Ein fehlendes Bett

Immer ist die Müdigkeit schon da, wartet auf mich und in der S-Bahn zurück in den südlichen Vorort der großen Stadt Berlin, da legt die Müdigkeit ihre Arme um mich. Die Müdigkeit ist ein Schal aus undurchdringlicher Wolle. Auf dem Bahnsteig gefriert der Atem, die Männer trinken Bier, die Frauen trinken aus kleinen Flaschen mit grünem Verschluss. Die Frauen und Männer sind nicht müde, sie wollen etwas erleben, die Nacht fängt doch gerade erst, halb eins ist, die Müdigkeit drückt sich mir in die Rippen. Auf der anderen Seite, mir gegenüber sitzt eine Frau. Älter schon, vielleicht Ende Fünfzig, neben ihr steht ein Paar roter Lackschuh. Billige Schuhe, das sieht man auch von weitem, der rote Bezug hat Risse, die Hacken sind abgetreten, die Riemen mit Tesa-Film geflickt. Es ist zu kalt für rote Schuhe, denke ich mir und wieder steigen Leute aus. Die Frau hat dunkelrot gefärbtes Haar, aber das stimmt nicht, die Frau hatte einmal dunkelrotes Haar, die Farbe ist lange schon herausgewachsen, nur ein paar Strähnen sind noch dunkelrot. Die Frau trägt einen Mantel, aber den zieht sie aus, sie trägt eine Strickjacke aus Wolle, die vielleicht einmal weiß war, vor ein paar Jahren in einem anderen Leben, jetzt ist die Strickjacke fleckig und grau. Die Frau seufzt, die S-Bahn fährt durch die Nacht, die Frau massiert sich ihre Zehen, vorsichtig reibt sie sich über die Ballen, vielleicht ist das Paar Socken an den Füßen das letzte Paar Socken, welches sie hat, dann kramt sie in einer Tasche, eine kleine Reisetasche, nicht viel größer als eine Tasche in die man Schuhe, ein Handtuch und ein neues T-Shirt wirft, geht man zum Sport.

Aber die Frau mir gegenüber, hat nur noch diese Tasche und vielleicht irgendwo noch einen Koffer. Sie zieht sich ein Paar Schlafanzughosen über die Leggins. Die Frau trägt ein Kleid unter dem Mantel und jetzt trägt sie Schlafanzughosen über den Leggins. Kleine Bären mit einem roten Herz sind dort draufgedruckt und der Bär hat ein Pflaster über dem Ohr. Dann wühlt die Frau noch einmal in ihrer Tasche und zieht ein paar Bettpuschen hervor, auch sie waren einmal rosa oder pink, jetzt sind sie grau und dann legt die Frau sich über die Sitze, streckt sich aus, schüttelt den Mantel auf, als sei er ein Deckbett, schüttelt ihn auf so gut sie kann, sie langt nach einem Pullover in ihrer Tasche, faltet ihn in ein Quadrat, jetzt ist er kein Pullover mehr, sondern ein Kissen,sie murmelt etwas, was ich nicht hören kann: „Lieber G*tt mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“, sagten die Kinder, mit gefalteten Händen, vielleicht erinnert sie sich daran noch, das weiß ich nicht, meine Großmutter legte mir die Hand auf die Stirn als ich ein Kind war, ich fürchtete mich vor Frau Holle, die im Himmel, die Kissenbezüge aufschüttelte, deren Bettdecken so schwer waren, dass es schneite, klopfte sie nur heftig genug. Selbst der Mond mein alter Freund, fürchtete sich vor Frau Holle und dem Zorn ihrer Nächte.

Es ist kalt draußen, das Thermometer, auf dem Balkon, das sehe ich nach, später Zu Hause auf dem Balkon, es zeigt minus 8 Grad, aber vielleicht sagt die Frau auch jemanden Gute Nacht, den es nicht mehr gibt, oder nur noch in Gedanken, dann schläft sie ein und die S-Bahn fährt durch die Nacht und ich sehe nur noch ihre Beine, die über dem Sitz hängen, die Beine in den Schlafanzughosen mit den Bären und den Herzen.

Sie schläft, unter dem Mantel, der keine Decke ist, auf zwei Sitzen, die kein Bett sind, in einer S-Bahn, die eine Endstation hat und ich weiß nicht, ob die Frau dann aufwacht, ob ein Bahnmitarbeiter kontrolliert, ob alle Fahrgäste ausgestiegen sind, ob sie auf einen anderen Zug wartet, in dem sie sich wieder ein Bett macht, ob Betrunkene sie anrempeln, ob eine Hand nach ihrer Tasche greift, und dann sehe ich noch einmal auf ihre Schuhe, rote Lackschuhe aus Plastik oder so, keine Schuhe für eine kalte Nacht. Ich lege sieben Euro in ihre Tasche, ich weiß nicht, ob sieben Euro einem helfen in der Nacht, lege das Geld ganz vorsichtig in die Tasche.Schlafende soll man nicht stören, aber ich bin beschämt, Frau Holle aber lässt keine Daunen vom Himmel fallen, der kleine Häwelmann steht nicht mit seinem Bett am Bahnhof, da wie man sich bettet so liegt man, ist ein deutsches Sprichwort, es verheißt nichts Gutes.

Die S-Bahn hält an, ich steige aus, die Frau schläft, es ist dunkel, hier leuchtet die Stadt nicht, die Häuser sind dunkel, auf meinem Bett liegt eine dunkle Decke, es ist kalt und ich kann nicht schlafen, die Müdigkeit ist ein graues Tuch. 52.000 Menschen habe ich neulich gelesen, leben in Deutschland auf der Straße, eine Frau liegt in der S7 und schläft, für zwanzig Minuten vielleicht, ich sehe auf den Wecker, viertel nach eins, zeigt die Uhr, ich sehe die Frau und die Nacht ist dunkel und kalt.Die Frau hat kein Bett.

15 thoughts on “Ein fehlendes Bett

  1. Hier, in der kleinen Stadt, in der ich lebe und die schon fast ein Dorf ist, hier gibt es keine S-Bahn und keine Menschen, die sich darin nachts ein Bett machen müssen. Dennoch gibt es diese Menschen, hier, in diesem reichen Land. Mich fröstelt, und es liegt nicht nur an der Kälte.
    Danke – für’s Hinsehen und Aufschreiben (und ich hoffe, Sie hatten Post).

  2. Vorhin las ich die Geschichte.
    Sie geht mir nach.
    Anders gesagt, die roten Schuhe gehen mir nach.

    Und ich mußte daran denken, wie mich vor wenigen Tagen jemand ansprach, der mir etwas zeigen wollte, einen Filmausschnitt, kürzlich gezeigt auf Spiegel-TV:
    http://www.spiegel.de/video/vielehe-bei-einer-syrischen-fluechtlingsfamilie-video-99013501.html

    Die beiden Geschichten kommen nicht zueinander.
    Können sie tatsächlich aus ein und demselben Land stammen ?!
    ________________________________________

    Und jetzt endlich: Glückwunsch von Herzen zum Preis !

    Jetzt noch das kleine(?) Stück Weg vom Fräulein Read On zum Fräulein Doktor Read On.

    Damit die bunten Raketen steigen können, bitte nicht versäumen, den Termin rechtzeitig anzudeuten …

  3. Und ich arbeite fuer Menschen mit zweit und dritt Haus, es macht mich oft wuetend und bitter. Seit einem Jahr suche ich aktiv im Bereich non-profit, doch als Haupternaehrer meiner kleinen Familie ist vorrangig, dass Betten bleiben. Fuer einen Haendedruck kann ich nicht arbeiten. Wohnen sollte nicht so teuer sein wie es heute ist. Ein ,Bett‘ fuer alle, das muesste doch drin sein. ….

  4. Ja, das gibt es oft in Berlin. Hier in München greifen Bahnsicherheitsdienst und Polizei hart durch und verscheuchen obdachlose Menschen. Die Stadt selbst sagt, dass sie für jede/n einen Schlafplatz habe. Hauptschulblues weiß nicht, ob das stimmt.

    • „Es gibt in München verschiedene stationäre Einrichtungen, in denen Obdachlose eine Unterkunft bekommen können. Sie können davon ausgehen, dass die Obdachlosen diese Stellen alle kennen, aber aus verschiedenen persönlichen Gründen diese Einrichtungen nicht aufsuchen.“
      http://www.kaeltebus-muenchen.de/

  5. Ich kenne mich zu wenig mit der Welt aus um so richtig zu verstehen, wie es zu solchen Biografien oder Biografie-Brüchen kommt und das mit dem Fragen traue ich mich manchmal noch nicht so ganz.

    Es geht auch gar nicht um mich, das weiß ich schon, und auch nicht um mein Gefühl der Hilflosigkeit oder des Betroffen-Seins. Sehen ist wichtig, schon klar – und den Menschen sehen. Aber ein paar Mal hatte ich da das Gefühl, dass mir da jemand gegenübersteht, bei dem die Sache spitz auf Knopf steht. Und ich weiß nie – wie entscheiden wir das jetzt? Und dann? Die Bahnhofsmission? Die Obdachlosenhilfe? Was passiert dann?
    Ich denke speziell an einen jungen Mann mit geschwollenen Füßen und Strümpfen. Ihm war kalt, sein Geldbeutel und Straßenkreutzer geklaut und so riechen kann eigentlich auch nur jemand, dem es gesundheitlich nicht gut geht. Was macht man da? Dass es den Kältebus gibt und die Obdachlosenhilfe ihre regelmäßigen Touren macht und das Nachtcafé am Leopoldplatz, weiß ich schonmal.

    Also, jetzt mal ehrlich. Gibt es dazu Ressourcen?
    Vielleicht weiß das auch jeder außer mir, aber bevor ich da beim nächsten Mal ein Fass auf mache, hätte ich gern mal Orientierung. Wenn die hier Versammelten mir einen Tipp geben könnten, wo man da nachschaut, oder wen man da fragt, dann wäre ich Ihnen tatsächlich sehr verbunden.
    Liebe Grüße und best wishes,
    J.

  6. Ja es gibt Unterkunft für die Menschen & ich weiß aus meiner Heimat Stadt das da ganz unten ist
    Kenne jemanden der da gelandet ist.
    Schlimm, traurig & den Flüchtlingen wird alles gegeben

    • Schlimm und traurig ist, dass Menschen überhaupt in Not und Elend geraten. Bitte achten Sie darauf,
      dass dieses nicht benutzt wird um verschiedene Menschengruppen (z.B. Flüchtlinge / Obdachlose)
      gegeneinander auszuspielen. Nicht die in Not geratenen Menschen sind schuld an ihrem Elend, sondern
      vor allem eine verfehlte Politik, die z.B. an den Widersinnigkeiten eines kapitalistischen Wirtschaftens festhalten.

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