Die Sache mit den Elektrofahrrädern, dem Nachbarn zur Linken und meinem Gartenzaun.

Etwas wehmütig stehe ich auf der Straße und winke meiner lieben C. hinterher, denn die liebe C. sehe ich immer lieber kommen und gehen, aber schon holpert das Oldsmobile um die Ecke und ich ziehe seufzend die Schultern hoch: es ist mürrisch grau und kalt auch im südlichen Vorort der großen Stadt Berlin. Als ich mich aber umdrehe kommt der Nachbar zur Linken an den Gartenzaun: FRÄULEIN READ ON, ruft er ES TUT MIR JA SO LEID!“ Ich sehe etwas verwundert zu ihm herüber und sage: Oh! Aber der Nachbar zur Linken humpelt an zwei Krücken herbei und sagt: Fräulein Read On, es ist unverzeihlich. „Nachbar zur Linken“ sage ich, „haben Sie meine alte Freundin die Wildtaube gefangen und an Papageno verkauft?“ Der Nachbar zur Linken sagt: „Fräulein Read On, gleich werden Sie nicht mehr scherzen.“ „Mag sein, Nachbar zur Linken erwidere ich, aber warum kommen Sie nicht mir rauf auf einen Tee, Kuchen gibt es auch und ich mache eine kleine Kunstpause: „und auch Pralinen.“ Der Nachbar zur Linken nickt und murmelt finster: „ Wahrscheinlich ist es das letzte Mal, das wir so beieinander sitzen, Fräulein Read On.“ Das Teewasser kocht und ich lege dem Nachbarn zur Linken ein gewaltiges Stück Apfelkuchen auf den Teller und der Nachbar zur Linken erzählt:

„Der Herr Sohn bemüht sich ohnehin nur Weihnachten nach Berlin, denn schon lange sind die alten Eltern ihm lästig und kommt er so hat Herr Sohn Ratschläge im Gepäck. Sie wissen schon: Weniger Cholesterin, mehr Hühnerfleisch, Solarpaneele, die alten Biberschwänze des Hausdaches abklopfen, die Sauna aus dem 72er Jahr herausbrechen, den Garten asphaltieren, den alten Mercedes gegen ein Hybridwunder eintauschen und neben den guten Ratschlägen verstauben die Wanderstöcke, die Neoprenanzüge zum Tauchen, die Wanderstiefel für das Hochgebirge und allerlei anderen Tand den der Herr Sohn so ins Haus schleppt, dabei hoffen die Eltern noch immer Jahr für Jahr, dass der Herr Sohn einmal länger bliebe als die 48 Stunden. In diesem Jahr aber fährt der Nachbar zur Linken fort, sei der Herr Sohn nur einen Tag geblieben, denn am 25. Dezember schon fuhr gegen die Mittagsstunde ein weißer Mercedes vor. Im weißen Mercedes saß eine blonde Frau, dass hat die Nachbarin zur Linken,die gerade den Weihnachtsbraten ins Rohr schob schon genau gesehen und die blonde Frau war nicht die Frau, die im vorigen Jahr den Herrn Sohn abholte. Die Frau aber die heuer im Auto saß, die stieg nicht aus, die hupte nur und der Herr Sohn schlüpfte in Mantel und Schuh, rief seinen Eltern: Bussi und Bye zu und schon war er aus der Tür. Die Nachbarn zur Linken jedenfalls sahen dem Sohn hinterher, wie ich meiner lieben C, im Oldsmobile, dann gingen sie zurück ins Haus und vom Braten aßen nur mehr der Nachbar zur Linken, seine Frau und die alte Katze. Aber am 24. sagt der Nachbar zur Linken und löffelt Zucker in den Tee da habe er sie in die Garage geführt und dort standen zwei Elektrofahrräder mit roter Schleife. Der Herr Sohn habe den Eltern die Vorzüge der Räder erklärt, nun könnten auch sie Tagestouren von 80 Kilometern machen, und überhaupt Fahrrad fahren wäre so gesund, so praktisch, so umweltfreundlich und und auch die Eltern dürften sich dieser neuen und ganz und gar elektrischen Zukunft auf keinen Fall länger verweigern. Dann schwang sich Herr Sohn selbst auf eines der nagelneuen Räder, preschte zischend davon und erst nach einer halben Stunde kehrte er mit roten Wangen zurück, die rote Schleife aber war wohl abgefallen. Der Herr Sohn also war zufrieden, den Eltern den Weg in die Zukunft geebnet zu haben und die Eltern lächelten, denn Eltern wollen ihre Kinder zufrieden sehen. Dann aber vergaßen die Eltern die Räder in der Garage, das neue Jahr kam und auch die Nachbarn zur Linken machten wie so viele Menschen eine Liste mit guten Vorsätzen. Auf der Liste stand: die Elektrofahrräder ausprobieren. Aber erst einmal kam die Schwester des Nachbarn zur Linken zu Besuch und die wollte die Attraktionen der großen Stadt Berlin im bequemen Mercedes erleben und nicht hoch zu Ross. Dann aber reiste die Schwester zurück an die schöne Mosel und am Freitag war es dann soweit, die Nachbarn zur Linken bestiegen die Elektroräder, die Räder brummten, die Straße des südlichen Vorortes ist leicht abschüssig, die Räder rasten schneller, der Nachbar zur Linken rief noch „Hilde, warte!“, aber Hilde raste schon schneller und schneller dahin, und auch der Nachbar zur Linken sah die Kurve der Straße auf sich zukommen und sein letzter Strohhalm Hoffnung war mein Gartenzaun und lenkte er das rasende und buckelnde Rad in den Zaun und der Zaun knirschte und ächzte, aber er hielt, den Nachbarn zur Linken aber katapultierte das Rad in den Zaun, unglücklich schlug er auf und verstauchte sich den Knöchel und auch seiner Frau erging es nicht besser, ein Strauch hielt sie zwar auf, doch auch sie kugelte auf den Gehweg und ist voller blauer Flecke. Die Elektroräder aber knurrten böse und unwillig, mühsam schleiften die Nachbarn zur Linken die Räder zurück in die Garage. Nie wieder schworen die Nachbarn zur Linken würden sie noch einmal auf diese Höllenrösser klettern und so stehen verbogen und verschrammt nun die Räder neben den Alpenstiefeln, den Wanderstöcken, den Tauchanzügen und all den anderen Dingen, die Herr Sohn einmal im Jahr nach Berlin mitbringt in der Garage.“

Der Nachbar zur Linken sagt: „Ihren Gartenzaun Fräulein Read On haben wir auf dem Gewissen.“

Papperlapapp sage ich, aber der Nachbar zur Linken sagt: „Sobald der Fuß besser ist, ja Fräulein Read On kümmere ich mich.

„Aber Nachbar zur Linken, sage ich, ich kann wirklich jemanden kommen lassen, der das repariert.“

Der Nachbar zur Linken aber schüttelt den Kopf: „Wissen Sie, nur wenn einen niemand mehr braucht, kommt man auf die Idee mit Rädern im Kreis herum zu fahren.“

Dann sehen wir beide aus dem Fenster in den grauen Himmel hinaus.

„Abgemacht“, sage ich zum Nachbarn zur Linken und der Nachbar zur Linken schlägt ein.

 

 

 

23 thoughts on “Die Sache mit den Elektrofahrrädern, dem Nachbarn zur Linken und meinem Gartenzaun.

  1. Und dann denkt man immer, Leute die Kinder haben, haben es gut. Die rufen an und kommen und kümmern. Dass man auch Pech haben kann und einen kleinen Besserwissen und Allesgenauwisser aufzieht, habe ich nicht bedacht. Dass es aber blaue Flecken und verstauchte Knöchel geben muss, wenn der Sohn was beschließt, das muss nicht sein.
    Im übrigen kommen hier Leute zu Besuch, die früher nie kamen, weil man doch mit dem Elektrofahrrad die steilen Straßen zum Dorf bewältigen kann. So wird man zum Ausflugsziel, was auch schön ist.

    • Die Kinder haben längst ein eigenes Leben und die Eltern sind oft nur noch Erinnerung an eine Vergangenheit, die für die Kinder schon lange fremd ist und nur noch lästig. Es ist traurig und auch schade, dass die Eltern für die Kinder doch einen hohen Preis bezahlen, nicht nur die verstauchten Knöchel, sondern auch die Einsamkeit.

  2. Oh, 48 Stunden…doch so viel….Tja, mit den Kindern und den alten Eltern, das ist so eine Sache.ICH WILL KEIN ELEKTROFAHRRAD! Ich nehme meine Stöcke und laufe und denke, dass 24 Stunden ja besser sind als nichts. Danke für den tollen Text!

  3. Tja die lieben Kinderlein ! Ich habe das Glück, dass meine Töchter ganz in meiner Nähe wohnen und mich sehr oft besuchen.
    Mit meinem Sohn ist das leider etwas anders, den besuche ich einmal im Jahr in Kalifornien.

  4. Hm alt, na das fühle ich mich mit etwas über 50 noch nicht, aber unser Ältester, welcher am Genfersee wohnt und dort Doktoriert, war über Weihnachten 2 ganze Wochen lang bei uns zu Besuch, zuerst mit in den Bergen, dann zu Hause, das hat mir sehr, sehr grosse Freude gemacht und ich weiss, das so etwas nicht selbstverständlich ist. Aber unser Spatz war schon immer ein lieber Kerl und es half, dass seine Freundin, welche mit ihm Doktoriert, auch 2 Wochen lang, weit weg bei ihren Eltern war.

    • Gut, wenn die Nachbarn zur Linken dem Herrn Sohn direkt sagen, auf welche Geschenke sie zukünftig
      gerne verzichten. Gut aber auch, wenn die Eltern dazu sagen können, was sie sich statt dessen wünschen.

      • @Ute: wahrscheinlich nur etwas Aufmerksamkeit, Zuneigung, Teilhabe an ihrem Leben. Ggf. etwas Hilfe und Unterstützung, wenn sie nicht mehr alles selbst machen können.
        Was ist schiefgelaufen, wenn (erwachsene) Kinder nicht soviel Empathie gegenüber den Eltern aufbringen?

  5. Hm. Schwierig. Der Herr Sohn scheint nicht gerade ein Sympathieträger zu sein.
    Es gibt ja bekanntermaßen reichlich merkwürdige und auch sozialinvalide Menschen. Die naturgegeben die Sprößlinge von irgendwem sind.
    Aber die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist eben auch noch vielschichtiger als ein guter Apfelstrudel. Und von außen (wenn überhaupt, nur von Fräulein Read on) schwer oder gar nicht neutral einzuschätzen. Geschweige denn zu be- oder verurteilen.
    Familiäre Strukturen sind so komplex und fallen in aller Regel „nicht vom Himmel“…
    da hilft nur, auf sich selbst zu vertrauen und sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen, wenn es eng wird.

    • Sie haben Recht man weiß nichts über die Leben und Familien der anderen, nur manchmal sieht man für einen Moment einen Spalt und dahinter die Einsamkeit der einen und der Wunsch ein ganz anderes Leben zu haben, der Anderen.

  6. „Wissen Sie, nur wenn einen niemand mehr braucht, kommt man auf die Idee mit Rädern im Kreis herum zu fahren.“

    Vielleicht sollten wir alle den alten Leuten in unserer Umgebung öfter das Gefühl geben, dass sie gebraucht werden. Dann tut es auch nicht mehr so weh, wenn der Sohn nur 24 Stunden im Jahr kommt. (Natürlich immer noch weh genug).

  7. Und überhaupt: Wenn die hupende Freundin noch nicht einmal reinkommen und die Eltern kennenlernen möchte … andererseits wissen wir ja auch nicht, welches Bild der Sohn nach außen zeichnet (im Familienkreis selbst erlebt und aus allen Wolken gefallen).
    Noch dazu, finde ich, hätte der Sohn locker, da ja zwei Räder vorhanden, mit jedem Elternteil eine Übungsrunde drehen können und alles erklären – die Dinger haben bestimmt Bremsen irgendwo – anstatt selbst loszubrausen. Ich bewundere das Fräulein, das immer einen Kuchen zum Trost bereitstehen hat.

    • Ja, ich glaube auch, dass sich Innen/ Außenbilder nicht oft ähneln und es gibt ja auch Kinder, die sich ihrer Eltern schämen. Ich glaube auch es ist Interesse und Geduld oder wenigstens eine halbe Stunde Üben oder einfach einmal festhalten, die fehlt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.