Im Wind

Der Sturm kommt und die Universität schließt ihre Tore. Schließt die Universität ihre Tore, so gilt dies auch für das Institut. Die Universität verschickt mehr als eine E-Mail, es gibt das alles auch in kürzer auf Twitter und Facebook, ich schicke eine Email an das gesamte Institut, natürlich alles auch noch einmal in kürzer auf Twitter und Facebook und dann fange ich an die Emails der Fellows zu beantworten:

„Ist das Institut geschlossen?“ ( Ja ) , Ist das Institut WIRKLICH geschlossen. ( Ja). Warum ist das Institut verschlossen? ( Ein Sturm namens Ophelia zieht über Irland.) Bei mir vor dem Fenster weht gar kein Wind, kann ich ins Institut kommen? ( Nein.) Wann fängt das Yoga heute an? (Die Auszubildende).
Ich habe meine Lieblingstasse/ mein Schnuffeltuch / meinen Zettel mit der Weltformel im Institut vergessen, kann ich das abholen? ( Nein ). Kannst du mir die Dinge bringen? ( Nein ). Das ist ungerecht/ eine bodenlose Frechheit / ich bestehe auf dem freien Willen ( Kant !!!!!) wie komme ich ins Institut. ( Gar nicht. Die Universität und Institut sind vernagelt.) Ich werde mich beschweren. Ganz oben. Es ist mein gutes Recht ( Tausend Ausrufezeichen.) Dann fällt der Strom aus und ich finde, ich habe ohnehin genug Fragen beantwortet. Das Dach des kleinen windschiefen Hauses wackelt, aber es hält. Die Kirchglocken St Sylvesters aber schlagen laut und unermüdlich, der Priester kommt vom Meer zurück: „Fräulein Read On“, sagt er, da sind Leute mit Surfbrettern auf dem Wasser.

Die Stunde des Sturms aber ist die Stunde des großen Triumphes der Frau des Krämers. Die großen Supermärkte, erst Dunnes, dann aber auch Tesco schließen, aber ihr Laden trotzt allen Gewalten und der Krämer zurrt ein großes: „We are open“-Schild an einem Baum fest. Die Schlangen vor dem Geschäft werden immer länger und die Frau des Krämers hat gerötete Wangen vor Aufregung und deklariert den Laden zur Sturmversorgungsnotzentrale. Deswegen heißen die sausage rolls, dann auch emergency rolls und kosten 50 Cent mehr als sonst. Die Touristen sind begeistert und die Frau des Krämers herrscht ihre Tochter an, doch schneller zu sein mit dem Nachfüllen der Milchpackungen, der Kekstüten und belegten Brote. „Ich dachte der Laden sei schon zwanzig Jahren pleite“, sagt ein Mann und erntet einen Todesblick der Frau des Krämers, die finster knurrt: „nur über meine Leiche.“ Er bekommt die unverkäuflichen, steinharten Haferkekse, ein Experiment der Frau des Krämers, welches fehlschlug, aber nicht fehl genug, um es dem dreisten Städter nicht einmal so richtig zu zeigen. „Have a very good day“, schnalzt sie als der Mann mit den Haferkeksen und der Milch den Laden verlässt. Dann rüffelt sie ihre Tochter, die zu verschwenderisch mit dem Einwickelpapier für die “Emergency Rolls“ umgeht. Vor der Tür verkauft der Krämer Kaminholzscheite und Kohlenbriketts, dann wirft eine heftige Windböe den Tisch und die Frau des Krämers schilt auch ihn geschäftsschädigenden Verhaltens, kann aber mir ihrer Schimpftirade nicht fortfahren, denn der Sturm knickt den Baum mit dem „We’re open“ Schild einfach um.

Der Tierarzt indes erklärt einer Gruppe unverschämt gutaussehender, amerikanischer Touristinnen, die ihm an den Lippen kleben, auch er sei in einer Sturmnnacht geboren. Die wunderschönen, blondgelockten Frauen seufzen und der Tierarzt- wehendes Haar und wehender Mantel- fügt hinzu: in der Nacht also, in der ich geboren wurde, da schwammen die Fische auf den Straßen als sei es das Meer. Die blonden Sirenen sind der Ohnmacht nahe, nur leider komme eben auch ich die Straße hinunter und sage: „Na Heathcliffe, bist du soweit?“ Die Damen sehen fassungslos zu mir herüber: warum ein Beau sich wohl mit einem Shetlandpony abgibt, fragen sie sich und sie fragen ihn: „Heathcliffe, what an extraordinary name?“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Mädchenhumor.“ „There was no possibility of taking a walk that day“ , sage ich und rate den schönäugigen Damen ihre Dorf und Tierarztbetrachtung doch an einem anderen Tag fortzusetzen. Die Damen heben Stöcke und Äste auf. „We survived a hurricane.“ Es fängt an zu regnen.

Später, dann stehen der D. und ich im Wind und wir werden für viele Stundne im Wind stehen und Notversorgung organisieren, über Baumstämme schlittern und müsste ich mich nicht so konzentrieren, so streckte ich der Ballettlehrerin, die mich damals als aus dem Kurs warf: „Das ist Ballett kein Elefantenzirkus“ die Zunge heraus, denn die Bäume sind glitschig und dennoch irgendwie kommt man herüber auf die andere Seite und dann machen wir das, was wir eben machen, seit so vielen Jahren schon. Später, so viel später, als wir zurückfahren, nach langen Stunden, da denke ich an den B. Der B. war ein Mann für den Englisch das Wort hunk erfunden hat, ein Baumstamm von einem Mann, Mountain Rescue, einer von jenen, die nicht mehr zurückkamen, damals aber, in einer anderen Nacht, einem anderen Land, wir bauten Zelte auf, da sah er, zu mir herüber und sagte: Feuer bringt die Menschen näher zusammen, Wasser aber verdrängt, aber Wind, Wind Read On, der Wind zerrt an den Nerven der Menschen, lässt sie schneller die Nerven verlieren als sonst. „Wind Read On makes humans snappy“, nimm Dich in Acht vor dem Wind, über dem Wind verliert man den Verstand. Damals sah ich ihn verwundert an, denn dort wo wir Zelte aufbauten, da war doch der Krieg. Aber er sollte Recht behalten, und als ich spät am Abend wieder zurückkehre in das kleine Dorf, da ist das Dorf rastloser als sonst, und auch der Tierarzt, der Sturmgeboren, der niemals die Ruhe verliert, ist unruhiger als sonst, steht wartend am Fenster und endlich dann vergraben unter dicken Decken, der Sturm schüttelt noch immer an den Wänden des kleinen, windschiefen Hauses, ich ahne wie Recht der B. hatte, der Sturm zehrt an einem, fährt einem unter die Haut, versteckt sich in den Knochen und am Ende des Tages sind drei Menschen tot und am anderen Morgen noch immer 245, 000 Haushalte in Irland ohne Strom.

20 thoughts on “Im Wind

    • Früher gab es ein Gesetz, welches den Tätern von Straftaten, die bei Föhn begangen wurden, mildernde Umstände zubilligte. Münchner können das sicher bestätigen, viele sehen ja auch so aus, als ob sie heute noch die Berufung auf mildernde Umstände bräuchten ;-D

      • @annesch @ferrer

        Ich wäre nicht ein winzig kleines bisschen verwundert wäre das wahr. Der Mistral kann noch jeden um den Verstand bringen. Aber sind die Münchner jetzt nicht alle in Berlin?

  1. „Na Heathcliffe, bist du soweit?“ *prust* Die Blicke der Grazien hätte ich gern gesehen.

    Gut, dass Ihr unverletzt geblieben seid ! Und es tut mir leid um die Sturmopfer und -verletzten.

    • Man muss dann ja leider auch ernst blieben und immerhin wissen die Damen jetzt wer die Bronte Schwestern sind…..

      Es war ein furchtbarer Tag und ganz Irland kommt erst langsam wieder zu sich. Allen Gewalten, zum Trotz…

  2. In den Worten von B. klingt etwas an, was mich an Walter Benjamins ‚Engel der Geschichte erinnert‘.
    „…….Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

    • Ich weiß nicht ob der B. Walter Benjamin kannte, aber etwas von jenen Trümmern und jenem Sturm, hat er wohl geahnt und gespürt und er hat Recht behalten, wie auch Benjamins Deutung immer nur richtiger wird, wenn auch immer schwieriger zu deuten. Danke, dass Sie mich an Walter Benjamin erinnert haben.

  3. Liebes Frl. ReadOn,
    Ihr Langmut ist beeindruckend. Ich kann das nicht immer aushalten. Manchmal fällt es mir schwer, langmütig zu sein. Vor allem, wenn die Menschen dumm sind!
    Aber manchmal (selten) hat man ja auch seine Freude an der Dummheit!
    Liebe Grüße aus dem süddeutschen Hochsommer (heute wieder über 20 Grad)
    Eva

    • Oh, ich bin abgehärtet, ich weiß nicht, ob es Dummheit ist, oder nicht mehr Überforderung mit immer schnelleren Informationsketten an deren Ende vor allem Verunsicherung steht?

      Ich beneide Sie um diese schönen Sommertage und grüße herzlich.

  4. Ich bin froh, dass Sie den Sturm so gut überstanden haben. Ich lese Ihren Blog schon länger und habe Sie in mein Herz geschlossen. Vielen Dank für das Teilen Ihrer Gedanken. Sie sind ein außergewöhnlicher Mensch.

    • Vielen Dank! Wir sind auch sehr froh, dass wir so glimpflich davon gekommen sind. Sie machen einem sehr kleinen Menschen zu große Komplimente, aber ich freue mich sehr, dass Sie hier mitlesen mögen.

  5. Ich mag den Wind, aber über die Zerstörungskraft des Sturmes bin ich immer wieder überrascht und erschüttert. Aber so ist es wohl, die Welt und ihre Phänomene sind und bleiben widersprüchlich…

    Über die Institutsanekdote habe ich herzlich lachen müssen. Ich weiß nicht, ob das nur an Universitäten oder an jeder größeren Institution passiert… Hier (ich arbeite auch an einer Universität) führte der simple Satz (mit dem wir gehofft hatten Klarheit und Planbarkeit herzustellen) „Im Rahmen von Seminar X finden, zusätzlich zu den regulären Seminarterminen (Wochentag + Uhrzeit) zwei Exkursionen statt: Exkursion Y am Tag A, Exkursion Z am Tag B.“ zu so vielen (aus unserer Sicht) fast obskuren Nachfragen, dass es schon schwer war den Langmut nicht zu verlieren. Aber ich würde ihnen zustimmen, „dumm“ sind die Leute nicht (was ist das denn, dieses „dumm“?), eher extrem schnell zu verunsichern… auch bei Informationen, die zumindest beabsichtigt haben ganz klar in ihrer Aussage zu sein.

    Liebe Grüße
    Anna

    • Der Wind hat ganz eigene Pläne und wir sind sehr froh unbeschadet davongekommen zu sein.

      Vielen Dank für Ihre Institutsanekdote, ich kann das gut nachfühlen und stelle oft und öfter fest, dass vermeintlich klare Informationen nur für noch größere Verwirrtheit sorgen und man beginnt wieder ganz von vorn.

    • Oh, das freut mich aber das Sie eine so gute Zeit gehabt haben und so viel von Irland gesehen haben.

      Wir sind auch sehr erleichtert, dass Haus und Dorf und Tierschar wohlauf sind.

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