Pariser Szenen: Ankunft

„Paris“, sage ich. Der Tierarzt seufzt tief. „Paris ist nicht Deutschland“, sagt er. Ich sage besser nichts. „Aber, sage ich wir fahren mit dem Zug und Du wirst so viel von Deutschland sehen als wanderten wir eine Woche durch den Harz. Der Tierarzt, meine liebe C. und ich wir packen also, ich backe einen Reisekuchen ( ein Reisekuchen ist ja essentiell für Unternehmungen wie diese, denn ich erinnere mich immer jener Nacht in der Bahnreisenden über Weihnachten im Schneesturm im ICE ausharren mussten und aus Verzweiflung über die Gesamtsituation, die mitgebrachten Stollen aufaßen. Meine liebe C. macht ihre hervorragenden Reisebrote, und natürlich liegt obenauf im luggage holdall des Tierarztes eine Flasche Sanddornsaft. Der Schaffner pfeift und wir fahren los. Ich wippe mit den Füßen, denn ich bin schrecklich gern in Paris und mit den Mitreisenden bin ich noch viel lieber in Paris und außerdem hat die Mali-Tant sich einverstanden erklärt, in Strasbourg zuzusteigen und die Mali-Tant liebe ich sehr. Lang ist die Zugfahrt und ich stelle mir vor, dass wir endlich Zeit haben für einen ausführlichen Schwatz. Irische Philosophen in Frankreich zum Beispiel. Die Sache mit dem Weltfrieden ist ja auch noch immer ungeklärt, wie macht man die perfekte Sauce Hollandaise und wer ist eigentlich dieser Herr Lindner. Erwartungsvoll sehe ich also die Reisegemeinschaft an. Der Tierarzt klebt mit der Nase am Fenster: „Oh sie mal Mädchen: ein deutscher Baum, ein deutsches Haus, eine deutsche Tankstelle, ein deutscher Baumarkt, eine deutsche Eiche, oh, oh,oh, ein deutscher Spatz. Ich seufze tief. Der Tierarzt kramt den Fotoapparat aus dem luggage holdall und am Ende der Reise werden wir 2000 Bilder verwischter Bäume, Häuser und Tankstellen haben und vor allem verwischte: Hundeopos, Katzenhintern und Kuhallerwerteste. Meine Versuche den Tierarzt von der Fensterscheibe wegzubekommen, verlaufen ins Leere: „Du siehst doch ich bin beschäftigt“, zischt er ohne auch nur eine einzige Wimper in meine Richtung zu drehen. Dann höre ich vom Tierarzt nur noch Click, Click, Click. In Frankfurt allerdings- wir müssen- umsteigen, springt der Tierarzt kurz über den Bahnhof und murmelt:“Frankfurter Luft“ und die „Alte deutsche Messestadt.“ Mir aber liegt vor allem daran den TGV zu erreichen und so ziehe ich den widerstrebenden Tierarzt hinter mir her.
Aber auch meine liebe C. will von einem Tratsch nichts wissen. Kurz nach dem wir abfahren, zieht sie einen Stapel Dokumente aus der Handtasche. Endlich Zeit etwas zu tun, verkündet sie strahlend und dann klappt sie ihr Notebook auf, nimmt ihre oh so ordentlichen Notizhefte zur Hand und vertieft sich in die Endfassung eines Aufsatzes zur Behandlung fortgeschrittener Diabetes II bei Risikopatienten in einer Allgemeinarztpraxis. Die liebe C., die ein systematischer, wie gründlicher Mensch ist, hakt Listen ab, prüft Bildmaterial dreifach, kontrolliert ihre Hervorhebungen dreifach und versinkt nach wenigen Minuten in eine Sphäre arbeitsamer Stille und wird in dieser bis Paris verharren. „Was schon in Frankfurt?“ sagt sie, als ich sie vorsichtig an unseren Umstieg erinnere: „es passt gerade gar nicht.“ „Wären wir nur in Deutschland geblieben“, pflichtet der Tierarzt ihr bei. Ich beschließe einmal „Kälberinternate“ zu googlen.

Die Fahrt aber verbringe ich still und über ein Buch gebeugt. Dann und wann verzehre ich ein Stück Reisekuchen und kaue missmutig auf einem Käsebrot. „Banausen“ murmele ich finster, und setze alle Hoffnungen auf die Mali-Tant. Und wirklich die Mali-Tant, steht in Strasbourg am Bahnsteig und schimpft über Österreich. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Kaum sitzt die Mali-Tant aber und legt ihren Hut ab, greift sie in ihre gewaltige Handtasche und befördert ihr Strickzeug hervor. „Der Tierarzt,“ sagt sie hat sich ja einen Norwegerpullover bei mir gewünscht!“ „So, so“, murmle ich finster, denn ich besitze keinen Norwegerpullover von der Mali-Tant. „Ja, der arme Bub“, sagt die Mali-Tant und dann liegt das wollene Ungetüm auf dem Tisch. „Geh Mädi, ich muss mi scho halt konzentrieren“, sagt sie, hält mir Wollfäden hin, die ich ihr anzureichen habe und für die nächsten zwei Stunden murmelt sie nichts anderes als: „zwei links, zwei quer und Kruzifix, wos fia a Sauerei.“ Der Tierarzt indes ist hinter der Grenze eingeschlafen. Es gibt ja für ihn auch nichts mehr zu sehen. Nur einmal erwacht er als der Schaffer sagt man möge auf seine Wertsachen achtgeben. „Es seien Diebe an Bord.“ Da erhebt der Tierarzt das Haupt wie einstmals Medusa und knurrt: „Diese Franzosen.“ Die liebe C. tippt und die Mali-Tant strickt. In Paris angekommen, winke ich ein Taxi herbei, der Taxifahrer sieht aus wie in Deutschland, Philosophieprofessoren und ich sehe meine Chance gekommen, denn der Mann spricht nicht nur Französisch, sondern das gleiche Arabisch wie ich. Keiner der Mitreisenden aber spricht Arabisch. Der Taxifahrer und ich schwatzen über: Macron, die geplante Reform des Gesundheitswesens, das Wetter, die beste Art Huhn im Tontopf zuzubereiten, die Probleme der banlieues und die schwierigen Antworten darauf. Hinten im Fond sagt der Tierarzt:

„Ich glaube Sie erzählt über die vielen verwackelten Hundepopos auf den Bildern.“

„Ich fürchte sie beklagt sich über die Hingabe zur Wissenschaft und den elenden Aufsatz“, sagt die liebe C.“

Die Mali-Tant sagt: „Eh Mädi, aba bitteschön tu mi net verkaufen in a Karawanserei, ich moch di halt auch so eana Pullover.“

„Ist alles in Ordnung bei den Damen und dem dünnen Schatten auf der Rückbank?“, fragt der Taxifahrer. „Welche Rückbank?“, denke ich, aber ich sage: „In allerbester Ordnung.“

20 thoughts on “Pariser Szenen: Ankunft

    • Liebe Arboretum, ich wäre in dem Fall gern zu Hilfe geeilt und hätte gern das Taschentuch angereicht. Nicht ohne weißes Tuch für Frl. Read on, wenn sie hier vorbei reist.

      Einen angenehmen Aufenthalt in Paris mit oder trotz der Reisegesellschaft, ganz wie es beliebt!

      Viele Grüße, Antje

  1. Mit all diesen, Ihren liebenswerten, Menschen in Paris, das kann doch gar nicht anders werden, als ein
    unvergessliches Erlebnis. Mal gespannt, ob der Tierarzt sich auch in Superlativen ergehen wird
    über Paris, die Stadt an der Seine, besonders wenn diese zu früher Stunde erwacht.
    So stelle ich mir dann den singenden Tierarzt vor: https://www.youtube.com/watch?v=nbcJxiCGrtc, 🙂

  2. Ich lach mich wech. wie gut dass der Taxifahrer gemütlich schwatzen mochte! Was eine langweilige Zuggesellschaft aber auch! Na dann mal ein schönes Paris. Wird schwierig in der Innenstadt mit Kälberpopos. Ich winke fröhlich!

  3. „Ihr Herz ist kalt wie ein gefror‘nes Hühnchen
    Ihre Schönheit überzuckert mit Gewalt
    Für ihre Jacke starben mehr als zehn Kaninchen
    Und dann tut sie auch noch so, als wär es Nerz.
    Mädchen sein allein ist keine Tugend
    Auch wenn es scheint, als ob es das ist, was sie glaubt.
    Fett wär ich bekäm ich ein Stück Torte
    Für jede Illusion, die sie mir raubt.“

    Aus dem Gedächnis zitiert mit besten Grüssen an den Tierarzt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.