‚Nur auf ein halbes Stündchen…‘

 

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Manchmal ist es ja so. Das Telefon schellt und am anderen Ende meldet sich eine entfernte Freundin, die eher eine gute Bekannte ist. Sie sagt: Read On, wir sind auf der Durchreise in Richtung Süden. Weißt doch wir fahren halt immer Ski über Jahresschluss und machten Station in Berlin. Wär doch nett man würde sich wiedersehen. Aber ich sage Dir gleich wir haben nicht mehr als ein halbes Stündchen über, aber das muss Dir doch zupass kommen, Du hast doch eh nie Zeit. Zwar habe ich vergessen, dass die gute Bekannte über den Jahreswechsel eisige Hänge herunterstürzt, aber das ich immer eilig bin, dass stimmt schon. Nun ist es aber auch so, dass meine Großmutter, die preußischste unter den deutschen Juden war und meine Großmutter sagte: „Kind man muss etwas anbieten, sagt sich Besuch an.“ und meine Großmutter meinte damit nicht trockene Salzstangen oder staubige Kräcker. Da ich noch immer einem krächzenden Raben ähnle, wickle ich mich in einen dicken Schal und ein weiches Plaid und hole Käse, Brot und Weintrauben ein. Nicht einmal mal meine Großmutter wüsste darüber zu schimpfen. Ich decke den Tisch, falte Servietten, scheuche den Tierarzt in den Keller Wein zu holen und warte auf das Eintreffen der guten Bekannten und ihres mir gänzlich unbekannten Mannes. Es schellt, man küsst sich und die gute Bekannte sagt:

„Ach Read On, eigentlich lohnt sich das Mäntel Ablegen ja gar nicht, wir bleiben doch nur auf ein halbes Stündchen, aber da du ja eh den Tisch gedeckt hast, wollen wir sie, also die Mäntel doch aufhängen.“

Ich nicke.

Die gute Bekannte und ihr Gemahl schütteln dem Tierarzt die Hand.

„Ich würde mich ja richtig vorstellen“, sagt sie, aber wir bleiben ja nur auf ein halbes Stündchen, da lohnt es sich ja gar nicht mit dem Kennenlernen.“

Der Tierarzt sagt: „Hallöchen.“

Dann sitzen wir am Tisch.

„Ich sage: „Also es gibt einen Ziegenfrischkäse mit Kräutern, Greyerzer Käse, Trüffelkäse, der Käse, der ausschaut wie ein Camembert ist ein Reblochon und der Käse in Ziegelsteinform ist wirklich ein Camembert.“

Die gute Bekannte sagt: „Read On, ich hatte doch gesagt, wir bleiben nur auf ein halbes Stündchen, und überhaupt der Fettgehalt von Käse und noch dazu von diesem Käse.

Ich lächle und betone der Käse sei organisch-biologisch und die Oliven im Brot seien unter toskanischer Sonne gereift und die Weintrauben an den sonnigsten der südlichen Hänge gereift.

„Brot“ quiekt sie, habe sie schon sieben Jahr nicht mehr gegessen und auch Weintrauben stehe sie eher kritisch gegenüber.“

„Tierarzt“, sage ich, tu mir doch die Liebe und hol die Traubenschere, denn die preußischste Großmutter unter den deutschen Juden, fand es gäbe nichts Widerwärtigeres als knipste der Besuch mit den Fingernägeln in den Trauben herum.

„Aber nur ein winziges Stückchen“ haucht die gute Bekannte und ich schneide vorsichtige Ecken vom Käse ab, der Tierarzt knipst Weintrauben dazu und ich suche das kleinste Eck Brot aus dem Korb heraus.

„Aber nur ein winziges Schlückchen“, sagt die gute Bekannte als ich mich mit der Weinflasche nähere.“ Ein winziges Schlückchen also.

In den nächsten zweieinhalb Stunden erfahren wir alles über

: die missratenen Kinder des Gemahls,  der nun eben gerade mit dem Tierarzt parliert.

: eine leidige Zahnsache der guten Bekannten

:Ärger mit dem übellaunigen Chef einer Druckerei

: die horrenden Preise für den Skipass

: den Vorzug ägyptischer Seide für Kopfkissen

: die Pläne für den Sommerurlaub

: ihre Glutenunverträglichkeit

: ihre Erfahrungen mit Heilsteinen

: Ärger mit dem Umtausch von Weihnachtsgeschenken.

An den Käse, den Wein und das Brot muss ich nicht erinnern, die gute Bekannte bittet nämlich ihren Mann, den Tierarzt und mich um das Abschneiden einer weiteren, winzigen Ecke, dem Nachfüllen eines zweiten klitzekleinen Tropfens und des Naschens einer einzigen, weiteren Traube. Nach einer Stunde bringt der Tierarzt eine zweite Flasche Wein aus dem Keller hervor, ich wasche eine weitere Traube ab und schneide Brot auf. Nach zweieinhalb Stunden ist die Käseplatte leer, der Wein geleert und vom Brot der letzte Krümel verzehrt.

Die gute Bekannte küsst mich zweimal links und zweimal rechts: „Du Read On, es war wirklich schön einmal auf eine halbe Stunde bei Dir vorbeizuschauen, wenn wir nächstens Mal mehr Zeit haben, dann musst Du mir unbedingt erzählen, was Du so machst. Ich nicke und lächle. „Ach“, sagt sie wirklich fein, der Käse, ich habe ja nur ein einziges Stückchen probiert und über das Brot und die Weintrauben kann ich nichts sagen, ich esse seit Jahr und Tag schon keine Kohlenhydrate mehr nach vier Uhr. Dann sieht die gute Bekannte den Tierarzt an: „Alles Gute“ sagt sie und entschuldigt sich dafür, dass sie sich in einer halben Stunde wirklich keine Namen merken könnte.

„Der Tierarzt sagt: „Aber Hallöchen!“

Das Ehepaar winkt, hupt und braust davon.

Wir gehen hinauf, fegen Brotkrümel, tragen die leeren Flaschen hinunter und waschen Teller wie Gläser ab.“

„Ein halbes Stündchen, ja?“ sagt der Tierarzt.

„Ein halbes Stündchen“, sage ich.

„Die Uhren gehen anders in Deutschland“, sagt der Tierarzt und klingt fast wie meine Großmutter, die bekanntlich die preußischste unter den deutschen Juden war und sich niemals mit dem Käsemesser auch noch Butter auf das Brot geschmiert hätte.

29 thoughts on “‚Nur auf ein halbes Stündchen…‘

  1. Gute Gastgeber. Für den Besuch erfreulicher, für die Besuchten…nun ja. Der Text hat mich zum Schmunzeln gebracht. Erinnerungen an früher:
    „Freiflug ums Haus“, das war meines Vaters Kommentar zu solchen Begegnungen.
    Ich wünsche Ihnen fürs neue Jahr Besuche, die Wärme, Herzlichkeit und Liebe mitbringen.
    Herzliche Grüße von Kari

    • Man muss es mit Humor nehmen und ich glaube ja fest an die Langzeitwirkung offener Türen und Herren. Ihr Papa war ein Mann mit Humor! Ich wünsche Ihnen auch ein glückliches, neues, ein heiteres und gesundes, neues Jahr.

  2. Fräulein Readon, ich liebe ihre Geschichten. Wann schreiben Sie denn nun endlich ein Buch?
    Das Bild vom gedeckten Tisch hat mich und meine Tischmanieren nun doch in Verlegenheit gebracht. Wozu würden Sie denn die drei Teller bei Brot und Käse benützen?

    • Ach, das Blog ist doch ein Buch, eines zum Weiterblättern und gern kann man sich die Geschichten ausdrucken und zusammenheften…..Nein, verlegen muss am Tisch niemand sein, ein gutes Herz ist mir wichtiger als zu wissen, wo das Fischmesser liegt. Die drei Teller also: der unterste ist nur ein Unterteller, weil ich es sonst zu nackt finde, aber das ist nur mein Spleen, der zweite Teller ist für Käse und Trauen und Brot und auf dem Oberteller gab es Salat, aber den hab ich verschwiegen, denn bei mir gibt es immer Salat und der kleine Teller am Rand ist für gebuttertes Brot zum Salat.

      • Was für ein schön gedeckter Tisch. An dem würde sich bestimmt jeder Mensch gleich respektiert und „worthy“ fühlen, weil Sie einem ja auch zu verstehen geben, dass man es ist, mit der Mühe die Sie sich machen.
        Sie haben ja Recht, dass das Blog ein Buch ist. Gäbe es aber tatsächlich ein Buch zu kaufen, ich würde es sehr gerne an einige meiner Mitmenschen verschenken, denenen das Bloglesen fremd ist.
        Ich wünsche Ihnen, ihrer Familie und dem Tierarzt von Herzen Gutes im neuen Jahr. Und an Sie ein großes Dankeschön für das Blog. Ich lese nun schon lange mit und denke noch oft längere Zeit über ihre Texte nach. Sie sind eine wahre Bereicherung und ihr Blog ein großes Geschenk.

      • Ich danke und freue mich sehr, dass Sie hier mitlesen werden- jetzt bin ich ganz verlegen und will Ihnen doch auch ein gutes, neues Jahr wünschen.

  3. Liebes Fräulein Readon,
    Vielen dank für ein Wunderbares Lesejahr.
    Solchen Besuch kenne ich auch, nur ein winziges Stück Kuchen gab es in diesem Fall bei uns und einen ‚kleinen‘ Kaffee – natürlich.

    Meine Großtante, Gertrud, besaß tatsächlich eine silberne Traubenschere, an die musste ich bei Ihrer Geschichte denken. Und die nächste Assoziation war ihre wunderbare Orangentorte, die es bei jedem Fest gab.
    Danke für das Auslösen der Erinnerungsketten und Danke dafür, dass Sie hier schreiben, es ist mir ein liebgewonnenes Ritual geworden, nach dem Einschlafsingen der Kinder noch kurz auf Ihrem Blog vorbeizugucken, ob Sie einen neuen Text geschrieben haben.

    Kommen Sie gut ins neue Jahr!

  4. jetzt habe ich mich wieder fast verschluckt vor Lachen. Das kommt davon, wenn man bei Ihnen liest und gleichzeitig am Rotwein nippt.
    „Besuch“ ist ja mein persönliches Unwort des letzten Jahres.
    Kommen Sie gut in ein neues Jahr, in dem wir uns dann alle wieder hier einfinden, um Ihre wunderbaren Geschichten zu lesen.

    • Sie Arme. Ich klopfe Ihnen auf den Rücken. Dabei ist Besuch so ein unschuldiges Wort. Ich hoffe sehr, das nächste Jahr bietet Ihnen genug Gelegenheit sich selbst einmal einzuladen.

  5. Hach, einfach wunderbar. Die Kohlehydrate, das halbe Stündchen und zum Schluss das Käsemesser mit der Butter!
    Also, falls, nur falls man mal im Thüringer Wald…also falls: Bei uns immer Kohlehydrate, Wein, nur den Reblochon…den gibt es hier ganz schlecht – Zitat: „Sowas esse mähhhh hie net…“ (Verkäuferin auf Nachfrage)!Herzlich, Sunni, die ein gutes 2018 wünscht, was immer Sie in den Wunsch verpacken!

    • Ich hoffe sehr, Sie können die Thüringer von den Vorzügen des Reblochon überzeugen. Dafür haben sie hervorragende Klösse und das können die Berliner wirklich nicht. Ein schönes, ein glückliches, neues Jahr für Sie.

  6. Meine Großmutter pflegte solche Gäste mit einem besonders persönlichen Segenswunsch hinauszubegleiten: „Geh mit Gott, aber geh!“
    Liebes Fräulein Read On, von Herzen alles erdenklich Gute für Sie und all Ihre Lieben im neuen Jahr! Möge es mehr Licht als Schatten bringen

  7. …und was ist mit Servietten?….
    Tja, solcher Besuch macht doch „immer wieder Spaß und immer wieder Freude“, vor allem uns, die nur davon lesen dürfen und unsere leckere Käseplatte allein verzehren können. Gutes Neues Jahr!

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