Unabänderlich, zu spät

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Du sitzt dort am Schreibtisch und es ist spät.

Du bist allein dort am Tisch. Mitten in der Nacht.

Allein mit der Nacht und der Uhr und dem Tisch und den Büchern.

Die Vorbereitung einer Aufklärungssprechstunde dauert zwischen 8 und 10 Stunden. Du hast keine Zeit. Du hast zwei Berufe und Dir bleibt nur die Nacht-

Du sitzt am Schreibtisch und bereitest dich vor.

Das ist was Du tust und Du löschst die Emails schon lange, derjenigen die Dich googlen und Dir dein Bild schicken und schreiben: Deine Araberfotze will eh keiner ficken.

Du löschst die Emails in denen alles steht und auch: wenn ich so scheiße aussehen würde wie du, dann würde ich mich aufhängen.

Du musst dich vorbereiten.

Du lebst mit den Bildern.

Das muss man doch wissen, sagt man dir und du sollst dir nichts aus den Verleumdungen machen. Mach Dir halt nichts draus.

Du sortierst Unterlagen, Zettel, Du packst Bücher ein.

Du zerkaust eine Aspirintablette, dann legst Du dich hin.

Du stehst auf und du gehst ins Büro und du lächelst und beantwortest Fragen und nickst und die J. ist in New York und Du würdest Dir so gern, das Lächeln der J. in die Jackentasche schieben. Aber Du bist allein und dann fährst du zum Flughafen und neben Dir im Transitraum sitzt eine Frau, die Frau hat ein Telefon und Du hörst ihr zu, weil sie so laut schreit und Du bist zu müde. Die Frau schreit sie würde der Gerechtigkeit zur Genüge verhelfen und dann ruft sie eine Versicherung an und es geht um ein feiges A*schloch und Kosten und Körperverletzung und Geld. Um genau 600 Euro und dann beschimpft die Frau, den Mann von der Krankenkasse, weil er nicht sagen will, was das A*schloch gesagt hat, wo es wohnt und dann ruft die Frau ihre Mutter an und erzählt ihr wie sie das A*schloch um 600 Euro erleichtert hat und dann zieht sie ihre Lippen nach. Im Flugzeug sitze ich neben der Frau und rücke so weit weg von ihr, wie ich nur kann und sie starrt mich an, aber immerhin kann sie mich so nicht wegen Körperverletzung anzeigen. Man muss aufpassen, heutzutage muss man aufpassen.

Du willst die Augen schließen, denn du bist so müde, aber du fürchtest Dich davor, gegen die Schulter der Frau zu sacken und Du sitzt gerade und Du starrst in das Buch und Du denkst an den Mann, der vor einem halben Jahr einmal in die Aufklärungssprechstunde kam und sagte :nur zum Zuhören. Und Du erinnerst dich, wie er dir seinen Daumen zeigte und eine Narbe, die fast verblasst war. Und Du sagtest: Ein Unfall?“ Und der Mann, der Dir den Daumen zeigte, sprach ganz viel und ganz schnell auf Pashto und Dein Pashto ist schlecht und es dauerte sehr lang bist Du verstandest, dass der Mann sich mit dem Messer in den Finger schnitt, wegen des Blutes und den Finger auf das Bettlaken drückte, um die Familie zu überzeugen, dass das geht mit der Frau und ihm und Du sagst: Genial. Und der Mann vor Dir lacht und sagt: No man needs to hurt a woman.
Und Du nicktest und Du dachtest, das ist Aufklärung und fragtest nach der Frau und dann wird es still und Du weißt schon warum und Du bedanktest Dich, denn da ist was tust und Du saßt noch für eine Weile auf dem Flur und der Mann sagte zu Dir: A place like this in Afghanistan and in everywhere and no man hurt no woman und Du nicktest und Du denkst, dass Du schon lange keine großen Träume mehr hast, aber du nicktest, denn das ist ein Traum.

Der Mann und Du, ihr geht eurer Wege und dann ruft die C. dich an und sagt: Weißt Du noch Herr G.? Und du nickst und die C. sagt etwas von Blutwerten und das Blut rauscht in deinen Ohren und du das Mädchen, das keine guten Titten hat, du setzt die Maschine in Gang, die es braucht und du rufst die Ärzte an, die du kennst und du überlegst dir wer dir einen Gefallen schuldet, denn das bist du, denn es muss weitergehen, da hast du gelernt, das ist dir geblieben, und dann geht Herr G. zu Spezialisten und du triffst ihn und er sagt zu Dir: „In Kabul haben Sie mir gesagt, ich bräuchte nur andere Tabletten, und du wirst wütend über die Quacksalber in Kabul, die Herrn G. wertlose Vitamintabletten verkauft haben, aus US-Beständen und du hoffst auf die Koryphäen und die Medizin und du hast umsonst gehofft und die C. ruft dich an und die C. sagt, der Krebs war zu schnell und zu aggressiv und du sitzt im Flugzeug und du bist müde und du denkst: damals als Du ihn gesehen hast, zum ersten Mal, war er da nicht auch schon müde, und blass und warum hast du nichts gesehen und die Frau neben dir im Flugzeug liest die Bunte und Gerhard Schröder heiratet zum fünften Mal und Du stehst auf und Du gehst los und die Frau telefoniert wieder und auf dem Bahnsteig da sitzt ein Mann in Daunendecken gehüllt und die Decken sind schmutzig und durchgeweicht und du wirfst Münzen in den Pappbecher und er schreit alles Schlampen außer Mutti.

Du gehst weiter und Herr G. ist einfach tot und Du schließt die Tür auf zur Praxis und beantwortest die Fragen und Du machst das was du machst und dir ist kalt und du bist müde und du sagst: Die Wünsche des Partners respektieren und dann sagst du : Geschlechtsteile sind keine Schimpfwörter und „Komm her Du Fotze ist niemals ein Beginn für irgendwas und du denkst an Herrn G. and no man hurt no woman und Herr G. ist tot und du „stehst auf und gehst herüber ins Haus deiner Großmutter und Du hast Durst und Du trinkst das Wasser aus der Flasche und Dir läuft das Wasser aus den Mundwinkeln und Du schämst dich für deinen Durst, dabei ist Herr G. doch tot und der Durst erdrückt dich fast und dir läuft das Wasser noch immer aus den Mundwinkeln und du schämst dich vor Herrn G. und der C. und Du bist so müde und die C. legt die Hand auf deinen Rücken und Du legst Dich hin und du weißt am nächsten Morgen gibt es neue Nachrichten und jemand malt lauter Penisse um dein Gesicht und Du sollst lächeln und die Verleumderin sucht neues Material und du sollst lächeln und weitermachen, weil so what und du bist müde und die C. steht im Zimmer und sagt: „Brauchst du was?“ und sie legt dir die Hand auf die Stirn und dann kramt sie deinen alten ipod aus dem Rucksack und Du hörst wie sie sagt: Mach Die Augen zu, ja und du nickst und du hörst zu: HarHar dam Sajna te jindri waar de, singst du leise für Herrn G. „Immer sind sie bereit ihr ganzes Leben für den Geliebten hinzugeben“ und du siehst den Daumen und die Narbe und du singst noch immer: „Latthe di chaadar utte saleti rang maahiya“ Liebling, dein Schleier aus zartgrauem Muslin, das älteste der Hochzeitslieder zwischen Delhi, dem Punjab, Lahore und Du bist dir sicher auch in Afghanistan kennt man es, singt man es und Du denkst an die Träume, die Du einmal hattest und du singst noch einmal Aawo saamne und du weißt, dass Du im Deutschen keinen Satz kennst, der wie aawo saamne sagt: „Komm und setz dich hin zu mir“, in dem schon im Stillen alles liegt, was im „Zieh Dich aus für mich“, immer schon ausgesprochen ist und du erinnerst dich als ein Anderer das Lied für dich sang und Du warst schön damals und die Träume waren es auch und Du weißt, dass die Zeiten vorbei sind und Herr G. ist tot.

Lathe di chadar

utte saleti rang mahiya

aawo sahmne, aawo sahmne

kolon di russ ke na lang mahiya

mende sir tey phoolan di khari.

mende sir tey phoolan di khari

tendan rah tak tak main hari

Du bist zu spät.

24 thoughts on “Unabänderlich, zu spät

  1. (( ))
    Ich hoffe so sehr, dass zumindest das Aufschreiben hier ein wenig, ein ganz winzig wenig, trösten kann. Denn mir fällt so gar nicht ein, was das sonst könnte.
    (Warum müssen die wenigen besonders Engagierten so viel Last tragen?)

    • Kann mir kaum einen schöneren Menschen vorstellen. Ich meine schön in auf jede Weise,für mich gibt es zwei Schönheiten, und Sie haben beide.

  2. Es tut mir so leid, das alles. Ich bin nicht die J., aber ich schicke Ihnen ein Lächeln und eine Umarmung und hoffe, beides passt in Ihre Jackentasche.
    Wenn ich irgendetwas für Sie tun kann…

  3. Ich schicke ein wenig Sonne aus dem eigenen Tränental!Ein wenig geht immer für den anderen, immer. Und Sie haben so wunderschöne Haare!Sunni

  4. Es tut mir so leid und so weh, ich fühle deine Traurigkeit, den Schmerz, diese Müdigkeit …

    Ach, mögen doch diese Trolle einfach schweigen. Zumal sie nichts begriffen haben. Nichts von der Kraft und Liebe in dir. Gar nichts.

    (Ich finde dich übrigens eine Frau mit einer sehr schönen Ausstrahlung, die von ihnen leuchtet. Ich habe deine wunderbare Rede gehört.)

    • Hier ein zauberglitzerndes Sonnen Lächeln für alle jegliche und sämtliche Taschen. Zum Hervorholen und Seele wärmen. Liebes Fräulein Readon, ihre Seele ist groß und weit und schön und voller Glanz. Innen wie außen, graceful lovelyness. Das kann Ihnen keiner nehmen. Niemals.
      Mit zarten Grüßen

  5. Ich nehm Dich einfach mal in den Arm.
    Solange Du willst,
    darfst da auch einfach mal nix tun,
    liebste Readon.
    Gut, dass es die C gibt.
    x

  6. ‪Zu spät. Manchmal ja. ‬
    ‪Ich hätte es sehen können, hab es nicht.‬
    ‪So begleiten sie einen, die Geister, ein Leben lang.
    Man muss seinen Frieden machen mit ihnen, irgendwie.
    Wir können nicht alle retten, aber es versuchen, das geht.

  7. … Hierfür lassen sich kaum passende Worte finden. Nur, was ich die Woche schon einmal dachte: Daneben wirken alle Streitereien etc. total sinnlos. Ob eine virtuelle Umarmung helfen kann?

  8. Es liegt sicher zu viel Last auf Ihren Schultern, könnten Sie nicht versuchen, etwas davon abzuwerfen? Sie leisten unermüdlich und kräftezehrend Gutes und Sinnvolles. Eine totale, und evtl. in die Depression führende Erschöpfung nützt aber niemandem. Erlauben Sie sich ein wenig Egoismus.

    Leider schmerzen auch Angriffe, die jeder Grundlage entbehren und die nichts anderes wollen, als böswillig zu verletzen. Für Menschen mit der niedrigen Gesinnung dieser widerlichen Schmierfinken stellen Sie, liebes Fräulein Read on, leider ein willkommenes Angriffsziel dar, weil Sie eine Welt verkörpern, die diese pathologisch kranken Hirne nie erreichen können – und das irgendwie auch wissen. Aus Neid und Unterlegenheitsgefühl attackieren sie. Und auch wenn man sich das so erklären kann, ist es nur schwer zu ertragen.

    Ich wünschte, helfen zu können

    • @Trulla – Sie haben das gut auf den Punkt gebracht, vielen Dank.
      Dieses Schlechtreden und Herumtrampeln auf den Leistungen Anderer, nur um die eigene erbärmliche Existenz aufzuwerten, das finde ich so armselig und zum kotzen, dass mir manchmal die Worte fehlen.
      Gut, dass Sie sie gefunden haben.

  9. Ganz viel Kraft für dich und deine wichtige Arbeit. Du bist ein wunderbarer Mensch und die Welt ist voller Wärme und guter Menschen, auch wenn es manchmal nicht so scheint. Der Tod ist schrecklich. Aber das Leben ist ein Geschenk. Und du bereicherst diese Welt so.

  10. Es tut mir sehr leid, dass Sie ständig so vielen Anfeindungen ausgesetzt sind. Leider können einige Menschen nur Freude empfinden, wenn sie denken, dass sie auf jemanden herunterblicken können.
    Ich hoffe, dass Sie bald mal wieder verschnaufen können, einfach am Meer sitzen, die Sonne auf der Haut spüren, und für einen Moment all das Schlimme und all die Stimmen ausschließen.

  11. Sie tragen viel zu viel auf Ihren Schultern und schaffen es dennoch oder deswegen immer wieder, andere in ihrem tiefsten Inneren zu berühren und zu bewegen. Ach, könnten Sie sich doch eine Auszeit nehmen und Abstand schaffen. Aber das liegt offenbar nicht in Ihrer Natur, also umarme ich Sie und schicke Ihnen soviel Energie, Licht und Kraft, wie Sie brauchen.

  12. Sie werden die Welt nicht alleine retten können. Reiben Sie sich nicht unnötig und zu früh auf. Seien Sie stolz auf das Erreichte und freuen Sie sich über die Leben, die Sie bereits gerettet haben. Bleiben Sie realistisch in Ihren Zielen. Und versuchen Sie bitte etwas zu entspannen. Sonst liegen Sie bald ausgebrannt irgendwo lethargisch in der Ecke. Das wäre wirklich schade für all die Menschen, die von Ihrer Hilfe noch profitieren werden.

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