Die letzte Karte

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Am Ende sind es 336 Karten geworden.

Die letzte Karte habe ich am westlichsten Zipfel Irlands in einen Briefkasten geworfen. Es war eine Karte über die atlantischen Winde.

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Westerly winds/ let that sink in.

Spät am Abend wieder in einem kleinen irischen Dorf, aber blieb die letzte Karte leer.

Die schönste Karte in ein Gefängnis ist immer die Karte, die nicht mehr geschrieben werden muss.

Jeden Abend am grünen oder gelben Postkasten, auf der Post gegenüber des Markusplatzes in Venedig, in einer Postfiliale in St. Germain in Paris oder einem Postamt an der Ostsee habe ich mich gefragt: Ist das die letzte Karte? Aber immer kam eine neue Karte.

Die Freiheit hat das letzte Wort und Deniz Yücel hat die Freiheit wieder. Er kann wieder selbst sprechen, reden, streiten und schreiben. Vor allem schreiben. Das vor allem.

Ich habe die Karten an Deniz Yücel und Mesale Tolu nicht gern geschrieben, die Karten waren Geschwister der Feder von Dolores Umbridge, jede Karte tat ein bisschen mehr weh, jeder Tag im Gefängnis wiegt schwerer, ein ganzes Jahr Leben hat man Deniz aus den Händen genommen.

Ich habe das Gefängnis von Silivri oft gegoogelt, ich habe niemals einen Briefkasten am Tor von Silivri gefunden. Das hat mich mehr beunruhigt als ich zugeben will.

Ich habe im Gefängnis von Bakirköy in dem Mesale Tolu inhaftiert war angerufen. Der Tierarzt sagte: „Du kannst doch nicht einfach in einem Gefängnis anrufen.“ Aber ich habe angerufen und so lange in meinem Kauderwelsch- Türkisch gefragt, bis sie mir eine Adresse nannten. Gefängnisse haben Telefone habe ich gelernt. In Silivri nahm niemand ab.

Alle zehn Tage habe ich einen neuen Zehnerblock Briefmarken gekauft. Der Postbeamte fragte alle zehn Tage: „Und gibt es etwas Neues?“ Ich schüttelte den Kopf.

Ich weiß nicht was aus den Karten wurde, vielleicht hat der Postbote sie in den Bosporus gekippt, vielleicht hat die Poststelle in Silivri die Karten geschreddert, vielleicht hat jeden Morgen ein Beamter der Zensurstelle unter einem Erdogan-Bild auf die Karten gestarrt und ein leichtes Zucken im linken Augenlid blieb den ganzen Tag kaum wahrnehmbar, aber doch spürbar. Auf jeden Fall weiß man in Silivri jetzt, wer Heinrich Zille ist, da bin ich mir sicher oder vielleicht wissen es auch nur die Fische auf dem Grunde des Bosporus. Ich weiß es nicht.

Nach 200 Briefen fragte Franz Kafka, Felice Bauer, ob sie überhaupt seine Handschrift lesen könne. Ich habe lieber gar nicht erst gefragt.

336 Mal habe ich mir versucht vorzustellen, wie man die Welt beschreiben kann, wenn man allein in einer Zelle ist und nur eine Handbreit Himmel sehen kann. Ich habe es mir nicht vorstellen können, in diesem Sinne sind die Karten auch die wiederholte Geschichte eines Scheiterns.

336 Karten habe ich geschrieben und ich habe nicht gewusst, dass man dafür auch 336 Mal beschimpft wird. Aber so ist das gerade in Deutschland, daran muss man sich wohl gewöhnen und so habe ich eben mit den Achseln gezuckt über: „Du-schreibst-einem-Deutschenhasser-der-soll-im-Knast-verrotten-Du-willst-Dich-nur-groß-tun-du-machst-dich-wichtig-auf-Kosten-des-Elends-anderer-du-schreibst-nur-zweien-warum-schämst-du-dich-nicht.

Wer sich wirklich fragt,warum ich nur zwei Karten am Tag geschrieben habe, der google einmal Auslandsporto Irland.

Das hat mich müder gemacht als ich zugeben will.

Ich habe mich jeden Tag gefragt, ob es etwas hilfloseres als eine Postkarte gibt.

Ich habe darauf keine eindeutige Antwort gefunden.

Ich danke Frau Novemberregen,Frau ExcellensaMichaela,Winnie Rabensturmig,Antje und Nathalie, mit der schönsten Handschrift der Welt und all den anderen stillen „Postkartenschwestern“ für all ihre Karten und Worte, ihre Aufmerksamkeit und Zugewandheit und ihre stille Beharrlichkeit.  Von Herzen Dank, Sie sind so großartig wie wunderbar.

Der wunderbare The New Voice hat alle Karten zu einem Bild zusammengelegt.

Meine Schwester schreibt seit 280 Tagen an Ahmet Şık.

Der Tierarzt schreibt seit 300 Tagen an Mizgin Çay

Mein Vater und die liebe C. schreiben seit so vielen Tagen an Raif Badawi, dass ich mich nicht mehr traue zu frage, seit wie vielen genau.

Vielleicht schreibe auch ich noch einmal weiter. Ein richtiges, echtes Wort passt noch durch das kleinste Schlüsselloch, sagte meine Großmutter. Sie schrieb mir ein Leben lang.

An einem kühlen Sonntag Nachmittag habe ich die erste Karte geschrieben. Ich dachte, wenn es viele Karten werden, dann werden es vielleicht zehn.

Ein ganzes, langes Jahr lang hat Deniz Yücel im Gefängnis als Geisel der Regierung Erdogan verbracht.

336 Karten habe ich an ihn und 173 Karten an Mesale Tolu geschrieben.

Die letzte Karte blieb endlich leer.

Die Freiheit hat immer das letzte Wort.

Immer.

 

35 thoughts on “Die letzte Karte

  1. Bereits gestern wurde ja ganz schnell aus #FreeDeniz #DenizFree
    Aber was ist das für eine Freiheit, wenn er nie wieder in die Türkei einreisen darf und sich ansonsten überall auf der Welt auch nicht wirklich sicher sein kann…

    Liebe Marie Sophie,
    meine Anerkennung für Ihr selbstloses Tun kann ich leider nicht in Worte fassen.
    Ich möchte Ihnen für Ihre vielfältigen unermüdlichen Aktionen ganz herzlich danken!
    Fühlen Sie sich lieb umarmt…

  2. Ich finde dich toll, gerade, weil du nicht aufgehört hast Karten zu schreiben! Und wegen dem absolut passenden Verweis auf Harry Potter.
    Viele, liebe Grüße
    Stephie

  3. Beharrlich sein für die Freiheit, die Freiheit des Wortes, das durch jede Ritzen dringt, die wichtiger ist, als Eigenes, also Wohlfühlen, Anerkennung und so…das muss man erst mal hinbekommen. Respekt, Fräulein Readon, Sie sind …ja, was? Eine ganz Besondere!
    Hoffen wir jetzt, dass auch die anderen „Yücel´s“ frei sein werden von gewaltigen Übergriffen. Nicht nachlassen…

  4. Ich weiß wie von so vielen Dingen auch zu wenig von und über Deniz Yücel. Was ich aber weiß ist, dass es Unrecht ist, jemandem einfach so die Freiheit zu nehmen. Ihre Beharrlichkeit und die ihrer Mitstreiter finde ich sehr bewundernswert. Selbst wenn keine dieser Karten ihren Adressaten erreicht, so haben sie dennoch etwas bewirkt. Wie Sie es selbst einmal so schön geschrieben haben: die Worte finden immer ihren Weg.

  5. Liebes Fräulein Read On,
    ich glaube zu verstehen, wie sehr die Kritiker Ihnen zusetzen, ohne dass Sie es eingestehen wollen. Wie sehr das nagt und wieviel Energie das raubt.
    Ich hoffe und wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass die ganzen positiven Kommentare, von denen auch meiner einer ist, Ihnen etwas davon zurück geben. Ihnen einen Glücksmoment geben. Und Ihr (offensichtlich eh schon unerschütterliches!!!) Vetrauen darin bestärken, das Richtige getan zu haben bzw. zu tun. Denn aus all Ihren Texten lese ich immer wieder heraus, wieviel Mitgefühl all Ihren Taten zugrunde liegt, wie herzensgut und oft selbstlos Sie mit denen umgehen, die es weniger gut haben als Sie.
    Sie sind eine Inspiration. Auch und vielleicht vor allem für Menschen wie mich. Die schon einen etwas zynischen Blick auf die Welt haben und oft einfach wegsehen, wenn man hinsehen sollte. Wenn ich Ihre Texte lese, denke ich: diese Frau kann wirklich stolz auf Ihr Handeln sein. Ich kann nicht alles so auch umsetzen, aber die Anstöße sind da und bleiben hängen und ich würde mich zB nie wieder abfällig über eine Banane äußern und immer wieder gehen mir in Situationen, in denen Menschen in Not sind (und sich schon jemand gekümmert hat), Ihr Name und Ihre Geschichten durch den Kopf.
    Sie verändern etwas in der Welt zum positiven. Seien Sie sich dessen sicher. Und wenn es nur im Kleinen ist – das ist mehr, als der größte Teil der restlichen Menschheit schafft.
    Und deshalb: die Kritiker haben immer eine Stimme. Und sie rauben Energie. Ich möchte Ihnen nur mitgeben: selbst wenn die Kritiker ihr Verhalten nicht ändern (und wer weiß das schon? Vielleicht sind die nur „online“ so kritisch?), die Lobenden, die deutlich in der Mehrzahl sind, erleben Ihren positiven Einfluss und nehmen etwas daraus mit.

    Weiterhin hoffend, dass ich und auch meine Kinder zu umsichtigeren, hilfsbereiteren Menschen werden als ich es aktuell wohl bin,

    Herzlichst, Ihre Frau H aus DA

    • Danke, Frau H aus DA, das Wörtchen herzensgut, das Sie gebrauchten, ist genau das Wort, das ich mit Fräulein Read On verbinde.

      Und danke, liebes Fräulein Read On, für diese Herzensgüte!

    • Ach, Sie sind wirklich zauberhaft und ich werde doch immer so rot. Danke, ich bin so fehlerhaft wie wir alle, nur wenn wir uns die Menschlichkeit nehmen lassen, dann gibt es nichts mehr worum es sich zu streiten lohnt. Ich strecke mir Ihre so unendlich freundlichen Worte gern in die Tasche für all die kalten Tage.

  6. Hallo Fräulein Read On, danke für diesen und die vielen anderen wunderbaren Texte, denen ich jeden Tag mit Spannung entgegenfiebere, und für die vielen Karten, auch weil ich zu träge oder zumindest mit anderem zu beschäftigt war, und überhaupt.

  7. Ich kann es nicht in Worte fassen, was mit mir passiert ist, während ich Ihren Artikel gelesen habe. Ich bin so sehr dankbar, dass es Menschen wie Sie gibt.
    Ich folge Ihnen noch nicht so lange, aber ich bin richtig froh sie gefunden zu haben. Darf ich mir erlauben Ihren Beitrag auf meine tumblr Seite zu verlinken und ev. einige Textstellen ins Italienische zu übersetzen?
    Leider kann ich kein Türkisch und weiß auch sonst nicht, wie ich so etwas anstellen könnte. Für einen Tipp wäre ich sehr dankbar.
    Liebe Grüße aus Italien.

  8. Und ich hab so mitten beim Einkaufen – das Weinregal zur Linken, Speck und Schoko-Osterhasen zur Rechten – an Sie gedacht, als die Nachricht im Radio verkündet wurde!

  9. Das ist doch eine so schöne Idee, ich bin begeistert!
    Auch wenn sie nun im Bosperus liegen – was ich nicht glaube, das Zeichen zählt und es wurde in die Welt geschickt und ich bin sicher, wenn sie nicht angekommen sind, dann haben die Gefängniswärter zumindestens mitbekommen, dass du nicht gleichgültig darüber hinweggesehen hast… wie so viele andere Menschen auch nicht, aber Du hast ein Zeichen gesetzt!
    Alle lieben Grüße!
    Beate aus Hamburg

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