An den Mauern entlang

Das Jahr geht mit einem Streifen blauen Himmels zu Ende. Altjahresabend sagte meine Großmutter, das Jahr geht mit einem schmalen Band zu Ende. In einer Buchhandlung eher im Vorübergehen aufgegriffen, der Zeichnungen wegen vor allem. Moabit heißt das Buch von Volker Kutscher und Kat Menschik hat es illustriert. Ich kannte Volker Kutscher, der das Buch geschrieben hat nicht, denn ich lese keine Kriminalromane und habe noch niemals ein Interesse daran gefunden einem Mörder auf die Spur zu kommen oder in einen dunklen Keller zu steigen, auch damals als mein Schwesterchen in einen Comissario Brunetti Rausch verfiel, habe ich zwar genickt, aber gelesen habe ich keinen einzigen Band. Vielleicht ist an allem Arthur Schnitzler, denn als ich siebzehn Jahre alt war, da verfiel ich in einen Schnitzler Rausch und nie wieder habe ich mich so gefürchtet vor der nächsten Seite wie in seinen Büchern. Aber schon und das, sie werden es ahnen, wird auch im nächsten Jahr kaum besser sein, schweife ich ab.

Das Buch aber mit den Zeichnungen, die wie das Berliner Haus in dem ich wohne so tun, als sei das Jahr 1920 noch immer eine Möglichkeit, ist keine Kriminalgeschichte im eigentlichen Sinne, es ist überhaupt eine Geschichte, die man schnell liest, vielleicht ist das der Gedanke dabei, denn am Ende des Jahres blickt man zurück, dann kommt man wohl nicht drumherum sich einzugestehen, dass man an allzu vielen Dingen wohl flüchtig und schnell vorbeilief, wo man doch hätte stehen bleiben sollen und bevor man noch überlegte, war man schon weiter und so ist diese Geschichte ein bisschen zu simpel, zu glatt und zu gleitend als das man sich auf der letzten Seite nicht doch selbst misstrauisch befragte, was man wohl alles nicht gelesen hat. Zwei Verbrecher geraten in ein beinahe tödliches Gemenge, einem Gefängniswärter ist wirklich sehr übel, ein Polizeikommissar rettet ein Leben und stirbt doch selbst, eine junge Frau lernt Maschine schreiben und noch heute fährt man vom Berliner Flughafen in die Stadt hinein, am Gefängnis von Moabit vorbei.

Ein roter Backsteinbau ganz wie im Buch und nur der Stacheldraht ist höher, nehme ich an. So wandert man in dem dünnen Buch umher, denkt an die vier Ausbrecher aus einem anderen Gefängnis, die vielleicht Berlin schon längst hinter sich gelassen haben, streift noch einmal an den eigenen Wänden des Jahres vorbei, manche Mauern sind zugewachsen, Efeu rankt hier und dort, andere Wände sind blank und aus rauhem Beton und die eine Schürfwunde ist leichter verheilt als die Andere und auf einer Mauer, da sitzt noch immer höhnisch pfeifend die Lügnerin, die ich mir anlachte über das Jahr. Ich habe kein gutes Händchen in diesen Dingen, sondern merke es erst, da läuft mir das Blut schon aus der Nase. Manche Wände sind härter als Andere und schwankend und kreiselnd und nicht wenig verschnörkelt ziehen die Jahre mit mir durch die Lande. Das Buch aber verschweigt vieles, erzählt manches, bebildert eine Welt aus der die Erinnerungen sind und erst als ich das Buch aus der Land lege, da erinnere ich wieder, dass ich seit 289 Tagen Karten in das Gefängnis von Silivri schreibe, man kann Silivri googeln von außen sieht es aus wie eine Tankstelle, aber irgendwo werden die Mauern schon sein. Einen Briefkasten habe ich noch nicht gesehen. So geht das Jahr wohl folgerichtig zu Ende und am Altjahresabend, da wünsche ich ihnen so viel Freiheit im neuen Jahr wie Sie brauchen und mögen, frischen Wind und Mauern aus Backstein mit Efeuranken, über die man klettern kann spätestens beim dritten Mal.Behalten sie sich wohl und wenn Sie noch ein Motto suchen, Sie wissen ja read on my dear, read on, das sage ich mir noch immer, mindestens einmal am Tag und immer stehe ich dann vor einer Mauer. Ein gutes und glückliches, ein heiteres, neues Jahr, das wünsche ich Ihnen allen. Am Ende des Jahres und von Anfang an.

Das Buch von Volker Kutscher indes sei auch über die Jahre hinweg empfohlen.

Volker Kutscher und Kat Menschik, Moabit, Berlin 2017, 84 Seiten, 18 Euro.

 

 

‚Nur auf ein halbes Stündchen…‘

 

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Manchmal ist es ja so. Das Telefon schellt und am anderen Ende meldet sich eine entfernte Freundin, die eher eine gute Bekannte ist. Sie sagt: Read On, wir sind auf der Durchreise in Richtung Süden. Weißt doch wir fahren halt immer Ski über Jahresschluss und machten Station in Berlin. Wär doch nett man würde sich wiedersehen. Aber ich sage Dir gleich wir haben nicht mehr als ein halbes Stündchen über, aber das muss Dir doch zupass kommen, Du hast doch eh nie Zeit. Zwar habe ich vergessen, dass die gute Bekannte über den Jahreswechsel eisige Hänge herunterstürzt, aber das ich immer eilig bin, dass stimmt schon. Nun ist es aber auch so, dass meine Großmutter, die preußischste unter den deutschen Juden war und meine Großmutter sagte: „Kind man muss etwas anbieten, sagt sich Besuch an.“ und meine Großmutter meinte damit nicht trockene Salzstangen oder staubige Kräcker. Da ich noch immer einem krächzenden Raben ähnle, wickle ich mich in einen dicken Schal und ein weiches Plaid und hole Käse, Brot und Weintrauben ein. Nicht einmal mal meine Großmutter wüsste darüber zu schimpfen. Ich decke den Tisch, falte Servietten, scheuche den Tierarzt in den Keller Wein zu holen und warte auf das Eintreffen der guten Bekannten und ihres mir gänzlich unbekannten Mannes. Es schellt, man küsst sich und die gute Bekannte sagt:

„Ach Read On, eigentlich lohnt sich das Mäntel Ablegen ja gar nicht, wir bleiben doch nur auf ein halbes Stündchen, aber da du ja eh den Tisch gedeckt hast, wollen wir sie, also die Mäntel doch aufhängen.“

Ich nicke.

Die gute Bekannte und ihr Gemahl schütteln dem Tierarzt die Hand.

„Ich würde mich ja richtig vorstellen“, sagt sie, aber wir bleiben ja nur auf ein halbes Stündchen, da lohnt es sich ja gar nicht mit dem Kennenlernen.“

Der Tierarzt sagt: „Hallöchen.“

Dann sitzen wir am Tisch.

„Ich sage: „Also es gibt einen Ziegenfrischkäse mit Kräutern, Greyerzer Käse, Trüffelkäse, der Käse, der ausschaut wie ein Camembert ist ein Reblochon und der Käse in Ziegelsteinform ist wirklich ein Camembert.“

Die gute Bekannte sagt: „Read On, ich hatte doch gesagt, wir bleiben nur auf ein halbes Stündchen, und überhaupt der Fettgehalt von Käse und noch dazu von diesem Käse.

Ich lächle und betone der Käse sei organisch-biologisch und die Oliven im Brot seien unter toskanischer Sonne gereift und die Weintrauben an den sonnigsten der südlichen Hänge gereift.

„Brot“ quiekt sie, habe sie schon sieben Jahr nicht mehr gegessen und auch Weintrauben stehe sie eher kritisch gegenüber.“

„Tierarzt“, sage ich, tu mir doch die Liebe und hol die Traubenschere, denn die preußischste Großmutter unter den deutschen Juden, fand es gäbe nichts Widerwärtigeres als knipste der Besuch mit den Fingernägeln in den Trauben herum.

„Aber nur ein winziges Stückchen“ haucht die gute Bekannte und ich schneide vorsichtige Ecken vom Käse ab, der Tierarzt knipst Weintrauben dazu und ich suche das kleinste Eck Brot aus dem Korb heraus.

„Aber nur ein winziges Schlückchen“, sagt die gute Bekannte als ich mich mit der Weinflasche nähere.“ Ein winziges Schlückchen also.

In den nächsten zweieinhalb Stunden erfahren wir alles über

: die missratenen Kinder des Gemahls,  der nun eben gerade mit dem Tierarzt parliert.

: eine leidige Zahnsache der guten Bekannten

:Ärger mit dem übellaunigen Chef einer Druckerei

: die horrenden Preise für den Skipass

: den Vorzug ägyptischer Seide für Kopfkissen

: die Pläne für den Sommerurlaub

: ihre Glutenunverträglichkeit

: ihre Erfahrungen mit Heilsteinen

: Ärger mit dem Umtausch von Weihnachtsgeschenken.

An den Käse, den Wein und das Brot muss ich nicht erinnern, die gute Bekannte bittet nämlich ihren Mann, den Tierarzt und mich um das Abschneiden einer weiteren, winzigen Ecke, dem Nachfüllen eines zweiten klitzekleinen Tropfens und des Naschens einer einzigen, weiteren Traube. Nach einer Stunde bringt der Tierarzt eine zweite Flasche Wein aus dem Keller hervor, ich wasche eine weitere Traube ab und schneide Brot auf. Nach zweieinhalb Stunden ist die Käseplatte leer, der Wein geleert und vom Brot der letzte Krümel verzehrt.

Die gute Bekannte küsst mich zweimal links und zweimal rechts: „Du Read On, es war wirklich schön einmal auf eine halbe Stunde bei Dir vorbeizuschauen, wenn wir nächstens Mal mehr Zeit haben, dann musst Du mir unbedingt erzählen, was Du so machst. Ich nicke und lächle. „Ach“, sagt sie wirklich fein, der Käse, ich habe ja nur ein einziges Stückchen probiert und über das Brot und die Weintrauben kann ich nichts sagen, ich esse seit Jahr und Tag schon keine Kohlenhydrate mehr nach vier Uhr. Dann sieht die gute Bekannte den Tierarzt an: „Alles Gute“ sagt sie und entschuldigt sich dafür, dass sie sich in einer halben Stunde wirklich keine Namen merken könnte.

„Der Tierarzt sagt: „Aber Hallöchen!“

Das Ehepaar winkt, hupt und braust davon.

Wir gehen hinauf, fegen Brotkrümel, tragen die leeren Flaschen hinunter und waschen Teller wie Gläser ab.“

„Ein halbes Stündchen, ja?“ sagt der Tierarzt.

„Ein halbes Stündchen“, sage ich.

„Die Uhren gehen anders in Deutschland“, sagt der Tierarzt und klingt fast wie meine Großmutter, die bekanntlich die preußischste unter den deutschen Juden war und sich niemals mit dem Käsemesser auch noch Butter auf das Brot geschmiert hätte.

Woanders ist es auch schön

Besonders schön ist dieses Lächeln, einfach so.

Liisa liest und kommentiert ihre Bücher des Jahres.

Volker Kutscher und Kat Menschik sprechen über ‚Moabit‘ ihr neues gemeinsames Buch und das Berlin der Zwanzigerjahre.

Die Odenwälderin und ihre Berichte aus Badisch-Sibirien seien Ihnen sehr ans Herz gelegt.

Wie weit reicht die Freiheit des Internets?

Im Inneren der Flüchtlingslager auf aller Welt.

Warum es Bibliotheken braucht. Ein texanisches Beispiel für das 21. Jahrhundert.

Der Tierarzt findet, dass Damien Dempsey auch in Berlin ziemlich gut geht. So sei es.

Krankentage

Am 24.Dezember aber niese ich siebzehnmal hintereinander. „Herrschaftszeiten“, rufe ich und schüttle den Kopf. Dann fahre ich los, die Mali-Tant, den Jean und natürlich Kater Mau von der Bahn zu holen. Die Mali-Tant sieht mich an und schüttelt den Kopf: „Mädi, Du gehörst ins Bett“, sagt sie. „Ach geh“, sage ich und wir fahren heim. „Das Mädi ist krank“ ruft die Mali noch auf der Treppe. Die liebe C. sieht mich besorgt an, mein Vater sucht seinen Schlüssel und glaubt die Mali hätte ihn gefunden, die Nichtenschar lärmt wie eh und je und der Tierarzt sagt: „Mädchen, die Mali-Tant hat Recht, Du siehst aus, wie damals Kälbchen als es zu viel Klee gefressen hatte und ihm ganz taumelig wurde.“ „Tierarzt“ krächze ich, Du verstehst Dich wirklich auf Komplimente.“ Dann niese ich wieder siebzehnmal und da man gegen die Mali-Tant sowieso keine Chance hat, verschwinde ich mürrisch und missmutig ins Bett. Ganz gegen ihre Gewohnheit nimmt die Mali-Tant kein Reisebad und ganze gegen seine Gewohnheit machte nicht einmal Kater Mau Radau und wenn jemand Radau zu machen versteht, dann ist es doch Kater Mau, der einen niemals vergessen lässt, das Katzen vor vielen Jahren einmal Löwen waren. Als ich wieder aufwache habe ich Fieber, nein keine Wadenwickel, jammere ich, aber die Mali-Tant zischt nur Papperlapapp und überhaupt hat sie den ehemaligen geschätzten Gefährten den Sessel ins Schlafzimmer tragen lassen und lässt niemanden, nicht einmal den Tierarzt, die liebe C. und meinen verzweifelten, schlüsselsuchenden Vater herein. Auch der Jean, darf nur von der Tür Handküsse zur Mali herüberwerfen, die liebe C. bringt schließlich Champagner an dem die Mali nippt und ich schlürfe mit finstrer Miene Kräutertee und schlafe wieder ein. Als ich aufwache ist der 24. Dezember da und die Welt ist in Watte verpackt, aber vielleicht ist das auch nur mein Kopf. Ich mache nichts weiter als zittrig eine Karte zu schreiben, ein Glas kaltes Wasser- natürlich heimlich zu trinken- und wieder zurück ins Bett zu wanken. „Ich bin vielleicht wirklich krank“, sage ich zur lieben C. und die liebe C. seufzt: „Ach Süße, wo Du doch endlich einmal hier bist.“ Am 25. Dezember wache ich auf und die Mali-Tant sitzt noch immer im Sessel neben dem Bett. „Mali huste ich, das ist dich fad hier die ganze Zeit zu sitzen“, aber die Mali schüttelt den Kopf. „Geh Mädi, was erzählst Du für einen Quatsch.“ Ich wickele mich in die dicken Decken, Kater Mau wickelt sich in das Strickzeug der Mali-Tant, die Mali trinkt ein Glaserl Champagner und ich schlürfe heißen Kirschsaft und dann sage ich: „Erzähl mir von früher, ja?“ Die Mali nickt und dann höre ich der Mali zu, wie sie vom Wien erzählt, in das sie zurückkam, damals in den 1950er Jahren, in ein Wien, das sie kaum mehr wiedererkannte, so viel war passiert. Als ganze junge Ärztin fing die Mali-Tant an im Spital, da klebten die Namensschilder der jüdischen Ärzte noch an den Spinden, nur die jüdischen Ärzte gab es nicht mehr und die Mali, sagten die Kollegen hätte es auch nicht mehr geben dürfen. An jedem Samstag mussten die jungen Ärzte, die Mali war damals die einzige Ärztin im Spital und die Krankenschwestern, in der Krankenhauswäscherei Wäsche kochen, denn es gab zu viele Patienten und nicht genug Personal. Heiß war es in der Wäscherei und mehr als einmal, sagt die Mali sei eingeschlafen, denn die Dienste waren so lang und der Dampf so heiß und das stete Rühren der Wäsche unendlich ermüdend gewesen. Überhaupt habe es damals ständig Unfälle gegeben und immer seien es die Frauen gewesen, die mit einer Hand oder Verbrühungen bezahlt hätten, niemals die Männer. Die seien cleverer gewesen und hätten im Hof geraucht. Viele Jahre noch, sagt die Mali, sei sie nach dem Dienst im Spital zur alten Wohnung ihrer Eltern zurückgekehrt, hätte auf den Stufen darauf gewartet, ob ihre Eltern nicht doch zurückkehrten aus dem Lager. Aber natürlich sei niemand aus dem Lager zurückgekehrt und die Mali-Tant auf den Stufen der Treppe oft eingeschlafen. Erst im 1998er Jahr hat die Mali, die Wohnung, die ihre Eltern 1903 erwarben, von den Leuten, die sie 1940 übernahmen, zurückkaufen können und auch wenn die Mali seit Jahr und Tag mit Kater Mau und Jean nach Deutschland über Weihnachten fährt, so steht doch im Erker der Wiener Wohnung noch immer ein Weihnachtsbaum, genau dort wo ihr Vater, vor vielen Jahren als die Mali selbst noch ein kleines Mädchen war, ein Baum gestanden hat. „So Mädi“, sagt die Mali, „Du schläfst und ich übe mich im Fröhlich-Sein „und dann lächelt sie und ich denke, wie Recht sie doch hat, wir alle, die noch immer so tun als gäbe es Weihnukka wirklich üben uns im Fröhlich sein, dann aber schlafe ich ein. Als ich aufwache liegt die Hand der Mali auf meiner Stirn, die Nichten spielen UNO auf der anderen Bettseite, die liebe C. bringt mir Zimtsterne, der Tierarzt gibt ein Telefonat mit dem Priester in Sachen Kälbchen wieder, der ehemalige, geschätzte Gefährte und Mau balgen sich, Jean liest mir vor und mein bedauernswerter Vater sucht noch immer seinen Schlüssel.

Fast schon eine Weihnachtsgeschichte

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SÜÜÜÜ-SSSE schreit die liebe C. J-AH, rufe ich zurück, denn ich bin gerade am Telefon und versuche eine Überweisung für Frau Berger zu organisieren. Frau Berger hat sich den Arm gebrochen. Frau Bergers Tochter holt ihre Mutter aber in zwei Stunden für das Weihnachtsfest in Oldenburg ab und Frau Berger braucht ein Röntgenbild, Schmerztabletten und einen Gips. Frau Bergers Katze steht in einem rosa Katzenkorb auf der Anmeldung und miaut herzerweichend. In der Radiologie geht niemand ans Telefon, ich probiere eine neue Nummer, Frau Bergers Tochter ruft an und sagt: „Mutter auf keinen Fall kann die Katze mit nach Oldenburg, die Liesi hat eine Allergie auf Katzenhaare und der Helmut hasst Katzen und vor dreizehn Jahren hat sich eine Katze in das Berger-Tochter Auto übergeben und das passiert einem nur einmal. In der Radiologie geht endlich jemand ans Telefon. Frau Berger schreit: „nur über meine Leiche“, meint aber den Vorschlag die Katze in ein Heim zu geben und nicht meinen endlich erhörten Anruf in der Radiologie. „SÜÜÜÜ-SSSE schreit die C. noch einmal und will Frau Berger einen Stützverband machen. „Kannst Du mir Marcel abnehmen?“ Jaaahh, rufe ich zurück und Marcel stürmt in die Praxis. „Guten Morgen Deutsche Front“ schreit er. „Hallo Marcel“, sage ich. Marcel umarmt mich. „Morgen“ murmelt er. „Frau Doktor hat gesagt, ich soll noch mal zum Verband wechseln vorbeikommen.“ „Ich fürchte Du musst mir Vorlieb nehmen Marcel“ sage ich. „Okédoké“ sagt Marcel und krempelt seinen Ärmel hoch. Auf Marcels Armen sind lauter Tattoos. Tattoos, die man eigentlich nicht haben darf. SS Runen und Nazi Geschmiere. Marcel wird rot. Viele der selbstgestochenen Tattoos sind entzündet und eitrig. „Schöne Scheiße“, sagt Marcel und wird noch ein bisschen röter. „Schöne Scheiße“, sage ich und wir beide meinen nicht die Wunden. Ich säubere die Wunden und sage:

„Und Marcel, bist Du Weihnachten bei Mutti?“

Marcel schüttelt den Kopf. Muttern will mich nicht mehr sehen, nach der Scheiße mit dem Knast.

Marcel ist seit fünf Wochen aus dem Gefängnis raus. Autodiebstahl, Einbrüche, Schlägereien, wieder Auto knacken, keine Bewährungsauflagen erfüllt, zu viel Schnaps und so viel Drogen. Neun Monate. Marcel ist 21. Dünn und hochgewachsenen, ein Jungengesicht, immer noch der Junge, der zu oft Massnahme und niemals angenommen war. Marcels Mutter hat sieben Kinder. Marcel hat sie erzählt, sein Vater sei Amerikaner gewesen, aber in der kleinen Stadt sagen alle, Marcels Vater sei Uwe der Penner von der Tankstelle und Marcels Mutter eine Assi-Schlampe. Marcel war Nummer Fünf von Sieben und Marcels Mutter hatte keine Kraft mehr und bald auch keine Wohnung. Den größten Teil seiner Kindheit hat Marcel in den Obdachlosenbaracken am Stadtrand verbracht.

„Und Maria?“, frage ich. Maria war Marcels Freundin.

„Geschrieben hab ich der aus’m Knast“ sagt Marcel, „aber geantwortet hat sie nicht. Jetzt ist sie weg.“

Niemand aus der C. hat Marcel im Gefängnis besucht und es war die C. die Marcel gesagt hat, dass seine Oma gestorben war, während der neun Monate.

„Is nix mit Weihnachten“ sagt Marcel und starrt auf den Boden. Bei Omma war es schön. Omma hatte ne Katze und bei Omma war es warm.

„Die Kumpels bauen nur Scheiße“, sagt Marcel und er hat doch der lieben C. versprochen, dass das weniger wird mit den blöden Sachen.

„Mensch Marcel“, sage ich, „wo bist du denn Weihnachten?“

„In der Maßnahme“, sagt Marcel und sagt: „is schon okay so.“

„Sind echt nett da“, sagt er und ich denke an die sparsam möblierten Zimmer der Massnahme. Aber is schwer, wenn du nen Knacki bist.“

„Na ja, sage ich, aber Du bist ja auch Marcel.“

Marcel sieht mich verwundert an. „Die Frau Doktor hat mir gesagt Du hast die mittlere Reife geschafft im Gefängnis?“

Marcel nickt.

„Alle mal herhören“, rufe ich, Marcel hat den Abschluss.“ Alle klatschen. Marcel ist ja ohnehin schon rot.

Dann klingelt das Telefon und Marcel nickt: „Geht in Ordnung, geh ran.“

Der Radiologe ist dran, Frau Berger kann zum Röntgen und Gipsen kommen.

„Wir brauchen einen Ü-Schein für Frau Berger“, rufe ich. J-A-A, ruft die liebe C.

Inzwischen ist auch Tochter Berger eingetroffen. Tumult zwischen Mutter und Tochter um die Katze im pinken Korb.

Marcels Arm ist verbunden. „Die Frau Doktor will dich nochmal sehen“, sage ich und kehre zum Berger- Katzenproblem zurück.

Frau Berger weint.

Tochter Berger schweigt verstockt.

Miezi jammert.

‚Marcel‘, hauche ich der lieben C. zu.

Die liebe C. versteht sofort.

„Damen Berger“sagt sie, das ist Marcel. Marcel ist immer noch rot. Die Damen Berger starren Marcel an. „Der macht doch nur Ärger“, sagt die alte Frau Berger. Aber die liebe C. ist unbeirrt. „Marcel und Miezi“, sagt sie „sind beide gerade ein bisschen allein und könnten ein bisschen Gesellschaft vertragen und dann lächelt die liebe C. Es ist das Arztlächeln der lieben C. und sie neigt den Kopf, die liebe C. hat goldene Locken, sie sieht aus wie ein Engel und sagte: „Es ist doch Weihnachten.“ Mutter Berger nickt. Tochter Berge sagt: „Aber auch das Katzenklo säubern. Marcel macht den Käfig auf und Miezi sieht Marcel und Marcel sieh Miezi und die Damen Berger sehen Miezi und Marcel und die Damen Berger sehen was wir sehen, hier befreundet man sich Hals über Kopf.“

„Rufst Du in der Massnahme an?“, fragt die liebe C.

„Mach ich“, sage ich und bezirze die Massnahmenmadame eine Katze zuzulassen. Ich sage: Therapiekatze Miezi, Weihnachten, Kontakt, Nähe, Sozial, ich sage Wunder, ich sage, Mensch der Marcel ist doch so allein.“ Es sind harte 20 Minuten, dann knickt die Massnahmenmadame ein.

Marcel strahlt.

Die Damen Berger strahlen.

Tochter Berger fährt Mutter Berger ins Krankenhaus.

Tochter Berger fährt Marcel, Mizi, Katzenfutter und Streu in die Massnahme.

Wir machen die Praxis sauber.

Katzenhaare stöhnen die liebe C. und ich!“

Kurz bevor wir zusperren, ruft die Massnahmenmadame an.

„Seit fünf Wochen ist der Marcel hier“, sagt sie und ich habe ihn heute zum ersten Mal lächeln sehen.“

„Das ist doch fast eine Weihnachtsgeschichte“, sage ich zu meiner lieben C.

Die liebe C. nickt und lächelt mir zu: „Wirklich sagt sie, das ist fast eine Weihnachtsgeschichte, sie stellt den Anrufbeantworter an. Auf dem Tresen liegt der Ü-Schein für Frau Berger.“

„Ich geh schon“, sage ich und für einen Moment glaube ich eine große, weiße Katze und ein schmaler Engel im blauen Kleid balancieren über das Fensterbrett, der kleinen Praxis am Rand des Marktplatzes der kleinen Stadt. Aber mit ausschließlicher Sicherheit vermag ich es nicht zu sagen. Katzen wie Engel sind wohl verschwiegene Wesen und so bleibt mir nur Ihnen ein gesegnetes, ein fröhliches, ein wunderbares Weihnachtsfest zu wünschen.

Hören Sie nicht auf an Wunder zu glauben.

Ein Blick zurück

Zum letzten Mal in diesem Jahr, das Handtuch vom Halter, um die Schultern gelegt, der Ginster gähnt müde und müde bin ich auch, den steilen Pfad zum Meer herunterklettern. Vorsicht gilt es zu bewahren, denn der Pfad ist steil, das Meer aber rauscht so kalt und flaschengrün, wie ich es liebe. Noch einmal schlägt das Meer seine Hände über meinem Kopf zusammen und noch einmal wird alles leicht und schwerelos, am Ende auch ich. Der Wind lächelt spöttisch über die Frau im kalten Meer, das Meer aber ist unbekümmert, das zehn Uhr Schiff legt ab, nach dem 10 Uhr Schiff kann man die Uhr stellen, das 12 Uhr Schiff ist unzuverlässiger, das habe ich gelernt in den Jahren, in denen die Schiffe vorbeiziehen am rückwärtigen Fenster des kleinen, windschiefen Hauses. Einen Stein nehme ich mit, blank poliert für das Grab meiner Großmutter, die ich besuche, dabei ist der Friedhof wohl der letzte Ort an dem meine Großmutter sich aufhalten würde, sie und der Tod waren erbitterte Gegner, aber ich gehe doch wieder und wieder zum Friedhof, lege einen Stein auf den Stein mit ihrem Namen und fahre mit den Händen über den Namen, der mir am meisten fehlt. Noch aber läuft mir das Wasser aus den Haaren, blaue Füße und blaue Lippen, der Klabautermann würde mich als seine Schwester erkennen. Die Frau des Krämers erkennt mich auch so: „So long Fräulein Read On!“, „So long, Frau des Krämers“ rufe ich. Ein letztes Mal in diesem Jahr, das lugagge holdall packen, Bücherstapel vom Nachtisch nach unten tragen, das Kleid mit dem Norwegermuster zusammenrollen, die letzten Blumen aus der Vase nehmen, eine letzte Tasse Tee aus der blauen Tasse mit den weißen Tupfen trinken. Der Tee geht zur Neige. Der Priester lehnt in der Tür. „ Sie sehen nach Abschied aus, Fräulein Read On“, sagt er und ich nicke: „Kein Abschied ohne Tee und Gebäck“, sage ich und der Priester sieht müde aus und zwei müde Menschen sitzen am Tisch, der Blick geht aufs Meer und das Meer wird nicht müde Wellen gegen die Klippen schlagen zu lassen. Weißschäumend und wild ist die Welt unter dem Haus, eine Kirche auf Wellen gebaut, ist St. Sylvester, der Kirchturm so grau wie die tiefen Wolken. Möwengeschrei, in meinem Kopf verschwimmen die Weihnachtskantaten Johann Sebastian Bachs mit der Stimme des Priesters, nicht unangenehm, sondern fast überweltlich heiter. Auf dem grünen Sofa aber schläft der Tierarzt noch einmal auf eine halbe Stunde, nach dem langen Dienst der Nacht zusammengerollt an seinem Fußende liegt der Hund, die Katze aber schläft wie üblich auf der Sofalehne. Der Priester aber wird für die nächste Zeit zu allem auch noch Tierpension, aber von meinen Entschuldigungen über die schlechten Manieren des Hundes und die Manieriertheit der Katze will er nichts hören. Der Priester muss weiter, sein wehender Mantel flattert noch lange im Wind, da ist er längst schon im Unterland und ich lege das Plaid zusammen, gieße die Alpenveilchen in der Diele, lila Köpfe nicken mir zu, die alte Standuhr tickt, ein verirrter Sonnenstrahl wandert durch die Diele und für einen letzten Moment sitze ich auf dem Fensterbrett und schließe die Augen.

Auf dem Tisch, das weiß ich auch mit geschlossenen Augen, steht noch immer die blaue Schale mit den Äpfeln, rot, gelb und grün, Mandarinen daneben, ein Stapel mit Briefen, auf der Tischdecke laufen grüne Elefanten umher, neben der blauen Schale, steht die silberne Dose, schwere Ranken, in der Dose sammle ich Telefonnummern, verpasste Gelegenheiten, eine alte Rose, fast unlesbar gewordene Briefe, Schlüssel zu es denen das Schloss nicht mehr gibt und dann fällt mir ein, dass dieses Jahr nicht ein einziger Traum in die Dose gewandert ist. Geträumt habe ich nichts dieses Jahr, ich habe mir nichts vorgestellt, sondern durchgearbeitet und durchgehalten, die Dose blieb leer. Neben dem Tisch steht das alte Sideboard, auf dem Sideboard mehr Bücher und eine Kiste mit Mince Pies, Bilder aus diesen und anderen Tagen und eine Muschel mit abgeschürften Kanten. Eine Fallmuschel sozusagen. Noch einmal sage ich Bett und Tisch und Stuhl, Standuhr und silberne Dose. Man kann sich festhalten an Wörtern wie Tisch und Stuhl, kann sich am Bettrand festkrallen und an den Bücherschrank hängen. Dieses Jahr mit seinen langen Schatten aus Angst vor fast allem und vor allem dafür doch zu dumm zu sein, wie die Lehrer sagten, wann immer sie mich sahen, für etwas das Dissertattion heißt und für andere Leute da ist, aber nicht für mich, hieß es nicht, das Schicksal herauszufordern und ist das Schicksal nicht ein harter, ein unnachgiebiger Gegner? Ich weiß es nicht, im nächsten Jahr werde ich es wissen, die Verteidigung steht noch aus. Ein merkwürdiges Wort, eines jener Schauerwörter, dieses Jahr habe ich mich wieder und wieder an Tisch und Bett und Stuhl und der Schale mit Äpfeln festgehalten, in all den Nächten den einen wie den anderen. Zwei müde Schatten in einem Haus. Das Haus liegt im Schatten St Sylvesters, St Sylvester liegt im Schatten des Meeres. Dann aber wirklich Pass, Schlüssel, den Wollmantel, Keksdosen, Mince Pies, die Äpfel obenauf, noch einmal durch das Haus gehen, der Tierarzt stellt den Plattenspieler aus, Fenster zu, Licht aus, die Uhr schlägt. „Komm“ sagt der Tierarzt. Die Tür fällt ins Schloss.

Woanders ist es auch schön

Einer jener Texte, die man nicht mehr vergisst, weil sie erschreckend wahr sind.

Eine Blume mit langem Gedächtnis. Die Geschichte der Christrose. Via CharmingLiisa.

Anne Schüßler empfiehlt ein Buch.

In Finnland wird gesungen.

Woher kommt der Hass? Eine Suche in in Polen und ein sehr hörenswertes Interview. 

Das ist auch Irland und hinsehen, damit beginnt wohl überhaupt fast alles.

Ich lese immer sehr gern bei Frau Wortschnittchen mit und überhaupt die Sache mit dem Verehrer!

Der Tierarzt tanzt derweil die Treppe hinunter und legt Ihnen Loah sehr ans Herz.

Licht, Schatten und Gold

Gestern war ein bemerkenswerter, ein merkwürdiger Tag. Gestern morgen schrieb ich Karte Nummer 172 an Mesale Tolu, denn ich bin so abergläubisch wie man es bei der Enkeltochter der preußischsten aller Juden niemals annehmen würde und fürchtete mich noch mehr vor der Fortsetzung des Prozesses als ohnehin schon. Den ganzen Tag während das Institut und seine Bewohner mich mit vorweihnachtlichen Problemen in Atem hielten,

„Fräulein Read On, was schenkt man einer Schwiegermutter mit Hang zur Esoterik?“-Eine Glaskugel.

„Fräulein Read On im Materialraum sind nur noch rote Büroklammern, ich brauche aber grüne für die Weltformel, an der ich schreibe, was soll ich jetzt tun?-Weiteratmen.

„Fräulein Read On, bis wann sollte ich mich bei Ihnen melden, wegen der Weihnachtskarte?-Bis zum 10. Dezember.

„Fräulein Read On, warum ist das Institut schon am 23.12. vernagelt? Da kommen die Männer, die die Teppiche shampoonieren und brauchen ihre Ruhe.

„Aber Fräulein Read On, wenn mir am 23.12. nun die Idee zur Weltformel kommt?“-Die Bibliothek ist geöffnet.

„Fräulein Read On ich habe ein zehn Kilogramm schwere Pute ins Institut bestellt, aber der Kühlschrank ist voll. -Sie haben was?

rannte ich ins Büro zurück oder zog das Telefon aus der Tasche und wartete auf Nachrichten aus Istanbul und endlich kam die Nachricht, dass Mesale Tolu wirklich freigelassen würde- frei bis zur Fortführung des Prozesses im April, frei ohne ausreisen zu dürfen, aber endlich befreit von den Mauern des Gefängnisses von Bakirköy. Irgendwann kam der Tierarzt ins Institut und wir starrten auf den Computer und das Bild mit dem Gefängnistor und das ist kein Briefkasten am Gefängnistor sagte ich zum Tierarzt und der Tierarzt nickte und das Tor öffnete sich nicht und die Nachrichten wurden konfuser und Franz Kafka lehnte auf einmal wissend im Türrahmen und der deutsche Botschafter und die Anwältinnen fuhren durch die Stadt und suchten Mesale Tolu und es würde lange dauern, bis man sie endlich gefunden hatte und sie wirklich, wirklich frei war. Sie ist frei, sagte ich zum Tierarzt und der Tierarzt und ich atmeten auf. So ein Tag war das, aber es war dann doch auch noch ein andere Tag. Ein Tag, der zweimal mit einem goldenen Schein zu Ende ging.

WordPress schickte mir eine Nachricht und sagte: Fräulein Read On heute ist Bloggeburtstag. Peinlich ist das, ich hatte nicht einmal ein Stück Kuchen zur Hand, der Kühlschrank ist ja auch mit einer Pute blockiert und dann schrieb Kiki meine große Schwester im Internet mir: Fräulein Read Sie stehen auf der Shortlist für die goldenen Blogger . Der Tierarzt gluckste vergnügt und fand: „Mädchen, das ist als sei Kälbchen für den großen Preis des weidewirtschaftlichen Verbandes nominiert.“ Was für eine Ehre. „Überhaupt fuhr der Tierarzt fort, scheint mir, gilt die Nominierung wohl doch überhaupt Kälbchen, denn um über Kälbchens Werden und Wachsen informiert zu sein, besuchen die Leute doch dein Blog.“ „Mag sein Tierarzt, mag sein“, sagte ich und sah noch einmal auf die Liste mit den Namen und wirklich neben der großartigen Kaltmamsell, der zauberhaften Juna , der besten Schwester Schwester und vielen Anderen stand immer noch der Name desselben Fräuleins.
Ich bin sehr, sehr sprachlos, aber was ich weiß ist, ohne sie alle gäbe es dieses Blog nicht. Ohne sie alle wäre Readonmydear, read on, nur eine Seite, aber sie alle, die seit vier Jahren, vier Monaten, vier Tagen, oder vier Minuten hier vorbeisehen, sie alle machen das Blog zu einem Ort. Es wäre nicht dasselbe ohne ihr Teilhaben am Leben eines seltsamen Fräuleins, ihre Kommentare, ihr Witz, ihre Geduld, ihr Humor, ihre Nachsicht und ihren bestärkenden Mut, der die Texte verändert und sie begleitet machen den Kern dieses Blogs aus. Dafür danke ich Ihnen sehr und von Herzen. Danke, dass sie mit mir auf das Meer und auf die Welt schauen und mich an meine Schlüssel und noch so viel mehr erinnern, wenn ich wieder einmal besonders eilig bin. Danke. Ich bin reich beschenkt. Im Januar werde ich bestimmt stolpern, meine Haare werden sich im Türrahmen verfangen, Kälbchen wird den Saal stürmen, vermutlich fange ich aus reiner Hilflosigkeit an zu singen und man wird murmeln: Himmel, dieses Fräulein Read On, ist ja noch viel schräger als wir dachten und ich werde an sie alle denken, die seit vier Jahren mit mir stolpern, lachen und weinen, traurig und heiter sind und immer weiterlesen. Danke und ja, sie ist wirklich frei. Ich kann es noch immer kaum glauben und meine Freude ist grenzenlos.

Es ist ein Fest vor dem Fest oder so.

Die letzte irische Nachtschicht in diesem Jahr. Der an 363 Tagen des Jahres schlecht gelaunte Oberarzt, trägt einen Christmas Jumper unter dem Kittel. Der Jumper ist rot und ein Elf hält eine Proseccoflasche: „Prosecco Ho-Ho-Ho-Ho steht auf dem Pullover. „Na Oberarzt“ sage ich, sind ja schon richtig frohgestimmt und in festäglicher Feierlaune. „Oh, Proseccccc-oooo!“ Ich wusste, dass Sie nicht ohne Bemerkung an diesem Pullover vorbeigehen konnten, Fräulein Read On. „Genau genommen, Oberarzt“, bin ich ja gar nicht an dem Pullover vorbeigegangen, dies ist ja kein Fachgeschäft für Herrenmode sage ich, sondern habe Sie auf dem Flur erblickt.“ „Ich weiß nicht, wie der Tierarzt es mit Ihnen aushält!“, stöhnt der Oberarzt. „Ich habe trotzdem eine Tüte Kekse für Sie missgelauntester Oberarzt aller Zeiten.“ Der Oberarzt schüttelt die Kekstüte in einer Art und Weise, die sich schon als Drohgebärde auslegen ließe. Wollen wir also froh sein, dass die Feier- und Festtage schon vor der Tür stehen.

Nach der Nachtschicht rase ich zum Flughafen, denn ich halte einen Vortrag an dessen Zusage ich mich nicht mehr erinnern kann. Auf dem Flughafen steht der Tierarzt mit dem luggage holdall und strahlt: „Mädchen, ich bin mir ganz sicher, Kälbchen hat heute ein Weihnachtslied geblökt.“ „Tierarzt“, sage ich, mag sein, mag sein, aber wo zur Hölle ist mein Vortrag. Ich wühle im luggage holdall und endlich sehe ich die blaue Mappe. Einatmen. Ausatmen. Der Tierarzt ist von meinem Beinahe-Infarkt entsetzlich ungerührt und führt die Gesangskünste Kälbchens weiter aus. Meine Shetlandponyhaare haben sich derweil im Stethoskop verheddeert. Ich bin kurz davor auch ein Lied zu singen, bloß kein Weihnachtslied. Im Flugzeug schlafe ich mit einem Snickers-Riegel in der Hand ein. Der Tierarzt hält eine verwackelte Videoaufnahme mit dem blökenden Flegel von einem Riesenkalb an mein Ohr und ich stoße mir den Kopf an der Lehne des Vordersitzes. „Wäre es nicht schade, Tierarzt, sage ich, wäre dies Kälbchens erstes und letztes Weihnachtsfest?“ Der Tierarzt schluckt und ich kühle meinen Kopf an der Fensterscheibe. Ein sehr stiller Tierarzt folgt einem Fräulein aus dem Flughafen der großen Stadt Berlin. Das Fräulein eilt zu einem BVG Automaten und füllt einen Beutel voll Kleindgeld in den Automaten. Der Automat gröhlt hämisch und speit das Kleingeld in einem wütenden Schwall wieder aus. „Da kannst du sehen, Tierarzt, wie es bestellt ist, um den deutschen Ingenieur.“

Der Tierarzt tritt lieber einen Schritt zurück.“ Ich fülle erneut das Kleindgeldsäckel in den Automaten, Hohohoho, röhrt der Automat, der Automat spuckt zwei Fahrkarten aus, wir rennen zum Bus, ich winke mit beiden Armen, der Busfahrer grinst, wir warten. Ich zische Böses. Im zweiten Bus telefoniert ein Mann mit einer Hannelore und Hannelore soll jetzt doch mal sagen, wie das Buch heißt mit dem Frank Elstner und den ausgestorbenen Tierarten. Hannelore, ja die AUSGESTORBENEN TIERARTEN. Die Nini, die mag doch die Tiere so. Und dann mit dem Frank Elstner. Ja. ALLE TIERE, DIE BALD AUSSTERBEN SIND DA DRIN IN DEM BUCH MIT DEN TIEREN. Hannelore nun sag doch mal wie das hieß. SO EIN SCHÖNES BUCH, JA AUCH ÜBER DIE TIERE, DIE SCHON AUSGESTORBEN SIND UND MIT DEM FRANK ELSTNER. Weihnachten, Tierarzt, sage ich dem verstörten Tierarzt ins Ohr ist in Deutschland das Fest der Liebe, des Lichts, der Familie und der AUSGESTORBENEN TIERE, JA HANNELORE, ICH HABE DAS AUFGESCHRIEBEN. JA, AUF EINEN ZETTEL HANNELORE, JA HANNELORE MIT DEM FRANK ELSTNER. EIN GANZES BUCH ÜBER DIE AUSGESTORBENEN TIERE FÜR NUR 19,90. Dann steigen wir aus, ich dränge zur Eile, denn der Tagungsveranstalter findet es sei doch schön mit meinem Vortrag zu beginnen. Ich eile, ich rase aufs Gleis, ich halte Ausschau nach dem Tierarzt, der Tierarzt ist nirgends zu sehen, ich renne die Treppen wieder herunter. Der Tierarzt streichelt einen völlig verfetteten Labrador. Der Labrador heißt Harry. Harrys Frauchen sagt sie heiße Corinna. „These lovely German names“, haucht der Tierarzt, Harry sabbert auf meine Schuh. Corinna trägt Dubarry-Stiefel und hat blonde Haare. Corinna hat aber keine Haare, sondern eine Frisur. Nur Frauen wie ich haben Haare und die stehen zur Berge und ich zische: Tierarzt, jetzt komm. Corinna winkt. Der Tierarzt winkt. Harry grunzt. Der Tierarzt schnalzt: Hallöchen. Corinna hat weiche Knie. Das Fräulein Read On eher nicht so. „Stell dir das vor Mädchen, die Corinna hat ein Outdoorwägelchen für den Harry.“ „Wie schön für die Corinna“, huste ich böse. Der Tierarzt ist verzückt. These Germans amzaing, simply amazing. Wir rennen zum Vortragsort. Ein Shetlandpony referiert. Der Tierarzt klatscht strahlend und sagt zu seinem Nachbarn: „Das ist Mädchen, fast so klug wie Kälbchen.“ Der Nachbar setzt sich lieber weg. Ich aber bin so hungrig wie ein junger Wolf, aber da wir so spät kamen, sind nur noch Schinkenbrote da. Das Karma ist eben so ausgestorben wie die Tiere in dem Buch mit dem Frank Elstner. Sehr hungrig verlassen wir die Tagung, ich kaufe Käse und Stollensterne, der Tierarzt atmet Berliner Luft, wir erstehen Bienenwachskerzen und allerlei Dinge. Die Mali-Tant hat indes 16 Mal angerufen und ist eingeschnappt als ich endlich zurückrufe.

 „Geh Mali sage ich, es war halt die Tagung und dann war der Hunger und dann mussten wir einkaufen und geh das Telefon war halt irgendwo in der Tasche.

„Geh Mädi“, du musst es mir nua eomal sogn wenn I dia lästig bin.

Aber Mali-Tant, säusle ich, Du mir lästig? Niemals.

Die Mali-Tant und das ist immer ein sehr schlechtes Zeichen, denn die Mali-Tant ist fast so alt wie die Stadt Wien selbst, wechselt ins Hochdeutsche hinüber. Nur wen die Mali sehr verachtet oder wem sie gram ist, so wie gerade mir, den straft sie mit Hochdeutsch.

„Mädi, der Mau ( der Siamkater der Mali ) und der Jean ( der Geliebte der Mali ) kommen mit dem Zug ( die Mali, der Mau und der Jean kommen seit Jahr und Tag mit dem gleichen Zug ), aber wenn es Dir nicht passt, dann muss uns niemand abholen, dann kommen wir ganz allein, wir haben ja-Pause-längere Pause-Seufzen- kaum Gepäck.

„Geh Mali, natürlich holen wir euch ab.“

„Ach weißt Mädi, es ist bestimmt ohnehin mein letztes Weihnukka, einmal muss man ja doch sterben und dann kommt der Mau in ein Tierheim und der Jean, na der Jean ist ja immer noch recht fesch und Du hast eine Sorge weniger.“

Aber Mali-Tant sage ich, Du bist doch nicht alt.

Die Mali-Tant aber hat genug von mir, verlangt nach dem Tierarzt und soweit ich dem Gespräch aus Gurren, Luftküssen und Liebesschwüren folgen kann, stimmt die Mali mit dem Tierarzt überein: „Eine Corinna könne man sofort heiraten, bei einer Read On hingegen, müsse man sich die Sache wirklich gut überlegen.“

Chanukka Sameach und einen gesegneten 3.Advent Ihnen!

The grocer’s wife won’t have her soup and eat it.

The scene: A small village somewhere in Ireland. A street. A woman in a yellow raincoat enters the grocer’s store. She carries a heavy bag of books and a knapsack on her back ( in the knapsack there are more books). This is the reason why she is known as Miss Read On in the village and beyond. There are more sheep than people in the village and the sheep have constitutional rights. Just so you know. It is however the grocer’s wife who runs the shop and the village. Somtimes that’s the same.

It is half past six and Miss Read who looks slightly ruffled enters the grocer’s store.

Miss Read On: Evening grocer’s wife.

( Miss Read On needs potatoes, milk and baking soda. Miss Read On is not too sure if there is still raspberry jam and yoghurt in the fridge.)

The grocer’s wife: Jesus Read On, I don’t know how you are doing it.

Read On: Doing what, grocer’s wife?

Mrs G: Going up to Dublin every day.

Read On ( slightly distracted because wasn’t it the honey that she used up the other day?) Well, grocer’s wife, we all need to work somewhere.

Mrs G: It’s a mad place. People havin’ no reason. I am tellin ya.The husband and me went to do the last bits of Christmas shopping the other day and ye won’t believe me what happened. By the way got somethin’ very nice for the vet this year.

Read On: Grocer’s wife just so you know the vet won’t be here for Christmas.

The grocer’s wife however is far too agitated to launch a major complaint about the vet’s absensce- for now.

Mrs G: We’ll be talkin about that Miss Read On.

Read On: The flights are booked grocers’s wife.

Mrs G: The last word is not yet spoken on this matter. Will ye let me tellin ye what happened in Dublin, will ye?

Read On: I will grocer’s wife.

Mrs G: Jesus, I find it hard to believin it meself. So we did our shopping. Getting some really nice stuff, ye know. So I said to me husband, let’s grab a bite to eat. So off we went to a café, ye know. Meal deal, ye know needin a rhyme the Dubliners for everythin. Feelin’ like Mr Joyce himself. ( The grocer’s wife chuckles.)

So we sat down. Me sayin’ to the waitress. What soup are ye havin today? The girl said Pea soup with ham. Haven’t had pea soup for ages ye know. Me said: “We are havin’ the soup with bread and butter. Off went the girl. We’ve been waiting ye know. No bother. Finally she came with the soup, ye know. Me took a mouthful. Jeus, Read On I nearly spat the soup out. Ice cold soup, I swear on me mum. Ice-cold soup, I ma tellin ye. I said to the girl: Are ye havin no shame serving an ice-cold soup. Won’t belivin me what she said: Its our specialty, cold pea soup. We won a prize for the soup last year. Never have had single complaint. Would ye believe that Read On, would ye believe that?

Red On: Hard to believe, grocer’s wife.

Mrs G: Jesus, I’d give her a lashin’, if I had a thing to say in that café. I told her, to stop tellin me that nonsense. Will ye warm up the soup I told her, we are not havin all day to sit around, ye know. Jesus Read On, these Dublin girls don’t know how to work. Just lookin out for a fella, ye knew. It is shameful. Just lookin out for the fellas. Would ye imagine she was warmin’ up the soup in a microwave. Would ye belive that. Heatin‘ up soup in a microwave. Me sayin to the girl: Have ye forgotten what a pot is for, here in Dublin? I told her do ye not know that a soup needs to boil? Jesus, Read On, ye wouldn’t believe how she was lookin at me. Didn’t have a clue. Didn’t even know that a soup needs to boil. Imaging all the germs swimming in the soup. All these germs freely floatin’ because these Dubliners don’t know a thing. It is disgusting, I tell ye. Don’t even get me started on the ham. This was no ham, I am tellin’ ye, that was a disgrace. That’s what they are servin ye in Dublin cafés, Miss Read On. It is a shame.

Miss Read On is still unsure what to do about the raspberry preserve. Or was it the apricot preserve she used while baking the other day?

Mrs G: I am tellin ye, this was the worst lunch me ever had in me life. So the husband and I drove back home and I tellin ye, we had a scone and we had cream with the scone and we had cold meats for dinner and I am tellin ye, we won’t be back to Dublin anytime soon.

Read On: Grocer’s wife, I need six eggs as well please.

Grocer’s wife: Six eggs, sure, I’ll give ye six eggs.

Read On pays her groceries. See you, grocer’s wife.

Grocer’s wife:  Servin’cold soup. I am asking ye, will they ever stop behaving like animals up in Dublin?

I really don’t know how ye are doin it.