Pariser Szenen: In den Bildern

Jeder Paris Besuch beginnt im Museé d’Orsay. „Man muss Prinzipien haben im Leben Mädi“, sagt die Mali-Tant und der Rest der Reisegesellschaft seufzt wohlmöglich heimlich, aber sagen tun sie nichts und so wandern wir an der Seine entlang dem Museum zu.

„Oh Mädchen“, sagt der Tierarzt. Die Schule von Barbizon, das klingt doch nach Kultur und frischer Luft.“ Ich lächle milde und stimme ihm zu. „Du wirst entzückt sein Liebling“, flöte ich und die Mali-Tant hängt sich beim Tierarzt ein und die beiden wandern nach links. „Wohin hast Du die Mali und den Tierarzt geschickt?“, fragt mich meine liebe C. „Nach Barbizon“, sage ich und die liebe C. jault: „Oh Süße, Du bist gemein.“ „Mag sein, sage ich mag sein“, aber dann gehen wir nach rechts, denn rechts hängen die Bilder von Pierre Bonnard und Eduard Vuillard und ich liebe doch Bonnard und Vuillard so sehr. Niemand nämlich hat witziger gemalt als die beiden, die wohl die albernsten unter den Impressionisten waren. Wer hat denn je mit ernster Miene vor den Bildern der Fräulein Faucheron stehen können? Wer muss sich nicht die Rippen halten vor Lachen, über die Matrone, die die Geliebte besuchte und wer hat nicht vor Entzücken gequiekt über den Hund mit den flatternden Ohren , der im Garten vor einer Frau Männchen macht und nicht losreißen kann ich mich von den vielen Porträts der Pariser Gesellschaft, die ich niemals müde werden zu betrachten und immer habe ich Tränen in den Augen vor Lachen und auch meine liebe C. kichert vergnüglich und wir suchen uns auf den Bildern die schönsten Männer aus für einen Tanz am Nachmittag. Männer mit einem Schnurrbart und einem weißen Anzug aus Leinen, der tanzen kann, aber auch die richtigen Gedichte von Verlaine zu zitieren wüsste und der es nicht übel nähme, riefe man am Sonntag nicht mehr zurück. Lachen muss ich über das Essen bei der Frau Großmama und bedauere noch heute den Schwiegersohn, der Hündchen macht, wie der Hund im Garten, aber nur ein bisschen, denn ich muss doch so lachen über den Schalk und den Witz und die Sonne, die in all ihren Bildern liegt. Ich habe nie ganz verstanden, warum in Museen so wenig gelacht wird, eigentlich machen die Leute immer nur ernste Gesichter und immer die gleichen Fotos. Click. Click, und sehen ein bisschen strafend zu mir und der lieben C. herüber, die wir prustend vor einem Gemälde mit stehen.

Schließlich aber nähern sich auch die Mali-Tant und der Tierarzt. „Mädchen, Du bist gemein!“, sagt der Tierarzt und die Mali-Tant sagt: Mädi, des is schoa arg dunkel im Wald von Barbizon. Aber ich halte mir ja noch immer die Seiten vor lautem Gelächter und der Tierarzt sieht missmutig zu mir herüber. „Gemein, bist du Mädchen“, ruft er und eine wilde Locke fällt ihm in die Stirn. „Du weißt wie sehr ich Kälbchen liebe.“ „Wer wüsste das nicht, Tierarzt, wer wüsste das nicht?“ Der Tierarzt ist kurz davor mit dem Fuß wütend aufzustampfen. „Man führt keinen Verliebten so in Versuchung.“ Denn selbst der Tierarzt muss nun wohl oder übel eingestehen, dass nicht nur Kälbchen schöne, feuchte Augen hat, sondern das herrliche Kälber unter den Bäumen Äpfeli kauten als die Maler ihre Staffeleien ins Freie trugen. Vor allem aber sind die Kälber wohlerzogen, niemals sieht man auf den Bildern, Kälber mit erhobenen Hufen über die Wiesen stürmen, oder gar den Esel verprügeln, noch patschen die Kälber durch tiefe Pfützen und anders als des Tierarztes Kälbchen sind die Kälber von Barbizon sanftmütig, verständig und tiefsinniger Gedanken fähig. Sie wiederkäuen pittoresk und kommt die Milchmagd so sind die Kühe wie Kälber umsichtig, geduldig und keines bleckt die Zähne und schnappt nach eines Fräuleins Finger. Die Kälber auf den Gemälden, strecken niemanden die Zunge heraus, sondern dann und wann verirrt sich einmal eine Apfelblüte zwischen die Ponyfransen und man möchte so ein Kälbchen sofort mit „von Kalb“ anreden. Der Tierarzt jedenfalls ist grünstichig im Gesicht und niemals zu vor war die Einsicht so deutlich wie heute: auch andere Kühe haben schöne Kälber, die schönsten Kälber aber malten die Maler von Barbizon. „Geh Mädi“, sagt die Mali-Tant, wo der Bua doch soa Herz a die Bestie g’hängt hoa.

( Wir wollen froh sein, dass der deutsche Wortschatz des Tierarztes noch nicht all zu groß ist.)

Dann fängt es an zu regnen und die Mali-Tant und meine liebe C. treffen den Jean bei Ladureé, aber ich mag keine Macarons und bin ja außerdem ein Mensch mit Prinzipien und wie jedes Mal in Paris gehen wir weiter ins Les Deux Magots . Viele finden, das Deux Magots sei nichts weiter als eine Touristenfalle, aber ich liebe es. Ich mag die grünen Markisen und die Stühle, die einen zur Haltung zwingen, die alten Ober und die goldene Platte von der man sich das schönste Törtchen erwählt. ( Aprikose mit Pistazienschmand ) und die dicke heiße Schokolade im weißen Krug. Das „Deux Magots“ ist ein Ort wie im Märchen. Aber vor allem ist das „Deux Magots“ eine Art Vogue nur als Tableau. Als Fräulein kann man sich dort eingehend über die Mode der Saison informieren. Das „Deux Magots“ meldet: Perlenketten ( zweireihig ) und auf jeden Fall mit großen, goldenen Verschlüssen. Die Hèrmes Tücher sind orange-hellblau, kubistische Formen auf keinen Fall aber Schlüssel, Ketten oder Trensenringe und ehe nachlässig umgebunden als in die Bluse gesteckt. Die Herren tragen marineblau und einen Salt und Pepper Bart, Ray Ban Sonnebrillen gehen immer noch, Männer wie Frauen tragen große goldene Ringe und wirklich keiner der Männer trägt mehr einen Dutt. Die Frauen haben dunkelrote fast lila Lippen und tragen dicke Pullover zu sehr dünnen Hosen und natürlich kommen zwei Frauen in einem fast identischen, goldenen Kleid. Wie die beiden Damen sich niederstarren, sollte in jedem Management-Seminar unterrichtet werden. Der Tierarzt nippt zwar nur an der Schokolade und quält sich an einer halben Aprikose, aber seine Laune bessert sich doch. Auf dem Trottoir hat er eine Dame erspäht, die einen Mantel aus weißen Wollknäueln trägt, der auf das Haar genau dem Fell ihres Pudels, der auf den Namen Hektor hört, gleicht.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt und strahlt wieder heiter: „ du solltest einen Mantel aus Kuhfell tragen, stell dir das vor, Kälbchen und du ihr flaniert im Partnerlook die Dorfstraße entlang. Der Tierarzt hat glänzende Augen vor Glück: „Kann es denn etwas Schöneres geben?“

9 thoughts on “Pariser Szenen: In den Bildern

  1. Was für ein wunderbarer Text! Während andere nur Bilder oder viele Menschen sehen, siehst du Pudelmäntel, goldene Kleider und zum Kichern bringende Bilder. Und du kannst es in Worte umgestalten, die berühren. Eine große Gabe!
    Ich stelle mir vor, wie du schon vor den Bildern stehend von der Muße geküsst wirst und dir die Sätze zufliegen.
    Herrlich!

  2. Vielleicht verpassen Sie auf der Rückfahrt in Frankfurt den Anschluss und haben Zeit ins Städel zu gehen? Dort läuft die Ausstellung Matisse – Bonnard. Es lebe die Malerei!, die ich Ihnen sehr empfehlen kann. Einige der Bonnards, die Sie diesmal im Museé d’Orsay vermisst haben mögen, hängen dort – und viele andere aus aller Welt.

    Die Diskussion über einen Kuhfellmantel lässt sich bestimmt schnell beenden mit dem Hinweis, dass nur ein Mantel aus Kälbchens Fell in Frage käme. Allerdings wird der Tierarzt dann sicherlich einige Tage beleidigt schmollen und Sie womöglich auch eine Zeit lang nicht in die Nähe von Kälbchen lassen.

  3. Wie schön ist das beschrieben.
    Ach, diese Liebe zur Kuh. In der Fotokiste meines Vaters sind mehr Kuhfotos als Kinderfotos. Er rief immer den Namen der Rinderrasse, wenn wir an einer Weide vorbei fuhren. Zu seinem Gedächtnis brülle ich immer noch bei entsprechenden Rindviechern „Charolais“, übrigens die schönsten Kühe der Welt, seiner Meinung nach.
    Eine Freundin hat sogar mal ein Kälbchen nach mir benannt. Und im Gästezimmer liegt ein Kuhfell unter dem Bett. Also, hier ist alles vorbereitet 🙂

  4. Seit ich vor bald 20 Jahren bei meinen Eltern ausgezogen bin, ist mir kein besserer Quell für Allgemeinbildung begegnet als dieser Blog hier, glaub ich. Vielen Dank für die wohlportionierten und -formulierten Beiträge zu meinem lebenslangen Lernen!

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