Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins. (2)

Tierarzt, sage ich, darf ich einen Moment um deine ungeteilte Aufmerksamkeit bitten? ( Der Tierarzt wälzt sich mit dem Hund auf dem Boden. Angeblich soll der Hund bald Briefe apportieren, aber eher wird Kälbchen Lieder singen, als das dieser Fall eintritt.) Der Tierarzt rappelt sich mühsam hoch. Der Hund liegt hechelnd auf den kühlen Fliesen. „Immer doch Mädchen“, sagt er und noch immer schnaufend. „Gut“ sage ich also“ und entrolle eine lange Liste. Selbst die Katze macht ein halbwegs interessiertes Gesicht. Also sage ich noch einmal:

4.41: Weckerklingeln: Read On steht auf richtet sich und Tee und Porridge

5.07: Read On verlässt das Haus und fährt ins Büro

6: 30: Weckerklingeln Tierarzt

6: 36: Tierarzt hat die Katze unter dem Kinn gekrault und steht auf.

7:00: Tierarzt verzehrt Porridge.

7:30: Tierarzt ermahnt den Hund eindringlich, dass dieser in den kommenden Tagen nur Bestes und Allerbestes Benehmen an den Tag zu legen hat. Auf keinen Fall möge der Hund eine Schneide der Verwüstung in das priesterliche Haus schlagen.

7:45: Manövrieren der Katze in den Katzenkorb ( Lachshäppchen zu diesem Behufe befinden sich im Kühlschrank.

8:00: Übergabe der Tiere an den Priester. Der Präsentkorb für den Priester steht auf der Kommode, der Apfelkuchen für den Priester steht auf der Bank an der Haustür. ( Bitte den Apfelkuchen nicht vergessen. ) Den Präsentkorb auch nicht und die Tiere erst recht nicht.

8: 15: Aufbruch zu Kälbchen. Abschiedshonneurs.

8:35: Beladen des Volvos mit: Festkleidung- hängt im Schlafzimmer, dem luggage holdall, der Reisehandtasche des Fräuleins einer Kiste voll Baklava ( steht auf der Bank vor dem Haus, neben dem Apfelkuchen. Bitte nicht verwechseln die P. hasst Äpfel.

9:05: Verriegeln der Haustür.

10: 00: Abfahrt Tierarzt stadteinwärts

11:00: Einsammeln des Fräulein Read On’s.

11.04: Abfahrt zum Flughafen

12:00 Flughäfliche Dinge vor allem aber Flug nach Venedig

14:30: Ankunft Venedig

15: 00: ( Das müssen wir schaffen ) Fahrt mit dem rasenden Vaporetto zum Hotel

15.35: Ankunft im Hotel zu den zwei goldenen Gondeln.

15:38: : Anlegen der Festkleidung, Richten der Haare, Polieren der Schuhe

15:50: Unverzüglicher Aufbruch. Unter keinerlei Umständen gilt es das ins Hotel gelieferte Geschenk ( Ankunft bestätigt ) zu vergessen.

Tierarzt: Mädchen, was schenken wir eigentlich der P?

Ich: Ein Espressoservice mit Goldrand und Goldfischen von ihrer Hochzeitsliste

Tierarzt: Glaubst du die fertigen auch Schüsseln mit Kälbchen an?

Ich: Ruhe jetzt: Das ist eine ernste Angelegenheit

15:50 225 Schritte nach links und 18 weitere Schritte nach Rechts: Ankunft im Blumengeschäft: Zu den silbernen Orchideen. Abholen des Straußes für P. Sowie der Orchideenblüte für mein Haar und der Rosenblüte für deinen Anzug.

15:55: Eilenden Schrittes begibt man sich nun in die Kirche Santa Cecilia della nostre Madonna und möglichst noch vor dem Kirchengeläut schaffen wir es das Geschenkgeschirr auf der Hochzeitstafel zu positionieren, der lieben P. und ihrem Fast-Mann Luftküsse zuzuwerfen und auf die Kirchenbank zu fallen, ohne dabei gleich eine Nonna tödlich beleidigt zu haben.

16: 00 Glockengeläut. Hochzeit. Taschentücher.

Hast Du lieber Tierarzt noch Fragen, Anmerkungen und Verbesserungswünsche?

Der Tierarzt legt die Stirn in Falten und denkt nach.

Schweigen.

Nach langen weiteren Minuten des Nachdenkens, der schweigenden Reflektion und innigen Meditation räuspert sich der Tierarzt und sagt: „Bitte Mädchen, gib bei den Abschiedshonneurs von Kälbchen noch zehn Minuten dazu.“

22 thoughts on “Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins. (2)

  1. Es stellen sich mir doch einige Fragen:
    1. Warum 4:41 und nicht eine runde Zahl, sagen wir 4 oder gar 45?
    2. Wie wird Kälbchen die Trennung verkraften (ich wage fast, hier eine Fortsetzung zu fordern)?
    3. Wie lange wird das Fräulein tanzen können, wenn es quasi mitten in der Nacht aufstand, um Porridge zu bereiten?

    Aber vor allem bleibt mir zu wünschen: Eine fröhliche Feier! Und stoßen Sie mal auf sich und die angegebene Arbeit an – nicht alkoholisch.

    • Das ist der geprobte Selbstbetrug ungerade Zahlen fühlen sich immer besser an. 4.40 wäre ja gemein früh, aber 4.41 Uhr ist ja schon richtig spät…Kälbchen ist so derart verwöhnt, dass ein paar Tage ohne Exklusivbetreuung hoffentlich heilsam sind und getanzt habe ich bis zum Anfang von Yom Kippur. Manchmal sind religiöse Vorschriften sehr gut für müde Füße…

      • Das hat sich natürlich außerordentlich gut getroffen. Welch Glück für des Fräuleins Füße.

        Auch wenn es verwöhnt ist: I like Kälbchen. Irgendwann besuche ich Kälbchen und bringe eine extra schöne Möhre mit. Und vielleicht begegne ich dann ja auch dem Fräulein, welches so ungnädig über Kälbchen-Ragout überlegte.

  2. Das soll jetzt mal unbedingt alles ganz hervorragend klappen (auch wenn wir dann weniger zu lesen bekommen). Wie schön – eine gemeinsame Reise und ein gemeinsames Fest, und das nach getaner – und abgegebener – Arbeit. Ich wünsche eine freudvolle und genussreiche Zeit, milde Temperaturen und schönes Licht in Venedig und rundherum viel Liebe, Lachen, Glück !

    • Vielen Dank! Ihre Wünsche sind alle auf das Wunderbarste eingetroffen und Venedig ist sehr gut zu uns und dass die P. Ja gesagt hat, ist ja auch eine ziemlich gute Sache. Herzliche Grüße!

      • Das freut mich sehr !! Auch der neue Beitrag über Venedig ist wunderbar. Und dann noch ein bisschen Sonne – herrlich.
        Und ihr habt’s wirklich „verdient“ – lasst es euch gut gehen und habt noch eine schöne Zeit in Venedig!
        Herzliche Grüße zurück !

  3. Ve!ne!dig!
    Es ist so schön, so zauberhaft da im Herbst.
    Die Farben, der zarte Nebel auf dem Wasser.
    So als ob man in ein Märchen gefallen wäre und nie wieder raus möchte.
    Die Orchideenebüte wird sicher wunderschön aussehen in den schwarzen Haaren.
    Eine gute Zeit wünsche ich.

    • Völlig unglaublich und der Welt enthoben ist diese Stadt. Eine Stadt wie ein Märchen und vor allem früh am Morgen ein Wunder an Licht.

      Ich glaube meinem Shetlandponyhaar stünde eine Karotte besser…

  4. Ich hoffe doch sehr, dass der Plan gut funktioniert hat, die Zeit in „la serenissima“ schön ist und die Tiere die Abwesenheit vom Fräulein und dem Tierarzt gut verkraften.
    L.G.Kari

  5. Vielen Dank für all die Geschichten, liebes Fräulein. Für die heiteren, die poetischen und die venezianischen, vor allem aber auch für die irisch-wettrigen, denn es tut gut, ein Tränchen vergiessen zu können, wenn einem grad danach ist. Eine schöne Zukunft für euch alle, und viele schöne Geschichten für uns, bitte. Es grüsst ein Fräulein aus Frankreich

  6. Pingback: Rascheln im Blätterwald | dame.von.welt

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