Wie ich einmal einen Dieb in Ausbildung traf, der F. sein Rad trotzdem behielt und ich einen vergnüglichen Abend in der Philharmonie verlebte

Eigentlich bin ich mit meinem Vater vor der Berliner Philharmonie verabredet, uneigentlich eile ich so schnell ich kann zu einer großen Berliner Klinik, dort steht das Fahrrad des ehemaligen geschätzten Gefährten unter einer Müllplane verborgen, denn F. der ehemalige geschätzte Gefährte hat Schloss und Schlüssel verkramt, so dass ich herbeieile, sein Rad vor herannahenden Dieben zu schützen. Während ich also eile, fauche und fluche ich in das arme Ohr meines Vaters, der geduldig zuhört wie ich erst über Clara Schumann, dann über den ehemaligen, geschätzten Gefährten und schließlich über die Männer im Allgemeinen klage. Mein Vater leiderprobt genug, sagt immer nur dann und wann: Hmm, SoSo, Jaja und sichert mir zu, ich solle mich bloß nicht hetzen, er wartete geduldig, wenn auch ungeduldig weiter meinen Ausführungen zu Clara und Robert Schumann zu lauschen. Dann rauscht der Verkehr, der strenge Berliner Wind und ich sage: „Bis gleich“, ziehe mir den Schal höher, stolpere über einen abgestellten Karton ( wieso steht da ein Karton?) der Müllplane entgegen unter der nach Angaben des F. sein Rad auf Schloss und Schlüssel wartet.

Ich stapfe durch den Klinikpark, es ist dunkel, neblig, ich fluche und knurre, eine Katze mit glühenden Augen hockt auf einem Papierkorb und wäre ich nicht so eilig, ich gruselte mich bestimmt, aber so renne ich auf die Plane zu und als ich die Müllplane endlich sehe, steht dort ein Mann. Ich halte den Mann für den Kollegen B. „Holla B. rufe ich, hat der F. Dich zum Wachschutz seines Rades verdonnert?“
Der Mann, der sich umdreht, ist nicht der B.
Der Mann, der sich umdreht, macht sich am Fahrrad des ehemaligen geschätzten Gefährten zu schaffen.
Ich rufe also: „Hey Sie, was machen Sie da am Fahrrad?“
Der Mann starrt mich an und erhebt eine ebenfalls zum Fahrrad gehörende Luftpumpe und bedeutet mir ich möge ihn nicht unterbrechen.
Ich denke für zwanzig Sekunden an Karachi und denke, Read On, Du hast doch nicht in Delhi, Lahore und Karachi den Kopf hingehalten, um dich vor einem Mann mit Luftpumpe zu fürchten und sage: „Seien Sie nicht albern und nehmen Sie die Luftpumpe herunter und verschwinden Sie vom Fahrrad.“
Der Mann nimmt die Luftpumpe herunter und ich trete näher an die Müllplane heran und sehe, dass der Mann noch ein anderes Fahrrad am Wickel hat.

Neben sich herum liegt lauter Werkzeug mit dem sich offenbar Fahrradschlösser knacken lassen sollen. Ich sage, „dass kann doch nicht ihr Ernst sein, dass Sie ihr Fahrräder knacken, das ist doch völliger Wahnsinn, das Rad hier gehört der Oberschwester, die brät sie bei lebendigen Leib und hören Sie mal haben Sie noch alle Tassen im Schrank, das macht man doch nicht, man klaut keine fremden Fahrräder und schon gar nicht macht man Räder kaputt. Das ist wirklich das Letzte vom Letzten, das Allerletzte.“
Der Mann starrt mich noch immer an und sagt: „Schickt dich Cheffe, ey?

Ich sage: „Was reden Sie da, ich habe eine Chefin und die ist die beste der Welt.“
Der Mann fängt an zu schmimpfen: „Allet scheiße, ey, dit Werkezug, dit haut allet nicht hin ey, und jetzt schickt der mir die Olle auf nen Hals.“

Ich sage: „Sie sind hier wohl in einer Maßnahme für Möchtegernverbrecher, oder was? Das ist doch alles nicht zu glauben“ und da ich gerade und ich kann es jedem nur raten, denn ich bin schon so anstrengend genug, aber wenn ich meine pädagogisch- belehrende Art herauskehre ist es für niemanden schön, fahre ich fort und sage, „sofort geben Sie mir das Werkzeug nd ich muss mich unendlich zusammennehmen, aber auch meine pädagogische Art hat ihre Grenzen, dem Mann nicht zu zeigen, wie man Werkzeug benutzt, aufräumt und transportiert und vor allem, dass ein 15er Skalpell sich am besten eignet um Schlösser zu öffnen.

Der Mann baldowert weiter in einer ziemlich weinerlichen Art, von Missverständnissen, Kumpels, die gleich kämen und dann würde ich aber sehen, wieder schwenkt er F.’s Luftpumpe und bedauert sich, während er über meine Anwesenheit schimpft, „die allet, aber wirklich allet verdürbe.“ Aber ich bin ja eilig, wütend, und habe kalte Füße und sage: „So wie das hier aussieht, rate ich Ihnen sich dringend ein neues Betätigungsfeld zu suchen, denn wo immer Ihre Begabungen liegen im naturwissenschaftlich-technischen Feld liegen sie es nicht.“ Der Mann schüttelt denn Kopf und blökt: „Sie sind echt übel.“Dann stülpt er sich seine Kapuze über, schnappt einen Rucksack, ich sage die „Luftpumpe, aber sofort“, die Luftpumpe fällt klappernd auf den Boden und dann rennt der Fahrraddieb in Ausbildung davon als seien der Polizisten sieben hinter ihm her.Ich rufe den F. an, der F. eilt herbei und hinter ihm eilt der Hausmeister hinterher.

„Ick globe ick bin besoffen“, sagt der Hausmeister, der F. feiert Wiedersehen mit seinem Fahrrad, ich sage: „Der Fachkräftemangel in Deutschland ist noch schlimmer als befürchtet, selbst die Diebe taugen nichts mehr.“ Der Hausmeister bescheinigt mir, dass ich bestimmt einen Clown gefrühstückt hätte, der F. erklärt mir was alles hätte passieren können, aber ich muss nun wirklich weiter, denn mein Vater wartet ja noch immer in der Philharmonie.

Endlich sehe ich ihn und mein Vater winkt: „Kind, sagt er bei jedem anderen hätte ich geglaubt, er sei überfallen worden“, dann nehmen wir unsere Plätze ein, ich sage: „Wo waren wir stehen geblieben?“ Mein Vater sagt: Clara und ich führe die komplizierten Verhältnisse zwischen Clara, Robert und Claras Vater aus und mein Vater schüttelt den Kopf: „Dass es wirklich Väter gibt, die glauben Ihre Töchter ließen sich von etwas abhalten!“ Dann kichert mein Vater und ich lache mit, so sehr, dass die beiden Herren, die sich hinter uns über Karajan streiten sich räuspern und wir betreten zu Boden blicken. Aber dann spielt Daniil Trifonov Schumanns Klavierkonzert in A-Moll, op. 54 und ich denke daran, wie meine Großmutter mir erzählte, dass Clara und Robert an unterschiedlichen Orten, des Nachts in Leipzig die Fenster öffneten und für den anderen spielten und spielten und der Nacht die Stunden raubten, ganz ohne Dietrich, Schraubenzieher und das berühmte 15er Skalpell.

8 thoughts on “Wie ich einmal einen Dieb in Ausbildung traf, der F. sein Rad trotzdem behielt und ich einen vergnüglichen Abend in der Philharmonie verlebte

  1. „Sie sind hier wohl in einer Maßnahme für Möchtegernverbrecher, oder was?“
    Großartig, diesen Satz muss ich mir merken, für ähnlich gelagerte Vorfälle. 🙂

  2. Frl. ReadOn, Sie sind ein Tausendsassa!
    Fangen Sie aber bitte trotzdem nicht an, Fortbildungen für dusselige Fahrraddiebe anzubieten, das wäre dann zu viel des Guten 😉🙃

  3. HERRLICH, einfach alles, auch die Skalpellsache! Sie verraten aber auch alles 🙂 ! Und das Konzert weiter? Hach, was für ein grandioser Text!

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