Sonntag

„Wir haben gewählt“, sagt meine liebe C. am Telefon und gähnt „ dein Vater trug zur Wahl einen besseren Anzug, als zu unserer Hochzeit“ fährt sie fort. Da ich bei dieser Hochzeit anwesend war, kann ich mit gutem Gewissen sagen: „Du meine liebe C. warst noch strahlend schöner als sonst und alle Anwesenden wünschten sich heimlich, Du hättest ihnen das Ja-Wort gegeben.“ „Süße, sagt die liebe C. Du machst mich ganz verlegen.“ Ich werfe Küsse ins Telefon und meine liebe C. sagt: „jedenfalls habe ich alles gegeben und ich schwöre Dir, wer auch immer aus unserer kleinen Stadt in den neuen Bundestag gewählt wird, der ist auf Aufklärung eingeschworen. Es ist nämlich so, dass Kandidaten aller Parteien bei der lieben C. in Behandlung sind und wann immer ein Kandidat das Sprechzimmer betrat und hollerte: „Na Frau Doktor, Sie wählen doch…..mich?“ Da lächelte Frau Doktor schüttelte ihre goldenen Ringellocken und hielt den Aufklärungsvortrag: bestes Präventionsmittel- so notwendig wie die Luft zum Atmen- starke Männer brauchen keine Gewalt- flächendeckend über Sex reden- schändlich, dass Aufklärung in keinem Wahlprogramm zu finden ist“, spätestens dann schworen die Kandidaten, dass Aufklärung auch ihr Lebensziel sein und die liebe C. ist zuversichtlich, dass wann immer die Kandidaten des Städtchens im Bundestag das Wort ergreifen ihre Reden mit: „Aufklärung, wie brauchen mehr Aufklärung“ beginnen.

Ich applaudiere meiner lieben C. und die C. reicht mich nach vielen weiteren Telefonküssen an meinen Vater weiter: mein Vater teilt mir seine Wahlentscheidung in Form eines Rätsels mit, das ich mit nachtschichtzermatschtem Kopf kaum lösen kann, noch dazu zieht der Tierarzt an meiner Strickjacke und zischt beständig: please Mädchen pass the phone to me. Der Tierarzt aufgeregter als Frau Merkel will nämlich einen Livebericht von der Wahlurne. Dann beraten der Tierarzt und mein Vater sehr lange und als der Tierarzt mir mein Telefon zurückbringt, murmelt er andächtig das Wort „Sondierungsgespräche“ vor sich hin und rennt hinüber zu Kälbchen, um auch dieses in das komplexe deutsche Wahlsystem einzuweisen: ‚no more bad surprises from Germany.“

Ein Fahrradrennen führt auch durch unser Dorf und der Priester muss mit saurer Miene Radfahrer und ihre Drahtesel segnen. Der Priester seufzt und murmelt wahrscheinlich Flüche, aber die Radfahrer lächeln beseelt und fahren klingelnd los. Die Frau des Krämers verkauft Scones auf der Straße und lässt sich mit sehr muskulösen Radfahrern in sehr engen Hosen ablichten und erklärt dem Priester, dass sie bei einem Radfahrer in besonders anziehenden roten Hosen auch einmal hingelangt hätte. Das Gesicht des Priesters wechselt von zahnschmerzgeplagt zu zitronensauer. Dann schreit die Frau des Krämers: „Fräulein Read On, hier gibt es so viele Männer, suchen Sie sich doch einen aus und der Tierarzt ist frei für meine Tochter.“ „Frau des Krämers sage ich ernst, dies ist hier doch ein Radrennen und nicht der Fleischmarkt.“ Die Erwiderung der Frau des Krämers sei hier aus Gründen des Anstandes und der Sittlichkeit nicht wiederholt. Meine Freundin G. und ihr Gefährte fahren auch mit, ich stecke den beiden eine Blume an den Lenker und eine Banane so wie Schokoriegel in die Radfahrerdresstaschen und winke begeistert. Die G. und ihr Gefährte zischen los und der Tierarzt hat mit Kälbchen indes die politischen Entwicklungen Deutschlands diskutiert und kauft mir auch einen Himbeerscone.

Die Radfahrer fahren Rad, und der Priester kommt zu einem sehr späten Lunch-Brunch-Munch-Frühstück zu uns herüber, es gibt sehr viel Rührei und der Tierarzt und der Priester üben sich an der Aussprache des Wortes: Überhangmandat und seufzen über die immer schwierigen, deutschen Dinge. „That’s German Angst“, sagt der Tierarzt und schlürft Sanddornsaft. Der Priester erzählt von einem deutschen Pater, dessen Familie immer geschlossen abstimmte, die Parteistimme wurde dort über Generationen vererbt.“ Der Tierarzt grunzt und murmelt etwas von „irischen Zuständen.“ Der Hund, dieser Gierschlund will natürlich auch vom Rührei abbekommen und benimmt sich noch desaströser als sonst und versucht das Tischtuch vom Tisch zu reißen. Der Hund ißt sein Rührei dann vor der Tür. Die Katze will auch Rührei kann das vor dem Hund aber schlecht zugeben, und atmet erleichtert ob seiner Verbannung auf. Dann speist die Katze Rührei von einer weißen Untertasse und als ihre Hoheit fertig ist, schwenkt sie den Schwanz: „der Teller darf abgetragen werden.“

Der Tierarzt und der Priester waschen ab, ich lege mich schlafen, der Hund kaut verdrossen auf der Fußmatte, die Katze schläft, es regnet, denn es wäre ja sonst nicht Irland, irgendwann kommt der Tierarzt ins Zimmer und streckt sich neben mir aus. Im Halbschlaf höre ich ihn murmeln: Erststimme. Zweitstimme und ich lege ihm die Hand auf die Stirn: „Nach der Wahl ist vor der Wahl.

4 thoughts on “Sonntag

  1. Liebes Frl. ReadOn,
    ich sitze hier in Süddeutschland auf meinem Balkönchen in der Sonne, trinke Kaffee, freue mich des Lebens und über diese wunderbare Fabulierkunst. Ich schicke die besten Grüße an Kälbchen, den Tierarzt und Dich nebst wärmenden Sonnenstrahlen!
    Herzliche Grüße,
    Eva

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