die, die gar keine Karte haben, den gescheiterten Unternehmer, dem die Beiträge für die private Versicherung über den Kopf wuchs, wie auch den Obdachlosen Mann von der Straße und das sind bei ihr niemals Einzelfälle, sondern sehr, sehr Viele und dann all diejenigen, die eine alte Karte haben oder die gar nicht wissen, welche Karte denn nun die richtige ist und die in die Praxis kommen, nicht nur wegen einer Impfung oder eines EKGs sondern weil Frau Doktor auch einen Blick auf komplizierte Schreiben der Krankenkasse, des Arbeitsamts und oder des Gerichtsvollziehers wirft und dann auch anruft und Hilfe organisiert. Ich erinnere mich noch wie die liebe C. und ich damals als die Flüchtlinge in die Stadt kamen, zwei Wochen am Stück nicht nur untersucht und übersetzt haben, sondern darum gekämpft haben, dass es für die Menschen irgendwann einmal auch eine Krankenkasse gäbe, die sie aufnimmt.
Aber das hat lange gedauert und war unendlich mühsam und wie so oft hat die liebe C. eben ganz selbstverständlich behandelt, sich gekümmert, wie sie sich seit Jahr und Tag darum müht, dass die Praxis ein Ort ist, an dem sich gekümmert wird: um die Studentin aus Kolumbien, deren Karte das Telematik Lesegerät niemals erkennen wird und deren Sohn auf dem Praxissofa geboren wurde, um den Mann aus Polen, der für die Leute der Stadt die Gärten richtet, und den ein Baum traf, um die Rumänen, die in der Fabrik schaffen und die Frauen aus Osteuropa, die auf den Feldern ernten und von denen eine böse Blutvergiftung und noch mehr Angst vor dem Krankenhaus hatte, die alte Rentnerin mit den offenen Beinen, die jeden Tag zur lieben C. in die Praxis kommt für einen neuen Verband, vor allem aber für all die, die in die Praxis kommen und sagen: „Nächstes Mal denke ich an die Karte.“

Alles Menschen, alles keine Telematik Kunden. Aber natürlich klingt das langweilig, banal und keineswegs nach der Praxis des 21. Jahrhunderts von dem Gesundheitspolitiker und Krankenkassen träumen, die niemals Patienten treffen, die mit einem zerknitterten Brief in der Hosentasche vor der lieben C. stehen und sagen: „Frau Doktor würden Sie wohl?“, weil sie nicht lesen können oder weil die Welt so kompliziert geworden ist und die Ungeduld so groß auch auf jene zu warten, für die eine Sprechstunde via ipad nach dem Grauen klingt und nicht nach einem Versprechen. Dort wo jetzt der Telematik Tresor steht, stand immer ein Schränkchen mit Tee, Wasser und einer Obstschale für die Patienten. „Atmen Sie erst mal durch“, ist der Satz den die liebe C. am häufigsten sagt, die Patienten wunderten sich: „Frau Doktor, Sie räumen ja um.“ Frau Doktor nickte und zeigte auf die neue Tee-Ecke.“ Machen Sie sich keine Sorgen, sagte die liebe C. „wir bekommen das schon hin.“

„Ein Jahr mit dem Monster werde ich auch noch überstehen“, sagt sie und schüttelt den Kopf, aber auch wenn sie lächelt am Telefon, denn die liebe C. der gelassenste Mensch der Welt, die niemals lange den Kopf unter Wasser hält, weiß ich doch, das es wieder ein Jahr wird, in dem fast alles schwieriger und komplizierter wird und am Ende und das wissen wir beide, bezahlt nicht sie den Preis für das Telematik Infrastrukturgerät, sondern all jene, die auf der „Datenautobahn für das Gesundheitswesen“ lange schon abgehängt sind.

Am Montag kommt der Techniker wieder.

34 thoughts on “Die Datenautobahn für das Gesundheitswesen und die kleine Praxis der lieben C.

  1. Irgend wie macht mich das sehr, sehr traurig. Es ist wie bei einem sinkenden Schiff.. aber da scheint kein Captain zu sein der sagt: Keiner wird zurückgelassen!
    Das ist traurig!

  2. Hoffe, dass die Seufzer der lieben C. von vielen weiteren Seufzern und Seufzerinnen aufgenommen und weitergetragen wird, damit Gesundheit u. Krankheit nicht weiter zur käuflichen Ware verkommt.

    Könnte mir vorstellen, dass der lieben C. der folgende Vorschlag auch gefallen könnte:
    *Gesundheitssystem ohne Krankenversicherung*
    http://www.deutschlandfunkkultur.de/buergerversicherung-finanziert-das-gesundheitssystem-mit.1005.de.html?dram:article_id=402003

    Sehr gut gefällt mir, was die liebe C. dem Techniker antwortet: „…dass sie immer noch selbst entscheiden würde, worüber sie sich freute.“ 🙂

  3. Es ist schlimm, dass nicht mehr der Mensch als solcher, sondern nur noch als ein „Fall“, ein „Vorgang“ oder ein Problem gesehen wird. Alles wird optimiert, standardisiert und katalogisiert, die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke. Mir ist ganz schlecht.

    • Mir wird auch immer ganz schlecht bei der Bedenkenlosigkeit mit der dieser Irrsinn vorangetrieben wird und für den sehr viele Menschen einen sehr hohen Preis zahlen werden.

  4. Ach, so vieles bleibt mittlerweile auf der Strecke …

    Gerade heute erzählt mir meine Mutter, dass im Nachbarsdorf, das mittlerweile keinen Bäcker, keinen Metzger, nicht eine einzige, klitzekleinste Einkaufsmöglichkeit hat, nun auch noch der Geldautomat abgebaut wurde.

    Eine Kleinigkeit ist da geradezu der nette Hinweis des Biomarktes, dass man nun die gedruckten Werbezettel nicht mehr drucken, sondern nur noch digital ins Internet einstellen wird, da da ja jeder sich einfach informieren und auf dem Laufenden halten könne.

    Naja, meine Mutter hat für all das mich, was ein Glück, so konnte ich ihr auch den Fahrplan ausdrucken dafür, dass die Züge zwei Wochen lang nicht so fuhren wie normal. Am Bahnhof, der nur noch eine Haltestelle ist, hängt kein Plan dazu aus …

    Unser digitales Festnetztelefon hat die Grätsche gemacht, woraufhin mein Gatte „Ah!“ sagte, verschwand und und kurz danach mit einem alten analogen Tastentelefon wieder aufzutauchen, es einstöpselte und jetzt – ganz ehrlich – lausche ich nach dem Wählen ganz entzückt diesem KlackKlackKlack-Tönen, so wie 20 Jahre früher :).

    Herzlichst,
    Ev

  5. Die liebe C ist doch die Partnerin Ihres Vaters, oder? Dann wäre sie doch eher die „Schwiegermutter“ des Mannes Ihres Schwesterchens, oder?
    Sie telefonieren doch heute bestimmt wieder mit der Malitant. Könnten Sie Sie bitte nach Bruno Kreisky fragen und wie sie ihn wahr genommen hat? Vielen Dank

  6. liebe readon,
    schon knapp 3 jähre lese ich ihren blog und ich möchte ihnen gerne eine mail schreiben, finde aber keine mail-adresse auf der website. können sie mir weiterhelfen? vielen dank. luise

  7. Ach herrje, „moderne Zeiten“ in denen die Zahnräder des Fortschritts die zermalmen, die nicht ins Raster passen.. schon der sehr verehrte Herr Chaplin hat sich die komische Seite der Tragödie betrachtet um der Verzweiflung nicht zu viel Raum zu geben. Darüber muss viel mehr berichtet werden!

    • Ja, wenn doch nur einmal Charlie Chaplin wiederkäme oder die ganzen Fortschrittspostel, denen es egal ist, wer vom Wagen fällt, doch lieber ins Kino gingen statt in die Politik.

  8. Der Himmel bewahre uns vor der „Praxis des 21. Jahrhunderts von dem Gesundheitspolitiker und Krankenkassen träumen“. Ich habe mich dieses ganze Wochenende mit dem Thema „Die künstlich intelligente Stadt“ befasst. Was ich als wichtigste Lehre daraus mitnehme? Sicherstellen, dass unsere Daten UNSERE Daten bleiben und wir uns engagieren müssen, damit die global Corporations uns nicht alle in ihre Datensysteme einspeisen und auffressen.

  9. „Prokrustes bot Reisenden ein Bett an, aber in manchen Sagen zwang er auch Wanderer, sich auf ein Bett zu legen. Wenn sie zu groß für das Bett waren, hackte er ihnen die Füße bzw. überschüssigen Gliedmaßen ab; waren sie zu klein, hämmerte und reckte er ihnen die Glieder auseinander, indem er sie auf einem Amboss streckte.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Prokrustes

    Und dahin geht auch das Gesundheitswesen, die Banken, alle und jede Infrastruktur. Der Mensch soll sich den Prozessen anpassen, nicht mehr die Prozesse den Menschen. Der Mensch als solcher ist inzwischen einfach zu teuer für ein System, das sich vorzüglich auch ohne diese störende Komponente selbst am Laufen hielte.

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