Zu später Stunde

IMG-4989

Der Berlin Besuch ist müde. Mein Anteil daran ist kein ganz kleiner, denn wenn ich erst einmal anfange über Franz Kafka und Max Brod und ihre Reise nach Leipzig, die dann auch nach Berlin führte ( Max Brod hatte ja eine Geliebte in der Stadt ) anfange zu reden, dann höre ich so schnell nicht wieder auf. Es hält sich auch das hartnäckige Gerücht und der Tierarzt tut sein Übriges dazu es zu verbreiten, dass ich einmal den Hund so müde geredet hätte, dass jener alle vier Pfoten von sich gestreckt in einen tiefen Schlaf gefallen sei. ( Es war natürlich alles ganz anders.)

Aber der Berlin Besuch gähnt nun wirklich, man verabschiedet sich und ich fahre mit der wirklich letzten Bahn zurück in den Wald. In der Bahn sind alle betrunken außer mir. Alle aber reden vom wirklich letzten Bier und erzählen Betrunkenengeschichten, in denen immer alles möglich ist. Mannshohe Mauern in einem Sprung genommen, ein Weltmeer durchschwommen, einen Helikopter selbst gelandet und die Betrunkenen lachen über ihre Geschichten, die sie schleppend und langsam erzählen, denn es ist immer noch Bier da und morgen sind die Geschichten egal und schon wieder vergessen und die Nacht ist dunkel vor dem Fenster und ein Mann versucht ein Lied zu singen, das Lied ist für eine Frau bestimmt, die ich nur als verschwommenen Schatten im Fenster sehen kann, ein Fußballlied singt der Mann für die Frau, auch wenn die Wörter ihm im Mund verlaufen und die Frau lacht, ein bisschen hohl ist ihr Lachen, es riecht nach Bier und Parfum und Currywurst, die Frau hat blonde Haare und einen Mannschaftsschal um den Hals und doch lacht sie, wie Frauen lachen, die wissen, dass man sie liebt und der Mann öffnet ein zweites Bier für sie. Wie lange das schon her ist, denke ich, dass jemand für mich gesungen hat, spät in der Nacht oder früh am Morgen. Aber ich steige aus, halb zwei zeigt die Bahnhofuhr an, eine Katze sitzt neben der Laterne unter der mein Fahrrad steht und ich fahre noch weiter in den Wald hinein, fahre Schlangenlinien auf der Straße, denn der kleine Vorort der großen Stadt schläft schon tief und fest und wenigstens ein paar Takte lang pfeife ich vor mir her.

Tür auf, Schuhe aus, den Schlüssel in den Korb und einen letzten Tee auf dem Fensterbrett, die rauschende Kiefer vor dem Fenster, das glatte Kopfsteinpflaster unter der Laterne, die stumme Nacht, der Mond raucht eine letzte Zigarette, aber er raucht sie allein und nicht mit mir, irgendwo hinter den Wolken oder vielleicht auf der Kirchturmspitze, die sieht man nicht, mitten in der Nacht. Noch einmal sehe ich der Nacht hinterher, denn die Zeiten in denen die Nächte mit mir an der Hand durch die Straßen liefen, sind lange schon vorbei, aber manchmal kommt noch einmal ein kleiner Ausschnitt zurück und Berlin ist für eine halbe Stunde New York und Tel Aviv zugleich. Immer noch hofft man auf dem Fensterbrett, dann kommt der Schnee, oder das Eis, da hilft auch die warme Teetasse nicht, denn ich weiß wohl um die Katastrophen, die unter meinen Fingerspitzen verborgen liegen, mit einem Mal hat man graues Haar und die Tasse ist leer, auch meine alte Freundin die Wildtaube schläft schon gut verborgen in den dichten Zweigen der Tanne. „Gute Nacht“ rufe ich ihr dennoch zu, denn sie hat mich kommen und gehen sehen in all diesen Jahren, mit all den abgerissenen und angefangen, den zusammengenähten und den offenen Geschichten und denen die kein Ende haben, aber die Nacht hat ein Ende, ich spüle die Teetasse aus, putze die Zähne, lese zwei Seiten, bevor der Tag wieder auf dem Fensterbrett sitzt und nicht mehr ich.

15 thoughts on “Zu später Stunde

  1. So ist es, mit einem Mal hat man graues Haar. Auch mich überfällt gelegentlich diese Melancholie und nie bin ich mir sicher, ob man wirklich die Dinge vermisst oder vielleicht nur die Gefühle, die damit verbunden waren.
    Ich dachte, es ist gerade der Tierarzt, der für Sie singt?

    • Ja, es ist genau so wie Sie sagen. Der Tierarzt singt andere Lieder und in Berlin gab es einmal ein anderes Leben und ich bin mir nicht sicher, wo es eigentlich geblieben ist.

  2. Write onmydear, writeon…der Kommentar hat mir so gut gefallen. Und ich bin sehr froh, dass Du weiter schreibst! Auch wenn düstere, sentimentale Gedanken vorherrschen, geht ja jedem manchmal so. Und dennoch oder gerade deshalb ist es Lesefreude pur.
    Deshalb auch von mir noch einmal: writeonmydear…writeon!

  3. Ja, die langen Nächte muss man auf der Fensterbank beenden,
    alternativ dazu an den Wandrahmen ums Fenster gelehnt,
    oder im Schneidersitz auf dem Küchentisch, aus dem Fenster sehend.
    Wenn man einen Balkon hat, kann man natürlich auch den Tee mit auf die Liege nehmen und den Sternen noch etwas beim Scheinen zusehen.
    Dann erst ist man bereit, den langen Tag zu beenden. x

  4. „….mit einem Mal hat man graues Haar und die Tasse ist leer,…“

    Passt sehr schön zu der Lektüre, die ich gerade lese: „Ein ganzes Leben“ v. R.Seethaler

  5. Wie wunderbar geschrieben, wieder einmal! Diesen Text las ich mir und meiner 15jährigen Tochter vor, als wir in unserem Lieblingscafe frühstückten. Sie war gefesselt. Und sprachlos. Das machte mich sehr glücklich. Dann sagte sie: „Ist das guuuuuut! Wenn du einen Gedanken fertig denken willst, kommt schon das nächste Bild, und das nächste, und das nächste….Das passt gut zu dir, Mama.“ Und zu ihr offenbar auch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.