Wie der März riecht.

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Baby, Blue. #spring #hyacinth #bluebabyblue #colours #march

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Der März riecht noch einmal nach Schnee. Der März riecht nach kalten Wangen und einem Handtuch, das zu lange über der Heizung lag. Der März riecht nach Tabakkrümeln und alten Laubhaufen am Straßenrand. Der März riecht nach Kakao mit Haut. Der März trägt einen weiten Lodenmantel, in seine Taschen passt viel Wind, der März hat ein heiseres Lachen, das hat der März vom Ostwind geerbt. Der März hat einen bösen Husten und riecht nach Brustkamellen und Kaffeefiltern. Der März riecht nach den Hyazinthen im Treppenhaus. Die blauen Hyazinthen riechen nach einer Liebelei, die weißen Hyazinthen riechen nach einer Sommernacht, die rosa Hyazinthen riechen nach Tee. Der März riecht nach den ersten warmen Sonnenstrahlen, der März riecht nach Spülwasser und nach dem Ehrgeiz der Hausfrauen die erste zu sein mit blitzblanken Fenstern. Der März riecht nach aufgeschüttelten Decken, die liegen auf dem Fensterbrett. Vor vielen Jahren als ich ein Kind war, da kam Elisabeth Brettschneider zu meiner Großmutter und klopfte die Teppiche aus, bei ihr und bei den Nachbarn der Straße. Die Teppiche hingen über dem Zaun und Elisabeth Brettschneider klopfte den Staub aus den Teppichen. Elisabeth Brettschneider schob einen Kinderwagen in dem kein Kind lag, das Kind habe man entführt, erzählte sie, dabei hatte sie weder Mann noch Kind. Der März riecht nach dem Tag an dem Elisabeth Brettschneider zu meiner Großmutter kam, man hörte sie schon weitem singen: Hier kommt die liebe Liesel. Liesel Brettschneider roch nach Pfefferminzschnaps und Kohl. Der März riecht nach Bärlauch unter den Bäumen, aber nicht lange, in den letzten Jahren hat sich der Bärlauch beliebt gemacht und die diejenigen, die den Bärlauch unter den Bäumen pflücken, pflücken nicht zwei Handvoll, sondern füllen viele Plastiktüten. Dann riecht der März nicht mehr nach Bärlauch, sondern nach der Gier.
Der März riecht nach Heidelbeertorte und Geburtstagskerzen, nach Vanille im Haar meiner Schwester, der März riecht nassem Moos und schwerer, dunkler Erde. Der März riecht nach dem letzten Brot vor Pesach. Dick bestrichen das erste mit Butter und Salz, und das zweite mit Honig. Der März riecht nach den bitteren Kräutern und nach Meerettich. Der März riecht nach offenen Feuern und den Orangenschalen, die verbrennt der Nachbar im Kamin. Der März riecht nach Bierlachen auf der Strasse in Berlin, nach einem Glas Sherry in Irland, nach Milchschaum in meiner Küche, der März riecht nach Hefeteig in der Bäckerei in Schlachtensee, kurz vor neun Uhr. Der März riecht nach abgelöster Tapete, der März riecht nach dem Veilchenparfüm einer älteren Dame mit fliederfarbenem Parfüm. Der März riecht nach den nackten Armen der Bäume, der März riecht nach besorgten Müttern. Die Mütter rufen: LotteTorbenAnnaMarie: HandschuheMützeSchal nicht vergessen. Es ist doch noch kalt. Der März riecht nach den roten Wangen der Kinder und den ersten Spitzen frischen Grüns. Der März riecht nach Schokoladenkeksen ohne Mehl für Pesach, der März riecht nach Mottenkugeln und Lederfett. Der März riecht nach Öl für die Fahrradkette und Brathering. Der März riecht verschwitzt und schwer atmend dehnt sich ein Mann auf der roten Bank, der Schweiß tropft ihm in die Augen, und trotzdem riecht der März nach Persil. Der März riecht nach Bach-Motetten, nach Tintenflecken auf den Händen der Schüler, die in der S-Bahn über die Mathe-Probe diskutieren und nach der Angst vor mündlich 5 in Physik. Der März riecht nach dem Schwanken zwischen Hoffnung und Verlorensein des schwarzen Hundes, der angebunden vor der Kaufhalle auf jemanden wartet, der ihn lange warten lässt. Der Hudn wartet im Regen. Der Regen riecht nach Gebirgsbach und kalter Dusche. Der März riecht nach ungeschriebenen Liebesbriefen.

Der März riecht unentschieden.

Die Sache mit den koscheren Macarons, Herrn Shmuel Refua und dem betrügerischen mashgiach von Tel Aviv.

Ich: Seid ihr gut angekommen? Hier ist grässlich kalt, grau, Kater Mau ist widerborstig, der Tierarzt schäkert mit der Mali-Tant und ich bin knochenmüde

Die liebe C: Süße, wir sind gut angekommen. Nur du fehlst. Wirklich, Süße Du sollst nicht immer nur für die Anderen machen und tun.

Ich: Liebes, warum flüsterst du so? Es ist doch erst Erev Pessach, da musst Du doch noch keine Regeln brechen.( Die A. ist gewissenhaft religiös und benutzt am Shabbat oder an hohen Feiertagen keine Elektronik)

Die liebe C.: Die A. hat einen Zustand und erträgt deshalb keine Telefongespräche, deswegen bin ich ins Bad geflohen.

Ich: Jetzt schon? Hat mein Vater Kekse vor ihren Augen gegessen?

Die liebe C. ( erschauernd ): JessasMaria und Joseph, sag doch nicht so etwas.
Dein Vater zeichnet die A. und all ihre Töchter und na ja, du kennst ihn ja.

Die liebe C. seufzt. ( Mein Vater pflegt mit höchst unschuldiger Miene, Karikaturen seiner Mitmenschen anzufertigen.)

Ich: Die A. hat also einen Anfall. Einen normalen, einen speziellen oder einen außergewöhnlichen wie damals als sie herausfand, dass ihre Mutter selig erst Ginrummy mit Herrn Shmuel Refua spielte und er sich dann Freiheiten herausnahm, die die Mutter der A. sehr, die A. aber ganz und gar nicht zu schätzen wusste?

Die liebe C. ( erschauernd): Oy. Die Sache mit Herrn Shmuel Refua werde ich nicht vergessen, auch wenn ich 111 JAhre alt werde!

Ich: Niemand wird die Sache mit Herrn Shmuel Refua vergessen.

Die liebe C. und ich: Kichern

Die liebe C.: „Es ist ein mittelschwerer Anfall. Ich dachte erst sie hätte die Marzipaneier in der Tasche deines Vaters gefunden. Jedenfalls saßen wir bei Tisch und dann klingelte das Telefon. Du weißt ja wie empfindlich die A. ist, wenn man bei Tisch sitzt und ein Telefon klingelt. Jedenfalls machte sie Tsk Tsk Tsk und sagte: „Es gibt keinen Grund eine Familie bei ihrem Mahl zu unterbrechen.“ Du weißt ja wie sie ist. Aber das Telefon hörte trotzdem nicht auf zu klingeln. Nach dem siebzigsten Klingeln erbarmte sich deine Schwester und sagte: „Du A. Bébé No. 5 verträgt das Klingeln so schlecht.“

Ich: Kichere.

Die liebe C. kichert.

Jedenfalls ist die die A. dann endlich ans Telefon gegangen und als sie wieder kam, war sie leichenblass und das erste was sie sagte war: Gedemütigt bis an das Ende aller Tage. Gedemütigt von Selina Bodenstein.
Wir alle saßen natürlich betretend schweigend da, bis dein Vater fragte: A. was ist denn eigentlich passiert? Du weißt ja wie dein Vater ist.

Die A. jedenfalls hat einen spitzen Schrei ausgestoßen und auf die Schachtel mit den Macarons gezeigt, die auf der Anrichte standen. Dann stand sie auf und warf mit einer Wucht, die niemand der A. zugetraut hatte, die Schachteln mit den Macarons auf den pesach-blanken Küchenfußboden.

Dann schrie die A. lauter Wörter, die ihr niemand zugetraut hatte. ( Außer Shmuel Refua natürlich!)

Die liebe C. kichert.

Ich kichere.

Die liebe C. sagt: Die A. hat die Macarons aus Tel Aviv kommen lassen. Warum sie das getan weiß keiner, denn die A. sagt ja immer aus Tel Aviv kommt nur Schlechtes unter anderem auch Herr Shmuel Refua. Jedenfalls hat Selena Bodenstein eine Schwester und die hat auch Macarons in der Bäckerei in Tel Aviv bestellt. Das für sich fand die A. natürlich empörend, aber das hätte wohl nur für einen kleinen Anfall gereicht. Aber der Anruf von Selena Bodenstein hat ja etwas ganz anderes zu Tage gefördert. Eine andere Kundin, die wiederum die Schwester von Selena Bodenstein kennt, hat dort auch ihre bestellten Macarons abgeholt, aber als sie nach ihrer Geldbörse kramte, da sagte der Verkäufer zu ihr: „Pssst, diese Macarons sind nicht KOSHER FOR PASSOVER. Der Freundin der Schwester von Selina Bodenstein war entsetzt, ungläubig und dann sprachlos. Der Verkäufer aber wisperte der mashgiach ist ein Betrüger und hat Label mit der Etikettiermaschine seines Vaters ausgedruckt und ist Hals über Kopf mit der Frau des Bäckers durchgebrannt. Die Bäckerei habe seit zwei Tagen schon ihre Zertifizierung verloren, verkaufe aber noch munter weiter die Macarons, die definitiv nicht kosher for passover seien. Dann habe der Verkäufer die Frechheit besessen der Freundin der Schwester von Selina Bodenstein noch seine Telefonnummer aufzudrängen. Fünf Minuten später wusste es ganz Tel Aviv und fünfzehn Minuten später dann auch die Schwester von Selina Bodenstein, fünfundzwanzig Minuten später Selina Bodenstein selbst und dann kam es eben zum Anruf bei der A.

Ich muss kichern.

Die liebe C. kichert.

Die liebe C. sagt: Die A.ist außer sich. Sie ist nur noch nicht sicher, was sie mehr erregt der betrügerische Mashgiach, die Demütigung durch Selina Bodenstein oder dein Vater.

Ich sage: Oh?

Die liebe C. sagt: Du kennst ihn doch, er hat natürlich sofort die Macaron-Schachteln errettet und die Macarons mitsamt der Kinderschar genüsslich verzehrt. Das alles hat die A. natürlich noch mehr erregt und sie hat türenschlagend den Raum verlassen und geschrien: Schmutz und Schande und dann auch noch die Jeckes im Haus.

Ich kichere.

„Süße“, sagt die liebe C. Du siehst wir treten hier auf einem Minenfeld. Dein Vater will Dir auch noch guten Abend sagen!“

Die liebe C. küsst ins Telefon.

Ich küsse ins Telefon.

Mein Vater sagt: Ich habe noch kein Marzipanei essen müssen, dank des betrügerischen mashgiach und den sehr guten Macarons.

Ich muss kichern.

Mein Vater sagt: Die A. veflucht aus einem sich mir nicht erschließlichen Zusammenhang den armen Herrn Shmuel Refua und die Bäckerei in einem Atemzug.

Mein Vater seufzt.

Mein Vater sagt: Das wird eine sehr lange Woche. Aber ich habe auch sehr viele Marzipaneier im Koffer.

„Süße, sagt mein Vater, ich muss Schluss machen. Die liebe C. und ich sind allein im Badezimmer, alles ist wie, als ich 18 war, aber damals hatte die liebe C. nichts für mich übrig und ich muss die Gelegenheit jetzt nutzen, wenn du verstehst, was ich meine.

Ich verstehe genau.

Mein Vater sagt: Die liebe C. ist 18. Kind, sie wird wirklich noch rot.

Die liebe C. ruft: Du kennst ja deinen Vater. Ich rufe Dich morgen früh an!

Mein Vater wirft Küsse hinterher.

Kind, sagt mein Vater, dann aber doch noch, es ist wirklich zu Schade, dass Du nicht hier bist, was Du alles in dieses Internet schreiben könntest!

Fußnote 1: Ein Mashgiach ist ein Inspektor, der die Einhaltung von koscheren Standards in allen möglichen Institutionen überprüft.

Der lange Weg aus Ägypten

Die liebe C sagt: “Süße, dein Vater kann seinen Pass nicht finden.

Mein Vater sagt: „Kind, ich habe den Schlüssel für die Wohnung in Jerusalem gefunden!

Die A. sagt: Ich kann mit vollem Stolz behaupten meine Wohnung ist kosher für Pessach. Wie schaut es denn bei Dir aus?

Ich denke: Angeberin! Und esse einen Keks, aber vorsichtig, so dass die A. mich am Telefon nicht hört!

Die Nachbarin zur Rechten sagt: „Read On, der Peter trägt nachher die Kisten mit den verbotenen Lebensmitteln zu uns herüber. Es tut uns wirklich sehr leid, dass der Schweigervater letztes Jahr so derart in deinen Vorräten geplündert hat. Kriegsteilnehmer, was soll man machen?“

Ich sage: Danke und drücke der Nachbarin zur Rechten einen Blumenstrauß in die Hand.

Der ehemalige geschätzte Gefährte F: sagt: Weißt Du, das ich als Kind immer heimlich ein Baguette im Nachtschrank versteckte, um G*tt herauszufordern?

Ich sage: Wärst Du mal beim Baguette geblieben.

Meine Schwester sagt: Die Kinder mögen keine Matzot. Wie erkläre ich das der A.?

Die liebe C. sagt: Süße, ich erkläre der A. alles, wenn Du nur Deinem Vater hilfst seinen Reisepass zu finden.

Mein Vater sagt: Ich habe eine Packung Kekse und Käsecracker in meiner Tasche verstaut. Die A. kocht erbärmlich schlecht.

Der Tierarzt sagt: Mädchen, war das Pessach wo ein goldenes Kälbchen geschlachtet werden sollt?

Ich sage schnaubend: Verfluchter Mist, ich habe den Meerettich vergessen.

Die A. sagt: Bodensteins essen Reis zu Pessach. Was sind das nur für Barbaren! Aber eine Hut mit Feder trägt Selima Bodenstein in der Shul. Was für Angeber.
Tsk Tsk Tsk

Meine Nichten heulen: Alle Kinder bekommen Goldhasen und wir dürfen nur Kaninchenfutter

Die liebe C. sagt: Süße, Dein Vater hat Marzipaneier im Handgepäck, sprich du doch noch einmal mit ihm. Die A. vergisst sich sonst wirklich.

Ich sage: Papa, lass das doch mit den Marzipaneiern sein.

Mein Vater sagt: „Ich lasse mich doch nicht von religiösen Hardlinern unterjochen. Ich bin ein freier Jude.

Der F. sagt: Hier war doch gestern noch ein halber Kuchen?

Die Mali-Tant sagt: Also geh Mädi, ich brauch meine Semmel am Morgen!

Mali-Tant sage ich, ist es nicht merkwürdig, dass Du ausgerechnet immer an Pessach deine Vorliebe für Weißgebäck entdeckst?

Die Mali-Tant sagt: Damit Du es nur weißt Champagner ist immer und grudsätzlich kosher.

Der Tierarzt sagt: Also ich verstehe das nicht, der Pharao hat ein Kälbchen gefordert und als ihr ihm kein Kälbchen gegeben habt, hat er euch mit Fröschen beworfen.

Mein Neffe sieht den Tierarzt zweifelnd an und sagt: „Weißt Du Tierarzt, das alles ist wirklich schon sehr lange her.

Der Tierarzt seufzt und murmelt etwas von Geheimnissen vor Kälbchen und allgemeinen Unwohlsein.

Die liebe C. sagt: Süße, Du musst uns wirklich nicht zum Flughafen fahren, wahrscheinlich bleiben wir ohnehin hier, wenn Dein Vater nicht endlich seinen Pass findet.

Die D: sagt: Wo seid ihr zu Pessach?

Der A. sagt: Ist bei noch Platz an Pessach?

Der F. sagt: Müssen wir in die Shul?

Die A. sagt: Wann seid ihr in der Shul?

Die G. sagt: Ich probiere dieses Jahr lauter, neue Rezepte aus. Pessach kommt ja nun wirklich nicht überraschend. Und Read On, was hast du denn für Meerrettich?

Ich schweige bedrückt.

Die Mali-Tant sagt: Meerrettich, wir sind doch keine Armenhäusler!

F. sagt: Das Date-Ale ist definitiv kosher for passover.

Ich sage: Urks!

Die A. sagt: Selena Bodenstein hat einen goldenen Pessach-Teller.

Nichten 1-3 heulen: WIR WOLLEN GOLDHASEN!

Ich sage: Himmel, in dem Schrank ist ja auch noch Mehl!

Der T. sagt: Wir backen unsere Matzot ja selbst! Der T. hält einen sehr langen Vortrag über die Verunreinigungen der Bäckerei aus der ich Matzot beziehe.

Ich funkle den T. böse an und sage: Papperlapp.

Die A. sagt: Keine der Töchter von Selina Bodenstein können grüßen! Ha, was Besseres, aber sie essen Reis zu Pessach.

Die liebe C. sagt: „Wenn Dein Vater seinen Pass nicht gleich findet, dann packe ich den Koffer wieder aus.“

Die Nichten 1-3 heulen: GOLDHASEN!

Der F. sagt: Mein Bruder hat einmal über Pessach Sarah Silbermann einen Frosch ins Bett gelegt.

Ich sage: Wie ist dein Bruder an das Bett von Sarah Silbermann gekommen?

Der F. sagt: Mein Bruder hat sich über sieben Balkone geangelt, ist durch das Badezimmerfenster der alten Tante Chana über eine Terrasse auf das Dach der Silbermanns geklettert, hat das angekippte Fenster von Sarah geöffnet und den Frosch unter ihr Kopfkissen getan als die gesamte Familie Silbermann bei Tische saß. Wusstest du, dass Sarah Silbermann einen schrecklich langweiligen Rabbi geheiratet hat und vier schrecklich,langweilige Töchter hat?

Vielleicht hatte sie von der Aufregung auch einfach genug für den Rest ihres Lebens, frage ich, aber der F. schwenkt sein Telefon vor meiner Nase herum. Hier die schöne Myra macht Macarons die Kosher für Pessach sind. Das ist schon etwas anderes als deine Matzo-Ball Suppe, die es Jahr für Jahr gibt.

„Du kannst gerne die schöne Myra mit deiner Anwesenheit beehren“, knurre ich finster.

„Vielleicht sollte ich auch noch einen Frosch fangen, lacht der F.

Mein Vater sagt: Kinder streitet euch nicht. Bei der A. müssen wir Rote Bete Salat essen.

Die liebe C. sagt: „HEUREKA!“ ICH HABE DEN PASS!

Mein Vater sieht so aus als wolle er, ähnlich wie die Nichten auch gleich anfangen zu schluchzen.

Die liebe C. sagt: Telefon, Pass, Schlüssel-Jerusalem, Geschenke. Alles da.

Nichte No. 3 heult: Und wo ist Kanzler Bär?

Schwesterchen sagt: Das Schönste an Feiertagen ist, wenn sie vorbei sind.

Die Mali-Tant sagt: Matzot. Ich verstehe das nicht, wenn ich Papier essen will, dann esse ich Papier.

Der Jean sagt: Liebes, ich finde deine Suppen wunderbar!

Ich sehe den Jean dankbar an.

Der Tierarzt murmelt: Mah nishtanah, ha-laylah ha-zeh,
mi-kol ha-leylot. Heißt das: Kälbchen sei dahingeschlachtet?

Nein, sage ich, Tierarzt niemand schlachtet ein Kälbchen.

Der Tierarzt atmet erleichtert aus.

Ich reiche dem Tierarzt die Kinder Haggadah.

Ich google: Macarons kosher passover.

Die liebe C. ruft: Himmel, wo sind die Autoschlüssel?

Der F. sagt: Sarah Silbermann hatte die längsten Beine im Stadtviertel.

Ich zähle langsam bis 29.

Süße, rufe ich, ich habe die Autoschlüssel!

Schwesterchen zählt die Kinder.

Mein Schwager zählt die Kinder.

Mein Vater zählt die Kinder.

Die liebe C., zählt die Kinder.

Die Mali-Tant sagt: Ich habe eine ganze Sachertorte im Koffer.

Der Tierarzt sagt: Der Pharao war ein wirklich unangenehmer Mensch.

Mein Vater sagt: Die A. hätten sie ruhig in Ägypten behalten können.

Der F. sagt: „Los jetzt, sonst verpasst ihr nur das Flugzeug. Ich fahre euch!“

Türenschlagen, Tumulte, noch mehr Tränen.

Dann Stille.

Ich sage: Endlich! Die Haus, Küche und Hof sind kosher für Pessach.

Dann fällt mir eine Packung Kekse auf den Kopf.

Katzen, Menschen, Bäume

Es gibt Menschen, die mögen Hunde.

Andere Menschen mögen Katzen.

Es gibt den Tierarzt, der Tierarzt ist vernarrt in ein Kalb in den Flegeljahren, liebt die Katze und verehrt den Hund.

Ich mag weder Katzen, noch Hunde oder Kälber. Ich mag Kinder und Shetlandponys und Nussschokolade.

Ich habe eine Nachbarin. Die Nachbarin ist sehr alt. Die Nachbarin ist ungefähr 97 Jahre alt , aber eine Dame fragt man nicht nach dem Alter.

Einmal hat eine ferne Bekannte, die Mali-Tant nach ihrem Alter gefragt. Die ferne Bekannte ist heute eine sehr ferne Bekannte, die lieber die Straßenseite wechselt trifft sie die Mali auf dem Inneren Ring.

Die Mali-Tant hat einen Kater namens Mau. Wie alle Katzen behandelt mich Mau mit Geringschätzung und Verachtung.

Die alte Nachbarin winkt mir am Morgen: „Fräulein Read On, ich kann den Frühling schon riechen. Ich winke zurück. „Die guten Vorzeichen häufen sich.“

Die alte Nachbarin hat auch eine Katze. Die Katze ist rot gestreift und hat einen durchdringenden Blick, die Katze der alten Nachbarin wiegt ungefähr so wie ein kleines Schaf und die Katze der Nachbarin heißt Maria. Nach Maria Callas. Wie alle Katzen verachtet Maria auch mich und zischt wenn immer sie mich trifft, wie es Maria Callas bestimmt niemals tat.

Ich habe einen Garten und im Garten steht ein Walnussbaum. Der Garten ist groß und wild und immer wenn der Frühling beginnt, schwöre ich die Wildnis einzuhegen.

Es gibt Menschen, die besitzen Kleidung mit der sie in allen Lebenslagen schön ausschauen, selbst im Garten. Ich gehöre nicht zu dieser Gruppe von Menschen. Ich trage ein paar indische Hosen, ein Swetashirt mit einem verwaschenen Snoopy, alte Tennisschuhe, grüne Gartenhandschuhe und ein gelbes turbanartiges Tuch aus dem Kopf, um der Shetlandponyhaare Herr zu werden und so wühle ich also in der Wildnis umher und vor allem beschneide ich die Apfelbäume. Ich singe für meine alte Freundin die Wildtaube lauter alte Bollywood-Lieder und die alte Freundin Wildtaube wippt entspannt auf einem Ast. Dann aber verschwindet die alte Freundin Wildtaube in den dichten Tannenzweigen.

Ich drehe mich um und mir gegenüber steht Maria. Maria sieht mich an, wie sonst nur sehr schöne Frauen mich ansehen, mit der gleichen leichten Verachtung, die sehr schöne Frauen für Shetlandponys übrig haben.

„Morgen Maria“, sage ich, denn Abneigung, sagte meine Großmutter ist keine Entschuldigung für Unhöflichkeit.

Maria aber findet nicht, dass ich eines Grußes würdig sein und stapft über den Rasen zum alten Wasserbassin.

Maria ist eine eitle Katze.

Jetzt grinse ich. „Hey, rufe ich herüber, die alte Nachbarin hätte dich lieber Narcissa-Maria nennen sollen.“

Maria schwenkt ihren Schwanz als sei ich nichts weiter als eine lästige Fliege.

Aber natürlich rumort es in ihr. Sie ist schließlich eine Katze und dann
ist da ja noch der alte Walnussbaum.

Maria starrt mich an, dann den Baum und dann klettert sie sehr behäbig, eher wie ein Faultier denn eine Katze auf den Baum. Ich denke: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ und warne die alte Freundin Wildtaube, auch wenn die schwerfällige Maria wohl kaum eine Gefahr für die schlanke, schnelle Wildtaube ist.

Um elf Uhr kommt die Nachbarin herüber: „Fräulein Read On“ ruft sie, „haben sie Maria gesehen?“

„Ja, sage ich, Maria hm ruht auf dem Walnussbaum.“

„HimmelHerrg*ttthilf“, schreit die alte Nachbarin und eilt herüber in den Garten, Maria kommt doch nicht allein vom Baum herunter.

„Was?“, frage ich.

Die alte Nachbarin seufzt: „Maria ist nicht schwindelfrei.“

Ich huste und sage: „Vielleicht könnte ja ein Leberwurstbrot Maria vom Baum locken?“

Die alte Nachbarin schüttelt den Kopf. „Das hat keinen Sinn, sagt sie, die arme Maria fürchtet sich zu sehr.“

Die alte Nachbarin sieht zu mir herüber und sagt ganz wie Maria Callas: „Fräulein Read On bitte helfen sie mir.“ Maria ist doch mein ein und alles. Ich starre auf das rote Monstrum im Walnussbaum. Ich bin mir sicher, dass Maria hämisch grinst.

Ich seufze noch einmal und ziehe die Leiter aus dem Schuppen.

Die Leiter ist alt. Der Baum ist sehr hoch. Die alte Nachbarin sagt: „Himmel, Fräulein Read On, solche Leiter habe ich das letzte Mal beim Volkssturm im 45r Jahr gesehen.“

„Na, wollen wir hoffen, dass die Leiter nicht so viel vom Volkssturm gesehen hat“, sage ich.

Ich stelle die Leiter an den Walnussbaum und klettere die knarrenden Sprossen hinauf.

„Reden sie Maria gut zu, ruft die alte Nachbarin, das Mäuschen fürchtet sich so.“

Ich zische in Richtung Maria: „Komm sofort her du hinterhältige Schlange, sonst wirst du dich wundern.

Maria springt auf den nächstbesten Ast.

Ich klettere schnaubend hinterher.

Maria grinst.

„Wirst Du wohl sofort deine Pfoten zu mir bewegen“, knurre ich.

Unten knallt eine Autotür.

Natürlich ist es der schöne Nachbar.

Die alte Nachbarin ruft: „Schöner Nachbar, das Fräulein Read On rettet Maria vom Walnussbaum.“

Der schöne Nachbar ruft: „Nice and slow Read On!“

Ich denke ein sehr nicht jugendfreies Wort.

Maria grinst und springt auf den nächsten Ast.

Ich habe die letzte Leitersprosse erreicht.

Maria wägt ab, ob der nächsthöhere Ast, sie wohl trägt.

Das ist meine Chance.

Ich greife nach der Katze.

„Hab ich dich du blödes Biest“, knurre ich.

Die alte Nachbarin ruft: „ Ach meine süße Maria.“

Der schöne Nachbar ruft: „Ist die Leiter aus dem Mittelalter?“

„Nein vom Volkssturm“, ruft die alte Nachbarin.

Der schöne Nachbar lacht.

Maria zappelt als sei sie ein Fisch und keine Katze vom Gewicht eines Schafs.

Ich zische: „Wirst Du wohl stillhalten Du undankbare Kröte.“

Die alte Nachbarin schnurrt: „Komm in meine Arme Liebes.“

Ich halte das schwere Biest in einem Arm und mit der anderen Hand klammere ich an der Leiter und steige so vorsichtig es geht, herunter.

Maria sieht mich missmutig an.

Ich sehe Maria noch viel missmutiger an.

Dann komme ich nicht weiter. Denn irgendetwas hält mich fest. Ein Ast des Walnussbaumes hat sich in dem gelben Turban verfangen.

Ich fluche etwas sehr Unanständiges.

Der schöne Nachbar sagt: „Read On, ich wusste gar nicht, dass Du solche Wörter kennst.“

Die alte Nachbarin fragt: „Was hat Fräulein Read On gesagt?“

Der schöne Nachbar sagt: „Fräulein Read On sagt, Maria ist die schönste Katze, die sie jemals gekannt hat.

Die alte Nachbarin schnurrt schon wieder: „Maria, gleich hast du es geschafft.“

Ich reiße am Turban, der Ast gibt nach, der Ast gibt sogar sehr nach, ich rutsche ab, die Leiter schwankt, Maria rutscht aus meinem Arm, Maria fällt, die alte Nachbarin schreit auf, der schöne Nachbar fängt Maria auf.

Der schöne Nachbar säuselt: „Komm her Du Süße, es ist ja nichts passiert.“

Die Leiter schwankt wie ein Weidenzweig.( Kein Wunder, dass das mit dem Volkssturm nichts wurde.) Ich lasse die Leiter los, die Leiter knallt nach hinten, ich umklammere den Baum mit beiden Beinen.

Die alte Nachbarin ruft: „Himmel Hilf, Fräulein Read On!“

Der schöne Nachbar lacht: „Koala steht Dir Read On.“

Ich knurre Böses und hangle mich sehr vorsichtig am Baum hinunter. Mit einer Hand hänge ich an einem Ast und der Ast knackt, dann gibt der Ast nach, ich plumpse auf den Boden.

Das Snoopy T-Shirt hat einen Riss. Die indische Hose ist voller Walnussbaumrindenstücke. Sie Sohle der alten Tennisschuhe flappt. Flapp. Flapp. Der gelbe Turban ist nur ein gelbes Elend und hat sich im Shetlandponyhaar verfangen.

Eine zweit Autotür klappt.

Es ist die Freundin des schönen Nachbarn.

An der Leine hechelt ihr schöner Hund.

„Was ist denn hier los?“, fragt sie und die alte Nachbarin erzählt ihr von Maria, dem Walnussbaum und der Leiter.

Dann dreht die schöne Nachbarin sich zu mir um.

Sie sieht mich mit jener leichten Verachtung und Amüsiertheit an, mit der sehr schöne Frauen, Shetlanponys betrachten.

Dann küsst sie den schönen Nachbarn.

Maria schläft auf seinem Arm.

Aber als er sie der alten Nachbarin zurückgibt, da öffnet sie sie Augen und grinst.

Ich strecke ihr die Zunge heraus.

Der schöne Nachbar grinst.

Die alte Nachbarin turtelt mit Maria.

Ich klopfe mir Dreck von den Sachen.

Der schöne Nachbar und seine Freundin drehen sich tuschelnd um. Sie ruft: Hektor bei Fuß. Aber ich bin mir sicher, noch in zwanzig Jahren wird sie ihre perfekte Braue leicht anheben und bei einer Abendgesellschaft erzählen, wie einmal ein Shetlandpony mit Snoopy T-Shirt vom Baum fällt.

Die alte Nachbarin seufzt: „Der Mann hat wirklich einen hübschen Po.“

Maria schnurrt zustimmend und lässt sich von der alten Nachbarin zurück in das Haus tragen.

Höhnisch bickt sie zu mir herüber.

„Eines Tages“, murmele ich finster, aber erst einmal brauche ein Stück Nussschokolade.

Die Stadt ist ein Schiff

Am Stadtrand ist der Himmel ein grauer Fluss. Schuhe, Schlüssel, die Tasche ist rot. Der Himmel ist ein Fluss. Feine Tropfen in den Haaren und im Gesicht. Ich fahre auf dem Meeresgrund, der Vorort ist eine versunkene Stadt, ein gelbes Licht in der Straße, hier liegt das Schiff noch im Hafen. Das Fahrrad fährt gut auf dem Meeresgrund. Es wunderte sich nicht, wenn die Fische neben ihm durch die Pfützen schwömmen. Es ist still auf dem Rad, auf der Straße, im Vorort, die Stadt auf dem Meer ist nur ein fernes Glucksen.

Die Treppe hat viele Stufen. Die Stufen sind nass, der graue Himmel, der ein Fluss ist führt von hier aus zum Meer. Das Schiff ist die Stadt, ein Koloss, das Schiff liegt schwer auf den Wellen. Die Wellen sind grau, angekettet ist das Schiff auf dem Meeresboden, der heute grau ist, grau wie das Meer an kalten Tagen. Vielleicht ist es auf dem Meeresgrund, wo niemals Licht ist, so sagt man, heute ein blauer Teppich ausgerollt. Die S-Bahn fährt über den Meeresgrund, ich lehne den Kopf gegen die Scheibe, die rote Tasche ist schwer, die Tannen sind keine Tannen mehr, sondern große und schwere Seegrasgewächse, ein umgestürzter Baum bei näherer Betrachtung ein Kalkriff, die Autos schnelle, kleine Unterseeboote, die S-Bahn, die Fähre zum alten Kahn. Der Himmel ist ein grauer Fluss.

Die S-Bahn wird voller. Eine Frau und ihre Söhne essen frittierten Fisch aus roten Pappen, die S-Bahn ist eine Fähre, die Fischfabriken der Stadt laufen auf Hochtouren, zwei Männer mir gegenüber wollen in ein Konzert, eine Premiere sagen sie. Die Männer haben alte Hände, sie können nur noch schwer aufstehen, die S-Bahn, die eine Fähre ist, schwankt über den grauen Wellen. Die Männer schwanken, fallen fast wieder zurück auf die Sitze. Wollen keine ausgestreckte Hand, sie wollen sich erinnern an die Nächte in denen sie jung waren und tanzten auf dem Schiff. Jede Premiere kann einmal die letzte sein, sagt der eine Mann zum Anderen. Der andere Mann sagt nichts. Dann stolpern die Männer in die Nacht hinaus. Der Himmel ist fast schwarz. In der Stadt endet der Fluss. Die Stadt ist ein Schiff, das Schiff liegt an einer langen Kette auf dem Meer, die Kette hat viele Ösen, die Kette zieht sich durch den Fluss, zieht sich bis an die Ränder der Stadt, vielleicht zieht die Kette sich noch viel weiter, das weiß ich nicht. Das Ende der Kette hat noch niemand gesehen.

Die schwere rote Tasche und ich wir wechseln, die Bahnen, der Bahnhof ist glitschig, der Bahnhof ist ein verrostetes Wrack, auf dem Boden liegen zerschlagene Flaschen, das Bier riecht süßlich und herb, fauliger Tanggeruch, ein Mann spuckt auf den Boden, ich balanciere vorsichtig über die Pfützen, die Spucke, den glitschigen Tang, der Bahnhof ist eine lange schon verlassene Mole. Von hier aus fährt keiner mehr nach Amerika, hier sind schon alle am Ende, halten sich fest am Schiff. Die Stadt ist ein Schiff. In der nächsten Bahn schält ein Mann eine Mandarine, die Schale fällt auf den Boden, ein kringelnder Seestern, bald wird auch er neben den Kaugummiblasen eingewachsen sein, in das Riff, das das Schiff umgibt sich durch die Kette frisst, die das Schiff hält. „Brauchen sie eine Tüte?“, frage ich den Mann, der die Mandarine schält. Der Mann starrt mich an, ein müder Segler vielleicht, bis er versteht, was ich meine mit der Tüte und den Schalen auf dem Boden. „Was bist denn du für eine?“, fragt er und klingt wie Ringelnatz. Dann aber springt er auf und rennt zur Tür, die Mandarine schmeißt er auf den Bahnhof, ich hebe die Schale auf, der Mülleimer auf dem Bahnhof ist voll, oben auf dem Müll liegt jetzt die Mandarinenschale, das Meer liest man in den Zeitung ist voller Plastikflaschen, das Schiff kann den Müll nicht mehr bei sich behalten, denke ich in jeder Nacht verliert das Schiff Flaschen, Scherben, Papierboxen mit den Resten vom Fisch in Asia-Sauce, vielleicht schwimmt bald auch die Mandarinenschale davon.

Der Himmel ist schwarz, je tiefer die Bahn in das Meer hineinfährt, um so dunkler und schwerer wogt auch das Schiff. In derr Bahn sitzt mir nun ein Paar gegenüber. Ein Mann, der etwas zu sagen hat, eine Frau, die sich auf den Mann verlässt. Sie sagt: „Ohne Dich stehe ich das nicht durch.“ Er sagt: „Ich werde für dich da sein.“ Sie seufzt. Er lacht. „Frauen brauchen einen richtigen Mann“, sagt er und sie sagt: „Du bist so ein starker Typ“ und dann öffnet er eine Flasche Bier und der Deckel springt von der Flasche auf sein Knie und dort bleibt es liegen, bis der Mann es mit der Fingerspitze wegschnippt, der Deckel dreht sich fällt auf den Boden, die Fähre hält an, der Mann und die Frau steigen aus und seine Hand liegt auf ihrem Po und breitbeinig wie ein Matrose am Kai zieht er die Frau hinter sich her und trinkt aus der Flasche und schon fährt die Bahn weiter, nur noch der Deckel auf dem Boden liegt, wo er hinfiel.

Ein Mann steigt ein, er wirft seine Zigarette unter der Tür hindurch kurz bevor die Türen schließen. Düdelüt macht die Fähre, das Schiff ist ganz nah, ein schwarzer Schatten schon, keine Möwen, der Mann sagt er heißt Dieter und wünscht den Passagieren eine wunderschöne Reise. Er sei vor dreieinhalb Wochen aus der Haft entlassen und jetzt sei er auf der Straße, etwas mit einem Amt habe nicht geklappt und dann hält er die Hände nach oben. Die Hände von Dieter sind schwarz und gerissen und ich krame nach Geld. Das Schiff ist die Stadt. Das Schiff hat tiefe Maschineräume, dunkle Gänge und wer erst einmal in den Maschinenräumen angekommen ist, ganz weit unten auf dem Grund des Schiffes, der findet nur schwer zurück an das Deck, wo die Frauen stehen in kurzen Kleidern, die Frauen sind schön, sie singen und Dieter starrt sie an und dann sieht er weg, seine schwarzen Hände, ich lege Geld in seine Hände und ich weiß nicht, ob das reicht für eine Nacht fern der Maschinenräume und Dieter ist schon wieder verschwunden, die Frauen lachen, sie rufen: „Was für ein Assi.“ Die Frauen wollen an Deck. Dann steige ich aus, die schwere rote Tasche und ich, die Treppen sind glitschig, ein Mann zieht sich am Geländer entlang, zwei Jungen rappen an der Ecke, ihre Stimmen sind gedämpft, eigentlich kommen nur Blasen aus ihrem Mund, die Fische singen ähnlich wie sie, das Radio ist zu laut für ihre Stimmen.

Am Bahnhof kaufen Touristen Drogen, die Drogen braucht man für die Party sagt ein Mann zu einem Anderen. Sie haben rosige Gesichter, sie wollen Drogen, aber erst noch etwas essen. Eine Grundlage schaffen. Sie kommen aus Landau, das sagen sie den Drogenhändlern, die wissen nicht wo Landau ist, auf dem Schiff kennt man sich besser nicht zu sehr, die Männer gehen vor mir die Straße hinunter. Sie sagen: Ey ist das geil hier, die Bahnen kommen alle fünf Minuten und das mit den Drogen voll easy und dann gehen sie zu einem Mexikaner und der Mann mit dem blauen Hemd über der Hose sagt: „Ey, das heißt „Los Banditos“ wie in Landau. Die Männer haben Heimat gefunden auf dem Schiff und ich gehe weiter, eine Frau wird von ihrer Freundin in einem Einkaufswagen geschoben, sie halten Sektflaschen in den Händen, aber dann rumpelt der Einkaufswagen gegen eine Bordsteinkante und die Frau heult auf: „Das tut voll weh, pass doch auf und die Freundin lässt sie einfach stehen und setzt sich auf den Bordstein und trinkt Sekt.

Das Schiff zieht seine Kreise durch die Nacht, zieht an der Kette und ich verschwinde in einem Haus und die rote Tasche wird leichter und Stunden später kehre ich zurück aus dem Haus in das Schiff, es ist spät und ich laufe auf dem Meeresgrund entlang, denn der Himmel ist das Meer und die Straße ist feucht und ich laufe an der Kette entlang an der Schiff zieht und wieder warte ich auf eine Bahn und die Bahn kommt und ein Mann kommt zu spät und will die Tür aufdrücken mit beiden Armen, aber das Schiff ist stärker als der Mann, der sich täuschen lässt von dem Bier und den Cocktails nur 3,90 Euro und die Tür drückt ihn weg und die Tür zerbricht seine Brille. Die Brille hätte auch seine Nase sein können, aber er schreit Scheiße und seine Frau fotografiert ihn und lacht: „Was für ein Idiot“, sagt sie und setzt sich hin und dann sagt sie: „Ich weiß nicht, wo ich hinfahren wollte, das weiß nur er.“ Aber er ruft Scheiße und die Bahn fährt durch das Schiff und das Schiff ist die Stadt.

Am Zoologischen Garten steige ich aus und auf dem Platz, der eine Mole ist, denn das Wasser, das der Himmel ist schwappt über uns hinweg und am Rand des Hafens, da erleichtert sich ein Mann, einer der Männer aus dem Maschinenraum des Schiffes, nämlich, so ist das auf dem Schiff und eine Gruppe von Frauen filmen den Mann, unter Gelächter und das Schiff an der Kette, dem fehlt der Steuermann vielleicht oder vielleicht hat das Schiff auch aufgehört zu zählen, wie viele es verliert in der Nacht, aber da in diesem Moment, da zerbricht etwas auf dem Schiff und ich rufe zu den Frauen hinüber: „Lassen Sie das. Lassen Sie den Mann in Ruhe“ und die Frauen kichern und schreien: „Da scheißt einer auf die Straße“ und ihr Lachen ist unbändig und das Schiff verschluckt ihren Lachen nicht, das Echo des Meeres reicht weiter als andere und der Mann verschwindet mit halb hochgezogenen Hosen und es ist spät und die Bahn fährt weit hinaus, schon rückt das Schiff ferner, einmal hält die Bahn noch auf dem Meeresgrund, ein Mann trinkt allein in einer Bar.

Ringelnatz vielleicht, ein Bruder, der kein Bruder ist, Ringelnatz, der das Schiff kannte, auch den Maschinenraum, manchmal weiß ich nicht, ob der Maschinenraum nicht näher ist, als wir glauben und ich frage mich öfter noch, wie viele über Bord gehen könne, ohne das wir es merken müssen und dann steige ich aus, der Himmel, der das Meer ist liegt schwarz auf den Stufen, eine schmale Kante zischen Fluss und Schiff und die lange, verrostete Kette die Kette wird dünner und schmaler durchgerieben ist sie schon fast, wo sie Hoffnung heißt mit der Verzweiflung berührt sie die Brücken zwischen dem Meer und dem Fluss und ich liege im Bett und ich höre das Rauschen und die knarrende Kette und die Stadt ist ein Schiff und der Himmel, der Fluss.

Woanders ist es auch schön

Frau Brüllen, die Linsen und und nur beinahe denkt man an das Märchen vom quellenden Brei.

Judi Dench liest eine Rede aus dem Jahr 1617, man könnte aber auch glauben sie sei 2018 geschrieben und zuhören sollte man den beiden unbedingt. Damen unbedingt. Via Ar Gueveur

Das Bundesarchiv bietet einen interessanten Selbstversuch an. Einen Wahl-O-Maten zu den ersten Wahlen der neugegründeten Republik, die im Januar 1919 stattfanden. Eine tolle Idee und lernen kann man auch etwas.

Das beharrliche Gerede vom jüdischen Leben in Deutschland trifft auf nüchterne Zahlen und interessante Erkenntnisse. Aber die Traurigkeit über das stete Verschwinden jüdischer Gemeinden bleibt.

Düdelüt

Kristina Hänel, die sich für das Recht auf Informationsfreiheit über Schwangerschaftsabbrüche einsetzt, schreibt Angela Merkel. Und ja, Ärzte, die über Schwangerschaftsabbrüche informieren sind nach §219a Straftäter.

Greta schreibt wunderbar lakonisch über die misslichen Launen des Universums.

Wenn es nach mir ginge, gäbe es hier Bach aber da der Tierarzt hier für die Musikwahl verantwortlich zeichnet, so singt Paloma Faith zum Wochenschluss.

Unschicklichkeiten am offenen Fenster.

Am Morgen aber beginnt es zu schneien. Ich seufze. Der Tierarzt seufzt. „Woran liegt es Mädchen?“, fragt der Tierarzt. „Haben die Sterne gestritten, zanken wieder Sonne und Mond oder hat der Mars hartnäckigen Husten?“ „Es liegt an einem spöttischen Tierarzt, sage ich, der ein Mädchen ob ihrer kosmologischen Betrachtungen verlacht.“ Der Tierarzt kichert. Der Tierarzt kichert unverschämt mädchenhaft. „Niesprimel“, sage ich und der Tierarzt lacht bis ihm die Tränen laufen. „Oh holy moly German!“

„Die alte Freundin Wildtaube mag den Schnee auch nicht“, murmele ich und schütte Sonnenblumenkerne und natürlich Rosinen auf die weiße Untertasse mit Goldrand, aber einem Sprung an der Seite von der die alte Freundin Wildtaube seit Jahr und Tag ihr Frühstück einnimmt. „Ich schäme mich immer ein bisschen, sage ich zum Tierarzt herüber, der gähnt und sich in meinen Morgenmantel wickelt, ihr die angeschlagene Untertasse anzureichen.“ Der Tierarzt zieht eine Augenbraue hoch: „Mädchen, diese Taube ist das verwöhnteste Tier jenseits des Nils.“ Tierarzt sage ich, dass verwöhnteste Tier auf diesem Erdenrund ist niemand anders als Kälbchen.“ Der Tierarzt schäumt sich das Gesicht ein. „Mädchen, darf ich Dich erinnern, dass Du erst vorletzte Woche Kälbchen Apfelstücke verweigert hast? Aus erzieherischen Maßnahmen?
„Tierarzt sage ich und schraube das Rosinenglas auf: „Wenn ich Dich erinnern darf, Kälbchen stand mit dem ganzen Gewicht seines rechten Beines auf meinem Fuß.“ „Glaubst Du wirklich er sollte dafür Äpfel bekommen?“ Der Tierarzt greift nach dem Rasiermesser. „Auf jeden Fall hättest Du Kälbchen nicht mit dem Internat für schwer erziehbare Paarhufer unter der Leitung von Oberin Schaf drohen sollen.“ Ich verrate dem Tierarzt nicht, dass die Nummer von Oberin Schaf sehr weit oben in meinem Notizbuch, denn es wäre doch wirklich schrecklich, nähme die Wange des Tierarztes über dem Waschbecken Schaden.
Also setze ich Teewasser auf und stelle die Untertasse auf das Fensterbrett. Die Untertasse stelle ich so auf das Fensterbrett, dass meine alte Freundin die Wildtaube den Sprung am Rand nicht sieht. Die Wildtaube wohnt in den dichten Tannenzweigen, aber es dauert nur so lange, bis der Tierarzt sich das Gesicht abgetrocknet hat, bis sie erst zwei Äste nach oben hüpft, um dann langsam auf die Fensterbank zu segeln.

„Morgen schönes Mädchen“, sagte ich. Meine alte Freundin die Wildtaube gurrt leise und lockend. Der Tierrazt kichert. „Dieser alberne Herr, der sich in der Gegenwart von Damen nicht schämt nicht einmal ein Hemd zu tragen, ist der Tierarzt, alte Freundin Wildtaube. Die Taube legt den Kopf ein wenig zur Seite und dann sieht sie mich ernsthaft an: „Männerbesuch noch vor dem Frühstück, seriously?“ Aber der Tierarzt schaltet sein 1000 Volt Lächeln, jenes Lächeln von dem die Hühner und die Damen zwischen Dublin und Dingle wachsweiche Knie bekommen an. Ich halte den Atem an, aber auf die alte Freundin Wildtaube ist Verlass. Sie legt den Kopf auf die andere Seite und gurrt etwas von „Eitler Geck.“ Dann pickt sie eine Rosine auf. Der Tierarzt starrt mich verwundert an. „Berliner Mädchen“, sage ich, „sind eine andere Liga.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Good grief, stubborn Berlin girls.“
Meine alte Freundin Wildtaube und ich zwinkern uns zu. Wir kennen das Leben. Die alte Freundin Wildtaube nämlich hat mich schon Rosinen mit gebrochenem Herzen auf den alten Teller legen sehen und ich habe den Uhu nie gemocht, der ihr nachstellte jahrelang, bis der Specht schließlich mit einem Herzanhänger aus Holz unter die Tannenschonung schlich.
Der Tierarzt cremt sich die Wangen, ich putze mir die Zähne und die alte Freundin Wildtaube frühstückt so vor sich hin.

Ehe ich mich aber versehe, hat der Tierarzt den Teller mit den Körnern und dem misslichen Sprung in Richtung der guten Taube gedreht. „Von wegen Freundin, sagt er zur Wildtaube, dieses Fräulein dort mit den Shetlandponyhaaren, gibt dir nur das schlechte Geschirr. Das ist als würde man Besuch in der Dienerloge abfertigen, als stünde man den armen Verwandten zwar auch ein Stück Kuchen zu, aber nur an jenem Tisch, der drei Beine hat.“ Der Tierarzt sieht streng zu mir herüber und ist da nicht auch erstes Misstrauen gegen mich in den Augen der teuren Freundin zu lesen. „Glaub ihm kein Wort“, rufe ich mit im wahrsten Sinne Schaum vor dem Mund zu ihr herüber. Aber die alte Freundin Wildtaube ahnt schon, dass der angeschlagene Teller und die Worte des Tierarztes miteinander zu Tun haben. Die alte Freundin Wildtaube fliegt seufzend davon. Der Tierarzt keckert, ich speie Schaum.

„What an evil ass you are“, fauche ich zum Tierarzt herüber, der kichert als sei ihm ein besonders guter Witz gelungen. Aber meine Flüche machen den Tierarzt noch viel fröhlicher, ganz wie der Teekessel gluckst auch der Tierarzt und kann sich nicht einkriegen vor Lachen über den gelungenen Streich. Ich aber bin ernstlich betrübt, denn ich hänge an der Freundschaft zur guten Taube, die seit so vielen Jahren schon ihre Aufwartung auf meinem Fensterbrett macht. „Was ist wenn sie nun nie wiederkommt“, zische ich zum Tierarzt herüber, der den Bademantel von den Schultern fallen lässt. „Ich möchte Dich außerdem daran erinnern, dass die Nachbarn zwar alt, aber nicht blind sind und Du splitterfasernackt.“ Ich habe hier auch einen Ruf zu verteidigen.“
Der Tierarzt läuft blau an vor Lachen. „Du hast selbst gesagt, Berliner Damen wollen wissen, was sie kaufen und fallen nicht auf den erstbesten Parvenu herein.“ Immerhin greift der Tierarzt nach einer Socke. „Ich aber sehe betrübt aus dem Fenster, die Tannenzweige sind dicht vor den Schnee gezogen.“

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, keine Taube der Welt ist so verwegen einen goldenen Frühstücksteller auszuschlagen.“ Dann lässt der Tierarzt den Socken fallen und winkt der Nachbarin zu. Die Nachbarin läuft rot an und winkt zurück. „Die Frau ist 93 und feiert nächste Woche goldenen Hochzeit“, knurre ich. „Wie kann man nur ein so eitler, überkandidelter goldener Gockel sein, wie Du?“ Der Tierarzt heult auf vor Lachen: „Überkandidelter, goldener Gockel?“ Oh Mädchen, German is like heaven!“

Ich aber schwöre mir, dass ich mich bei nächster Gelegenheit bei der Oberin Schaf der gestrengen Leiterin des Internats für schwer erziehbare Paarhufer erkundigen will, ob sie in Ausnahmefällen auch Zweibeiner in ihr Institut auf nehmen.

Wie die Sache mit Harry Breisacher, dem unfreiwilligen Privatermittler begann.(1)

Mit den letzten Sonnenstrahlen aber wandern der Tierarzt und ich um den kleinen See herum, der nicht mein Badesee ist, aber der Spaziersee im kleinen Ort am Rande der großen Stadt Berlin. Der Tierarzt reckt sich und seufzte der Sonne entgegen. „Mädchen ist das schön.“ Die Sonne funkelt, das Eis knackt, der Nöck gurgelt, ein Schwanenpaar tappt vorsichtig über das Eis. „Diese Idylle“ schwärmt der Tierarzt. Das ist Deutschland.“ Dann gehen wir weiter und der Tierarzt lobt den deutschen Wald, die deutsche Sonne und die deutsche Autobahn, denn die sieht man und hört man vom See aus. Aber die lobt der Tierarzt eher aus Versehen.

Ich räuspere mich und sage: „Ja, ja, das könnte man meinen, dass hier die Idylle zu Hause sei.“ Der Tierarzt sieht zu mir herüber: „Was meinst Du Mädchen?“ Na ja sage ich, weißt du im März 1923 geschah hier ein Mord am See.
Der Tierarzt bleibt stehen. „Ein Mord hier?“ Ja, sage ich am 20 März 1923 zog man hier eine Leiche aus dem Wasser.“ Der Tierarzt erschauert und sieht hinter die Bäume, ob nicht dort auch eine finstere Gestalt mit einem Revolver lauert. Aber da ist niemand außer den beiden Schwänen. „Hmm“, sage ich, dann kennst Du wahrscheinlich auch nicht Harry Breisacher, den berühmten, wenn auch unfreiwilligen Berliner Privatermittler, der den Fall schließlich aufklärte, wenn es auch etwas dauerte, denn Harry Breisacher war eigentlich Arzt in der Charité, unglücklich verliebt, das heißt unglücklich entlobt und ein schwerer Trinker.

Der Tierarzt murmelt: Harry Breisacher, Privatermittler. „Oh ja, sage ich,Bremischer war der wohl bekannteste jüdische Privatermittler.
Aber schon greife ich vor, denn alles beginnt ohne Harry Breisacher, denn der trinkt ja wie gewöhnlich und ist nicht zu Hause, als es bei der alten Witwe Oppermann am 21. März 1923 so gegen halb sechs Uhr Abend klingelt. Die Witwe Oppermann muss man wissen, war keine richtige Witwe, sondern eine gescheiterte Opernsängerin mit Liebhabern, die sie irgendwann aufhörte zu zählen. Einer hinterließ ihr eine Villa, im damals neu gegründeten Vorort von Berlin. Auch sein Tod sollte in einem anderen Zusammenhang Harry Breisacher noch einmal beschäftigen, aber für jetzt und heute genügt es erst einmal zu wissen, dass die Witwe Oppermann, Zimmer an Junggesellen vermietete und so wohnte seit Jänner 1919 auch der Friseurmeister Yossele Horowitz gebürtig aus Breslau bei ihr und eben auch Harry Breisacher. ( Zwei Zimmer im ersten Stock ). Die Polizei aber verlangte nicht nach Breisacher, sondern verhaftete den Friseur Yossele Horowitz wegen Mordes am Friseur Hans Hansen aus Hamburg, der wie Horowitz Teilnehmer des „Preisfrisierens um die Weltmeisterschaft“ war, die in jenem März vom Berliner Damenfriseur und Perückenmacherverein veranstaltet worden war. Zwei Teile hatte jener Wettbewerb über den in allen Zeitungen berichtet wurde und jeweils 80 Minuten hatten die Teilnehmer um die „modern-schönste“ und „ historisch-echteste Frisur“ zu kreieren. Zum Verhängnis wurde Yossele Horowitz, das jener Hans Hansen nicht nur einen nordischen Namen und eine Ehefrau namens Edda hatte, sondern vor allem, dass Hansen lautstark am Vortag mit Yossele Horowitz gestritten hatte. Es ging so sagten die befragten Friseure um Haarnandeln und ein Nest aus Federn. Horowitz habe Hansen des feigen Diebstahls bezichtigt und sieben Stunden später war Hansen mit der von ihm gefertigten Perücke abzüglich eines Federnestes wie es Marie Antoinette auf einer Feier zu Ehren des Hofmarschalls St. Pierre getragen hatte, auf dem Grunde des Sees gefunden worden. Ein heftiger Wind hatte ihn ans Ufer geschwemmt und der Zeitungsjunge, der auch bei den Villen am See die Runde machte, hatte so markerschütternd zu schreien begonnen, dass nicht einmal Kakao und Butterwecken ihn beruhigen konnten. Für die Berliner Kriminalpolizei war der Fall klar: Horowitz gegen Hansen: Der Wettstreit der Friseure hatte ein tödliches Ende gefunden. Das Mordmotiv war eindeutig und die Nähe des Wohnortes des Friseurs Yossele Horowitz und des Fundortes der Leiche sprachen Bände. Die Handschellen klickten und das letzte was die Witwe Oppenheimer von Yossele Horowitz hörte war ein verdutztes: Na nu.

Dies alles aber verpasste Harry Breisacher, denn Breisacher trank an jenem Abend und er trank nicht aus Vergnügen, sondern um sich zu betäuben, darauf kam es ihm an. Damals konnte man gut und schnell trinken in Berlin und Harry Breisacher kam erst viele Stunden nach der Verhaftung Yossele Horowitz nach Haus. „Pfui, wie Sie stinken“, rief die Witwe Oppenheimer und Breisacher seufzte. Die Witwe Oppenheimer nämlich nahm regen Anteil am Leben ihrer Mieter, aber diesmal hielt sie sich nicht weiter auf am verknitterten Anzug und den blutigen Augen von Harry Breisacher. Sie sagte: „Breisacher, sie haben den Horowitz abgeholt, wegen Mord!“ Die Witwe Oppenheimer machte ein Bühnengesicht, dass sie auch gemacht hatte als sie 1902 einmal eine sterbende Heldin mimte. Breisacher aber musste sich das Lachen verkneifen, denn die Witwe Oppenheimer erschauerte häufig heilig, wenn eine Katze von links kam, wenn der Briefträger die Rechnung für die Milch brachte und wenn die Tarotkarten etwas besonders Schreckliches weissagten. Eine höhere Milchrechnung zum Beispiel. „Von Anfang an“, sagte Breisacher also und die Witwe Oppenheimer begann noch einmal von der Verhaftung und dem Na nu Yossele Horowitz zu erzählen. Breisacher schüttelte den Kopf, nicht wegen des Na nu, sondern weil er zum ersten Mal vom Wettstreit der Friseure hörte und nur dunkel erinnerte er sich, das in den letzten Wochen die Witwe Oppenheimer tatsächlich mit noch alberneren Frisuren als sonst Staub vom Grammophon wischte. War das tatsächlich ein Vogelnest auf ihrem Kopf gewesen? „Haute Couture, Herr Dr Breisacher“ schnappte die Witwe beleidigt, die fand, dass die Frisuren sie um gut zehn Jahre verjüngt hatten.

Breisacher gähnte und zuckte mit den Schultern. „Die Polizei“, fing er an, aber die Witwe Oppenheimer fuhr empört zusammen: „Die Polizei?“ „Sie glauben doch nicht wirklich die Polizei will die Unschuld unseres guten Horowitz beweisen?“ Aber Breisacher hörte ihr schon nicht mehr zu, denn plötzlich erinnerte er sich doch an etwas, aber das sagte er der Witwe Oppenheimer nicht. Am Donnerstag nämlich hatte das Telefon geklingelt, ein altmodischer Apparat im Flur, der immer dann klingelte wenn Breisacher in die Klinik musste, oder der nur klingelte um ihn die Klinik zu rufen, aber am Donnerstag, da sagte eine Stimme am Telefon: „ Yossi? Ich bin es Hans.“ „Wer ist da?“, hatte Breisacher gefragt, aber die Stimme am Telefon war schon verschwunden und Breisacher hatte sich nichts weiter gedacht, war froh gewesen, einmal nicht wieder los zu müssen, diese ewigen Kopfschmerzen. Kopfschmerzen bekam Breisacher auch von der schrillen Erzählung der Witwe Oppenheimer und er sagte: „Genug Frau Oppenheimer, ich will mich einmal umhören.“ Die Witwe Oppenheimer aber kannte Harry Breisacher lange genug, um zu wissen, wann es Sinn hatte auf ihn einzureden und wann man besser schwieg. Sie schwieg also und dann war es still im Haus, nur die beiden Kanari im Käfig unten im grünen Salon pfiffen unverdrossen. Sie hießen Hinz und Kunz und auch sie sollten sich einmal als hilfreich beweisen, bei einem der Fälle, auf die der unfreiwillige Privatermittler Harry Breisacher stieß, der damals in Berlin lebte und dessen erster Fall, der Mord am Friseur Hans Hansen aus Hamburg war.

Schon schließe ich die Tür auf, der Tierarzt stolpert beinahe und sagt: „Und Mädchen, hat Breisacher den wahren Mörder gefunden?“ Ja sage ich, Breisacher hat früher oder später, die Dinge ans Licht gebracht. Eher später als früher, obwohl das vielleicht ungerecht ist, denn oft kam Breisacher etwas dazwischen, die Liebe, die Klinik, der Vater oder auch nur eine Flasche Scotch. Aber damals als Breisacher die Treppe hinauf ging, mehr Seemann als Doktor mit schweren Lidern, da erinnerte er sich jenes alten Reimes, den ihm seine Mutter, die eine Engländerin war einmal vorgelesen hatte, saß sie an seinem Bett: The butcher, the baker, the candlestick maker und daran erinnerte sich Breisacher nun an die Stimme seiner Mutter und den Kinderreim The butcher, the baker, the candlestick maker und wie passt da wohl Yossele Horowitz, der Friseur aus Breslau hinein?

Auf einer anderen Seite.

Mein Vater spricht fast nie über Politik.

Die liebe C. lächelt immer dann, wenn Patienten mit ihr über Politik sprechen.

Schwesterchen interessiert sich nicht für Politik.

Mein Vater hat zwei Tageszeitungen abonniert.

Die liebe C. und ich beginnen den Tag mit den frühen Nachrichten. Die frühen Nachrichten reichen wir immer an Schwesterchen weiter.

Mein Vater wählt FDP, weil sich die FDP auch nicht für Politik interessiert.

Niemand ist so gut über Politik informiert wie mein Vater.

Desinteresse kann auch Vorsicht sein. Vielleicht.

Mein Vater, schon als meine Schwester und ich noch klein waren, klopfte an die Tür bevor er eintrat.

„Störe ich?“, fragt mein Vater und noch immer klopft mein Vater so an die Tür und ich nehme die Zeitung vom Sessel und mein Vater spricht lange über die Verbannung Ovids nach Tomi, das Ende von Seneca oder einen der vielen römischen Kriege.

„Wie übersetzt Du das?, fragt mich mein Vater, manchmal spät Abends. Er im Sessel und ich auf einem bunten Kissen in der Fensterbank. Mein Vater käme Nachts niemals und fragte mich: „Wen wählst Du oder was hältst du von?“ Mein Vater fragt mich oft nach der Bedeutung des Wortes otium oder einem merkwürdig gebrauchten Ablativ.

Ich wähle nicht in Deutschland. Mein Vater wählt wieder in Deutschland. Mein Vater war lange Staatenloser, mein Vater hat sich des unerlaubten Grenzübertrittes schuldig gemacht, mein Vater geht niemals ohne seinen Pass aus dem Haus. Wir alle, die wir uns Nachts treffen, in einem Zimmer, in der Küche, in der Diele oder im Treppenhaus, wir alle haben mehr als einen Pass. Aber niemals sprechen wir über die Pässe und nur einmal hat meine Schwester ihren Vater gefragt, ob er sich als Flüchtling gefühlt hätte, damals. Mein Vater antwortete erst viel später, er sei davongekommen, sagte er und das war alles, was er sagte, dann sprach er lange und schnell über das Ende Roms oder Augustus, mein Vater spricht selten über die Gegenwart und verwundert, fragt mein Vater seine Frau manchmal, was er antworten sollte, fragten die Leute ihm, was es denn Neues gäbe.
Als Erstes fiele ihm vielleicht eine Ovid Übersetzung ein. Wir ähneln uns nicht, nicht in der Nacht und auch nicht am Tag, wir schließen die Türen, wir teilen von unseren Geschichten, nur Ecken, Spiegelkanten, wir haben immer nur für eine Nacht miteinander gelebt und uns immer von fern gesehen, geschrieben, aber in einem ähneln wir uns, wir alle lächeln. Wir haben keine Knoten im Taschentuch, wir legen uns die Knoten in die Mundwinkel hinein.

Unter den Augen des Kaisers geschah alles, was in Rom geschah. Was hat der Kaiser denn nicht gesehen? Jerusalem war auch einmal Rom und Ovid schrieb wieder und wieder. Er schrieb vergeblich, vielleicht nicht weniger vergeblich als wir.

Kommen Gäste, dann wollen die Gäste über Politik reden und nicht über Ovid. Die Gäste, die kommen, wollen uns erklären, dass wir naiv seien, auch dumm, leichtsinnig, wir sind noch unangenehmer als die Bahnhofsklatscher, die doch schließlich wieder nach Hause gingen. Die Gäste sagen: „Das bringt doch alles nichts.“ Sie sagen es in Richtung meines Vaters, der lieben C. und mir. Mein Vater legt Kuchen auf die Teller, die liebe C. stellt die Blumen in die Vase, ich frage: „Tee oder Kaffee?“. Die Gäste wären überrascht, wüssten Sie, das bei uns niemand jemals das Wort Flüchtling gebraucht und als ich die Aufklärungssprechstunde begann, da nickte mein Vater, und als mein Vater mir erzählte, dass am Montag E. käme zum Deutsch Lernen, da nickte ich, es klang nicht anders als der D., der am Mittwoch kommt zur Latein Nachhilfe.

Den D. lässt mein Vater Coca-Cola deklinieren, das merkt sich leichter hat mein Vater irgendwann einmal herausgefunden als die bemühten Beispielvokabeln und der D. der immer schon auf einen Latein-Sechser abonniert war, hat einen Zweier geschrieben in der Latein-Probe und mein Vater lächelte, denn mein Vater leitet aus einem Sechser nichts weiter ab, als das jemand noch nicht in die Schönheit lateinischer Prosa fiel.

An den Montagen aber mit der E. aber hat mein Vater nicht das Alphabet mit ihr gepaukt oder Buchstabenkarten gemalt, sondern für die E. gesungen, wie er heute für die Enkelkinder singt. Der Mond ist aufgegangen, sang die E. ganz leise und damit war es geschehen, die E. hatte in die deutsche Sprache gesehen, hineingesehen, damit war der Großteil der schon geschafft, sagte mein Vater, dann muss man nur noch üben, so kommt die E. zum Deutsch Üben am Montag und mein Vater begeistert sich Woche für Woche mit der E. an römisch-somalischer Beziehung von vor 2000 Jahren und so sprach mein Vater mit der E. darüber was ein Bürger sei und nicht so sehr darüber, dass Mimi ein Auto hat und Paul ein Fahrrad.

„Was ist ein Bürger?“, fragt mein Vater die E. und auch sich.

„Was wollen die hier?“, fragen die Gäste.

Mein Vater, der noch einmal davonkam, hat mit dem Blumenwürfel Hebräisch gelernt, damals in Jerusalem.

Mein Vater und ich wir sprechen kein Deutsch miteinander.

Die Gäste fragen: „Warum sprecht ihr kein Deutsch miteinander?“

Mein Vater sagt: „Es hat sich noch nicht ergeben.“

Dann lache ich, so ist mein Vater. Mein Vater klopft an, an der Tür in der Nacht. Seine Mutter und ich sprachen Deutsch und mein Vater will noch immer unser Gespräch nicht stören.

Mein Vater malt die Gesichter der Gäste auf die Servietten. Die Gäste streiten über Politik und wir lächeln und hören zu. Wir selbst wissen nichts beizutragen, wir sehen die Welt von unterschiedlichen Rändern aus. Man ist vorsichtig an den Rändern.

Spätabends klopft mein Vater an die Tür. Die Gäste sind gegangen.

„Störe ich Dich?“ „Nein“, sage ich, komm doch herein und mein Vater sitzt im Sessel und ich auf der Fensterbank.

„Es war nicht genug, nur zu sagen, civis romanus sum“ sagt mein Vater und dann legt er den Kopf zur Seite und lächelt mir zu. „Merkwürdig nicht wahr, sagt er, dass alle über etwas reden und bestimmen wollen, obwohl wir noch nicht einmal für die Vergangenheit wissen, was das bedeutet, ein Bürger zu sein und eine Kultur zu haben, so als sei nicht alles auch immer umgekehrt möglich und dann schüttelt mein Vater den Kopf.
„Nachtgeschwätz“, sagt er, aber ich erinnere mich noch an eine andere Nacht, da spielte ich die Mondscheinsonate, diesen Fingeraufwärmer und mein Vater, der wie wir alle, niemals über Politik sprach, neigte den Kopf zur Seite und sagte ist es nicht merkwürdig, dass die Deutschen damals den Angriff auf Coventry Operation Mondscheinsonate nannten? Damals wie heute nickte ich, denn alles, wirklich alles lässt sich auch in sein Gegenteil verkehren. Alles kann immer auch schon anders sein.

Aber dann gähnt mein Vater, die Kirchturmuhr schlägt zwei Uhr und mein Vater entschuldigt sich: „Dich so lange wachzuhalten“ und schon ist er aus der Tür verschwunden, so still und leise, wie er kam, denn eigentlich sprechen wir nicht über Politik und wenn dann doch nur ganz ausversehen, zufällig und unfallhaft.

Aller guten Torten sind Drei…

Am Freitag Nachmittag gehe ich in einen Schreibwaren-cum-Postversand Laden.Ich habe mir geschworen, dass dieses Jahr kein Debakel die Torte befallen wird.
Ich sage: Ich suche einen stabilen Pappkarton. Der Schreibwarenverkäufer nickt und holt Kartons hervor. Ich besehe die Kartons und schüttle den Kopf: „Nein, sage ich, ich brauche einen richtigen Karton, nicht diese windigen Dinger hier.“ Der Schreibwarenverkäufer seufzt und steigt eine Treppe hinab und kehrt mit mehr Kartons zurück. Ich schüttle den Kopf. Der Schreibwarenverkäufer sieht mich finster an und sagt: Sind Sie sicher, dass Sie keine Eisenkiste brauchen?“ Ich bin mir sicher und wiederhole mein Verlangen einen festen Karton aus Pappe zu erwerben. Der Mann seufzt noch einmal und dann fällt ihm ein Karton ein, den er doch eigentlich schon längst vergessen hat. Der Karton ist sehr stabil und vor allem hat der Karton fest verklebte Seiten und keine dünn gefalzten Ecken. Ich nicke begeistert und kaufe, Schnurband, breiten, braunen Tesafilm, noch mehr Band, Luftpolsterfolie und Packpapier. Der Schreibwarenverkäufer sieht mich sehr misstrauisch an, dann kommt der Tierarzt in den Laden, bewundert den Karton und sagt frohgemut: Der Karton wird das Biest schon halten. Der Schreibwarenverkäufer überlegt, wie wohl Bonnie und Clyde aussehen mögen. Ich lächle und zahle, aber der Mann hinter dem Tresen sieht mich an als sei ich Jack the Ripper.

Nachts um drei Uhr aber klingelt mein Wecker und ich schleiche in die Küche, dort sitzt nur die Katze auf dem Tisch ( streng verboten ) und liest die Zeitung, ich aber beginne mit der Herstellung der Geburtstagstorte für meine liebe C. Jedes Jahr schüttelt die C. den Kopf, nein Liebes sagt sie: „Ich wünsche mir nur, dass ihr kommt und wir haben es schön miteinander.“ Aber meine liebe C. liebt auch die Heidelbeercrèmetorte, die schon ihre Schwiegermutter, meine Großmutter also für sie buk und so steht auf dem Geburtstagstisch seit Jahr und Tag eben diese Torte. Ich schlage Eier für den Teig, pfeife beim Buttercreme Schlagen, aber nur leise es ist ja noch mitten in der Nacht, teile Tortenböden, streiche Heidelbeermarmelade auf die Tortenhälfte, füge Crème und Heidelbeeren hinzu und staple die Hälften aufeinander, hoffe das der Tortenring hält, bestreiche das ganze mit einer Joghurtsahnecreme, stelle den Kühlschrank so kalt es geht und sage zur Torte: „Augen zu.“

Aber dieses Jahr ist es damit noch nicht getan und selbst die Katze, die doch Milch schlürft, in der Zeitung blättert, und mich ansonsten links liegen lässt, springt auf den Küchenschrank ( strengstens verboten ) und sieht zu mir herunter, denn Klebeband, Schnüre und ein Karton können aus Katzensicht nichts Gutes bedeuten. ( Als wäre ich wahnsinnig genug, diese Katze in einen Karton zu zwängen?) Inzwischen kommt auch der Hund in die Küche getapst und sieht auf Karton und Utensilien, ich schüttle den Kopf und der Hund kaut sorgenvoll auf einem Pantoffel ( allerstrengstens verboten ), als ich den Karton mit Paketklebeband versehe, stolpert auch der Tierarzt in die Küche und besorgter noch als Hund und Katze starrt er auf das feste Band. „Du willst doch nicht Kälbchen?“ „Kälbchen?“, sage ich, du nimmst doch nicht an, als ließe sich das verzogenste aller Tierchen am Strick zum Markte führen?“ Der Tierarzt seufzt erleichtert und dann stelle ich die Torte ganz vorsichtig in einen Tortenkarton, der Tortenkarton kommt in den Transportkarton, in den Transportkarton kommt Luftpolsterfolie, Papier, gute Wünsche, einige Flüche, dann kommt Packpapier um den Transportkarton, darauf folgt Klebeband, darauf Schnüre. Ich nicke zufrieden, treibe den Tierarzt zur Eile an, denn einmal gilt es pünktlich loszufahren, um langsam zum Flughafen zu gondeln, um bloß den Karton nicht zu beschädigen. Der Tierarzt holt das luggage holdall, ich ermahne die Tiere nett zur E. zu sein, die das Haus einhütet und ich ermahne besonders die Katze, denn die Katze kann gar nicht genug ermahnt werden. Dann fahren wir langsam zum Flughafen. Ich umklammere den Karton und langsam, sehr langsam, erkläre ich den Sicherheitsbeamten, die Sache mit der Heidelbeertorte, die Herren nicken und ganz langsam fährt die Torte durch das Durchleuchtungsgerät, mein Herz klopft, der Tierarzt atmet schneller, der Karton bewegt sich keinen Zentimeter, die Buttercreme ist hart wie ein Stein, die Torte ist hindurch. Ich umklammere die Torte auf meinem Schoß, bis wir aufgerufen werden, ich schiebe den Karton vorsichtig unter den Vordersitz, ich schlinge mir einen Schnur um die Hand, damit der Karton nicht wegrutscht, oder um die Torte im Notfall schnell zu mir ziehen zu können.
Wir haben einen Direktflug gebucht, ich starre zwei Stunden auf die Torte, der Tierarzt starrt zwei Stunden auf mich, wie ich auf die Torte starre. Der Pilot landet wie auf Samtpfoten, wir gehen ganz langsam aus dem Flughafen hinaus, ich umklammere die Torte, der Tierarzt schreit jeden Flugreisenden, der sich zu schnell nähert ein schrilles „Hallöchen“ zu, der Effekt ist enorm: Die Leute springen zur Seite und vor dem Flughafen erspähen wir den ehemaligen geschätzten Gefährten F. Mein Finger sind steif und kalt, aber ich umklammere den Tortenkarton auf der Fahrt in die kleine deutsche Stadt.

Ich flüstere: Bloß nicht stolpern, Read On, jetzt bloß nicht stolpern“ und dann sind Torte und ich tatsächlich im Haus. Die liebe C. strahlt: „Süüüße!, Du sollst doch nicht. Es ist eisig kalt, die Torte wird in eine Holzkiste auf den Balkon gestellt.“ Dann fallen die Nichten über mich her und ich falle ins Bett. Draußen pfeift der Wind, ich krieche noch einmal aus dem Bett und tappe auf den Balkon. Der Karton steht sicher und fest auf dem Balkon. Ich schlafe wieder ein. Der Wecker am Morgen zeigt sieben Uhr: „Himmel Hilf, denke ich, schon so spät!“ Dann tappe ich in die Küche. In der Küche sitzen Schwesterchen, Schwager, das Geburtstagskind, die Mali-Tant, mein Vater, der Tierarzt und starren mich an. „Was ist denn?“, sage ich und küsse meine liebe C. „Mazal tov!“ Jetzt gibt es Torte. Die Mali-Tant sagt: „Geh Mädi, es is halt a kleines Malheur geschehen.“ Ich höre Malheur, ich sehe zu den Nichten herüber, die Kinder haben blauverschmierte Gesichter. Die Kinder sehen so aus als seien sie in eine Heidelbeertorte gefallen.

„Nein“, sage ich, aber die liebe C. sagt: „Süße, die Torte war hervorragend!“ „Köstlich“, sagt Schwesterchen, „Superb“, sagt mein Schwager, „Wie beim Dehmel“, sagt die Mali-Tant, wie einmal in Versailles, sagt mein Vater. Der Tierarzt sagt: Mädchen, die Torte roch wirklich sehr gut. „Wir haben dir ein Stück aufgehoben“, heulen die Nichten und schieben mir einen Teller blauen Kuchengatsch hin, aber dann haben wir um das Tortenmesser gestritten und dann ist die Torte heruntergefallen.

Ich muss mich setzen und als alle durcheinanderschreien, schwöre ich mir: „Nächstes Jahr, da kaufe ich ein Schloss und mit dem Schlüssel verschließe ich den Karton und den Schlüssel verstecke ich meinem Strumpf und dann sehe ich betrübt auf den Rest der stolzen Heidelbeercrèmetorte hinüber.