Wie der Februar riecht.

Der Februar riecht nach Eiszapfen an der Regenrinne und geforenen Tannennadeln auf dem Boden. Der Februar riecht noch einmal nach Schnee und Eis und klirrender Kälte. Der Winter zieht sich noch einmal die genagelten Stiefel an, lacht schallend, knackt mit den Knöcheln, dann bricht das Eis. Der Februar lacht. Der Februar riecht nach dem hellgelben Topf meiner Großmutter, im Februar wenn Purim kam, buk sie Schmalzgebäck, heiße Krapfen holte sie mit der Schaumkelle aus dem siedenden Öl. Ich durfte die Krapfen im Zucker wälzen, der Februar riecht nach Pflaumenmus und leicht karamellisierten Zucker. Der Februar riecht nach fahler Sonne, nach blassen Wangen, der Februar riecht immer ein bisschen nach Sanatorium, nach Linoleum und den roten Wangen der Schwestern, im Februar ist selbst im Flachland, Zauberbergwetter. Thomas Mann seufzte am 7. Februar 1936 über ein „Stößchen Ergebenheitsbriefe“. Der Februar riecht nach trockenem Papier, nach einem abgebrannten Streichholz, im Februar findet man die letzten Kastanien vom Vorjahr in den Taschen. Der Februar riecht nach dicken Mänteln, die zu lange im Schrank unten im Keller oder auf dem Boden lagen, nach Mottenpulver, Lavendelseife und dem Parfum von ältlichen Tanten, die Lieselotte oder Margarethe heißen und niemals bei Rot über die Straße liefen. Der Februar riecht nach Erkältungsbädern, nassen Socken, nach der siebenten Grippe, nach Eukalyptusbonbons und im Februar kann man die Armut so deutlich riechen, wie nirgendwann sonst.

Der Februar riecht nach Kräutertee, kratzigen Handschuhen und Sorgen, der Februar riecht nicht nach großen Romanzen und auch nicht dem Grand-Hotel. Der Februar riecht nach einer Pension am Stadtrand, einem feuchten Mantel am Haken, nach Katzenfell auf den Hosenbeinen, nach dem Ende, nach Auf Wiedersehen, ohne Telefonnummer und ohne Geigen. Der Februar riecht nach Waschmittel und dann nach gefrorener Wäsche auf der Leine im Garten. Die Nachbarin ruft : „Alles umsonst“. Der Februar riecht nach Tweed, nach Kernseife, nach Dreck an den Schuhen, nach Altmetall und in Irland riecht der Februar immer nach dem Torf im Ofen, der Februar riecht nach Birkenholz. Der Februar riecht nach der Dämmerung und nach dem Kinderlachen, das da war, bevor der Ball wegrollte, unauffindbar blieb einen ganzen Winter lang. Der Ball ist grün. Die Wiese ist es noch nicht. Der Februar riecht nach Brustbonbons, nach angebrannter Milch und dem letzten Rest Vanillezucker im grünen Glas. Der Februar riecht immer nach dem Mann, der in der S-Bahn in sein Telefon schreit, er riecht nach Angst vor dem Chef, nach scharfem Mundwasser, nach der gescheiterten Ehe, nach dem Anruf seiner Mutter von vor fünf Minuten: „Junge hast Du dich denn auch warm genug angezogen. Der Mann trägt Hosenträger, Schnürschuhe, einen Mantel mit Krümel an den Ärmeln, einen roten Schal, aber keine Mütze und Handschuhe hat er auch nicht. Dafür rote Knöchel, es sind Knöchel des Februars. Seine Mutter schimpft, der Februar riecht nach kaltem Rauch, nach altem Atem, nach abgelaufenen Konservendosen, nach Bewährungsproben, die man nie besteht, nach Blumenwasser, nach Senfeiern und langweiligen Leitartikeln. Der Februar riecht nach der Müdigkeit, nach billigem Schnaps, nach Spülwasser und einem Honigbrot.

Der Februar riecht nach nassem Hund.

34 thoughts on “Wie der Februar riecht.

  1. …und der Februar riecht nach Leben! Zumindest für die im Februar Geborenen, die gerne leben und in den Frühling hinein wachsen 😉

  2. Der Februar riecht auch nach Wind aus dem Osten und nach Watt. Das liegt nämlich blank da, weil der Wind das Wasser rauspustet. Der Februar riecht nach „heißen Wecken“ und damit nach Kindheit. Der Februar riecht seit Jahren mal wieder nach Schnee auf meiner kleinen, schönen Nordseeinsel. Danke für Ihre warmen Gedanken 😉

  3. Mein Februar riecht nach Zahnarzt und Pfefferminze. Nach Miso, Papaya, Ananas und Lorbeer. Nach Leder der Winterstiefel die bald verräumt werden, nach eisigem Ostwind und Sonnenstrahlen.

  4. Ach ja, der Februar, der alle Schaltjahre sich mal etwas dehnt und seine Brüder doch nie einholt. Das gerade macht ihn mir sympathisch, ist er es doch, der so manches Mal mit seinen Schneeglöckchen kundtut, dass die kalte Zeit nicht ewig dauert. ⛄️

  5. Aktuell riecht er so, das muß ich schon zugeben. In den letzten Jahren hingegen roch der Februar öfters nicht nach nassem Hund, sondern eher nach schönem Vor-Frühling. Ich erinnere mich noch, ich saß im Auer-Werlsbach-Park, die Sonne schien, mir war warm, ich blickte auf das Technische Museum, die Hunde waren trocken, und es war der 13. Februar.

  6. Ich mag den Duft vom Februar. Diesen Winter riecht es jetzt überhaupt das erste Mal nach Winter. Nach Eis und schneidender Luft, nach kalter Erde und Wind. Und dann kommt bald der Tag, an dem es das erste Mal riecht wie Frühling. Dann riecht es grün und weich und neu, darauf freue ich mich auch.

  7. Und der Februar, der letzte Tag im Februar, riecht nach Kuchen. Nach einem Kuchen mit viel Schokolade und nach Glück, zumindest seit 10 Jahren. Denn am letzten Tag im Februar zog unser Adoptivkind bei uns ein und wünscht sich jedes Jahr, seitdem es Wünsche artikulieren kann, einen Kuchen mit viel Schokolade, bereits zum FRÜHSTÜCK! Das ist der Inbegriff von Feiern. Ich liebe den Februar seither.

  8. Das ist so eine gute Idee, die Monate in Gerüchen festzuhalten, das mach ich jetzt auch!
    Ich will auch so leckere Krapfen backen….und schnuppern und essen 🙂
    Muss ich gleich mal googeln wann Purim ist.
    Und mein nasser Hund ist schwanger im Februar….und deswegen liegt sie gar nicht so viel draußen wie sonst bei dem Wetter. Ist ein Husky-Malamute Mischling. Gestern roch sie nach Angst beim neuen Tierarzt, und jetzt muss ich mir einen anderen Tierarzt suchen, das gestern war eineTierärztin, und so ängstlich hab ich unsere Hündin noch nie gesehn. Naja, sie ist definitiv ein Sensibelchen und das ist die falsche Ärztin für den Hund und für mich….
    L.G. und danke für die schönen Worte, die so viele Erinnnerungen bei mir ausgelöst haben.
    An Kindheit und und und…. 🙂

  9. Mein Februar riecht nach eisigem Morgen in strahlender Sonne, nach glücklichem Hund mit kalter Nase, nach gefrorenen Pfützen unter den Stiefeln und wenig später schon nach dampfend heißem Kaffee.

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