Gustav Mahler kehrt nicht mehr ins Neunzehnte Jahrhundert zurück.

Die Neun ist in der Musik nicht nur eine Zahl oder eine Signatur, sondern eine Zahl in der die Ahnung des Abschiedes liegt. Beethoven hinterließ einen gewaltigen Schatten mit seiner Neunten und Gustav Mahler war tot, bevor die Wiener Philharmoniker seine Neunte Symphonie 1912 unter Bruno Walter zum ersten Mal aufgeführt wurde. Auch Dirigenten wussten oder ahnten wohl, dass auf diese Neunte Symphonie häufig ein Abschied folgte. Karajan verstarb nach der Neunten, Claudio Abbado war beim Dirigieren derselben schon von schwerer Krankheit gezeichnet und Lorin Mazel weigerte sich die Symphonie zu dirigieren. Aber Bernhard Haitink der an diesem Abend die Philharmoniker dirigiert, tut es trotz der Neun und das ist ein Glück. Diese Neunte ist wohl die Symphonie mit der nicht nur das Leben Gutav Mahlers schon fast beschlossen ist, sondern auch jene mit der das Neunzehnte Jahrhundert und vielleicht auch die Symphonie als solche endet. Nach dem vierten Satz von Mahlers Neunter kann es nicht mehr so weitergehen, wie es weiterging. 1907 hatte Mahler sein Amt als Dirigent ( aber war Mahler denn je Dirigent im eigentlichen Sinne?) abgegeben und hatte einen Vetrag mit der Metropolitan Opera in New York abgeschlossen und immer ist mir als nähme jener Gustav Mahler mit dieser Symphonie Abschied vom alten Kaiser, dessen Leben unendlich schien, drüben in der Hofburg, Abschied vom alten Österreich, dem kaiserlichen und königlichen und mit dem Ende des alten Österreichs endete auch das alte Europa, deren verlorene Kinder wir wohl sind.

 
Geschrieben hat Mahler die Symphonie im Sommer 1909 hoch in den Bergen von Südtirol in Toblach und diese Symphonie beginnt nicht wie andere Symphonien, wie alle Symphonien beginnen mit einem Aufbruch, sondern schon hier im allerersten Motiv, nimmt Mahler Abschied. Harfe, Cello und dann ein krächzendes Horn. So beginnt es und es ist mir immer gewesen als hätte Mahler, der Sohne eines Likörfabrikanten, was er immer vornehm als Kaufmann umschrieb sich noch einmal die Schnürstiefel angezogen und ein letztes Mal durch die Berge gegangen, ein zielloser Wanderer, Steine klirren den Hang hinab, dort stehen die Gänse, eine Gänseliesel und die Gänse zischen, noch lebt der Almwirt, aber lange wird er nicht mehr leben, noch einmal sieht der Wanderer ein Gipfelkreuz und sieht hinab in den kalten Bach zwischen den Felsen, oben auf dem Gipfel aber liegt Schnee und er Wanderer geht abseits der Wege, legt die Hand vor die Augen dort blendet die Sonne, aber schon zieht der Regen über die Berge und der Wanderer Mahler läuft Schleifen verläuft sich und auch wir im Konzertsaal verschwinden zwischen der Oberstimme, die lockt und noch einmal vom Leben singt, doch unter ihr schimmert schon im Beginn das Ende auch unserer Tage.

Es sind aber der zweite und dritte Satz, die nicht aufhören wollen zu erschüttern. Denn hier erzählt Gustav Mahler, die dunkle Seite des Prosit und der Gemütlichkeit. Hier spielt Mahler auf zum Tanz. Walzertakte, die schöne blaue Donau, im Dreivierteltakt zwischen Wien und Czernowitz und noch einmal liebt Rosa den Franz und Rosa weiß nicht, dass der Franz mit der Moinna zwei Kinder hat und die Minna weiß nichts von Rosa und Rosa weiß nicht, dass sie schwanger ist und erfährt von der Minna als es zu spät ist und geht in die blaue, schöne Donau, denn es ist a Schand und man muss man die Familie denken und Gustav Mahler spielt auf zum Tanz fideralla und seine Musik erzählt die Geschichten von Arthur Schnitzler und Karl Kraus, damals im 1912er Jahr da mögen sie im Publikum gesessen haben, Freud und seine Patientinnen und Mahler lässt tanzen und aufstehen möchte man und die Musik anhalten, denn in diesen zwei Sätzen da tanzt sich das alte Österreich zu Tode, dreht sich und dreht sich und hält nicht mehr an. Vielleicht hat Schnitzler gelächelt an jenem Abend, verstanden mag Karl Kraus es haben, aber vielleicht war Karl Kraus bei Sidonie und schrieb Gedichte und Freud wippte mit dem Fuß und Mahler ließ sie tanzen bis die Füße bluteten und die Donau ist nicht mehr blau und die Musik tut einem so weh. Im Dritten Satz kommt der Krieg dazu, kommt der Krieg, der schon unter dem Walzer und den Liedern vom Tanzboden lag, da kommt der Krieg und über dem Krieg stirbt nicht nur der alte Kaiser, sondern der Franz und die Seinen werden verschossen und das alte Österreich ist verschwunden. Das erzählt dieser Satz und noch heute bricht die Musik durch die Rippen und ist es nicht seltsam und merkwürdig zugleich, dass während ich in der Philharmonie in Berlin sitze, die Musik zwischen den Rippen, Seitenstechenmusik, die Musik des Krieges, nein kein grüner Jäger im Rock, sondern der Schützengraben, da tagt die AfD und schwärmt über den Krieg als sei es noch immer nicht genug. Aber sie können wohl besser schreien als hören. Alles, aber dann doch nicht alles hat sich geändert seit dem Gustav Mahler kein Wiener mehr ist, seine Zeit in der Hofoper ging mit einer antisemitischen Schmähkampagne und dem Vorwurf zur sexualpathologischen Tendenz einher, denn obwohl so sagt man in jedem Bordell ein Bild des Kaiser hing, war die Salomé zu viel für das Publikum.

Leonard Bernstein , der die Neunte Symphonie radikaler intepretierte als alle anderen, so sagt man, musste nach dem dritten Satz ein Glas Whiskey trinken und man versteht warum.

Der vierte Satz ist kein Schlussakkord, hat keine abschließende Sequenz, macht kein Angebot zur Versöhnung, sondern die Töne werden leiser, immer leise und geben schließlich auf, ein Cello bliebt noch, noch einmal die Geigen, hier die Klarinette und am Ende noch einmal verzagt schon eine Trompete, hier ist Mahler schon kaum mehr im Raum, dreh dich nicht um, sagt Mahler sich wohl und allein die Traurigkeit, die große Leere, die niemals wohl wieder ganz gehen wird, die bleibt zurück, die verschwindet nicht, die erzählt schon von dem was Karl Kraus schrieb: nach den letzten Tagen kommen die allerletzten und auch diese hätten schon begonnen und sein Text heißt die „Welt nach dem Krieg“ und er beschreibt dort wie Kinder Katzen fingen, sie zurichteten und mit Hilfe der Erwachsenen in einen Aschewagen gesperrt und zur Vergasung gefahren worden. Hätte der vierte Satz von Mahlers Neunter Symphonie wohl ein Libretto, dann scheint mir wäre es dieser Text. Es gibt keine Symphonie mehr nach dieser, mit der Gustav Mahler, Abschied nahm von der Welt, wie es sie nicht mehr gibt.

Berliner Philharmoniker, Gustav Mahler, Symphonie Nr. 9 in D-Dur unter der Leitung von Bernhard Haitink, 03.12. 2017

 

 

5 thoughts on “Gustav Mahler kehrt nicht mehr ins Neunzehnte Jahrhundert zurück.

  1. Man möchte weinen und weiß doch, dass alles Weinen nichts nützt. Damals nicht, mit all dem, das dann folgte und heute auch nicht, wo wir noch nicht wissen, was alles folgen mag.

  2. Donnerwetter. Was für ein großartiger Text! Ganz wunderbar. Ich bin mit Mahler noch nicht recht warm geworden, aber wenn ich demnächst einen ruhigen Abend habe, werde ich Neunte auflegen. Ich bin gespannt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.