Einfach mal Ja sagen

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Weißt Du, was Dein Problem ist, sagt Schwesterchen ins Telefon hinein, während sie eine saure Gurke verzehrt, Du musst einfach mal „JA“ sagen.

„Ja“, sage ich.

Das ist genau, das was ich meine, fährt Schwesterchen fort, selbst wenn Du ja sagst, klingt das immer noch wie ein Nein.

„Na was denn nun, sage ich ja oder nein?“

Schwesterchen seufzt: „Es ist immer dasselbe mit Dir.“ „So wird Dich ganz bestimmt niemand heiraten und dann noch diese Haare.“ „Weißt du“-Schwesterchen beißt wieder herzhaft in die Gurke „ Du musst wirklich positiver, zugewandter, offener und vor allem bejahender werden, sonst wird es noch schlimm mit dir enden.“

„Du klingst schon wie Kommentatoren im Internet“, sage ich, aber Schwesterchen wiegelt ab: „Papperlapapp, sagt sie. Ich bin deine Schwester. „Versuch es doch einmal, sag doch einen ganzen Tag lang einfach mal „Ja.“

„In Ordnung“ seufze ich und Schwesterchen beschwört mich sie am Abend unbedingt anzurufen. Dann greift sie nach einer zweiten Gurke und ich lege auf.

„Hab einen schönen Tag“, murmelt der Tierarzt verschlafen unter der Decke hervor und schon springt der Hund auf die eine und die Katze auf die andere Bettseite.

„Ja“, sage ich, Dir auch.“ Eine Antwort bleibt aus.

Im Institut treffe ich auf die Auszubildende. Die Auszubildende sagt: „Fräulein Read On, ich hab da mal eine Frage. Wenn ich bei der Prüfung in der Berufsschule durchfalle, bin ich dann durch die ganze Ausbildung gefallen?“

Ich überlege kurz und sage : „Ja.“

Die Auszubildende starrt mich an, heult auf und verschwindet schluchzend im Bad.

Zwanzig Minuten später klopft die beste Chefin der Welt an die Tür.

„Was meinst Du ist der G. nicht völlig falsch hier?“

Ich nicke und sage: „Ja.“

Die J. wiegt den Kopf hin und her. „Ich hatte auf eine etwas diplomatischere Antwort von Dir gehofft, sagt sie etwas in der Art von „Nein, aber….“

Schwesterchen hat mich zum Ja verdonnert, sage ich und die J. lacht bis ihr die Knie wackeln, wir trinken Tee und ich sage, um zu deiner Frage zurückzukommen: „Ja, aber…“

Um die Mittagsstunde herum, kontrolliere ich mit dem Hausmeister die Lampen. In der Institutsküche rumort der Praktikant an der Spülmaschine herum.

„Fräulein Read On, kann ich Sie einmal etwas fragen?“

„Ja, bitte“, sage ich, so dass bestimmt selbst Schwesterchen nichts auszusetzen hätte.

„Fräulein Read On, ich habe herausgefunden, dass wenn man den zweiten Spülmaschinenkorb zu schwer belädt, und dann ganz schnell zieht, dann kann man verhindern, dass er vorn herüberkippt. Dann reißt der Praktikant am Korb und die Mittelschiene der Spülmaschine bricht heraus, der Spülmaschinenkorb donnert auf den Boden.

Ich sehe den Praktikanten an und sage: „Ja, jetzt ist die Spülmaschine richtig kaputt.“

Der Praktikant starrt mich an.

Ich sage nicht: „Was fummeln Sie an der Spülmaschine herum?“

Ich sage nicht: „Nein, das ist doch alles nicht wahr!“

Ich sage nicht: „Warum sitzen Sie nicht am Schreibtisch und stellen die Namensschilder für die Tagungsteilnehmer fertig?“

Ich sage: „Ja, Hausmeister dann nehmen Sie die Spülmaschine doch gleich noch mit.“

Hinter dem Praktikanten feixt hämisch die Auszubildende. Sie lacht wie nur sehr schöne Frauen lachen können und als der Hausmeister und ich weitergehen, da fragt der Praktikant: Du ist die immer so drauf?“ Meine Schwester würde ihre Freude an der Auszubildenden haben: „Ja, ruft sie nämlich und sagt: und noch viel schlimmer.“

Ja, sage ich viele Male in viele, verschiedene Telefone und erkläre jedem einzelnem Fellow des Instituts wie die neue Spülmaschine funktioniert.

Ja, bitte schließen sie die Tür fest.

Ja, bitte nur ein Tab.

Ja, wenn der Spülvorgang beendet ist, dann ist das Geschirr noch heiß.

„Na Fräulein Read On, ruft die Frau des Krämers später als ich zur Tür des Ladens hereinkomme, Sie sieht man ja auch nur von hinten.“

„Ja, sage ich, das kann Ihnen doch nur Recht sein.“

Die Frau des Krämers spitzt die Lippen.

„Sie wissen doch, wie ich das meine.“

Ja, sage ich und lege Eier, Paprika und Cheddar Cheese auf die Ladentheke.

Die Frau des Krämers erklärt mir, dass alle Politiker faule Bratzen seien und ergeht sich in einer langen Litanei, die ich mit einem „Ja, was bin ich ihnen schuldig abkürze?“

Die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. Sie haben Fieber, Fräulein Read On, Sie sind der personifizierte Widerspruch, Sie widersprechen sogar sich selbst, wenn es Ihnen zu langweilig ist. „Ist das so, Ja?“ sage ich und die Frau des Krämers ist endgültig davon überzeugt, dass ich nicht nur Fieber habe, sondern längst in ein Fieberdelirium eingetreten bin.

Ich aber wandere zurück ins Oberland. Dort gähne ich ins Spiegelbild, quirle Eier, schneide Paprika, Koriander, reibe Cheddar Cheese und greife nach den indischen Gewürzen, die man für ein Garam Masala Omlette eben braucht.

Der Tierarzt lehnt an der Küchentür.
Der Tierarzt verzieht das Gesicht.
Der Tierarzt sieht Ei, Paprika, Käse und Gewürze.
Der Tierarzt verzieht das Gesicht noch weiter.

Ich richte Salat in eine Schüssel, stelle Teller, Gläser und Besteck auf den Tisch und verteile Omlette, Bon Appétit, Tierarzt.

Der Tierarzt stochert im Ei.
Der Tierarzt schiebt den Salat an den Rand des Tellers.

„Mädchen sagt er, nur theoretisch angenommen, ich würde nie wieder etwas essen , dann würde ich doch sterben?“

„Ja“, sage ich, wenn Du auch noch aufhörst zu trinken, dann geht es noch schneller.“

Der Tierarzt starrt mich an.

„Ich meinte das doch nur theoretisch.“

Ja?, sage ich und der Tierarzt würgt an zwei Gabeln Omlette.

Dann ruft Schwesterchen an: „Süße und hast Du Ja gesagt?“ Ja, sage ich und Schwesterchen seufzt: „Nun sag schon. Eine heulende Auszubildende, eine lachende Chefin, ein verstummter Praktikant, eine ungläubige Frau des Krämers und ein bemauzter Tierarzt, berichte ich.

Schwesterchen seufzt. „Wirklich Süße, das schaffst nur du.

Ja, sage ich.

35 thoughts on “Einfach mal Ja sagen

  1. Sehr gelacht. Und ich finde die Bilanz dieses Tages durchaus positiv, jetzt wissen die anderen wenigstens Bescheid. Was sie mit dem Wissen machen, bleibt ja ihnen überlassen. Vielleicht bewirkt es ja etwas Gutes.

  2. Und es dann auch noch so genial zu erzählen: Ja, das schaffst echt nur du.

    Und wie köstlich du ad absurdum geführt hast, warum Kalendersprüche, Ratschläge und Co. nicht universell anwendbar & übertragbar sind.

  3. Ich hatte mal einen Kunden, der, egal auf welche Frage, mit „ja“ geantwortet hat.
    Er ist dann in Rente gegangen, als ich fest entschlossen war, ihn beim nächsten Mal zu fragen, ob er mich heiraten will….

  4. Bisher war ich immer der Meinung, Sie sollten viel öfter Nein sagen, aber scheinbar funktioniert es mit einem Ja genausogut. Vielleicht zählt weniger das Wort, als die Botschaft, die dahintersteckt?

  5. Pingback: Kleinigkeiten – Fädenrisse

  6. Vielleicht will ich es gar nicht wissen, aber wie sieht denn Ihre Bilanz nach einem Nein-Tag aus? 😄 Und wie im Vergleich dazu die Ihres Schwesterchens? Vielleicht liegt es auch gar nicht am ja oder nein, sondern an der (schonungslosen) Ehrlichkeit?
    Und auch ich hätte Ihnen eigentlich geraten, öfters Nein zu sagen … aber genau dafür sind ja Schwestern da.

  7. Als ich als schüchterne Sechsjährige nach Deutschland kam und kein Wort Deutsch verstand, da antwortete ich mit einem Nicken, wann immer ich angesprochen wurde. Das erschien mir höflich und ich erhoffte mir davon das Ende des Gesprächs. Aber ich war in steter Sorge, Falsches mitzuteilen. „Ja“ kann sehr schwierig sein.

    • Das stimmt, nichts ist so schwer wie ein Ja, kaum etwas ist so schwer wie die ersten Schritte in der fremden Sprache und die schreckliche Angst,etwas falsch zu machen und ich hoffe sehr, es hat mehr Menschen gegeben, die sie ermutigt haben mehr als Ja zu sagen. Danke, dass Sie Ihre Geschichte hier teilen.

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