Vorzeichen

Am Morgen fährt der Sturm durch die Bäume. Schwarze Schatten hinter dem Fenster. Einmal versuche ich nicht an schlechte Omen zu glauben, aber auf dem Weg zum Zug bemühe ich mich doch nicht auf die Schatten zu treten, die die wankenden Bäume mir in den Weg werfen. Die Krähen, schwarz wie die Schatten der Bäume grölen grässliche Lieder. Aber einmal will ich nichts auf ihre schaurigen Moritate geben. Der Zug ist zu spät und die Lautsprecherstimme schnarrt etwas, das verdächtig nach einer Kollision von Zug und Brückenpfeiler klingt. Die expected delays aber will ich einmal nicht als Fingerzeig G*ttes werten, der auf mich zeigt und sagt: da geht sie, und ich will sie doch nur fallen sehen. Der Bus kommt und der Busfahrer hat Eckzähne als sei er der Vater aller Vampire, aber einmal will ich nicht annehmen, dass die Vampire der Welt nun nicht mich zum Ziel erkoren haben. Im Bus ißt eine Frau Haferbrei aus einem grünen Napf, sie hustet misslich und mit erhobenem Zeigefinger spricht sie mit Kräften, die ich nicht sehen kann. Einmal will ich hoffen, dass die Frau nicht mich verflucht. Ich sehe lieber auf meine Knie. Der Bus rumpelt über enge Straßen und dunkel bleibt es, auf dem Weg liegen und lachen die Schatten. Der Busfahrer flucht. Er verflucht seine Schwiegermutter, die Welt an sich, den Bus, den er eine jaulende Töle schimpft, er verflucht das Wetter, what a shite, schnauft er und dann hupt er. Auf der Straße aber ist kein Auto zu sehen, kein Motorrad, kein Radfahrer, die Straße ist stumm und leer, aber der Busfahrer hupt wie von Sinnen, nur um dann weiterzufluchen. Er flucht gegen Hubschruber und Fluor im Grundwasser und dann und wann dreht er sich um und bedenkt die Frau mit dem grünen Napf und mich finsteren Blicken. Eine Lampe im Bus flackert hektisch und die Zähne des Busfahrers glänzen verräterisch. Aber einmal will ich glauben, dass seine Flüche wohl an meinem Ohr vorbeisausen mögen. Mit quietschenden Reifen erreichen wir die Stadt. Türenschlagend verlässt der Fahrer den Bus, auch ich gehe, nur die Frau mit dem grünen Napf ist gegen das Fenster gelehnt, eingeschlafen. In der Stadt indes kommt zum Sturm auch noch der Regen hinzu, und die Regenkapuze, die den Rucksack vor der Durchnässung bewahren soll, reißt in zwei Teile, als ich sie über den Rucksack spannen will. Ich pfeffere das schadhafte Teil in den nächstbesten Mülleimer. Einmal will ich nicht an die Bosheit des Rucksackes glauben, der mir eine lange Nase dreht. Ein Glück ist der Wetterfleck so weit, dass ich den Mantel über den Rucksack werfe und zwar albern, aber dafür trocken das Institut erreiche. Die Alarmanlage pfeift. Die Auszubildende hat das Handbuch: Leitfaden für die Sicherung und Entsicherung der Alarmanlage verschwinden lassen und als ich danach suche, kracht mir eine Schublade auf den Fuß. Ich tanze wie Rumpelstilzchen, denn der Schubkasten war schwer, aber einmal will der Versuchung widerstehen anzunehmen, dass die Auszubildene mich mit komplizierten Verwünschungen belegt. Dann fällt mir ein, dass ich in meinem Büro eine Kopie des Leitfadens habe und endlich hört die Alarm auf zu pfeifen. Zwei Stunden später stecke ich einen usb-Stick in meine Hosentasche und warte an einer Ampel auf Grün: ein schwarzer Landrover heizt durch eine Pfütze: Platsch, eine mittlere Springflut und ein Fräulein mit nassen Schuhen und einem verschlammten Wetterfleck. Einmal will ich mich doch selbst überzeugen, dass der Fahrer mich nicht gesehen hat. Der Mann im Copyshop grunzt als ich ihm den usb-stick übergebe. „Setzen Sie sich dahin, sagt er“ und ich setze mich auf eine Eckbank auf der alte Taschentücher liegen. Der Mann tritt zweimal gegen einen Kopierer, bevor sich dieser röhrend und fauchend in Bewegung setzt. „Ähm, sage ich, glauben Sie das ist gut, wenn sie äh, gegen die Maschine treten?“ Der Mann sieht mich schweigend an. „Das Ding hat es nicht anders gewollt.“ „Das sagen Sie alle“, sage ich und der Mann funkelt böse zu mir herüber. „Ja wollen Sie das Ding nun gedruckt haben, oder nicht?“ Plötzlich kommen mir die Eckzähne des Mannes auch sonderbar spitz vor und sieht er nicht aus wie ein älterer Bruder des Busfahrers? Die Maschine aber rumpelt weiter und eine dreiviertel Stunde später, halte ich vier Stapel gedrucktes und gebundenes Papier in den Händen. Wieder hülle ich Rucksack, Stapel und mich in den Wetterfleck. Dann laufe ich zurück zur Universität. Nur fast spießt mich ein Rentnerehepaar mit ihrem Regenschirmen auf, aber ich will hoffen, es waren nicht die Eltern des Busfahrervampirs mit dem festen Willen, mich zur Strecke zu bringen. „Fräulein Read On“, kreischt die Auszubildende wir haben hier ein Riesenproblem. „Ab 13 Uhr“ sage ich können sie wieder Probleme haben, aber jetzt nicht.“ „Aber Fräulein Read On“, kreischt sie weiter, im Badezimmer sitzt eine Spinne.“ „So lange die Spinne nicht drei Meter lang ist, sage ich besteht kein Grund zur Sorge.“ Die Auszubildende stürmt schluchzend nach draußen: erst einmal eine rauchen.

Ich nehme den Papierstapel und gehe zweimal nach links, einmal nach rechts, und dann einen langen Flur entlang. Ich betrete ein Büro, räuspere mich zweimal und sage: Guten Tag, ich bin Fräulein Read On, und möchte meine Doktorarbeit abgeben.“ Der Mann hinter dem Tresen lächelt und holt einen Stempel. Seine Eckzähne sind überdurchschnittlich klein. Ich atme aus.

64 thoughts on “Vorzeichen

  1. Solange Sie den Wetterfleck, den Tierarzt und Ihr Vertrauen in das Gute haben, wird auch alles gut. Herzlichsten Glückwunsch zu Ihrer Leistung! Ich würde die Arbeit gerne lesen, auch wenn ich befürchte, sehr wenig zu begreifen 😉

  2. Ich lese hier schon laenger klammheimlich mit, ohne jemals zu kommentieren, aber heute muss ich doch etwas schreiben. Herzlichen Glueckwunsch! Was auch immer Sie nun tun werden, bitte erzaehlen Sie dem Internet weiter davon!

  3. „Zwei Stunden später stecke ich einen usb-Stick in meine Hosentasche und warte an einer Ampel auf Grün: ein schwarzer Landrover heizt durch eine Pfütze: Platsch, eine mittlere Springflut und ein Fräulein mit nassen Schuhen und einem verschlammten Wetterfleck.“
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    Es soll ja schon Fälle gegeben haben, wo der usb-Stick nach einer solchen Aktion einfach für immer verschwunden war. Und darauf die Dissertation. Und alle Sicherungskopien weg usw. usf.

    So wird es aber nun bald heißen: Berlin, nun freue Dich. Und feiere. Dublin, Du auch. Mit einem kleinen Dorf ganz in der Nähe.

    Geben Sie einfach kurz zuvor ein Signal. Ich werde dann hier am Abend der Feier hinunter in den Keller gehen, eine Leonardo-da-Vinci-Silverster-Feuerwerksbox unter den Arm klemmen, hinaus in den Garten gehen – und mitten im Jahr ! – die Feuerwerks-Fontänen steigen lassen hinauf in den nächtlichen Himmel. Sie werden zu sehen sein bis Berlin und – bei sehr guten Lichtverhältnissen … – bis nach Dublin. (So daß der Tierarzt sagen kann: Kälbchen, Du wirst es nicht glauben, aber diese Deutschen, diese phantastischen Deutschen, die haben Feuerwerksraketen, die man bis hierher sehen kann …)

    Heute Abend aber schon einmal meinen allerherzlichsten Glückwunsch !

    (Und ja, Ihre Großmutter wäre – besser noch: ist – stolz auf Sie …)

    • Sie sind großartig! Ich werde Bescheid geben, wenn es soweit ist. Wahrscheinlich ist die Verteidigung im Januar die Gutachter müssen sich das Mammut zu Gemüte führen! Der Freundeskreis Deutschland wird genannt stehen und murmeln: Dieses Deutschen Sie können es einfach und selbst Kälbchen wird wohl Augen machen.
      Danke. Ich bin sehr gerührt.
      Meine Großmutter wäre hin und weg und mir wohl auch ein bisschen Gram: Kind, Deutsch ist immer auch die Wissenschaftssprache der Juden gewesen….

  4. Herzlichen Glückwunsch! Ich liebe Ihre Texte. Die Doktorarbeit ist sicherlich brillant – auch mich interessiert, in welcher Fachrichtung oder gar zu welcher Thematik Sie geschrieben haben. In einem bin ich sicher: Sie wird die Welt ein Stückchen besser machen. Ihr Blog tut das für mich mit jedem Post. Danke!

  5. Herzlichen Glückwunsch!
    Hab letzte Woche meine Masterarbeit abgegeben und kann mir grad so wenig wie noch nie im Leben vorstellen, jemals das Durchhaltevermögen für eine Doktorarbeit aufzubringen.

  6. WOW, cool, super! So viel Arbeit auf dem Papier!!! Aber nur als Papier Haufen?

    Meine Bachelor Arbeit in BWL musste als Buch mit festem Deckel gebunden abgegeben werden. Ich habe die Exemplare, so vorsichtig, getragen wie früher meine Babys.

  7. Besäße ich auch nur irgendeinen Hut, ich würde ihn respektvoll ziehen. Irgendwann müssen Sie mir erzählen, wie man in dieses Land kommt, in dem die Tage so deutlich mehr als 24 Stunden haben, um all das unterzubringen, was Sie schaffen. Respekt. Glückwunsch. Anerkennung. Lehnen Sie sich zurück und feiern Sie das. Ich wünsche Ihnen sehr, dass die vom Herzen gepurzelten Steine für ein klein wenig mehr Leichtigkeit sorgen.

  8. Well done! Wenn die Doktorarbeit nur annähernd so gut geschrieben ist wie die Blogeinträge, die ich immer mit größtem Vergnügen lese, haben die Korrektoren eine wirklich lesenswerte Lektüre vor sich.

  9. Wie schaffen sie das nur alles? Bewunderungswürdig, zu all Ihren Aufgaben nebenbei noch ne Doktorarbeit geschrieben, dürfen wir hier auch noch regelmäßig sehr gute, in jeder Beziehung, Blogbeiträge lesen. Da haben Sie ja gar keine Zeit zum schlafen…

  10. Einfach phantastisch !! Ich konnte die Spannung kaum aushalten, und dann soooo ein gutes Ende !! Die Doktorarbeit – wie wunderbar, schön, herrlich, überirdisch.
    Ganz herzlichen Glückwunsch zum Abschluss der Arbeit und zur erfolgreichen Abgabe. Ich bewundere sehr, wie du das alles schaffst, und wünsche viel Erfolg und weiterhin viel Energie. Alles Gute !

      • Nachdem ich gelesen habe, um welches Thema es geht, bin ich erneut außer mir vor Erstaunen und Bewunderung. Das ist ja nochmal etwas ganz anderes – unglaublich, was alles in deinen Kopf und dein Leben passt !! Genieße noch ein wenig die neue Leichtigkeit und das schwebende Gefühl: geschafft, geschafft. Es ist so toll !
        Und eines Tages möchte ich auch deine Arbeit lesen und mich daran freuen, wie die kleinen Vampire sich auf jeder Seite zusammenkauern und verkriechen: gegen so viel Energie, Tatskraft und Lebensfreude kommen wir nicht an, diese da ist immun, da können wir uns nur verstecken.
        Nun wünsche ich noch ein wenig Herbstsonne, damit du das neue Lebensgefühl so richtig auskosten kanst.

  11. Oh, alsbald also Fräulein Doktor Read on – wie wuchtig! Aber macht sich nicht schlecht, oder?
    Und daran werden sich selbst Kleinvampire die Zähne ausbeißen müssen. Ebenfalls herzlichen Glückwunsch!

    • Merci! Sodenn ich das Viva überlebe dann wirklich Fräulein Dr… das ist zum Lachen, ich die Katastrophenschülerin…ich hoffe die Vampire machen nächstens einen großen Bogen um mich…

  12. Gratuliere! Bewundernswert, wie Sie Ihre Zeit nutzen, geradezu beneidenswert. Ich wünsche eine großartige Feier mit all den wichtigen Menschen in Ihrem Leben in Ihrer Nähe. Bin gespannt, welche Aufgabe Sie sich als nächstes zum Ziel setzen und wünsche Ihnen dabei ebenfalls viel Erfolg. Und Geduld mit der Azubine 😉

  13. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg. Ich habe es nur zu einer Diplomarbeit geschafft und kann den Moment der Abgabe trotzdem nur zu gut nachvollziehen.

  14. Von einer treuen, sehr begeisterten und bislang auch leisen Leserin, die hinter dem Laptop über der eigenen Doktorarbeit schwitzt: Sehr, sehr, sehr herzliche Glückwünsche! (angereichert mit einer ganz kleinen Prise Neid und der allergrößten Hochachtung) Mögen die irischen Vampire weiterhin einen Bogen um Sie machen und die Herbstsonne Sie gebührend feiern!

  15. Allerherzlichsten Glueckwunsch einmal ueber den grossen Teich! Sie koennen stolz auf sich und Ihre Leistung sein! Toi toi toi fuer das, was als naechstes kommt. Ich hoffe (zugegebenermassen nicht ganz uneigennuetzig), Sie halten uns auf dem Laufenden.

  16. Liebes Fräulan ReadOn,

    herzlichen Glückwunsch und einen großen Brocken Respekt vor ihrer Leistung! Ich lese schon eine ganze Weile hier still mit (bin über den Hern Buddenbohm reingestolpert) und bin sehr beeindruckt, was sie erlebt haben, wie sie leben und wie sie darüber schreiben können. Damit meine ich sowohl die lustigen, wie auch die nachdenklichen oder traurigen Texte.

    Vom einfachen mitlesen hätte ich Sie deutlich älter eingeschätzt, aber durch diesen Post und die Geschichten über ihre Großmutter ist mit klar geworden, dass sie ähnlich alt sein müssten wie ich – und jetzt weiß ich nicht ob ich froh oder traurig sein soll, dass mein Leben so ganz anders verläuft als Ihres.

    Durch ihre Texte wird klar, was für ein toller Mensch Sie sind. Und dafür möchte ich jetzt einfach danke sagen! Und danke, dass Sie uns alle daran teilhaben lassen.

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