An den Mauern entlang

Das Jahr geht mit einem Streifen blauen Himmels zu Ende. Altjahresabend sagte meine Großmutter, das Jahr geht mit einem schmalen Band zu Ende. In einer Buchhandlung eher im Vorübergehen aufgegriffen, der Zeichnungen wegen vor allem. Moabit heißt das Buch von Volker Kutscher und Kat Menschik hat es illustriert. Ich kannte Volker Kutscher, der das Buch geschrieben hat nicht, denn ich lese keine Kriminalromane und habe noch niemals ein Interesse daran gefunden einem Mörder auf die Spur zu kommen oder in einen dunklen Keller zu steigen, auch damals als mein Schwesterchen in einen Comissario Brunetti Rausch verfiel, habe ich zwar genickt, aber gelesen habe ich keinen einzigen Band. Vielleicht ist an allem Arthur Schnitzler, denn als ich siebzehn Jahre alt war, da verfiel ich in einen Schnitzler Rausch und nie wieder habe ich mich so gefürchtet vor der nächsten Seite wie in seinen Büchern. Aber schon und das, sie werden es ahnen, wird auch im nächsten Jahr kaum besser sein, schweife ich ab.

Das Buch aber mit den Zeichnungen, die wie das Berliner Haus in dem ich wohne so tun, als sei das Jahr 1920 noch immer eine Möglichkeit, ist keine Kriminalgeschichte im eigentlichen Sinne, es ist überhaupt eine Geschichte, die man schnell liest, vielleicht ist das der Gedanke dabei, denn am Ende des Jahres blickt man zurück, dann kommt man wohl nicht drumherum sich einzugestehen, dass man an allzu vielen Dingen wohl flüchtig und schnell vorbeilief, wo man doch hätte stehen bleiben sollen und bevor man noch überlegte, war man schon weiter und so ist diese Geschichte ein bisschen zu simpel, zu glatt und zu gleitend als das man sich auf der letzten Seite nicht doch selbst misstrauisch befragte, was man wohl alles nicht gelesen hat. Zwei Verbrecher geraten in ein beinahe tödliches Gemenge, einem Gefängniswärter ist wirklich sehr übel, ein Polizeikommissar rettet ein Leben und stirbt doch selbst, eine junge Frau lernt Maschine schreiben und noch heute fährt man vom Berliner Flughafen in die Stadt hinein, am Gefängnis von Moabit vorbei.

Ein roter Backsteinbau ganz wie im Buch und nur der Stacheldraht ist höher, nehme ich an. So wandert man in dem dünnen Buch umher, denkt an die vier Ausbrecher aus einem anderen Gefängnis, die vielleicht Berlin schon längst hinter sich gelassen haben, streift noch einmal an den eigenen Wänden des Jahres vorbei, manche Mauern sind zugewachsen, Efeu rankt hier und dort, andere Wände sind blank und aus rauhem Beton und die eine Schürfwunde ist leichter verheilt als die Andere und auf einer Mauer, da sitzt noch immer höhnisch pfeifend die Lügnerin, die ich mir anlachte über das Jahr. Ich habe kein gutes Händchen in diesen Dingen, sondern merke es erst, da läuft mir das Blut schon aus der Nase. Manche Wände sind härter als Andere und schwankend und kreiselnd und nicht wenig verschnörkelt ziehen die Jahre mit mir durch die Lande. Das Buch aber verschweigt vieles, erzählt manches, bebildert eine Welt aus der die Erinnerungen sind und erst als ich das Buch aus der Land lege, da erinnere ich wieder, dass ich seit 289 Tagen Karten in das Gefängnis von Silivri schreibe, man kann Silivri googeln von außen sieht es aus wie eine Tankstelle, aber irgendwo werden die Mauern schon sein. Einen Briefkasten habe ich noch nicht gesehen. So geht das Jahr wohl folgerichtig zu Ende und am Altjahresabend, da wünsche ich ihnen so viel Freiheit im neuen Jahr wie Sie brauchen und mögen, frischen Wind und Mauern aus Backstein mit Efeuranken, über die man klettern kann spätestens beim dritten Mal.Behalten sie sich wohl und wenn Sie noch ein Motto suchen, Sie wissen ja read on my dear, read on, das sage ich mir noch immer, mindestens einmal am Tag und immer stehe ich dann vor einer Mauer. Ein gutes und glückliches, ein heiteres, neues Jahr, das wünsche ich Ihnen allen. Am Ende des Jahres und von Anfang an.

Das Buch von Volker Kutscher indes sei auch über die Jahre hinweg empfohlen.

Volker Kutscher und Kat Menschik, Moabit, Berlin 2017, 84 Seiten, 18 Euro.

 

 

11 thoughts on “An den Mauern entlang

  1. Leider habe ich kein Pflaster für die Schürfwunden, weiß aber aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft solche Wunden sind, die pfeifende Lügnerinnen hinterlassen. So bleibt mir nur, Ihnen ein Taschentuch zu reichen und Ihnen zu wünschen, dass daraus keine schwärenden Wunden werden.

    Auf ein besseres 2018! Alles Gute, Gesundheit und Fröhlichkeit!

  2. Ich möchte dir ein Pflaster reichen und dir danken für deine Ausdauer. Für all deine liebevollen weitsichtigen Handlungen. Und ich wünsche dir Kraft und Liebe für alles, was noch kommen mag.

  3. Auf dass das neue Jahr mit weniger Schürfwunden und blutender Nase einhergeht, das wünsche ich
    von ganzem Herzen. 💗
    Und Danke für Ihr großartiges Schreiben, von dem ich hoffe, dass es auch im Neuen Jahr Ihren Blog
    mit Leben füllen wird.

    • Das hoffe ich auch und man wird wohl abwarten müssen. Ich danke für Ihr Lesen und Ihr immer interessantes und engagiertes Kommentieren. Ein gutes, ein glückliches neues Jahr wünsche ich Ihnen.

  4. Danke für so viele Gedanken, die Sie angestoßen haben. I will Read On. Ihnen und uns allen ein tolerantes und großzügiges Jahr 2018.

  5. Mit Ihrem Blog geht es mir so wie Ihnen damals bei Schnitzler: Vor dem Laden der Seite zittere ich immer ein wenig, weil ich nicht weiß, was mich erwartet. Eine Geschichte, die mich kichernd von Zeile zu Zeile hüpfen lässt beim Lesen; eine der düsteren Erzählungen oder Erinnerungen, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen – oder, wie so oft, beides auf einmal?
    Ich schaffe es nicht immer zu kommentieren, manchmal fehlen mir die Worte, sehr oft haben auch überaus kluge Kommentator*innen meine Gedanken schon in Worte gefasst. Aber immer hallen Ihre Worte in mir nach. Vielen Dank dafür! Sie sind eine große Bereicherung für mich, ein Leuchtturm in dunkleren Zeiten. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute für das nächste Jahr, wohin auch immer es Sie ziehen wird, bleiben Sie so stur und warmherzig.

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