Auf dem Boden

Gestern war ich einkaufen. Geregnet hat es in Berlin, Pfützen im Garten und auf den Wegen, selbst meine alte Freundin die Wildtaube pickte missmutig die Rosinen auf der Fensterbank auf und verzog sich unter die schützenden Tannenzweige. Nass war ich, durchweicht der gelbe Wetterfleck und schlammig die Schuhe, als ich die kleine Einkaufssstraße des nächstgrößeren Vororts am Rande der großen Stadt Berlin erreichte. Vor dem Supermarkt, der ein biologisch-organischer ist und mit sozialem Gewissen wirbt, saß ein Mann. Der Mann trug einen grauen Mantel, schon ziemlich durchweicht, Lumpensammlerhosen, einen groben Schal, kaputte Schuhe und Handschuhe. Der Mann verkaufte die Motz, eine Berliner Obdachenlosenzeitung. Ich schloss mein Fahrrad an und kramte in den Taschen des Wetterflecks nach Münzen. 2,50 Euro fand ich im Wetterfleck und ich sagte: „Guten Morgen, was für ein Wetter, holen Sie sich bloß nichts weg, ihr Hund ist aber ein besonders Hübscher.“ Dann legte ich die 2, 50 Euro in den Becher. Der Mann sagte:“ Dit it aba jut wenn der Tach mit ne scheenen Frau anfängt.“ „Ha, sagte ich, Komplimente schon so früh am Morgen.“ Dann kramte ich nach meinem Einlaufszettel und dachte, wie bescheiden das doch ist auf dem Boden zu sitzen und es ist kalt und regnet. „Hören Sie sage ich, darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?“ Der Mann nickte und flüsterte: „Stark und mit Zucker,bitte“ ich kaufte einen Kaffee, stark, aber mit Zucker und eine Streuselschnecke beim organisch-bologischen Bäcker. Meine Großmutter sagte, fast alles ist besser mit einem Stück Streuselkuchen, das sagte ich auch dem Mann dort auf dem Boden und er sagte: „ihre Omma, dit is ne kluge Frau.“ „Wir verstehen uns sagte ich“ und kramte schon wieder im Wetterfleck nach dem vermaledeiten Einkaufszettel.

( Klammer auf: mir ist klar, dass 2,50 Euro, Kaffee und Streuselkuchen, das Problem Obdachlosigkeit nicht lösen, ja, sie dürfen gern lästern, wie sehr dieser Blog damit beschäftigt ist, mich selbst gut darzustellen, nein, bitte schicken Sie mir keine Artikel über reiche Obdachlose, die mit dem Bentley zum Betteln vorgefahren werden. Vielen Dank. Klammer zu.)

Hinter mir stand ein Mann mit seinem Sohn. Der Mann war ein Samstagsvater, wie es sie so viele gibt hier in den südlichen Vororten der großen Stadt. Zweite Ehe, drittes Kind, jetzt endlich alles richtig machen, Leonard wir kaufen heute ein, die Mutti kann noch einmal weiterschlafen. Der Mann und sein Sohn sehen also, wie eine verschlammte Person in einem gelben Wetterfleck, Kaffee zu dem Motzverkäufer bringt, Geld in seinen Becher tut und mit ihm ratscht.

Er sagt: „Leonard, sieh mal, die Frau da, die gibt dem Obdachlosen Geld. Ich will Dir eine Aufgabe stellen Leonard. Jetzt ist gleich zehn Uhr und an einem Samstag kaufen viele Leute, die die ganze Woche hart für ihr Geld arbeiten ein. Jetzt hör mir gut zu Leonard: wenn heute zwischen 10 und 12 hundert Menschen in dem Supermarkt einkaufen und jeder zweite dem Säufer da, 2 Euro gibt, wie viel hat der Mann da am Ende des Tages verdient?“ Der Sohn sieht seinen Vater an. Der Vater sagt: Na Leonard, nun streng dich mal an, dann sagt Dir der Vati auch, wie lange er arbeiten muss, bis er so viel Geld verdient, aber Leonard sieht so aus als ob er gleich weinen muss, weil er nicht weiß wie man das rechnet und sein Vater schüttelt enttäuscht den Kopf. „Du musst Dich mehr anstrengen“ sagt der Vater, “ was soll nur aus Dir werden?“ und der Junge starrt auf den Mann, dort auf dem Boden, der seine Hände an dem Kaffeebecher wärmt und fürchtet sich vor den Zahlen und dem Leben, was sein Vater ihm ausmalt. Später an der Kasse wird der Vater ohne mit der Wimper zucken 157 Euro bezahlen und der Sohn darf mit dem Bling-Bling-Schlüssel das riesige Auto öffnen.

Aber noch ratsche ich ja mit dem Mann über Großmütter im Besonderen und Allgemeinen und da kommt eine Mutter mit ihrem Mädchen und das Mädchen sieht den Hund. Der Hund des Mannes ist buntgefleckt, ein Kuhhund sozusagen, ein freundlicher Hund, mit dem Kopf auf den Pfoten und das kleinen Mädchen will auf den Hund zu rennen und den Hund streicheln aber die Mutter schreit: „Nein, nein, nicht den Hund anfassen, das ist unsauber und der hat Flöhe und dann bekommst du die auch. Das da ist ein Penner, nicht anfassen, das sind schmutzige Leute.“ Pfui, pfui und pfui, ruft die Mutter und zieht das Mädchen weg von dem Hund. Der Hund und das Mädchen hätten sich, glaube ich prima verstanden, aber die Arme der Mutter sind länger.

Die meisten Menschen aber gehen einfach vorbei, aber der Mann auf dem Boden, der Mann mit der Zeitung sagt: die Leute hier seien in Ordnung, hier würde er in Ruhe gelassen, in der Stadt würden die besoffenen Touristen pöbeln und Kronkorken in den Becher werfen und er käme nicht mehr so schnell hoch. „Auf die Großmütte“r sagt er und hebt den Kaffeebecher, „Auf die Großmütter“ sage ich und dann finde ich den Zettel in den Tiefen des Wetterflecks und werde trotzdem das Hirschhornsalz vergessen.

30 thoughts on “Auf dem Boden

  1. Ich liebe Ihre Artikel und Sie als Mensch unbekannterweise auch, hab ich Sie schon erfolglos auf Instagramtm das verfassen einer Autobiography gebeten 🙂 Wo ist nur die Menschlichkeit geblieben und warum haben Arschlöcher eigentlich immer Geld? Schön, dass Sie mit dem Herren einen Kaffee und nette Worte geteilt haben, so etwas kann ein Herz noch lange wärmen. Allerliebste Grüße von einer Ihrer begeisterten Leserinnen!

    • Oh, lieben Dank. Sie sind zu freundlich. Ich bin wirklich ein ganz kleiner Mensch, aber das am Ende alle mehr haben, wenn geteilt wird, daran glaube ich schon sehr und grüße auch Sie von Herzen.

  2. Auf starken Kaffee! Mit Streuselschnecken! Komplimente! Und Gespräche über Großmütter! Auf Menschen, die machen, was sie wollen und sich nicht scheuen zu geben! Auf Menschen wie Sie!!!
    Herzlichst, Ev

  3. Ich glaube nicht, dass Sie Ihre Artikel schreiben, um sich selbst gut darzustellen. Ich glaube auch nicht, dass die Mehrzahl der Bettler mit dem Bentley zum Betteln vorgefahren werden. Und ich bin ganz sicher, dass kein Obdachloser auf der Straße lebt bei Wind und Wetter, ohne Dach über dem Kopf, und sich dafür noch anpöbeln lässt. Er ist aus irgendeinem Grund, durch irgendwelche widrigen Umstände in seinem Leben dort gelandet und hat sich das mit Sicherheit nicht ausgesucht und auch nicht gewünscht. Und ich fürchte, dass so etwas viel schneller und öfter passiert, als man sich vorstellen kann. Das haben die Menschen, die ohne mit der Wimper zu zucken 157 Euro bezahlen sicher nicht bedacht.
    Und nein, niemand kann mit 2,50 Euro und Kaffee mit Kuchen die Obdachlosigkeit besiegen. Aber jemandem eine kleine Freude machen ist immer erlaubt.
    Bitte machen Sie weiter so.

    • Dankeschön. Man muss es leider dazuschreiben, es ist leider so, dass es sehr viele Menschen gibt, denen es unendlich viel Freude bereitet zu lügen, Falsches zu verbreiten oder im Mäntelchen der Überlegenheit und hinter meinem Rücken ordentlich herzuziehen. Das ist alles sehr unschön, aber es hilft wohl nichts.

  4. Ich möchte bei solchen Geschichten am liebsten weinen und schreien zugleich. Vielleicht sind diese Menschen ja gerade deswegen so reich, weil sie nie etwas abgeben oder etwas teilen? Ich habe lange in Berlin gelebt und lebe jetzt in England – da ich dort immer alles mit Karte bezahle und eigentlich nie Bargeld dabei habe, frage ich Obdachlose vorm Supermarkt etc einfach, was am nötigsten ist – Kaffee, Sandwich und Hundefutter? Auch das löst das Problem nicht, aber es erleichtert vielleicht den Tag ein wenig. Ich hoffe sehr, dass meine Tochter davon mehr lernt als der arme Sohn dieses Schnösels!

    • Ich auch. ich möchte auch weinen und schreien, aber dann fällt mir doch meistens wieder Streuselkuchen ein. Das ist toll und wunderbar, dass Sie fragen und nicht aufhören hinzusehen.

  5. Ich habe mal in einer Übernachtungsstätte für junge Obdachlose gearbeitet. Manche von ihnen haben in der Adventszeit gebettelt, denn das war die Zeit in der Betteln tatsächlich etwas bringt. Nicht so viel, wie der taffe Vater vermutet, aber damals ungefähr den Tageslohn eines Jobs mit Mindestlohn.

    Aber: erstens hat das wirklich nur in der Adventszeit funktiert. Und wir, die in der Übernachtungsstelle arbeiteten haben das gehasst.

    Warum? Weil die jungen Menschen nach den Betteltagen total aggressiv waren. Wie verändert. Dieses am Boden sitzen und die Menschen schauen auf dich herab, verändert die Persönlichkeit ziemlich schnell, ziemlich krass.

  6. Danke für diesen Text. Ich mag es, wie sehr du dich immer wieder auf das Leben einlässt.
    Und dass du Worte wie diese findest. Die beiden Eltern und ihre Kinder.
    Dein Hin-Blick ist mir kostbar.

  7. Liebes Fräulein. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass solche Befürchtungen Sie plagen könnten. Noch trauriger macht mich, dass SIe – wie ihre Klammer zeigt – offenbar Angriffen ausgesetzt sind, die sich auf Ihre Art, die Menschen zu sehen und mit ihnen z u s a m m e n zu leben, beziehen.
    Das ist noch ein bisschen trauriger als die handelnden bzw. nicht handelnden Personen in dieser Geschichte.

    Ich glaube an den Flügelschlag, der eine Lawine auslösen kann. Vielleicht ist es auch ein Streuselbrötchen.

    • Ja, Streuselkuchen für den Weltfrieden. Das wäre wirklich etwas. Leider ist es so, dass es Menschen gibt, denen es sehr viel Freude bereitet, schlecht zu reden und dies auch mehr oder weniger tun und sehr viel Freude breitet mir das nicht.

  8. Liebes Fräulein Readon,
    schon länger lese ich Ihre wunderbaren Texte aus verschiedenen Welten und bin jedes Mal entweder gerührt oder aufgewühlt, aber vor allem dankbar, dass es solche Menschen wie Sie gibt. Geben Sie nicht auf!
    Danke, dass Sie Ihre Sicht auf die Menschen und die Dinge mit uns teilen.

  9. Menschlichkeit, warmherzige Menschlichkeit ist das einzige Mittel gegen den kalten Wind des Lebens, gegen Hartherzigkeit und auch gegen Hass. Und der Streuselkuchen, den hätte ich fast vergessen.
    Auf die Großmütter.

  10. Ein Hoch auf Sie, auf Ihre Grossmutter und darauf das jede kleine Geste zaehlt. Denn irgendwann wird der kleine Junge sich vielleicht an sie erinnern und an den Mann und sich vielleicht seine eigenen Gedanken machen.

  11. Meine 2,5 jährige Tochter wirft mit Begeisterung Münzen in den Geigenkasten eines Straßenmusikanten, den wir regelmäßig auf unserem Weg in die Stadt sehen und hören. Wir werden die Armut und das Leid der Welt damit sicher auch nicht ausrotten. Dafür ist das Lächeln, das Tochter und Straßenmusikant sich dabei gegenseitig schenken, unbezahlbar. Das macht genau in diesem einen Augenblick die Welt ein bisschen heller. Für meine Tochter, den Straßenmusikant, für meinen Mann und auch für mich. Das ist etwas, das sich keiner kleinreden lassen sollte.
    Danke für Ihren Blog und dass Sie uns an Ihren großartigen Geschichten und Gedanken teilhaben lassen.

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