Ein Morgen in Venedig

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Früh am Morgen, kurz vor sechs Uhr, da schläft Venedig noch, aber auch dies ist eigentlich nicht wahr. Natürlich schlafen nur die Touristen. Das Wasser schwappt gegen die Pfähle, gegen die Stufen, gegen das Ufer. Wir gehen eine dunkle Gasse hinunter. In einem Hauseingang raucht ein Mann eine erste Zigarette. Er lehnt mit dem Rücken an die Tür, und nickt uns freundlich zu. Wir nicken zurück und so leise, wie er raucht, gehen auch wir über eine Brücke mit Eisengeländer, halten uns links, um dann doch nach rechts zu gehen und schon liegt er vor uns der Marcusplatz. Leer, nämlich und still. Das Café Florian hat die Markisen noch eingerollt, die Stühle sind noch aufeinander gestapelt, nur eine Kehrmaschine kreist über den Platz und wir gehen durch die Torbögen hindurch und da ist das Wasser, dunkel, fast als träumte die Adria in der Nacht vom Atlantik und ich träume doch das ganze Jahr von südlichen Gefilden. Riva del Schiavoni und in den Hotels sind die Gardinen alle zugezogen, wir wandern weiter, weiter und weiter und mit uns geht das erste Licht. Ein Mann läuft mit seinem Hund und pfeift, ich glaube ein paar Takte Verdi, wir stehen am Ufer und am Ufer liegen die Gondeln, schwarz und mit gebogener Nase, gut verhüllt und die Sonne sie ist uns gewogen und legt uns einen goldenen Schal über die Arme, denn wir frösteln.

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Dann stehen wir vor dem Hotel Gabrielli-Neuwirth. Ein Portier gähnt. Dann legt ein Boot an, es sammelt die Hotelwäsche ein und dann tuckert ein Gemüsekahn vorbei und das Müllschiff kommt und der Portier macht ein wichtiges Gesicht. Aber wir bleiben hier nicht stehen, um endlich zu begreifen, wie eine Stadt wohl funktioniert, die auf Wasser gebaut ist und ob der Gemüsebootmann wohl frischen Mangold oder Spinat oder Jerusalemartischocken in den Kisten hat, sondern wir bleiben stehen, wegen Franz Kafka. Der blickte nämlich von einem der Fenster hinüber nach San Giorgio Maggiore. Franz Kafka nämlich löste hier seine Verlobung mit Felice Bauer. Auf Hotelbriefpapier. Damals hatte Hotelbriefpapier noch Illustrationen, aber ob Felice dafür Augen hatte, bezweifle ich sehr. „Ich laufe Traurigkeit fast über“ schrieb er ihr am 15. September 1913, der Blick ging weit über die Lagune hinaus und hier in dieser unwirklichen Stadt, kann man sich doch nicht verloben, nicht wenn einem der Boden doch beständig unter den Füßen schwankt, nicht wenn man doch kleiner und kleiner noch wird angesichts der Ewigkeit dieser Stadt. Und doch hat die P. meine Freundin, nach langen Minuten, denn die P. ist eine überlegte Frau, „JA“ gesagt in der Kirche, klein und stickig und dem Priester verrutschte der Schal und doch bleibt das Nein, von Franz Kafka mir eindrucksvoller in der Erinnerung, dabei ist es doch nur ein Blatt Papier. Die Sache mit Felice Bauer wollte ja auch bis 1917 hinein keine Ende nehmen. Da stehen wir also und ich schüttle den Kopf über mich, eine merkwürdige Sache ist es ja schon, diesem Franz Kafka so hinterherzulaufen, dann legt das Gemüseboot wieder ab und das Milchboot kommt an und wir gehen weiter und weiter am Ufer entlang.

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Am Ufer stehen jetzt Angler. Alte Männer, eine Thermosflasche, abgeschnittene Handschuhe, Sonnenbrillen und Angeln natürlich. Eine Frau macht Yoga und wir setzen uns auf eine Bank. Immer weiter steigt die Sonne. Dann plötzlich ein Schatten. Aber keine Wolken, kein plötzlicher Regenschauer, sondern vom Meer her, kommt der Schatten. Der Schatten ist ein riesiges Kreuzfahrtschiff. AIDA irgendwas. Auf jeden Fall aber riesenhaft groß. Ein dumpfes Brummen begleitet das riesige Schiff, das sich weiter und weiter in die Lagune hineindrängt, eine unheimliche Erscheinung, ein trojanisches Pferd, die Kirchenglocken beginnen zu läuten, vielleicht wie damals als die Serinissima sich vor Angriffen Zeit verschaffte, heute aber kommen Touristen und wir sitzen am Ufer und das Schiff schiebt sich an uns vorbei. Es ist gerade erst sieben Uhr. Die Touristen aber stehen in weißen Bademänteln oder bunten Schlafröcken auf den Balkonen oder an der Reling. Ein riesiger Bildschirm plärrt auf einem Deck und die Leute auf dem Schiff halten Selfiestangen in Richtung San Marco, eine andere Armee als die früherer Jahre, aber hochgereckt auch ihre Arme, hier gilt es Bilder zu erlegen, und viele Male blitzt es aus den vielen aufgeklemmten Fotoapparaten. Für einen langen Moment sitzen wir im Schatten des Schiffes und das Schiff verdeckt alles, verschluckt die ganze Stadt, saugt die Kulisse in sich hinein, ein langer Schatten, dumpfes Brummen und es schweigen die Angler, es pausiert die Frau mit ihren Yogaübungen und auch wir sitzen schweigend vor dem langen Schiff, und sind so erschrocken wie atemlos.

Dann aber kommen Sie, die Touristen. Sie kommen mit Fotoapparaturen. Ich glaube die teuren Kaffeemaschinen und Grillapparate werden jetzt von Kameras abgelöst, die jedem professionellen Fotografen die Schau stehlen könnte. Mit verbissener Begeisterung wird nun justiert, Freundinnen werden justiert, die Sonne beschimpft, für ihren dummen Winkel, und schwer sind die Apparate ja noch dazu. Tauben erdreisten sich das Motiv zu stören und werden hektisch verscheucht und auch unsere Rücken, wir sitzen ja noch immer auf der Bank am Ufer verursacht Unbehagen. Dann kommt ein chinesisches Pärchen, sie in Federboa und feinem Kleid, er in einem glänzenden Anzug, sie wollen Tauben um jeden Preis, die Verbotsschilder sind ihnen nichts, sie streuen Brot und schon umflattern, graue Straßentauben die Frau mit Federboa und es folgen viele Fotos. Die Amateurfotografen schließlich schleppen ihre Ausrüstung weiter und auch wir gehen zurück am Ufer entlang, in Richtung San Marco und schon sind auch wir verschwunden, in einer Traube aus Reiseführern, Reisegruppen, Souvenirverkäufern und einem Kölner Junggesellenabschied: „Downtown Ehrenfeld“ steht auf ihren T-Shirts.

17 thoughts on “Ein Morgen in Venedig

  1. Wie immer großartig erzählt und bebildert. Ich wünsche Ihnen beiden noch schöne Tage in Venedig.

    Und wer jetzt ohne das Fräulein Read On weiter virtuell durch die Stadt flanieren oder von La Serenissima träumen möchte, dem sei die Sendung des Schweizer Radiosenders SRF 2 Kutlur empfohlen:

    Venedig – Touristenstadt am Limit

    Die Sendung kann auch als MP3 heruntergeladen werden.

  2. Wunderschön haben Sie Ihren Morgen in Venedig beschrieben und mich damit in Urlaubsstimmung versetzt. Sehr passend übrigens, denn seit gestern bin ich am Meer und habe Ihren Eintrag heute mit besonderer Freude gelesen.
    Ich wünsche Ihnen schöne Tage in Venedig – genießen Sie die Zeit ohne anstrengende Nachtschichten und nervende Auszubildende.

  3. Diese riesigen Kreuzfahrtschiffe schaden auch Venedig, es zerstört das Fundament. Und so viele Leute auf einmal dann irgendwo, wie eine Hühnerfarm auf der Flucht.
    Ich war vor etwa 28 Jahren im Oktober in Venedig, da hatten mein lieber Männe und ich uns schon heimlich verlobt. Und da war die Stadt noch angenehm zu erleben. Klar hatte es tagsüber mehr Leute als abends, aber keine Massen.

    Ich brauche auch keine Ferien auf so Hühnerfarmen, ich pendle so und arbeite so, das reicht!

    • Es ist genau so wie Sie sagen. Es ist ein Elend, wie eine ganze Stadt, nur noch touristisch ausgeschlachtet wird. Umso schöner, dass Sie und Ihr Mann auf eine so besondere Verbindung zu dieser einzigartigen Stadt zurückblicken können.

  4. Ganz wunderbar, dieses Venedig-Stimmungsbild.
    Weiterhin viele schöne magische Momente in der Lagunenstadt, Ihnen und dem Tierarzt. 💒

  5. Venedig ist wirklich absolut einmalig. Hoffentlich kann es sich seinen Zauber noch lange bewahren, wenigstens zu bestimmten Tages- oder Jahreszeiten. Vielen Dank für diese schöne und – wie immer – sehr lebendige Schilderung. Und euch noch eine gute Zeit in Venedig !

  6. Pingback: Rascheln im Blätterwald | dame.von.welt

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