Flora und Fauna

Es ist also ein ganz gewöhnlicher Samstag Morgen, mir tropft das Meerwasser aus den Haaren, ich stehe am Herd und in der alten Stielkasserole quillt Porridge und ich rühre und rühre und rühre. Wie gewöhnlich lauert die Katze auf dem Fensterbrett, dass ihre warme Milch abgeschöpft wird und wie jeden Samstag steht der Hund hinter mir und glaubt, wenn er mir seinen Hundeschädel nur arg genug in die Kniekehlen rammte, würde er seinen Porridgeanteil schneller erhalten. Hier irrt der Hund, ich rühre, der Tierarzt sitzt auf der Anrichte, liest mir aus der Zeitung vor, schlenkert mit den Beinen, unterbricht die Zeitungslektüre, küsst mich auf die Nasenspitze und sagt: Mädchen, was schenkst du eigentlich Kälbchen zu Weihnukkah?“ Ich huste und während ich noch sagen will: „einen ausgedehnten Aufenthalt in einem Landschulheim für Rüpelkälber“, klingelt das iphone auf dem Küchentisch. „Tu mir die Liebe und nimm ab, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt bringt das Telefon zu mir herüber an den Herd und sagt: Ich weiß nicht, es klingelt so aggressiv. „Ach, sage ich, das ist nur die D.“ und während Hund und Katzen sich um die Stehlampe jagen, tippe ich auf den Lautsprecher und die Stimme der D, schallt durch die Küche des kleinen, windschiefen Hauses in einem kleinen, irischen Dorf.

„Diese Haselnuss, diese impertinente Person schreit die D. und man hört ein dumpfes Krachen am anderen Ende der Leitung. „Dieser Mann vom Verstand einer schimmeligen Seegurke, dieser Beißwurz“ donnert die D. und aus ihr spricht ein Zorn, wie er seit Zeiten der römischen G*tter selten geworden ist. In eine Atempause hinein frage ich: „D. wer hat Dir ein Leids getan?“ Die D. aber lacht nur höhnisch: „Der grünäugige Sellerie natürlich, wer denn sonst, es ist nicht zu glauben, dass ausgerechnet ich an einen Mann vom Gehalt einer Spreewälder Gurke geraten bin.“ „Oh, Spreewälder Gurken sind sehr gut, sage ich, wusstest Du eigentlich, dass meine Großmutter selbige in gewaltigen Tontöpfen einlagerte, kam der Winter?“ Von all dem aber will die wütende D. nichts wissen. „Lenk nicht ab Read on, diese Nachtschattengewächseite kannst Du Dir bei mir wirklich sparen. „Wäre ich eine Pflanze, liebe D. sage ich wäre ich ein Fliederbusch“, werfe ich ein und die D. wirft mit einem Buch. Ein Glück, dass Bücher nicht durch Telefone passen, sage ich mir und die D. schnarrt, dass ich wirklich etwas von einer ätherischen Pflanze hätte, denn auch sie ertrüge mich nur unter Betäubung. Ich muss kichern, während der Tierarzt langsam an den Rand der Anrichte rutscht. „Was ist denn nun vorgefallen?“, frage ich noch einmal und die D. fährt fort zu schreien: „Dieser hohle Kürbis, der T. hat mir einen Heiratsantrag gemacht.“ „Mazal tov“, rufe ich und die D. faucht: „Mazal tov?“ willst du mich verfluchen?“ Noch niemals seit der Erfindung des Penicillins haben Internisten und Chirurgen geheiratet. „Man lagert ja auch keine Birnen neben Äpfel Erdbeeren wachsen nicht am Walnussstrauch“ und wieder unterbreche ich die D. „Du weißt schon, dass Erdbeeren durchaus der Familie der Nüsse zuzuordnen sind, ja?“ Die D. aber mauzt nun vollends aufgebracht: „Erspare mir doch einmal Deine Spitzfindigkeiten, Read On. Du kannst wahrhaftig eine Kokosnuss zur Weißglut reizen.“ Inzwischen sitzen Hund und Katze still und ehrfurchtsvoll unter dem Küchentisch, dort säße der Tierarzt auch gern, aber der muss Zimt anreichen und tut es mit zitternder Hand. „Chirurgen“ schreit die D. „seien Pflaumen, von außen hübsch, von innen matschig, das Gehirn eines Chirurgen ist so groß wie eine Medjool-Dattel nach siebenzehn Wochen in der heißen Wüstenluft, jede Petersilienwurzel habe mehr Tiefgang als ein Chirurg und ein Kartoffelacker sei die Bibliothek von Alexandria gegen die dreiundzwanzig Vokabeln, die dieser Spezies zur Verfügung stehe.“ „Er hat dich richtig gefragt, mit Ring und allem?“, frage ich die D. „Ja, Ja, Ja“, schreit die D. „Dabei sind wir doch Naturwissenschaftler, da lässt man sich doch nicht zu so etwas hinreißen.“ Und was hast Du gesagt?“, frage ich weiter. „Er solle sich dahin scheren wo der Pfeffer wächst“, bringt die D. unter zusammengebissenen Zähnen vor.“ „Ouf, sage ich D. Du bist wirklich richtig verliebt.“ Die D. befindet daraufhin, dass Promotion hin oder her, mein IQ dem einer sehr kleinen Perlzwiebel entspräche. „Mazal tov, Süße“ rufe ich und die D. schmettert den Hörer auf. Der Tierarzt sieht fassungslos auf das nun stumme Telefon. Ich reiche der Katze Milch, dem Hund Porridge und fülle auch uns Haferbrei in die Schüsseln. Wieder klingelt das Telefon, Tierarzt, Katze und Hund zucken zusammen, aber es ist nur der T.

„Read On“, sagt der T., diese Frau, was glaubst Du, was sind meine Chancen?„Spätestens Montag sagt sie Ja“, sage ich und der T. atmet hörbar aus. „Diese Frau ist eine Chilischote“ sagt er und dann geht sein Pieper.

Der Tierarzt gießt Tee nach und sagt:“Mädchen, the Germans know their drama. The heat, the fire, there is desire lurking underneath their pores. They know what a lover’s tryst looks like, oh the passion. They glow from the inside, oh these Germans. What marvelous beings“. Den Tierarzt durchfährt ein heiliger Schauer.

Ich löffle Himbeermarmelade auf meinen Haferbrei und sage:
„Tierarzt wusstest Du, dass die liebe D. eine kleine Schwester hat und beuge mich über den Tisch, sie ist zwei Monaten wieder Single.“

Schweigend starren mich Hund, Katze und der Tierarzt an.

Es geht doch nichts über ein Samstagsfrühstück im Kreis seiner Lieben, denke ich mir und schiebe die Himbeermarmelade zum Tierarzt herüber.

8 thoughts on “Flora und Fauna

  1. Lover’s tryst! Wieder was gelernt 😉 Das nenne ich einen faux ami, wie er schöner kaum sein könnte.
    Keine Frage, zu Porridge passt Himbeermarmelade ausgezeichnet.

  2. Amen. The Germans glow from the inside. Wenn se ma nich vaglühn von inne. Jeht ratzfatz. Aber wahr ist auch: The know their drama. Das Wagner-Gen. Wann checkt der Tierarzt in Bayreuth ein? Das wäre doch ein Heidenspaß! Wieso haben eigentlich die Heiden soviel Spaß, dass das extra erwähnt werden muss? 😆

  3. Wie idyllisch. 😉
    Was gedenkt denn eigentlich der Tierarzt Kälbchen zu schenken?
    Vielleicht erinnere ich mich auch falsch, aber waren D. und T. nicht die beiden, die schon einmal per Telefon bei Ihnen den ersten Kuss verarbeiteten?
    Das Deutschen- und Deutschland-Bild, das der Tierarzt Ihretwegen zeichnet, finde ich äußerst faszinierend.

  4. Man hört ja nie, dass der deutsche Hang zum Drama positiv gesehen wird.
    Die italienische Leidenschaft lobt man weltweit, den Vorteil des deutschen Brachialismus sieht keiner, außer dem Tierarzt. Er liebt ja auch Kälbchen, da ist ihm wohl nicht exzentrisch genug.

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