Eine Papiertüte

Vom Konzert mit dem Auto zurückfahren.

Ausnahmsweise.

Der Tierarzt schläft. Der Tierarzt ist oft müde in diesen Tagen.

Ich höre Schubert im Konzert und dann noch einmal im Auto.

Irgendwo läuft immer Schubert.

Ein ganzes Jahrhundert hat sich da selbst in Musik gesetzt, denke ich. Die Ampel ist auf rot.

Auf einem Bierbike fahren Frauen auf der Straße umher. Sie singen: „Don’t look back in anger.“ Sie tragen Plastikkronen und dicke Jacken.

Das Bierbike schlingert.

Ich klopfe den Takt auf das Lenkrad.

1835 wurde Felix Mendelssohn-Bartholdy Kapellmeister in Leipzig.

Er ließ Bach spielen. Die Deutschen hatten Bach vergessen, 1835.

Man erzählt sich es hat einmal ein Konzert gegeben da spielten Clara Schumann und Franz Liszt, Bach am Klavier und Mendelssohn dirigierte.

Die drei wurden mit Blumen überschüttet.

Ich träume manchmal von diesem Deutschland in dem ein Jude fast an Blumen stirbt. Man hätte vielleicht 1945 ein Ministerium für Träume, Blumen und Bonbonnieren schaffen sollen, denke ich immer noch klopfen meine Finger im Takt.

Mir fallen wenig deutsche Träume ein in letzter Zeit, die nicht hart klingen und bitter, in denen die anderen etwas haben, was man selbst besser gebrauchen könnte, Turnschuhe zum Beispiel, die Träume der Deutschen sind hart und voller Eisen. Ich weiß nicht, ob die Welt nicht endlich doch genug gesehen hat vom deutschen Eisen und immer noch zu wenig Blumen.

Die Straße aber führt nicht nach Deutschland, sondern in ein kleines, irisches Dorf.

Ich sehe aus dem Autofenster.

Mülltüten, traurige Tauben. North Inner City Centre Dublin ist ein trüber Ort.

Dauert die Vernachlässigung nur lange genug, dann ist es egal, dass Bäume aus den Fenstern wachsen, aber keine Menschen mehr hinter den Fentern leben. Ein Fastfood Restaurant. Fish&Chips, Kepab, Fries und Chicken Wings. Die Leuchtreklame geht nicht mehr, ging vielleicht nie, wer weiß das schon. Dann wird es grün, hinter mir hupt es, der Volvo schnauft, ich fahre an, ich fahre an einem Mann vorbei. Der Mann sitzt auf dem Boden. Ein schmutziger Schlafsack liegt neben ihm. Das ist was ich sehe, zweiter Gang, Volvo, eine Straße in Irland, ich denke als ich weiterfahre: Der Mann hatte doch eine Papiertüte auf dem Kopf.

Ich denke: Der Mann hatte wirklich eine Papiertüte auf dem Kopf.

Manchmal sagen Frauen über viel schönere Frauen: „Die würde auch noch mit einer Papiertüte bekleidet so aussehen wie man selbst niemand im Abendkleid.“

Da sitzt ein Mann auf dem Boden mit einer Papiertüte auf dem Weg.

Das ist rein reiches Land.

Das ist Europa.

Warum kann man hier denn nirgendwo abbiegen. Dann geht es doch, ich stelle den Volvo ziemlich verkehrswidrig ab.

Meine Großmutter sagte: Das erste Mal nachzugeben, ist am Schwierigsten, Kind, es gilt das erste Mal in dem man sich nachgibt, so lange heraus zu zögern, wie nur irgend möglich. Ich gebe häufiger nach als sie.

Dann steige ich aus und gehe zu dem Mann herüber. Hiya, sage ich, I was just wondering if you are alright?“

Was ist das für eine Frage?

Was fragt man jemanden, der eine Papiertüte über dem Kopf trägt.

Das ist was ich frage.

Der Mann kann kein Englisch.

Vielleicht hat er einmal English gesprochen, aber jetzt kann er nicht mehr sprechen, er sieht unter der Papiertüte hervor und sein Gesicht ist von Geschwüren bedeckt.

Ich rufe einen Krankenwagen.

Der Mann zieht sich seine Tüte über den Kopf zurück.

Neben dem Mann und mir steht eine Gruppe von Jungen und Mädchen. Die Mädchen haben übermalte Gesichter und makellose Augenbrauen, die Jungs riechen nach Deodorant und Bier. Sie hören Musik, sie halten die gleichen braunen Papiertüten in der Hand, die der Mann auf dem Kopf trägt, sie essen Fries und Burger aus den Tüten, sie schnipsen Chipsbröckchen in Richtung des Mannes, sie erwarten noch etwas vom Leben und der Welt, sie wissen, dass der Mann da auf dem Boden nichts mehr zu erwarten hat, sie lachen und die Jungs versuchen die Mädchen zu beeindrucken, die Mädchen lachen nur. Die Mädchen wollen keine Jungs aus der North Inner City.

Der Krankenwagen kommt und der Mann zieht sich die Papiertüte fester um den Kopf und dann helfen wir dem Mann auf. Zwei Plastiktüten, der Schlafsack, die Tüte.

Die Mädchen und Jungen lachen.

Alles Gute, sage ich zu dem Mann.

Ich starre dem Krankenwagen hinterher.

Du wirst dich noch daran gewöhnen, sagte die Freunde damals in Berlin, als ein Mann mit einer Federdecke und Sandalen aus Biederdosen über die Straße lief.

Ich gebe öfter nach als die Frau, die meine Großmutter war.

Ein Mann sitzt mit einer Papiertüte auf der Straße, denke ich und sehe dem Krankenwagen hinterher. Die Mädchen und Jungen spielen ein anderes Lied.

Ich gehe zurück, der Volvo steht noch immer im Halteverbot.

Im Radio wird noch immer Schubert gespielt.

Die Ampel ist grün, ich fahre nach links, schon liegt die Stadt hinter mir, die Sonne geht unter. Lila-Grau, dann dunkel der Himmel, die Straße führt auf das Meer zu, Weideland zur Rechten, ein Friedhof, eine verfallene Kirche, die enge Kurve, zwischen Waldesrand und Meer, schließlich das Dorf.

Es ist nicht mehr Schubert im Radio.

Der Tierarzt schläft noch immer.

Mittwoch: Papiertonne steht auf dem Zettel am Kühlschrank.

Der Zettel ist gelb.

 

21 thoughts on “Eine Papiertüte

  1. Alles von Jan Konnefkes Gedicht habe ich vergessen, bis auf „Alle Amseln singen Schubert
    Unvollendet Deutschland ist“. Nachzulesen in „Gelbes Dienstrad, wie es hoch durch die Luft schoss“, an Tagen, an denen Schubert nicht spielt.
    herzlich
    r.

  2. Mir fallen wenig deutsche Träume ein in letzter Zeit, die nicht hart klingen und bitter, in denen die anderen etwas haben, was man selbst besser gebrauchen könnte, Turnschuhe zum Beispiel, die Träume der Deutschen sind hart und voller Eisen.

    Nicht alle Deutschen hegen solche Träume. Es sind die, die am lautesten krähen.

    Ich weiß nicht, ob die Welt nicht endlich doch genug gesehen hat vom deutschen Eisen und immer noch zu wenig Blumen.

    Ganz gewiss.

  3. Glück im Unglück für den armen Mann (ich hatte zunächst befürchtet, wenig wohlmeinende Partyvögel hätten ihm die Tüte übergestülpt) und dass das Unterbewusstsein die Dinge wahrnimmt, die im Bild nicht stimmen.

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