Kosmisches Ungleichgewicht

Manchmal und noch immer hat die Wissenschaft nicht erwiesen wieso, da gerät das kosmische Gleichgewicht aus den Fugen. Meiner bescheidenden Ansicht nach, geschieht das immer in jenen Nächten in denen Sonne und Mond sich schlecht vertragen. Natürlich liebt die Sonne den Mond, aber manchmal vor allem in den langen Februarnächten, da zieht sie goldene Lackschuhe an und trifft Poseidon für einen Tanz oder zwei auf dem Meeresboden und erst gegen vier Uhr kehrt sie barfuß und mit den Schuhen in der Hand zurück. In diesen Nächten aber zürnt der Mond, schenkt sich Cognac ein und verflucht, dass er sich ausgerechnet so in die Sonne verliebte, wie er es eben tat, natürlich hat auch der Mond mehr als einen Stern geküsst, aber niemals , dass weiß er selbst zu genau, wird jemand die Sonne an seiner Seite ersetzen können. In diesen Nächten also in denen die Sonne tanzt und lacht, da streift der Mond sich einen roten Morgenmantel über, schenkt sich Cognac nach, beugt sich über den Balkon starrt finster auf das dunkle Meer herunter, dann fällt sein Blick auf ein windschiefes Haus, am Rande eines kleinen irischen Dorfes, dort gähnt ein Fräulein am Fenster und der Mond reibt sich die Hände: „Der will ich es schon zeigen“ , sagt der Mond und reibt sich die Hände.

Das Fräulein aber das eben noch gähnte, zieht die Beine zu sich heran und zieht sich ihr altes Schlaftuch über den Kopf und schläft nichtsahnend ein. Neben ihr atmet leise der Tierarzt auf dem Sessel neben dem Fenster träumt die Katze vom Mäusefasching, auf dem Teppich mit den alten Rosenranken schnarcht der Hund und schon schlafe auch ich. Aber auf dem Balkon steht eben auch der Mond, steckt sich eine Zigarre an, füllt noch einmal eine Handbreit Cognac in sein Glas und lacht.

Unten im Haus schreckt ein Fräulein aus dem Schlaf. Es erwacht mit schauderhaftem Durst, einem Durst der in der Kehle brennt und das Fräulein setzt sich auf, denn zu diesem Behufe ist doch eine Flasche Wasser neben dem Bett deponiert. Beim Versuch die Flasche zu erreichen, reiße ich den Bücherstapel um, die Flasche kippt um, das Wasser läuft aus. Ich fluche mit zusammengebissenen Zähnen, tappe ins Bad und wische das Wasser auf, dabei rutsche ich auf einem der Stoffschlappen aus, die der Hund stets mit voller Begeisterung zerkaut, krach, bumm, autsch. Ich reibe mir die Schulter. Von fern auf dem Balkon lacht der Mond heiser. „Da geht noch was“, sagt er, aber erst einmal schlafe ich wieder ein.

Dann wache ich auf, aber eigentlich schrecke ich auf, denn in meiner Vorstellung steht die Haustür offen und wahrscheinlich lauern schon Räuber mit einem Beutel in der Hand um die alte Standuhr wegzutragen, ich tappe die Treppe hinunter, die Haustür ist verschlossen, die alte Standuhr geht wie gewöhnlich zwei Minuten nach. Ich schüttle den Kopf über mich, der Mond schüttet sich aus vor lachen.

Ich schlafe zum dritten Mal ein und der Mond setzt Tee auf. „Warte nur „sagt er, dann kläfft ein Hund, der Hund so glaube ich kläfft direkt vor dem Fenster, ein schauderhaftes Kläffen, ein Bellen aus den Tiefen der Hölle, ein sich immer weiterschraubendes Gekläff, ohne Ziel und ohne Ende. Ich stehe auf und strecke den Kopf aus dem Fenster. Vor dem Fenster kläfft kein Hund, ich lege mich wieder hin, ich zähle Schäfchen und als Schäfchen No. 14 über das Weidegatter hüpft und ich kurz davor bin erneut zu entschlummern, setzt das Kläffen wieder ein. Ich murmele: „So nicht, so nicht“, angle nach den Pantinen und stürme hinaus in den Garten. Im Garten Stille. Selbst das Gras atmet lautlos, der Himmel schweigt, der Kirchturm St Sylvester ist nur ein dunkler Schatten, von nirgendwo tönt Hundegebell herüber. „Das ist doch nicht zu fassen“, murmele ich und krieche zurück ins Bett. Der Mond nimmt grinsend die Platte: Dantes Höllenhunde-Purgatorio in F-Dur vom Plattenspieler.

Ich drehe mich auf den Bauch und ziehe die Decke über den Kopf. Mögen die unsichtbaren Hund auch kläffen, was soll es mich kümmern, eine halbe Stunde knallt der hiesige Hund seine Pfote gegen meine Stirn, es ist halb vier, ich schrecke hoch. „Hund sage, ich was hast du?“ Der Hund jammert und seufzt. Ich angle erneut nach den Pantinen und der Hund und ich wandern in die Küche, ich besänftige den Hund mit Hundekeksen und trinke ein Glas Milch. Der Hund will aber auf keinen Fall mehr ins Schlafzimmer zurück, nun seufze ich, tappe nach oben und hole eine Decke, lege mich auf das Sofa und der Hund legt seinen schweren Hundeschädel auf mich und ich streichle den Hund in den Schlaf zurück. Der Mond grinst hämisch. Zu hübsch ist es doch den Hund mit kalten Fingern wieder und wieder am Schwanz zu ziehen.

Dann nicke auch ich noch einmal ein, ich träume erst von riesigen schwarzen Spinnen, die Strickmuster diskutieren und dann ist mir als drücke ein Schwall kalter Wind und eine Woge kalten Wassers die Wände und Fenster ein. Ich schrecke hoch, der Hund jault auf, bei meiner nächtlichen Suche nach dem kläffenden Hund muss ich die Terrassentür nicht richtig zugemacht haben und auffrischende Wind,Poseidon sieht natürlich danach, dass die Sonne sicher nach Hause kommt, traf die Tür und schon schwappten Wind und Wasser ins Haus hinein. Ich wische auf, der Hund zieht wieder ins Schlafzimmer zurück und der Mond hört nicht wie die Sonne barfuß und leise ins Haus zurückschleicht, die Schuhe fallen lässt, heftig gähnt, dem Mond die Hände auf die Augen legt und sagt:“Komm zwei Stunden haben wir noch.“ Ich aber gehe schwimmen, der Tierarzt stellt mir Tee und ein Stück Kuchen hin und ich erzähle ihm vom kosmischen Ungleichgewicht, der Sonne und Poseidon und dem Mond im roten Bademantel.

Der Tierarzt schweigt sich aus über den Zuckerberg in seiner Tasse und als ich meine Erzählung beende, sagt er: „Mädchen, man muss sich doch schon sehr wundern, dass Du keine Professur in Astrophysik hast.“

Der Hund schaut verdutzt, die Katze wie stets leicht ironisch amüsiert und ich nicke und seufze, denn schön wäre es doch der Frage des kosmischen Ungleichgewichts einmal näher als nur so am Frühstückstisch auf den Grund zu gehen.

37 thoughts on “Kosmisches Ungleichgewicht

  1. Hach, Fräulein Read On, herrlich. Normale Menschen hätten jetzt einen Tweet verfaßt: „Boah, ich war letzte Nacht dreimal wach, einmal hingefallen, einmal Schlafzimmer und einmal Wohnzimmer gewischt, ich bin wie gerädert“, und Sie liefern so ein Stück ab. Meine Hochachtung!

  2. Ab jetzt stell ich mir den Mond nur noch im roten, geöffneten Bademantel vor, die Kordel trollert an beiden Seiten herab, wenn er sich auf die Brüstung lehnt.
    Die Sonne hingegen hat goldene glitzernde glitternde Schuhe in der Hand und ihre Shirley Temple blonden Locken tanzen bei jedem Schritt, wie ein Weizenfeld im Wind.
    x

  3. Ach, Frl. ReadOn, Sie und Ihre wunderbaren Geschichten immer. Ich wünschte fast, Sie würden einmal eine Geschichte nur für mich erzählen (vielleicht bei einer Tüte Knusperflocken?).

  4. Liebes Fräulein Readon,
    Sie müssen auf Papier schreiben, ich will von Ihnen ein Buch in Händen halten, immer wieder mal reinschauen und das jeweils gewünschte Gefühl „abrufen“ , Sie haben ein unglaubliches Talent, Herz und Verstand und feinsinnigen Humor zu verweben.

    • Ach, die Buchwelt funktioniert nach anderen Massstäben als dieses kleine Blog und belächelt ein seltsames Fräulein eher von weit her… Sie machen einem kleinen Geist zu große Komplimente.

  5. Haben Sie zufällig das neue Buch von Nicole Krauss gelesen? Habe heute eine Rezension gelesen und bin mehr als verwirrt. Aufgrund Kafka musste ich Sie denken und wunderte mich ob Sie demnächst eine Rezension veröffentlichen würden. Hat mit Ihrem Beitrag leider nichts zu tun aber wir „kennen“ uns ja bereits etwas länger, so dass Sie die direkte Frage bitte entschuldigen.

  6. Ich lese ihre Geschichten gerne in der Nacht, wenn ich wieder einmal nicht schlafen kann. Dann mache ich die Augen zu und kann mir alles genau vorstellen. Und mit etwas Glück träume ich etwas Schönes und bin morgens erholt und gut gelaunt.

  7. Ich habe wieder einmal Tränen gelacht ob Ihrer Schilderung einer Nacht, die mich, das will ich eingestehen, am nächsten Morgen auf dem Zahnfleisch gehen ließe, sicherlich aber nicht literarisches Talent beflügelte und anstelle von Humor und Phantasie, wie Sie sie zum Nachtzauber versammeln, wenig mehr als ein müdes Lächeln abriefe. Wunderbar und danke!

  8. Und wenn es doch „nur“ Schabernack treibende irische Hausgeister waren, die Ihnen die Nacht um die Ohren hauten? Oder ist man mit einem schlafenden Tierarzt dagegen gefeit und doch den kosmischen Gefühlsstürmen ausgesetzt?

  9. Ganz vielen lieben Dank für diesen Text! Ich bin nämlich auch eine Sonne mit einem Mond. Seit ich 14 und er 16 war. Und ich weiß ganz genau, dass jedes einzelne Wort stimmt!

  10. Das kosmische Gleichgewicht findet sich in der Kunst der Fuge und wenn auf der Erde irgendwo einer immer Schubert spielt, schwingt das All in Bachischer* Transzendenz.

    *Das Adjektiv gibt’s wirklich, nicht dass Sie meine ich würde jetzt hier nach Mitternacht vor Müdigkeit noch kreativ, oh nein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.