An einem kalten Morgen

Kalt ist es, stehe ich auf. Die Heizung springt erst um sechs Uhr an, da bin ich schon lang aus dem Haus. Kalt ist, kalt sind die Dielen, kalt ist selbst der dicke Teppich auf dem Boden. Persische Rosen sind im Sommer auf dem Teppich, dunkelrot sind die Teppichblumen, hellgrün sind die Blumenblätter. Im Winter aber erfriert die persische Rose, legt sich das Eis über den Garten verschluckt das Grün. Ein eisiger Wind liegt über dem Teppich, blaue Zehenspitzen kehren aus dem kalten Garten zurück. Die Katze liegt unter einem Plaid auf dem Sessel vergraben und nur zwei Zentimeter Schwanzspitze künden von der Anwesenheit der Katze, die niemals auf die Idee käme vor Heizungsbeginn der Welt ihre Aufwartung zu machen. Der Hund schnarcht selig und streng verbotenerweise unter der Bettdecke und vielleicht deshalb um so seliger am Fußende des Tierarztes. Der Tierarzt aber zieht meine Decke zu sich herüber und rennt wahrscheinlich mit Kälbchen über eine Blumenwiese, sommerleichte Tage und seliges Blöken, so stehe ich allein in dem kalten Garten. Aber es ist noch zu dunkel um zu erkennen, ob die persische Rose doch all ihre Blätter verlor, in dem eisigen Winterwind. Der Wind fährt unter den Fensterrahmen hindurch, schaukelt auf den alten Dielen, ich suche Wollsocken, im Bad endlich warmes Wasser.

Das ist der Winter denke ich noch immer frierend, dicke Strumpfhosen mit einem Zopfmuster und ein langweiliges, aber dafür sehr warmes Kleid, eine Strickjacke aus dem bayerischen Oberland, die rote Borte ist vom rot der persischen Rose, und wärmer noch als das dicke Kleid. Mit Bedauern aber sehe ich doch an mir herab, denke an den praktischen Wetterfleck an der Tür und den gelben und furchtbar praktischen Schal. Vor ein paar Tagen nämlich in Berlin, da stand ich lange vor den Bildern von Jeanne Jeanne Mammen. Die Frauen auf ihren Bildern, aber ist alles Praktische fremd, sie haben gelbe Federn und rote Schuhe, ihre Frauen haben Mäntel, die alles versprechen und schon darum nichts halten müssen, sie tragen Ringe mit spitzen Steinen und in allen Taschen haben sie mindestens ein Geheimnis und nicht wie ich nur Zettel mit langen Listen vergraben. Die Frauen auf ihren Bildern tragen Kleider mit weitem Ausschnitt am Rücken und die Kleider sind aus Seide und schimmern türkis oder satt-orange. Die Frauen haben elegante Schals aus Chiffon und Stiefel mit denen man über Zäune klettern, vor allem aber tanzen kann. Das sind Frauen, die Verehrer haben, und diese Verehrer sind immer Herren, zweifelhaft was für Herren, das mag schon sein, aber immer tragen sie Zylinder und einen Mantel mit hohem Kragen, mag sein in den Taschen verbergen sie schon einen Brief an die nächste Frau, denn scharf ist an ihnen alles, auch was sie Liebe nennen, aber tanzen kann mit ihnen mindestens für eine Nacht und zwischen ihren Lippen, da liegen die Dornen der persischen Rosen.

Aber mehr Zeit habe ich nicht an die Bilder zu denken, denn in der Diele, da tickt beständig die Uhr, der Winter aber öffnet die Augen langsam und zögernd, da suche ich Schlüssel, nehme die Tasche, die Tür fällt ins Schloss. Draußen im Garten blühen keine Rosen mehr, aber den Augenaufschlag des Winters erkenne ich doch, Atemwolken vor dem Mund, die Schafe schlafen dicht aneinander gedrängt, der Winter und seine Augen, aber erinnern mich an jemanden, den ich einmal kannte, seine Augen waren weder blau noch grau, seine Augen waren Winteraugen, Eissplitter lagen in seinen Augen und der ganze Frost, hart und undurchdringlich, aber das verstand ich erst, da hatte ich kalte Hände, taube Fingerspitzen, blaugefrorene Nägel, die Verluste dieses Winter wiegen schwer, so hofft man jedes Jahr über den Winter zu kommen, sich noch einmal bis zum Frühjahr hinüberzuretten.

Vielleicht kommen im nächsten Jahr, die Rosen, der Garten, das Gras und der Himmel zurück, lauf Mädchen, lauf schreien die Möwen, ich laufe weiter, lasse die Eisblumen liegen, ziehe mir den Schal über die Nasenspitze, sehe dem Winter nicht in die Augen, da kommt der Zug, seine Fenster sind beschlagen. Weiße Atemwolken sind die Wintergardinen. Eine Frau malt mit dem Zeigefinger ein Herz mit einem Pfeil auf die beschlagene Fensterscheibe. Auf dem Hals trägt sie das Bild einer Rose, eine persische Rose vielleicht, dann fällt ihr Haar über die Blume und deckt sie zu.

Zwischen den Orten

Auf dem Flughafen gerät ein Mann in größte Verzweiflung. Irgendetwas muss er vergessen haben. Er packt seinen Koffer aus und wieder ein. Auch auf die Kleidungsstücke springt seine Verzweiflung über: zwei Pullover verknoten sich unentwirrbar ineinander, ein Hemd knittert sich innerhalb von zwei Minuten zu einem traurigen Ball zusammen, ein Schuh springt entsetzt davon und die Pyjamahose schlackert mit den Beinen als fürchte auch sie hier auf dem Flughafen in Vergessenheit zu geraten. Der Mann aber durchwühlt den Koffer ein zweites und drittes Mal, rauft sich die Haare, seine Brille beschlägt und in seinem Gesicht steht der ganze Schrecken geschrieben, der einen umfängt, lähmt und ganz und gar aus der Fassung bringt. Dann öffnet der Mann seinen Rucksack durchwühlt auch diesen, doch das Gesuchte bleibt verschwunden und mit dem Kopf in den Händen vergraben, sitzt der Mann auf den trostlosen Stühlen von Terminal C. in Tegel, um ihn herum kaufen Menschen Christsstollen für 29,80 Euro, riesige Toblerone-Rollen in Schwertlänge, andere fletschen Bockwürste und eine Frau ruft: „Zwei Kaffee, ein Käsebrötchen und den Zucker nicht vergessen, Heinz.“ Heinz nickt und versucht zu verstehen, warum zwei Kaffee, ein Käsebrötchen und einige Zuckerlsackerl zehn Euro kosten, ein Mann probiert auf seinem Telefon Klingeltöne aus, und zwei Frauen überlegen, was man der Schwiegermutter auf keinen Fall schenkt, bei Topflappen sind sie sich unschlüssig. Der Mann aber bekommt von all dem nichts mit, sondern durchwühlt den Koffer ein drittes und den Rucksack ein viertes Mal. Auch ich angesteckt wie die um ihn verteilten Dinge, werde unruhig und nervös und sehe sieben Mal nach ob SchlüsselPassPortemonnaie noch das sind, wo sie sein sollen. Denn die Verzweiflung des Mannes kenne ich nur all zu gut, auch mir gehen die Dinge gern und häufig verlustig und so liegen in einem Hotelzimmer in Marseille in einer Schublade vielleicht noch immer ein Stapel Briefe, deren Verlust mir noch immer ein Ziehen im Herzen bereitet, liegen inzwischen auch viele Jahre und viele verlorene Dinge zwischen ihnen. Dann aber wird der Flug nach Dublin aufgerufen und der Mann geht geschlagen davon, nicht ohne sich noch ein letztes Mal umzusehen, ob das Verlorene nicht wie ein Wunder doch noch einmal auftauchen wird.

Im Flugzeug lange in den Pariser Tagebüchern Ernst Jüngers gelesen. Dabei verlässt einen die Irritation als Grundgefühl nie. Jünger hellsichtiger als viele andere, die vom Endsieg schwadronieren, weiß viel und sieht viel, besteht auf dem Wissen um die Verbrechen und gleichzeitig sind die Tagebücher auch immer wieder unerträglich, wenn Jünger sich in seitenlangen schwülstigen Ästhetizismen ergeht, die im Herbst 1944 vollständig egal geworden sind, oder nach Käfern grabbelt, auch dies immer im Bewusstsein in einem höheren Verhältnis zu den Dingen zu stehen, dabei ist er ja Teil jener deutschen Okkupationsregierung, die französische Geiseln an die Wand stellen lässt. Erstaunlich aber, wie sehr Jünger sich verliebt in Sophie Ravoux, eine Kinderärztin, ihr Mann, der Journalist Paul Ravoux sitzt im Gestapogefängnis und irgendwie geht es alles weiter und vielleicht ist das der Moment in dem endlich einmal nicht mehr über, sondern in den Dingen steht. So anrührend wie komisch Jüngers Beharren darauf, dass sein jüngere Bruder gute und tiefe Gedichte schrieb. Die klingen so: Das Wissen, das ich mir erworben/ Ist dürrer Zunder, Kommt, Flammen, und verzehrt, verschlingt / Den ganzen Plunder.

Das Entsetzliche aber ist immer ganz nah und als wir in Dublin landen, ist sein Sohn Ernstel verhaftet und wieder hat die Realität den kühlen Beobachter eingeholt. Keine Vorstellung darüber, ob man Ernst Jünger in Deutschland noch liest.

In den Nachrichten lese ich, da sind wir zurück in Irland, dass Suat Çorlu, der Ehemann von Meșale Tolu in Freiheit ist. Eine völlig unverhoffte, eine überraschende Nachricht. Da ich die Omen auch die Guten fürchte und der nächste Prozesstermin für Meșale Tolu am 18. Dezember stattfindet, die Nachricht wohlverwahrt und neue Briefmarken für die täglichen Karten herausgelegt. Mit dem Tierarzt ein in am Telefon begonnenes Gespräch auf dem Flughafen weitergeführt und mit ins Haus getragen, Frost auf dem Dachgiebel, kalter Wind von der See her, lange aus dem Fenster gesehen und auf das beruhigende Blinken des Leuchtturms gewartet.

Unruhige und verwirrende Träume.

Zitat aus: Ernst Jünger, Das zweite Pariser Tagebuch, (Stuttgart,1988),p. 265.

Auf dem Boden

Gestern war ich einkaufen. Geregnet hat es in Berlin, Pfützen im Garten und auf den Wegen, selbst meine alte Freundin die Wildtaube pickte missmutig die Rosinen auf der Fensterbank auf und verzog sich unter die schützenden Tannenzweige. Nass war ich, durchweicht der gelbe Wetterfleck und schlammig die Schuhe, als ich die kleine Einkaufssstraße des nächstgrößeren Vororts am Rande der großen Stadt Berlin erreichte. Vor dem Supermarkt, der ein biologisch-organischer ist und mit sozialem Gewissen wirbt, saß ein Mann. Der Mann trug einen grauen Mantel, schon ziemlich durchweicht, Lumpensammlerhosen, einen groben Schal, kaputte Schuhe und Handschuhe. Der Mann verkaufte die Motz, eine Berliner Obdachenlosenzeitung. Ich schloss mein Fahrrad an und kramte in den Taschen des Wetterflecks nach Münzen. 2,50 Euro fand ich im Wetterfleck und ich sagte: „Guten Morgen, was für ein Wetter, holen Sie sich bloß nichts weg, ihr Hund ist aber ein besonders Hübscher.“ Dann legte ich die 2, 50 Euro in den Becher. Der Mann sagte:“ Dit it aba jut wenn der Tach mit ne scheenen Frau anfängt.“ „Ha, sagte ich, Komplimente schon so früh am Morgen.“ Dann kramte ich nach meinem Einlaufszettel und dachte, wie bescheiden das doch ist auf dem Boden zu sitzen und es ist kalt und regnet. „Hören Sie sage ich, darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?“ Der Mann nickte und flüsterte: „Stark und mit Zucker,bitte“ ich kaufte einen Kaffee, stark, aber mit Zucker und eine Streuselschnecke beim organisch-bologischen Bäcker. Meine Großmutter sagte, fast alles ist besser mit einem Stück Streuselkuchen, das sagte ich auch dem Mann dort auf dem Boden und er sagte: „ihre Omma, dit is ne kluge Frau.“ „Wir verstehen uns sagte ich“ und kramte schon wieder im Wetterfleck nach dem vermaledeiten Einkaufszettel.

( Klammer auf: mir ist klar, dass 2,50 Euro, Kaffee und Streuselkuchen, das Problem Obdachlosigkeit nicht lösen, ja, sie dürfen gern lästern, wie sehr dieser Blog damit beschäftigt ist, mich selbst gut darzustellen, nein, bitte schicken Sie mir keine Artikel über reiche Obdachlose, die mit dem Bentley zum Betteln vorgefahren werden. Vielen Dank. Klammer zu.)

Hinter mir stand ein Mann mit seinem Sohn. Der Mann war ein Samstagsvater, wie es sie so viele gibt hier in den südlichen Vororten der großen Stadt. Zweite Ehe, drittes Kind, jetzt endlich alles richtig machen, Leonard wir kaufen heute ein, die Mutti kann noch einmal weiterschlafen. Der Mann und sein Sohn sehen also, wie eine verschlammte Person in einem gelben Wetterfleck, Kaffee zu dem Motzverkäufer bringt, Geld in seinen Becher tut und mit ihm ratscht.

Er sagt: „Leonard, sieh mal, die Frau da, die gibt dem Obdachlosen Geld. Ich will Dir eine Aufgabe stellen Leonard. Jetzt ist gleich zehn Uhr und an einem Samstag kaufen viele Leute, die die ganze Woche hart für ihr Geld arbeiten ein. Jetzt hör mir gut zu Leonard: wenn heute zwischen 10 und 12 hundert Menschen in dem Supermarkt einkaufen und jeder zweite dem Säufer da, 2 Euro gibt, wie viel hat der Mann da am Ende des Tages verdient?“ Der Sohn sieht seinen Vater an. Der Vater sagt: Na Leonard, nun streng dich mal an, dann sagt Dir der Vati auch, wie lange er arbeiten muss, bis er so viel Geld verdient, aber Leonard sieht so aus als ob er gleich weinen muss, weil er nicht weiß wie man das rechnet und sein Vater schüttelt enttäuscht den Kopf. „Du musst Dich mehr anstrengen“ sagt der Vater, “ was soll nur aus Dir werden?“ und der Junge starrt auf den Mann, dort auf dem Boden, der seine Hände an dem Kaffeebecher wärmt und fürchtet sich vor den Zahlen und dem Leben, was sein Vater ihm ausmalt. Später an der Kasse wird der Vater ohne mit der Wimper zucken 157 Euro bezahlen und der Sohn darf mit dem Bling-Bling-Schlüssel das riesige Auto öffnen.

Aber noch ratsche ich ja mit dem Mann über Großmütter im Besonderen und Allgemeinen und da kommt eine Mutter mit ihrem Mädchen und das Mädchen sieht den Hund. Der Hund des Mannes ist buntgefleckt, ein Kuhhund sozusagen, ein freundlicher Hund, mit dem Kopf auf den Pfoten und das kleinen Mädchen will auf den Hund zu rennen und den Hund streicheln aber die Mutter schreit: „Nein, nein, nicht den Hund anfassen, das ist unsauber und der hat Flöhe und dann bekommst du die auch. Das da ist ein Penner, nicht anfassen, das sind schmutzige Leute.“ Pfui, pfui und pfui, ruft die Mutter und zieht das Mädchen weg von dem Hund. Der Hund und das Mädchen hätten sich, glaube ich prima verstanden, aber die Arme der Mutter sind länger.

Die meisten Menschen aber gehen einfach vorbei, aber der Mann auf dem Boden, der Mann mit der Zeitung sagt: die Leute hier seien in Ordnung, hier würde er in Ruhe gelassen, in der Stadt würden die besoffenen Touristen pöbeln und Kronkorken in den Becher werfen und er käme nicht mehr so schnell hoch. „Auf die Großmütte“r sagt er und hebt den Kaffeebecher, „Auf die Großmütter“ sage ich und dann finde ich den Zettel in den Tiefen des Wetterflecks und werde trotzdem das Hirschhornsalz vergessen.

Woanders ist es auch schön

Das Zentrum für politische Schönheit lässt sich gern feiern und reitet ein hohes moralisches Ross, die Kosten für diese Art von Performance zahlen diejenigen, die wie im Fall des Mahnmals vereinnahmt werden. Die Erkenntnis, dass die Shoah für manche Menschen keine Lachnummer ist, ist keine besonders Deutsche.

Ein besonders schöner Text über das Blog an sich und eine Antwort darauf, warum es auch hier keine Werbung gibt.

Geduld und Vertrauen und eine so schöne Geschichte dazu.

Der Guardian denkt über Väter, Rollen und die Gesellschaft nach und das kann man ja nie genug. Irgendwann hoffe ich wird auch der Druck, so oder so zu sein weniger. Vielleicht wenn wir alle mehr über Gesellschaft, also über uns und die anderen nachdenken.

Barbie und Ken haben es auch nicht immer leicht.

Dublin ist eine Stadt voller Touristen und die Touristen sollen natürlich Kiss me I am Irish T-Shirts kaufen und grauenvolle Molly Malone Tassen und schauderhafte Joyce Türschilder und alles ist grün und alles ist Plastik und aus den Läden und Pubs schollert tagein, tagaus, musikalisches Ohrengräuel, das als original irisch-keltisch angepriesen wird, was nichts anderes heißt als sich arge Kopfschmerzen einzufangen. Dabei gibt es so viele sehr großartige Interpretationen traditioneller irischer Musik.

Kopflos

In der Nacht kehrt der Sturm zurück in das kleine Dorf. Stößt gegen die Türen, rüttelt an den Fensterrahmen, wirft mit hässlichem Gelächter die Blumentöpfe des Priesters zu Boden, greift schließlich mit spitzen , kalten Fingern nach dem Dach des kleinen windschiefen Hauses, in dem ich lebe. Aber auf dem Boden, da stehe auch ich, mit wirr wehenden Shetlandponyhaaren, einem ausgeleierten T-Shirt mit einem Krokodil darauf, den Winterflanellbetthosen und einer Taschenlampe. Sturm gegen Fräulein heißt es und der Wind heult triumphierend auf, aber schon muss er sich die Hände vor das Gesicht halten, zu hell ist die Taschenlampe, zu erinnyengleich wehen die Haare und gräulich öffnet das Krokodil auf dem T-Shirt sein schreckliches Maul. Der Sturm aber dreht sich polternd und fluchend um, wirft eine Handvoll Gischt und Sand in meine Richtung, dann aber dreht er ab, um im Unterland nach losen Schindeln zu suchen.

Am nächsten Morgen wird der Sturm schauerliche Rache am von der Frau des Krämers angeschafften Weihnachtsmann genommen haben. Die Frau des Krämers hat nämlich einen riesigen aufblasbaren Weihnachtsmann angeschafft. Der Weihnachtsmann war zwei Meter fünfzig hoch, hatte eine ungesunde Gesichtsfarbe und da er nicht nur als Weihnachtsmann fungierte, sondern auch als Werbeträger hatte die Frau des Krämers mit schwarzem Edding quer über sein Gesicht geschmiert: „Ho Ho Ho- Christmas offers. Beats every High Street.“ Da die Frau des Krämers aber nicht allein auf die Kraft des Weihnachtsmannes und die Wirkung des schwarzen Eddings vertraute behängte sie das bedauernswerte Geschöpf mit blau, rot und grün funkelnden Lichterketten und da vor dem Krämerladen ein gewaltiger Baum steht, hieß sie den Krämer dickes Seil besorgen und am letzten Sonntag wurde der Weihnachtsmann unter Ächzen und Seufzen, unter Klagen und Schreien von der Tochter der Frau des Krämers, dem Elektriker und dem Krämer selbst am Baum gefesselt und wer immer unser Dorf durchfuhr, der sah sich einem gewaltigen Weihnachtsmann gegenüber, der mit dicken Seilen um die Brust und wackelndem Kopf an einen Baum gefesselt war. Die Frau des Krämers aber war stolz, stolz es den Städtern, die die Frau des Krämers herzlich verachtet einmal so richtig gezeigt zu haben, stolz darauf früher als alle anderen weihnachtlich sinnstiftend zu wirken, stolz darauf, dass unser kleines Dorf, weitab von den Lichtern der Stadt und seit Jahr und Tag schon ohne Straßenlaternen nun auch im Dunkeln rot, blau und grün fluoreszierte und niemanden der im Krämersladen eine Flasche Milch und Brot einholte, vergaß sie darauf hinzuweisen, dass der Weihnachtsmann dort drüben, genau der, der gefesselt am Baum hing, ihre und allein ihre Idee gewesen sei und bis auf den Tierarzt, der die Frau des Krämers der üblen Quälerei alter Männer bezichtige, machten wir alle Ahhhhh und Ohhhh und liefen so schnell wir konnten davon, denn wer weiß schon ob die Frau des Krämers nicht auch uns an Bäume kettete, verspräche sie sich dadurch höheren Absatz.

Dann aber kam der Sturm, gereizt ohnehin schon, durch meine Taschenlampe und mich, unbefriedigt darüber, mir das Dach nicht entreißen zu können. Was sind schon ein paar läppische Blumentöpfe für einen Herrn von und zu Sturm? Missmutig pfeifend, fluchend und schreiend, rannte der Sturm ins Unterland hinunter. Still lag das Dorf in seligem Schlummer. Die Frau des Krämers nämlich schwört auf warmen Whiskey als Einschlafhilfe: „Nur für die Gesundheit, Fräulein Read On“ und so schlief die Frau des Krämers tief und träumte vielleicht vom Weihnachtsmann draußen vor der Tür. Auch ich lag schon wieder im Bett, zog mir die Decke bis zur Nasenspitze und der Tierarzt murmelte etwas von: „Kälbchen, ach Kälbchen hast du kalte Zehen.“ Der Sturm aber rastlos und von heftigem Zorn gepackt, erreichte den Krämersladen, sah die Bank und den schlafenden, gefesselten Weihnachtsmann. Das Elend, das nun folgte ist kaum zu beschreiben und gesehen habe ich es ja auch nicht. Aber der Sturm tat sein grässliches Werk, ohrfeigte den Weihnachtsmann heftig, riss ihm ohne Gnade den Kopf ab, zerfetzte die Lichterketten, schlug ihm ein Bein ab und stie0 ihn so fest in die Rippen, bis die Luft aus seinen Rippen entwich. Dann hatte der Sturm genug vom Dorf und seinen Bewohnern, bestieg die gut vertäute Barke am Ufer und segelte schon davon, hinfort an neue Ufer und neue Dächer, als Pfand wohl behielt er den Kopf des Weihnachtsmannes, denn der blieb unauffindbar.

Am Morgen aber, ich rannte zur Bahnstation bot sich ein schreckliches Bild. Ein kopfloser, schlaffer Torso war alles was vom Weihnachtsmann blieb, so schlaff, dass auch die Seile ihn nicht mehr hielten, ein zusammengesunkenes, kopfloses Elend ohne Spannung und gänzlich beraubt seines Lebens und auch seiner Lichterketten.

Die Frau des Krämers aber stand nicht minder fassungslos vor den Trümmern ihres ganzen Stolzes. „Das ist Sabotage“ schrie sie und reckte die Faust zum Himmel. Der Krämer indes kehrte den traurigen Haufen, der einmal an einen Baum gefesselter Weihnachtsmann war, zusammen. Später sagte der Tierarzt, „die Frau des Krämers habe ein christliches Begräbnis für den so hinterrücks Ermordeten gefordert“, aber der Priester habe abgewiegelt und der Frau des Krämers versichert, dass aus ihr nur der erste Schmerz spreche“, die Frau des Krämers aber habe vor Zeugen versichert, dass der Weihnachtsmann gerächt werde und der Priester sich besser der Liebe zu aller Kreatur erinnern möge.“ Der Priester sei dann schnell gegangen. Das Barometer im Dorf aber stünde auf Sturm.

Das Glück ist eine Suppenschüssel

Es gibt missliche Tage und besonders missliche Tage. An besonders misslichen Tagen, da versuchen sie in aller Früh die Katze davon abzuhalten ihre Schnürsenkel zu zerbeißen und sogleich vergräbt die Katze ihre Zähne tief in ihren Arm. Der Tierarzt sitzt an solchen misslichen Tagen mit festzusammengepressten Lippen am Tisch und keift: Dieses Porridge ess ich nicht und überhaupt will ich nie, nie, nie wieder etwas essen. An besonders misslichen Tagen ruft ihr Vater sie an und sagt: „Süße, ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll, aber ich habe alle Chanukkah-Kerzen auf die Geburtstagstorte deiner Schwester getan und wie soll ich es sagen, die Torte war sehr gut und deine Schwester hat alle Kerzen auf einmal ausgeblasen, aber jedenfalls sind die Kerzen jetzt alle weg.“ An besonders misslichen Tagen ist es auf dem kleinen Dorf, in dem ich lebe, eisig kalt, in Dublin aber schwül und warm und noch dazu lacht die Stadt höhnisch und gießt Sprühregen über unseren Köpfen aus, jedenfalls schwitzen sie in den dicken Wollstrumpfhosen und hangeln sich gerade in Feinstrumphosen, da klopft es und sie schreien: „Nein jetzt nicht“, aber die Auszubildende reißt natürlich unbekümmert die Tür auf und vor ihnen steht der Chef eines verfeindeten Instituts und sie stehen in Snoopy-Unterhosen, Bluse und einem Bein in der Strumpfhose da. Oh, diese Auszubildende!

An derart misslichen Tagen, empfiehlt es sich dringend zur mittäglichen Stunde das Aobaba aufzusuchen. Das Aobaba ist nämlich auch an besonders misslichen Tagen eine so derart wohlgeordnete Welt, dass man auf der Stelle ruhiger wird, tritt man an den Tresen und alles was es zu entscheiden gilt, ist ob man die Pho, eine vietnamesische Nudelsuppe mit Rind, Huhn oder Tofu haben will und während man seinen Wunsch über den Tresen ruft, so tönt es gleich hinterher: „Small oder large.“ Hier gilt es auf jeden Fall large zu rufen, dann erhält man ein weißes Papierzettelchen mit einer Nummer und setzt sich an ein Tischen und wenn die Damen sich mit dampfenden Schüsseln nähern, gilt es zu winken und zu rufen, denn das Aobaba ist eng und verwinkelt, die Tische sind dicht besetzt und die Schüsseln groß wie heiß. Das Aobaba wird allein von Frauen geführt- in den drei Jahren in denen ich im Aobaba Suppe schlürfe, habe ich noch niemals einen Mann im Aobaba walten sehen, umsichtig sind die Frauen, niemals verlieren sie ein Wort über unnütze Dinge. Oft ist es im Aobaba voll und man muss einen Moment anstehen, bevor man zu Tisch und Suppe kommt, einmal da begann ein Mann ungeduldig zu werden und plärrte über die Schlange hinweg etwas was verdächtig nach: „Dalli, Dalli“ klang. Eine der Aobaba Damen rief zu ihm herüber: „Soup or no soup“ und damit war alles geklärt, alles gesagt und lammfromm stand der Mann in der Schlange bis er an der Reihe war und so ist die Welt im Aobaba eine vortrefflich geordnete und deutlich unterschieden von der misslichen Außenwelt.Sollte das Matriarchat eines Tages Wirklichkeit werden, so hoffe ich sehr, dass den Damen des Aobaba dort eine Führungsrolle zukommt, denn sie haben lange schon verstanden, dass sich die Übel der Welt nicht ohne einen Teller Suppe lösen lassen.

Die Suppen kommen in großen, weißen Schüsseln, und immer gibt es Zitrone und frisches Chili dazu. ( Auf den Tischen steht zudem sriracha Soja Bohnen Paste, Fischsauce und Töpfe mit minced chilli.) Die Brühe ist so stark wie heiß, dabei niemals ölig, das Huhn ist nicht zäh und auch nicht pappweich, der Koriander ist niemals zu stark, dass alles im Koriander ertrinkt, der Bambus ist knackig und die Nudeln sind ein einziges, langes Glück, die Nudeln sind perfekt zum zuzeln und niemand im Aobaba nimmt Anstoß am schlürfenden Suppengenuss. Aber nicht nur für die Suppen lohnt sich ein Besuch: die vietnamesischen Pfannkuchen sind exzellent und die Frühlingsrollen unübertroffen. Hat man die Suppe ausgeschlürft, so kehrt man gestärkt in die Welt zurück, versöhnter noch mit den misslichsten Tagen und versehen mit der Pho der Damen Aobaba greift man sogar zum Telefon um bei der A. in Jerusalem der Channukka-Kerzen vorzusprechen und auch ihr schroffes und höhnisches Lachen: „Diaspora-Juden“, kann mich nicht weiter schrecken. Auch an misslichen oder schönen Tagen übrigens lohnt sich ein Besuch im Aobaba sehr.

Aobaba,6A Capel St, North City, Dublin 1, Täglich von 12 Uhr- 10 Abends geöffnet.Eine große Schüssel Pho Bo und alle anderen Pho Variationen, wie man mich zu Recht berichtigt, kosten 7,80 Euro.

Wie immer gilt: selbstgeschrieben, selbstgeknipst und selbstbezahlt ist es auch.Das Aobaba spricht für sich.

Sonntag

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Das Meer ist wild und wirklich kalt. Das Meer ist aber auch pastellfarben und der Himmel ist so milde, wie er es in Irland nur im November ist. Im Sommer liegt im Himmel immer eine kalte Härte, aber im späten Herbst ist der Himmel zahm und blütenblau. Aber das Wasser ist wirklich kalt und ich habe ziemlich blaue Lippen. Lieber nicht allzu lange am Meer entlang gewandert, denn selbst die Möwen sehen ziemlich verstört herüber nähert sich ein Klabauterfräulein mit klappernden Zähnen und Blaubeerlippen. Eine Muschel finden, die aussieht wie eine Trompete, ganz fest halte ich sie mir ans Ohr, bevor ich durch Dünengras und Heidekraut klappernd und zitternd zurück ins Oberland steige.

Zuhaus noch einmal unter die Decken kriechen und geduldig warten, bis der Tierarzt erst ein, dann zwei und dreimal mit den Wimpern klimpert. „Tierarzt“, sage ich, sieh mal eine Trompetenmuschel. Der Tierarzt sieht mich nur mäßig begeistert an und sucht vor meinen kalten Füßen zu fliehen. „Tierarzt sage ich, es ist nämlich so: schon seit Tagen vor unserer Zeit sammelt Neptun tief unten auf dem Meeresgrund in den langen und schäumenden Novembernächten das Unterwasserorchester um seinen Thron. Neben den berühmten Seetanggeigen und den Fischgrätencelli, treten die Krebse mit ihren Steintrommeln auf und während der Champagner in Strömen fließt, nähern sich die Plattfische dem Muschelthron und spielen „O Sole Mare“ auf den Trompetenmuscheln. Neptun selbst erhebt sich dann und singt in seinem vollen Bariton: „Keine Klippen sollt ihr missen/ Flut sei euer Untergang“ aus dem Liederbuch für Meeresbewohner und Seeungeheuer. In diesen Nächten Tierarzt schäumt das Meer lauter, um nicht zu sagen melodischer als sonst und am anderen Morgen schläft die ganze Unterwasserwelt und das Meer ist so pastell wie still. Der Tierarzt nimmt mir die Muschel aus den Händen, hält sie sich dicht ans Ohr und hört von fern noch einmal Neptun singen, schaurig- schön, vom Untergang und schwarzen Klippen.

Um ein Uhr kommt der Priester zum Sonntagstisch herüber. Der Priester hat einen Gast mit dabei. Einen ökumenischen Gast, denn der Gast ist evangelischer Pfarrer und aus Dresden. Der Tierarzt versucht sich an einer Kartoffel, ich verteile Roastbeef und Honigmöhren auf die Teller und der Pfarrer ist ausgesprochen angenehm, der Priester so zugewandt wie immer und der Tierarzt probiert zu dem noch die Honigmöhren und so sitzen wir im sonnigen Zimmer, die Standuhr tickt freundlich, die Katze schläft dekorativ und der Hund ist einmal bescheiden genug sich mit dem ihm zuggeteilten Stück Roastbeef zu begnügen und sabbert dem Gast nicht gierig auf die Schuh. Man reicht Flan mit Beeren zum Dessert, der Tierarzt brüht Tee und Kaffee und der Pfarrer sieht auf die Heine-Ausgabe, die auf dem Tisch neben dem Sofa liegt. Dann seufzt er und erzählt: er sei Pfarrer, das wüssten wir ja schon und er sei ein Pfarrer mit einem Hang zur Musik, seine Frau sei zudem Musiklehrerin und eines Tages sei er auf die Idee gekommen, Gedichte zu vertonen, Gedichte von Heine und Anderen und seine Frau habe diese von ihm vertonten Gedichte mit dem Schulchor einstudiert. Gefallen gefunden hätten diese vertonten Gedichte auch über die Schule hinaus und so sei eine Veranstaltungsreihe für andere Schulklassen anderer Gymnasien organisiert worden, um auch jene Schüler mit Musik und Gedichten zu erfreuen. Die erste Veranstaltung aber musste abgebrochen werden, die Schüler hätten so gelärmt und gestört, ihre Telefone mit schollernder Musik gegen das Schülerorchester in Stellung gebracht, die Sängerin mit Hohngelächter bedacht und schließlich Papierkügelchen auf die Bühne geschossen. Das Konzert wurde abgebrochen. Johlend verließen die Störer das Konzert, das zweite Konzert sei besser gegangen, aber auch nicht störungsfrei, das dritte und vierte Konzert aber hätten sie abgesagt. Das Orchester traute sich nicht mehr auf die Bühne, die Sängerin, eine Schülerin der zehnten Klasse, sei noch immer krank geschrieben. Der Pfarrer zuckt mit den Schultern und sieht verzweifelt aus, ein kostenloses Konzert mit vertonten Gedichten, sagt er und er sagt wie jemand der die Welt nicht mehr versteht. So sitzen wir da im sonnigen Zimmer und ich denke an die Kübel voll Wut und Verachtung, die für die Aufklärungssprechstunde über mich ausgegossen werden, die höhnischen Kommentare für die Postkarten an Mesale Tolu und Deniz Yücel: Scheißtypen, Scheißklaue, Du sowieso, besonders scheiße nur an zwei Gefangene zu schreiben und nicht an alle. Ich denke an all die Häme, die einem entgegenfliegt, wenn man Hygiene Kits an obdachlose Frauen verteilt, immer Verachtung, immer johlende Häme, immer hässliche Zoten, immer so weiter, immer so weiter. Zu keinem der Dinge, die ich mache, habe ich mehr Freude, dazu pfeift es zu laut und so wird man müde und müder und immer nur müder und lachend und munter pfeifen die johlenden Allesverächter und Jedenbeschimpfer. Der Pfarrer vertont keine Gedichte mehr, die Frau des Pfarrers gibt die Leitung des Schulorchesters ab, die Sängerin singt nicht mehr und bald verstauben dann auch die Geigenkästen.

Der Tierarzt kommt mit Tassen, der Teekanne und dem Kaffee zurück, ich hole die Dose mit den Keksen und der Tierarzt strahlt: „Sachsen German so sweet“, sagt er und nickt mir zu: „Did the pastor tell you a nice story in Sachsen German?“

Wir sitzen da schweigend und still, draußen vor dem Fenster fährt das Drei-Uhr Boot vorbei.

Verschiebungen

In der Nacht seltsame und verrätselte Träume. Ein Schwanenpaar fährt langsam rudernd über den See. Das Boot aber liegt schief, ist leck und schließlich verschwinden die Schwäne unter einer großen Wolke von Tauben, die sich erst über die Schwäne, das Boot und den See legen. Die Zukunft des Bootes, der Schwäne, ja selbst die des Sees erschien mir ungewiss. Mit Schüttelfrost aufgewacht.

Auch im Büro klebte noch immer die seltsame Nacht an mir. Ein Maler mit Leiter, Farbeimern und Folie, klopfte an meine Tür.

„Ich soll hier die Wand streichen“, sagt er.
 
„Wir haben keinen Maler bestellt“, sage ich.

„Die Wand hier soll ich streichen“, wiederholt er.

„Hier soll nirgendwo eine Wand gestrichen werden“, wiederhole ich.

Er beginnt in ein Telefon zu schreien. Ich sehe durch alle Kalender befrage die Auszubildende und rufe die J. an. Niemand hat einen Maler bestellt, niemand weiß etwas von einem Maler, keine Wand soll neue Farbe bekommen.

Der Maler steht breitbeinig vor mir und wiederholt sein Anliegen auf grobe und gröbere Weise, die Packung mit der Folie fällt um. Ich beharre darauf keinen Maler bestellt zu haben, der Maler spuckt mir vor die Füße. „Verschwinden Soe“, sage ich und der Maler geht fluchend zur Tür heraus. Aus seinen Schuhen fallen grobe Mörtelbrocken. „Müssen Maler nicht saubere Schuhe haben?“, frage ich mich und denke dabei doch: was für eine dumme Frage das ist. Die Auszubildende heiße ich einen Kehrbesen holen und einmal tut sie etwas ganz ohne Gemaul.

„Ob es wohl wirklich falsche Maler gibt?“, frage ich mich, frage es die J., frage es schließlich die Polizei, der Beamte mahct sich unablässig Notizen.“ Man werde den Fall prüfen“, sagt er. Ich nicke und gehe davon. Wieder ist mir als gurrten die Tauben spöttischer als sonst. Ein Mann spricht vertieft mit einem Ahornbaum.

Das Institut riecht noch immer nach dem Maler, der Farbe und seinem sauren Atem. Ich mache die Fenster auf. Sofort frieren die Auszubildende, die Fellows, nur der Schriftsteller macht Atemübungen am Fenster.

Früher nach Haus als gewöhnlich. Erleichtert endlich einmal das Dorf wenigstens im letzten Tageslicht zu sehen. Sonst gehe ich vor der Dämmerung und komme mit der Dunkelheit heim. Ich setzte mich auf das Fensterbrett, sehe auf das Meer hinaus und als der Tee fast trinkbar ist, klingelt das Telefon.

„Mädchen?“, sagt der Tierarzt bist du daheim?“

„Ja“, sage ich und lege den Kopf auf meine Knie. Den Tierarzt kann ich kaum verstehen, es rauscht und gurgelt am anderen Ende des Telefons. Aber dann höre ich ihn doch, oder anders ich höre, dass ich kommen soll. Warum verstehe ich nicht. Ich borge mir das Auto des Priesters, ziehe mir Gummistiefel an und fahre um Kurven und Ecken, durch andere Dörfer, tiefer in das Land hinein, lasse das Meer hinter mir, eine Tannenschonung, Koppeln, Weiden, auf einem Hof steht der alte Volvo des Tierarztes. Neben dem Tierarzt steht ein alter Mann: „Ich habe sie geliebt“, sagt er und ich frage den Tierarzt: „Was ist passiert?“ Ein Kuh habe sich erschrocken, sagt er und zeigt auf den Weiher, ausgegeglitten sei die Kuh auf der in der Nacht überfrorenen Weide schließlich eingebrochen im dunklen Teich und käme nicht mehr heraus. Er und der Bauer seinen zu schwach und zu alt, um die Kuh aus dem Teich heraus zu befördern. Der Tierarzt schämt sich seiner Schwäche, der alte Bauer sieht auf seine müden Hände, ich wundere mich, ob nicht zwei Schwäne über dem Teich aufsteigen, dann verwerfe ich das Bild und wir gehen hinüber zur brüllenden Kuh. Die Kuh erscheint mir größer als gewöhnliche Kühe, so als hätte das Wasser die Kuh aufgeschwemmt, ein groteskes verzogenes Spiegelbild und ich fürchte mich vor der Kuh und dem dunklen Teich. Der Bauer redet auf die Kuh ein und der Tierarzt und ich überlegen wie wir wohl eine Arte Seilwinde um die Kuh bekämen, der Tierarzt steigt in den Teich hinein und vor meinen Augen verwandelt sich die Kuh in den lecken Kahn meiner Träume. Der Tierarzt kehrt mit blutigen Händen zurück. Irgendwann muss einmal ein Pflug im Teich versenkt worden sein, jetzt aber ist das rostige Metall zum Verhängnis der Kuh geworden. Die Kuh hat aufgehört zu brüllen und die Kuh ist tot. Wir steigen zu dritt in den schlammigen Weiher und schleifen die Kuh ans Ufer. Blutgetränkt und Schlammverschmiert. Die Kuh nicht mehr zu unterscheiden vom dunklen Ufer, wir nicht mehr zu unterscheiden von der Kuh. Der Bauer ruft den Abdecker, der Abdecker ist eigentlich ein Tierkörperverwertungs-Unternehmen. Ich fürchte mich vor unseren Spiegelbildern. Der Bauer gibt mir Sachen seiner toten Frau. Die Sachen riechen nach Mottenpulver, Tieren und der toten Frau. Der Bauer umarmt den Tierarzt, mich und nach vielen Papieren fahren wir endlich nach Hause, ich fahre dem roten Volvo hinterher. „Danke Priester“, sage ich und dann lege ich die Sachen der toten Frau sorgfältig zusammen. Warmes Wasser, kaltes Wasser, ich krieche in einen Tierarztpullover, der Tierarzt wickelt sich in meinen Schal. Der Tierarztpullover ist dunkelblau, der Schal ist gelb, der Tierarzt schiebt seine Finger zwischen meine Rippen. Der Tee ist lange schon kalt, das Haus ist kalt und ich stelle die Heizung an. Leises Gluckern, ein Kahn der leck schlägt denke ich, sehe noch einmal die Schwäne, die Tauben und den dunklen See. Dann schlafe ich ein.

Handtuchhalter

Die Auszubildende schreit: „Fräulein read On, Fräulein Read on, ich habe gelauscht und die D. hat zur G. gesagt: Really this stubborn Read On, she needs to get a personal life ASAP.“ Die Auszubildende lacht triumphierend. „Fräulein Read On, Fräulein Read On, ich habe es ganz genau gehört, das hat sie wirklich gesagt die D. und was heißt eigentlich ASAP?“

Auszubildende sage ich: „I am a person and I am alive, die D. hat also keinen Grund zur Sorge. Sie sollten nicht lauschen. Lauschen leiert die Ohren aus.“ Die Auszubildende flieht unter Geheul ins Badezimmer um sich ihre Ohren ganz genau zu besehen. „Bitte gießen und ertränken Sie die Blumen nicht“, rufe ich ihr hinterher. Die J. hängt an den Orchideen. Aus dem Badezimmer ertönt lauteres Geheul. „Sie sind der gemeinste Mensch der Welt.“

 
Aber da bin ich schon weiter. Im Keller des Institutes befindet sich eine Dusche, denn wer kennt es nicht: Man sitzt am Schreibtisch und denkt nach, schon perlt der Schweiß an der Stirn herunter, heiße Schauer jagen über den geplagten Fellowrücken, man eilt zur Dusche hinunter und braust sich gründlich ab. Ich wäre die Letzte, die einem Fellow das Duschglück verweigert und so habe ich zwei Jahre lang, zweimal in der Woche schimmelnde Handtücher, Damen wie Herren-Rasierer, leeres Duschgel und Shampoo in schwarzen Müllsäcken entsorgt. Manchmal überkommt mich aber auch ein pädagogischer Impuls, das Gefühl doch noch einmal die Welt zum Besseren und Guten hin zu verändern. Achtsamkeit, Fürsorge, Miteinander sind das nicht die großen Begriffe unserer Zeit? ( Eigentlich aber war ich nur berufsbedingt in Berlin und konnte nicht zum schwarzen Müllsack greifen.) In meinem unbändigen Optimismus, denn wir hatten ja schon festgestellt, dass ich sowohl person als auch alive bin, glaubte ich die Fellows würden sich das Handtuch über die Schultern schwingen, die Rasierer wegwerfen und die Shampooflaschen entsorgen, natürlich irrte ich mich. Als ich bei meiner Rückkehr die Dusche inspizierte, faulten sechs Badetücher auf den Fliesen, schlitterte ich über gebrauchte Rasierer und sammelte sieben Shampooflaschen ein.

Um elf Uhr versammeln sich die Fellows zu Kaffee und Gebäck und sind dazu angeregt Lob und Kritik auszusprechen, Verbesserungswünsche vorzutragen und überhaupt zu berichten, wie sie sich fühlen im Elfenbeinturm. Aber alles auch Kaffee und Gebäck kommt zu einem Preis und die Fellows müssen ertragen, dass auch ich sie mit Lob überschütte und Kritik antrage. Ich preise also die kluge Begabtheit der Fellows, lobe ihre soziale Kompetenz, den Gemeinschaftssinn, die angestrengte Suche nach der Weltformel und natürlich auch die sauber gebrausten Rücken und Denkerstirnen. Dann hole ich die vergorenen Handtücher aus dem Beutel und erinnere die Fellows daran, dass jeder für sein Handtuch, Rasierer und Schaumbad selbst zuständig ist. Natürlich hat niemand sein Handtuch dort fallen lassen, niemand den Rasierer in die Ecke geworfen oder gar eine Flasche zurückgelassen. Zeter und Mordio. Ich nicke und weiß doch, dass ich übermorgen schon wieder Handtücher auflesen werde.

 
Manchmal frage ich mich, ob die Fellows wohl alle im Schloss aufgewachsen sind, wo stets ein Diener hinter ihnen stand, streiften sie auch nur den Pantoffel ab, oder ob alle Privilegien ihren Preis haben und wenn es nur der ist, ist endlich einmal so ganz nach Herren oder Damenart zu leben. Im übrigen brauchen die Fellows viel Zuwendung und immer wieder neues Kümmern: Einen Toaster wünschen die Fellows um Brote zu grillen, vor meinem inneren Auge steigen kohlende Brote auf, der Feueralarm geht an und bald schon balgen sich Ratten und Mäuse um Käsebrotkrümel. Aber das allein ist es nicht oder jedenfalls nichts nur: denn die Fellows fühlen sich überfordert von dem was das Institut bietet und erwartet. Einen jour fixe zum Beispiel, aber da sind sie oft müde oder der Elektrosmog macht ihnen zu schaffen. Vorträge interessierten sie schon, aber woher sollen sie denn wissen, ob die Vorträge wirklich gut sind oder mehr so mau und workshops für Karriereoptionen täten sie schon gern besuchen, aber da müsse man sich halt immer voranmelden und woher solle man schon wissen, ob man da nicht lieber einen Freund oder gar die liebe Grete träfe. Meine Ausführungen darüber, dass ein Lebenslaufoptimierungsmeister eben nicht auf Zuruf erschient, sondern gebeten werden will, hören sie wohl an, aber Glauben schenken sie dem nicht. In ihrer Welt glaube ich manchmal, sind sie wirklich ganz allein und immer erster, immer bester und immer zählen sie allein.

Dann geht es um einen Spieleabend zwecks besseren Kennenlernens in druckfreier Atmosphäre und ich nehme die post-ist mit „Toaster, aber dalli“ und „gestern war der Kaffee zu schwach“ von den Wänden und lege sie zu den vielen anderen und immer ähnlichen Zetteln und überlasse die Fellows bei Kaffee und Gebäck sich selbst.

Nur den B. nehme ich zur Seite. „B. sage ich man hat mir zugetragen, dass Du die Toilettentüren bei Benutzung nicht schließt, sollte dies der Fall sein, so schließe doch bitte die Tür. Der B. sieht mich verwundert an: „aber das ist doch ganz natürlich, ich schließe niemals die Tür.“ „B. sage ich, dass war keine Bitte, keine Frage, sondern ein Punkt. Tür zu.“

 
Der Schriftsteller passt mich an der Tür ab. „Fräulein Read On“ krächzt er, -denn ich glaube so stellt er Hemingway vor-, die Sache mit den Handtüchern: I felt so alive. It was gruesome, but so awakening. An epiphany.
„Ich wollte ihnen das hier geben Fräulein Read On“, der Schriftseller überreicht mir das Bild eines Hahnes und unter das Bild hat er einen Vers geschrieben. „Schön“, sage ich. Danke, Schriftsteller. Der Schriftsteller dreht sich um, da steht aber nur die Auszubildende und er nickt ihr zu: „What a time to be alive.“

 
Dann rette ich die Orchideen vor dem Ertrinken. Telefoniere mit dem Klempner, organisiere Organisatorisches, renne treppauf und treppab und treffe schließlich die J, die beste Chefin der Welt. Sie sagt: „Du Read On, muss ich mir Sorgen machen?“ Wegen der Handtücher, liebe J? Nein, die habe ich schon entsorgt.“
„Nein, nicht der Handtücher wegen.“ Die Auszubildende hat der erzählt, dass du mit dem Schriftsteller ein neues Leben auf einer Hühnerfarm beginnen willst.“

„Gut zu wissen“, sage ich und die J. lacht „ASAP hat die Auszubildende gesagt“,kommst Du mit?“, frage ich die J. und die J. wäre nicht die J. würde sie nicht nicken und sagen: „Nie wieder nasse Handtücher in der Dusche.“