Fünf vor Zwölf

Kalt ist der Morgen und kalt ist mir nach der Nachtschicht. So kalt, dass mir die Zähne klappern, die Kälte hat sich irgendwann in der Nacht in meine Knochen gegraben, hat sich unter meine Haut gelegt, sich in die Fingernägel verbissen, krallt sich in meine Kopfhaut und hält sich fest an meinen Zähnen. Kalt ist mir und noch ist es dunkel, aber die Wolken wärmen nicht und der Mond ist anders als gestern Abend nicht mehr mild und sonnengelb, sondern ein grauer, ein dunkler Schatten, mit kalten Augen und wer weiß das schon, vielleicht auch einem erkalteten Herzen. Der Tierarzt steht auf dem Parkplatz und alles an mir klappert, denn mir ist so unendlich kalt. „Komm“, sagt der Tierarzt und im alten Volvo beschlagen die Scheiben. „Willst du mir von der Nacht erzählen?“, fragt der Tierarzt. Aber ich schüttle den Kopf und klappere mit den Zähnen.

„Komm“, sagt der Tierarzt, wir machen etwas Verrücktes.“ Der Tierarzt hält an einer Tankstelle an, Apple Green heißt sie, es riecht nach Benzin und im Laden der Tankstelle singt eine Frau von glücklichen Nächten. Der Tierarzt, kauft zwei Becher heiße Schokolade, ausgerechnet der Tierarzt, der noch drei Heidelbeeren die Kalorien zählt. Wir nippen am Kakao und der Tierarzt legt seine Hand auf mein Knie: „Damals als wir Kinder waren, hat meine Mutter Kakao gekocht, eine himmelblaue Kanne, und ein zerbeulter Emailletopf, und dann bricht der Tierarzt den Satz einfach ab und ich starre auf den roten Pappbecher mit der süßen Milch, der Tierarzt schüttelt den Kopf. Die Sätze über unsere Mütter führen nirgendwohin. Der Tierarzt wirft die Pappbecher in den Mülleimer und wir fahren weiter, bis ans Meer. „Jetzt im September ist das Wasser so warm wie nie sagst du Mädchen, und ich nicke. Ich binde mir die Haare fester zusammen und der Tierarzt hält Hose, T-Shirt, Wäsche, Socken und Pullover und ich laufe in das Wasser hinein. Das Meer leckt an meinen Füßen und das salzige Wasser legt sich mit der Kälte über meine Knochen. Ich schwimme immer in dieselbe Richtung, fast immer mit geschlossenen Augen und über mir reißt der Himmel auf. Eine kalte, blaue Wand, so als würde der Mond zum Ende der Nacht, die Schatten mit einer langen, kalten Dusche vertreiben wollen. Dass versuche ich ja auch schon seit Jahren, aber das kalte Wasser hilft nicht gegen die Schatten meiner Nächte und ich schwimme zurück ans Ufer und wenn schon nicht warm, dann bin ich wenigstens gut betäubt.

 
Zurück im Oberland, schließt der Priester gerade die Kirchentür zu. Der Priester geht zum Beten vier oder fünfmal am Tag nach St. Sylvester herüber und irgendwann fragte ich ihn einmal, ob er G*tt wohl eher im Kirchenschiff denn am Schreibtisch erwarte. Aber der Priester schüttelte den Kopf und sah mich an: „Fräulein Read On, als ich damals im Priesterseminar war, da habe ich das geglaubt, dass G*tt sich hereinschliche zu einer selbstgewählten Stunde, aber wenn das so einfach wäre und G*tt nichts weiter als ein höhergestellter Verwaltungsbeamter, der sich unserer Anliegen annähme, dann wären die Kirchen doch voll und die Frau des Krämers müsste nicht wieder und wieder mir erklären, dass sie gern eine neue Couchgarnitur hätte. Nach St. Sylvester hinüber gehe ich wegen des Lichts. Ich nickte und nicke auch heute Morgen und der Priester schneidet eine gelbe Rose für mich ab. „Für Sie Fräulein Read On“ sagt er, ich danke und dann fast schon scheu: „G*ttes Segen für Sie.“ Ich nicke noch einmal und der Priester und ich, die wir beide Gefühligkeiten misstrauen noch dazu religiös parfümierten, sind ernster als sonst miteinander.

Ich putze mir die Zähne und heißes Wasser läuft über meinen Rücken hinunter, ich leihe mir ein Tierarzt-T-Shirt und der Tierarzt deckt mich zu. „Wann musst Du los?“, frage ich und der Tierarzt sieht auf den alten Wecker, der auf dem Nachtkastel steht. Eine Stunde, sagt er und zieht sich den Pullover über die Schultern und ich drehe meine Füße in seine Knöchel hinein. Der Tierarzt riecht nach Kakao, Sandelholz und ihm selbst. „Danke“, sage ich und der Tierarzt vergräbt sein Gesicht in meinem Nacken. Ich bin so müde, aber noch nicht müde genug, um nicht noch einmal zu fragen: „Tierarzt, deine Mutter, die himmelblaue Kanne, der Emailletopf.“ Für eine ganze Weile sagt der Tierarzt nichts, nur sein Herz schlägt gegen meinen Rücken und ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht doch schon eingeschlafen bin, aber dann sagt der Tierarzt, das was ich schon ahnte, denn es sind die Geschichten meiner langen Nächte: „immer, wenn mein Vater mich oder meinen Bruder schlug, kochte meine Mutter Kakao.“ „Vielleicht murmelt der Tierarzt“ hat es damals angefangen, aber ich weiß es nicht mehr genau, nur, dass ich mich übergeben musste von der warmen Milch und der süßen, immer klumpigen Schokolade.“ Dann schlug meine Mutter mich: „Was bist du nur für ein undankbares Kind“ und der Tierarzt, der doch so viel größer ist als ich, vergräbt sich für eine dreiviertel Stunde in mir, so als könnte man sich auch noch nachträglich, viele Jahrzehnte später, verstecken, vor den Schlägen und dem Kakao in der himmelblauen Kanne.

Dann klingelt der Wecker und der Tierarzt geht ins Bad, als er zurückkommt, zieht er den Wecker für mich auf. „Wann willst Du geweckt werden, Mädchen?“. „Fünf vor 12 Uhr“ sage ich und der Tierarzt sieht mich lange an.

 

 

38 thoughts on “Fünf vor Zwölf

  1. Kakao kochte uns meine Mutter in der blauen Stiehlkasserrolle, wenn wir noch dem Rodeln durchgefroren nach Hause kamen. Und geschlagen hat sie nie jemals irgendeinen, denn sie war der friedfertigste Mensch, den ich kannte.
    Nur einmal, da hat sie im Pfarramt den Schreibtisch mit allem was drauf stand, mit Krach umgeworfen; denn die Diakonisse hatte mir in der Religionsstunde eine Ohrfeige gegeben. Das arme Fräulein E. mußte sich dann bei mir in der nächsten Stunde entschuldigen.
    Bei vielen Geschichten hier im Blog muß ich an meine Eltern denken; ich vermisse sie sehr.

    • Danke, dass Sie Ihre so schöne Geschichte und die Erinnerung an Ihre Mutter mit uns teilen. Ihre Mutter stelle ich mir als eine großartige Frau vor und die Diakonisse hat bestimmt nie wieder Kinder geohrfeigt! Von Herzen Dank!

  2. Wie gut, dass Sie einander haben und sich festhalten können, damit die Stürme des Lebens Sie nicht wegpusten. Manches lässt sich besser ertragen, wenn man es teilen kann. Ich wünsche Ihnen Beiden viel Kraft; passen Sie gut aufeinander auf.

  3. Offenbar mochte der Tierarzt jetzt Kakao, sonst hätte er nicht danach gerochen.
    Schlägefrei habe ich Kakao jahrzehntelang gemieden. Im Kindergarten musste ich ihn trinken, samt der Haut, vor der ich mich so geekelt.
    Heißen Kakao zu mögen, habe ich gelernt, mit der Frau, die mir die Liebste war. Anfangs mit einem Schluck aus ihrem Becher.

    • Kakaohaut ist grausig. Erstaunlich wie sehr unsere Erinnerungen an Geschmack und Konsistenz gebunden sind. Der geteilte Becher ist ein besonders schönes Symbol. Auf die Liebe also!

  4. Einen heißen Kakao koche ich meinen Kindern, wenn draußen die ersten Herbststürme an den Bäumen reißen, wenn sie morgens zu müde oder zu aufgeregt sind einen Happen zu essen, wenn die Kälte eines schrecklichen Traums nicht weichen will, mitten in der Nacht und zu vielen anderen Anlässen mehr. Und stets steht dabei eines an meiner Seite, kriecht beinahe in mich hinein, während ich leise und beständig im Topf rühre.
    Ich dagegen wünsche mir, dass sie das mitnehmen in ihr Leben und für sie der Geruch nach warmer Milch und Kakao verknüpft ist mit dem wohligen Gefühl im Arm gehalten zu werden und selbst, wenn sie mich eines Tages um Längen überragen noch Trost und Zuversicht in dieser Erinnerung finden.

    Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie eine solche Erinnerung haben, an der Sie bei Zeiten festhalten können und ein klein wenig mehr noch, dass Sie für andere mit einer solch beruhigenden Erinnerung verbunden sein mögen.

    • Haben Sie von Herzen Dank für Ihre schönen Kakao Geschichten und ihre guten Wünsche. Ich habe sehr viel Glück mit Ihnen allen, die Sie hier lesen und die sie mir ihren Kommentaren hier eine traurige Erinnerung nicht mit Stille, sondern mit anderen Bildern füllen. Das berührt mich sehr.

  5. Das Leben soll sie beide warm umarmen.
    Wenn es anfängt, dass sich, gerade dann wenn wir am schutzbedürftigsten sind, Essen mit Strafe, Lüge und Schmerz verbindet, dann zerbricht eines der zarten Gefäße in unserem Inneren und ich weiß nicht, ob es überhaupt möglich ist, dieses jemals wieder heilend zu einem Ganzen zu verbinden …

      • Also, wie Sie schon gemerkt haben, ist dieses Blog ein Privates, hätte ich daran Interesse, das mein Leben zum Zugreifen ausgebreitet ist, täte ich das. Da dem nicht der Fall ist, sondern ich ein Leben habe an dessen Geschütztheit mir liegt, sind die Texte, die es hier gibt, die einzige Antwort auf Ihre Fragen.

      • Ich wollte keineswegs in Ihre Privatsphäre eindringen. Und meine sind auch nicht irgendwie aggressiv oder aufdringlich gemeint, sondern nur von einer (allerdings unstillbaren) Neugier getrieben. Dass ich Ihre Texte liebe, wissen Sie ja. Also nehmen Sie mir bitte meine penetrante Fragerei nicht übel.

      • Ich kann Ihre Neugier durchaus nachvollziehen. Letztlich macht es doch aber für uns Leser gar keinen Unterschied, ob Read On Nachtschichten als Ärztin, Krankenschwester, Sozialarberin oder Sonstwas Nachtschichten macht.

  6. Zu Kakao fallen immer wieder die alten Geschichten um den Bischof von Chiapas ein, don Bernardino de Salazar, der über die hohen Damen erbost, die heisse Schokolade während der ewig langen Messen von ihren Dienstmädchen in die Kirche gebracht bekamen, diese mit der Exkommunion drohte. Es kam angeblich zu einem Aufstand. Kurz Zeit später war der Bischof tot, angeblich mit einer Tasse Schokolade vergiftet. Ob er dafür wenigstens in den Himmel kam?
    Später wurde lange darüber diskutiert, ob Schokolade ein Getränk oder eine Mahlzeit sei. Ein Getränk wäre in Ordnung, aber sollte es sich um eine Mahlzeit handeln, so würde man damit das Fasten brechen, womit man nach dem Tod länger im Fegefeuer auszuhalten hätte. Es scheint, es ist doch nur ein Getränk. Nach dem Tod werde ich wohl endgültige Sicherheit darüber erlangen, wenn ich nicht schnurstracks kopfüber in die Hölle komme.
    In Spanien wird gerne Schokolade mit Churros oder Porras gefrühstückt, es gibt zu diesem Behufe Läden, die sich auf diese Kalorienbombe spezialisiert haben: die Churrerías und die Chocolaterías. Diese Schokolade ist sehr dickflüssig, dunkel und aromatisch. Damit könnte man Tote zum Leben erwecken, oder wenigstens einen Kater auskurieren: ein großartiges 24/7 Frühstück. Unbedingt empfehlenswert, wenn man in Spanien, besonders in Madrid weilt. Was auf gar keinen Fall erlaubt ist, sind Klümpchen.
    Was auch nicht geht, donferrando, sind Stiehlkasserrollen. Kasserollen stiehlt man nicht 😉

  7. Liebes Fräulein Read on, Sie beide kommen mir manchmal vor wie zwei Ertrinkende, die sich aneinander festhalten. Ihre Geschichten sind herzzerreissend. Und dazwischen wieder so lustige! Alles Liebe und viel viel Kraft für Sie beide!

    • Ich glaube ja, dass in jedem Lachen schon die Trauer liegt und dass es auch Lachtränen gibt, widerspricht dem ja nicht. Ich glaube es gilt im Leben beides auszuhalten und Kraft und Liebe wünsche ich Ihnen auch!

  8. Ich war heute morgen mit meinem Mann Haare schneiden. Wenn wir fertig sind, geht die Friseuse immer ins Café nebenan und kauft Kaffee oder ähnliches für uns. Heute war es heiße Schokolade, denn auch in Tokyo wird es langsam kälter. Als ich glücklich an meiner heißen Schokolade nippte, wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass dieses Getränk für jemand anders eine solche Assoziation wecken könnte.
    Hoffentlich reißt die heiße Schokolade keine weiteren alten Wunden auf, und hoffentlich finden Sie ein Heißgetränk, dass entweder unvorbelastet ist oder sogar mit schönen Erinnerungen verbunden werden kann. Kamillentee?

    • Danke für Ihre schöne Geschichte aus Tokio- ist der Kakao bei Ihnen auch so süß wie hier? Ich finde es wirklich schön alle ihre schönen Kakaoerinnerungen zu lesen. Ich trinke für mein Leben gern Kräutertee und der Tierarzt hat sich ja sehr mit warmen Sanddornsaft angefreundet…

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