Zwischen den Orten

Auf dem Flughafen gerät ein Mann in größte Verzweiflung. Irgendetwas muss er vergessen haben. Er packt seinen Koffer aus und wieder ein. Auch auf die Kleidungsstücke springt seine Verzweiflung über: zwei Pullover verknoten sich unentwirrbar ineinander, ein Hemd knittert sich innerhalb von zwei Minuten zu einem traurigen Ball zusammen, ein Schuh springt entsetzt davon und die Pyjamahose schlackert mit den Beinen als fürchte auch sie hier auf dem Flughafen in Vergessenheit zu geraten. Der Mann aber durchwühlt den Koffer ein zweites und drittes Mal, rauft sich die Haare, seine Brille beschlägt und in seinem Gesicht steht der ganze Schrecken geschrieben, der einen umfängt, lähmt und ganz und gar aus der Fassung bringt. Dann öffnet der Mann seinen Rucksack durchwühlt auch diesen, doch das Gesuchte bleibt verschwunden und mit dem Kopf in den Händen vergraben, sitzt der Mann auf den trostlosen Stühlen von Terminal C. in Tegel, um ihn herum kaufen Menschen Christsstollen für 29,80 Euro, riesige Toblerone-Rollen in Schwertlänge, andere fletschen Bockwürste und eine Frau ruft: „Zwei Kaffee, ein Käsebrötchen und den Zucker nicht vergessen, Heinz.“ Heinz nickt und versucht zu verstehen, warum zwei Kaffee, ein Käsebrötchen und einige Zuckerlsackerl zehn Euro kosten, ein Mann probiert auf seinem Telefon Klingeltöne aus, und zwei Frauen überlegen, was man der Schwiegermutter auf keinen Fall schenkt, bei Topflappen sind sie sich unschlüssig. Der Mann aber bekommt von all dem nichts mit, sondern durchwühlt den Koffer ein drittes und den Rucksack ein viertes Mal. Auch ich angesteckt wie die um ihn verteilten Dinge, werde unruhig und nervös und sehe sieben Mal nach ob SchlüsselPassPortemonnaie noch das sind, wo sie sein sollen. Denn die Verzweiflung des Mannes kenne ich nur all zu gut, auch mir gehen die Dinge gern und häufig verlustig und so liegen in einem Hotelzimmer in Marseille in einer Schublade vielleicht noch immer ein Stapel Briefe, deren Verlust mir noch immer ein Ziehen im Herzen bereitet, liegen inzwischen auch viele Jahre und viele verlorene Dinge zwischen ihnen. Dann aber wird der Flug nach Dublin aufgerufen und der Mann geht geschlagen davon, nicht ohne sich noch ein letztes Mal umzusehen, ob das Verlorene nicht wie ein Wunder doch noch einmal auftauchen wird.

Im Flugzeug lange in den Pariser Tagebüchern Ernst Jüngers gelesen. Dabei verlässt einen die Irritation als Grundgefühl nie. Jünger hellsichtiger als viele andere, die vom Endsieg schwadronieren, weiß viel und sieht viel, besteht auf dem Wissen um die Verbrechen und gleichzeitig sind die Tagebücher auch immer wieder unerträglich, wenn Jünger sich in seitenlangen schwülstigen Ästhetizismen ergeht, die im Herbst 1944 vollständig egal geworden sind, oder nach Käfern grabbelt, auch dies immer im Bewusstsein in einem höheren Verhältnis zu den Dingen zu stehen, dabei ist er ja Teil jener deutschen Okkupationsregierung, die französische Geiseln an die Wand stellen lässt. Erstaunlich aber, wie sehr Jünger sich verliebt in Sophie Ravoux, eine Kinderärztin, ihr Mann, der Journalist Paul Ravoux sitzt im Gestapogefängnis und irgendwie geht es alles weiter und vielleicht ist das der Moment in dem endlich einmal nicht mehr über, sondern in den Dingen steht. So anrührend wie komisch Jüngers Beharren darauf, dass sein jüngere Bruder gute und tiefe Gedichte schrieb. Die klingen so: Das Wissen, das ich mir erworben/ Ist dürrer Zunder, Kommt, Flammen, und verzehrt, verschlingt / Den ganzen Plunder.

Das Entsetzliche aber ist immer ganz nah und als wir in Dublin landen, ist sein Sohn Ernstel verhaftet und wieder hat die Realität den kühlen Beobachter eingeholt. Keine Vorstellung darüber, ob man Ernst Jünger in Deutschland noch liest.

In den Nachrichten lese ich, da sind wir zurück in Irland, dass Suat Çorlu, der Ehemann von Meșale Tolu in Freiheit ist. Eine völlig unverhoffte, eine überraschende Nachricht. Da ich die Omen auch die Guten fürchte und der nächste Prozesstermin für Meșale Tolu am 18. Dezember stattfindet, die Nachricht wohlverwahrt und neue Briefmarken für die täglichen Karten herausgelegt. Mit dem Tierarzt ein in am Telefon begonnenes Gespräch auf dem Flughafen weitergeführt und mit ins Haus getragen, Frost auf dem Dachgiebel, kalter Wind von der See her, lange aus dem Fenster gesehen und auf das beruhigende Blinken des Leuchtturms gewartet.

Unruhige und verwirrende Träume.

Zitat aus: Ernst Jünger, Das zweite Pariser Tagebuch, (Stuttgart,1988),p. 265.

18 thoughts on “Zwischen den Orten

  1. Ach, das mit dem verzweifelten Suchen kenne ich nur zu gut, denn ich habe es zur Meisterschaft gebracht:
    manchmal suche ich wie wild und mir will nicht einfallen, wonach ich suche, ich weiß nur, es ist nicht da!

  2. Wie gut es dir doch immer wieder gelingt, dieses Viele, das da ist – Alltägliches ebenso wie Grässliches, das nie vergessen werden darf – zu verbinden. Danke für deinen wohlwollenden Hinein-Blick in deine Mitwelt!

  3. Wie uns Dinge, die nicht da sind, zur Verzweiflung bringen können.
    Ich bin sogar einmal ohnmächtig geworden, als wir auf dem Flughafenparkplatz feststellten, dass der Personalausweis, das Geld, der Führerschein und die Bankkarten noch in der roten Hose von Herrn croco waren. Die noch im Badezimmer hing. Und das Badezimmer war immer noch 60 km weit weg.
    Jedenfalls konnte uns die Bundespolizei einen Ersatzausweis ausstellen, wegen einer zerrupften Kopie eines Führerscheins aus dem Rucksack. Und Madeira gab es doch, und meine Beule am Hinterkopf vom Parkplatzasphalt .

    • Himmel! Mir blieb der Atem stehen bei Deiner Geschichte. Gruselig. Du Ärmste, ich fühle so mit Dir und mit Euch. Das ist wirklich besonders schauerlich und man braucht wirklich erst einmal Riechsalz.

  4. Ach, es liest doch leider niemand in Deutschland mehr Bücher, die älter als, sagen wir, zwanzig Jahre alt sind (außer der Bibel vielleicht?). Zumindest ich kenne niemanden.

    • Nun, dann bin ich wohl eine Ausnahme. Ich lese neben vielen „neuen“ auch sehr gerne „alte“ Bücher und kann Ihnen z.B. Sandor Marai nur dringend empfehlen. Eine wunderbare Sprache, die ich in den neuen Büchern leider nicht mehr finde.

  5. Oh dieses Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung, wenn etwas abhanden gekommen ist. Deshalb muss ich im Urlaub die Ferienwohnung immer dreimal kontrollieren, bei Terminen außer Haus schon am Abend vorher alles zurechtlegen und einpacken. Leider schafft der schusselige Ehemann es trotzdem manchmal, mich in tiefste Verzweiflung zu stürzen, weil er es dann nicht mitgenommen hat.
    Und alte Bücher von alten Schriftstellern mag ich gern, meine Lieblingslektüre im Bett sind die Novellen von Theodor Storm oder Gedichte von Bertold Brecht und lachen sie nicht, Märchen von Wilhelm Hauff und Hans Christian Andersen.

    • Ich kann das so gut nachvollziehen. Ich muss auch immer wieder alles mögliches nachsehen und überprüfen. Grässlich. Hans Christian Andersen mag ich besonders gern. Danke für die Erinnerung, die Märchen will ich gern einmal wieder hervorholen.

  6. Vielleicht dann doch wissenswert: Über Ernst Jüngers Bruder Friedrich Georg war während der NS-Zeit Schreibverbot verhängt worden. Wenn Ernst J. also seinen Bruder in seinen Kriegs-Tagebüchern erwähnt, so sind dies nicht zuletzt Nachrichten an dessen frührere Leserschaft. Diese Erwähnungen sagten, der Bruder lebt …

    Friedrich Georg Jüngers schmaler Band „Rhythmus und Sprache im deutschen Gedicht“ gehören übrigens zum besten, was auf diesem Gebiet jemals geschrieben worden ist.

    Auch als Lyriker möge ihm kein – und hier schon bitte gar nicht … – Unrecht widerfahren.

    So sei hier ein Gedicht von ihm aus dem Jahre 1940 zitiert.

    Noch eilte die Wehrmacht von Sieg zu Sieg.

    Friedrich Georg J. sah weiter:

    „Ultima rerum linea

    Wie Vögel sehe ich Grazien ziehen.
    Die Musen weichen ängstlich, sie verschwenden
    Nichts mehr vom Überflusse ihrer Spenden
    Und machen uns zu Bettlern, da sie fliehen.

    Sie lassen nur die Notdurft, das Gemeine
    Bei uns zurück. Das Niedere wird munter
    Und drängt sich vor. Es geht die Sonne unter
    Und hellt und wärmt nicht mehr mit ihrem Scheine.

    Die Arbeit macht die Dürftigkeit der Tage
    Nur immer größer, denn hier kann nichts blühen.
    Das Dunkel wächst, das leere, finstre Mühen
    Bleibt ohne Frucht für uns. Was hilft die Klage?

    Das Feuer wird es enden. Und ich frage:
    Wer wird den Brand des Hauses überstehen?
    Wer wird in diesen Flammen untergehen?
    Und wer ist wert, daß man ihn nicht zerschlage?“
    ______________________________________

    „Das Entsetzliche aber ist immer ganz nah und als wir in Dublin landen, ist sein Sohn Ernstel verhaftet und wieder hat die Realität den kühlen Beobachter eingeholt.“ (s. o.)

    Sohn Ernstel war zusammen mit dem späteren Verleger und Schriftsteller Wolf Jobst Siedler Anfang 1944 wegen „Wehrkraftzersetzung“ verhaftet und angeklagt worden. Er hatte es gewagt, zu sagen „Der Krieg muß beendet und Hitler gehängt werden!“ – und war denunziert worden.

    Ernstel Jünger und Wolf Jobst Siedler hatten Glück, das Marinefeldgericht hatte ein Einsehen und versuchte, die defaitistischen Äußerungen der Angeklagten auf die erste Hälfte des Jahres 1943 zu datieren. Beide waren zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig und konnten so nach dem Jugendstraftrecht verurteilt werden. Dies bedeutete für die beiden zunächst Festungshaft und anschließend „Frontbewährung“.

    Gestern (also dem Tag, an dem Read On obigen Text einstellte …) vor dreiundsiebzig Jahren, am 29. November 1944 wurde Ernstel Jünger durch Kopfschuß bei einer Spähtruppbegegnung im Marmorgebirge von Carrara getötet.

    Fünf Jahre zuvor hatte sein Vater noch eine Parabel in Romanform auf den Nationalsozialismus veröffentlichen können, die den Titel trug „Auf den Mamorklippen“.

    Aus der Fiktion war grausame Wirklichkeit geworden.

    Weitere Jahre zuvor noch war wiederum Friedrich Georg Jüngers Gedicht „Der Fährmann“ erschienen.

    In ihm hatte es geheißen:

    „Fährmann ahoi! Ahoi! Hinunter
    Treibt es das Boot. Die schwarze, die Woge
    Spült mir Sterne herauf. Wohin denn
    Auf der reissenden Fluten Gang?

    Aber wer weiss es. Wandern nicht
    Die Wolken auch und die Winde nicht? Wandert
    Wie mit Schwingen der Vögel nicht das
    Leben fort uns, das flüchtige?

    • Wie immer ist Ihr Kommentar sehr lesenswert und sehr bedenkenswert. Ich komme an die Sprache und die Lyrik von Friedrich Georg Jünger nicht heran, weil die Sprache eine Romantik heraufbeschwört, die so zerbrochen wurde, dass man nicht einfach zu Eichendorff zurückkommt, es hat so etwas Artifizielles, ich kann ihn nicht hören und will mir gern den von ihm empfohlenen Band ansehen. Vielleicht bin ich auch zu voreingenommen. Ich will es versuchen.

      Die Geschichte mit dem Sohn von Ernst Jünger ist unendlich schrecklich, der Vater den Sohn unter Aufgebot aller Kräfte aus dem Gefängnis holt und in Italien sicher glaubt.

      Ich bin bei den Marmorklippen und Jünger insgesamt skeptischer oder anders irritierter. Es lässt mich nicht los.

      Danke.

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