Die Sache mit Rosalie oder das Ende des Sommers.

Ich schneide Tomaten und dann klopft es gegen die Tür. Der Tierarzt verdreht die Augen: „Die Frau des Krämers.“ Die Frau des Krämers ist außer Atem und schreit: „Sie müssen kommen.“ Sofort. In ihrer Hand hält sie einen zerbrochenen Besenstiel. „Warum?“, fragt der Tierarzt. Die Frau des Krämers hechelt: „Streit. Feriengäste. Blut. Rosalie.“
Wir rennen der Frau des Krämers hinterher. Wie fast alle im Dorf beherbergen auch der Krämer und seine Frau Feriengäste. Die Jugendlichen machen einen Sprachkurs in Dublin und wenn sie keinen Sprachkurs in Dublin machen, dann sollen sie in Gastfamilien das Flair des irischen Lebens kennenlernen. Die Jugendlichen kommen aus den Dörfern Oberitaliens, aus spanischen Städten, die keiner kennt und aus Offenbach. Bei der Frau des Krämers wohnen also seit Mitte Juli Armando und Fernando und beim Hühnernachbarn in der Mansarde leben seit fast vier Wochen Timo und Enrico. Als wir den Dorfladen erreichen, fehlen Armando zwei Zähne, Fernando blutet aus der Schläfe, Timo hält sich die Rippen und Enrico hat ein blaues Auge. Der Krämer steht zitternd zwischen den jungen Herren und sagt: „Wie die Vandalen!“ Mit dem Besenstiel musste ich sie trennen.“ Die vier Jungen sehen vertrotzt auf den Boden. „Tierarzt sage ich: Fernando muss genäht werden und das blaue Auge muss sich auch gleich jemand ansehen.“ Der Tierarzt seufzt und nickt, dann sprintet er zurück ins Oberland und holt den treuen Volvo. Ein Junge nimmt neben dem Tierarzt Platz, während der andere in den Fond klettert. Ohne Sicherheitsabstand geht es nicht. Dann fahren der Tierarzt und die Buben ins Krankenhaus. Zurück bleiben Armando, Timo und ich. Trotz des Sprachkurses in Dublin nämlich hat die Frau des Krämers nicht herausfinden können, warum der Streit erst entbrannte und dann im Faustkampf endete.

„Timo, sage ich also mit bester Gouvernantenstimme, was ist denn passiert?“
Timo spuckt auf den Boden: „Wir sind stolze Offenbacher“, brüllt er und will Armando wieder an den Kragen. Aber dazwischen stehe ja ich. „Ruhig, ruhig“, sage ich.
Mein Spanisch ist non-existent, aber immer habe ich breites Südfranzösisch vorrätig und sehe fragend zu Armando herüber, der springt auf und hält mir sein Telefon entgegen: Rosalie! Mi corazón! Dann schlägt er sich mit der Hand auf die Brust etwa dort, wo er sein Herz vermutet.
Das Mädchen auf dem Bild hat große, geschminkte Augen und trägt einen Haarreif mit Katzenohren und auf dem Bild liegt ihr Arm um einen selig grinsenden Armando geschlungen.
Schon aber springt Timo auf und hält nun seinerseits ein Telefon vor mein Gesicht: „Rosalie, liebt nur mich.“ Auf dem Bild lächelt das gleiche Mädchen mit großen Kulleraugen und gespitzten Mund in die Kamera. An ihrer linken Hand hält sich ein selig grinsender Timo fest.

Dann stehen sich die beiden jungen Herren gegenüber, zerrissene T-Shirts, lädierte Gesichter, Löcher in den Hosen und überhaupt umgibt sie etwas äußert Derangiertes, ich stehe in der Mitte und über meinen Kopf hinweg strecken Armando und Timo ihre Telefone in die Höhe und dann schreit es :

Armando: Rosalie! Mi vida!

Timo: Rosalie! MY BAE!

Armando: Rosalie, Mi amada!

Timo: Rosalie ist Bling.

Armando: Rosalie, Mi querida!

Timo: Rosalie ist meine Kirsche

Armando: Timo, el bicho!

Timo: Ey willste noch mal meine Fäuste spüren?

Armando: Oh, Rosalie

Timo: Ohhhhh, Rosalie!

Dann sind beide Kontrahenten für einen Moment sehr still und starren sich feindselig an. Ihre Telefone halten sie wie Ritter ihre Schwerter gegeneinander gerichtet und dazwischen stehe ich. Ich sage: „So jetzt einmal ganz ruhig.“ Aber damit komme ich nicht weit, denn

Armando reißt sich sein Hemd auf. Auf seine Brust hat er mit Edding ein Herz mit Pfeil geschmiert und darunter steht „A und R“ Er brüllt „Rosalie, Corazón! Und schlägt sich wieder auf die Brust.

Timo starrt ihn an. Das wäre ihm auch gern eingefallen, denn zweifelsohne die Geste hat Grandeur. Aber dann gewinnt der Stolz auf Offenbach die Oberhand: Er schreit während er auf und abhüpft: Rosalie und dann „Es gibt nur ein Offenbach, Offenbach-Rosalie-Offenbach. Es gibt nur ein Offenbach.“ Fast wäre das schon melodisch hätte Timo sich nicht schon so heiser geschrien. Ich will mir schon ein Kichern verkneifen, da zieht Timo ein Taschenmesser und krakeelt: „Offenbach-Blut-Rosalie.“ „Ich sage: Timo, gib mir jetzt sofort das Messer.“ Zum Glück ist Timo so aufgeregt über Offenbach und Rosalie, das sein Messer in meine Hand hält. Ich sage sehr laut den einzigen spanischen Satz, den ich kennen:

„Madre de Dios!“ Es verstummen Timos Sprechgesänge und Armandos Rosalie Gekrähe. Für einen Moment lang glaube ich, mein beherzter Ausruf habe die beiden Kontrahenten zum Schweigen gebracht. Aber ich sollte mich irren. Denn Rosalie kommt die Dorfstraße entlang. Rosalie trägt einen schwarzen Overall mit pinken Blumen, und rosa Sandalen mit dicken weißen Sohlen. Sie trägt ein schwarzes Käppi und um ihre Schultern liegt ein blasser Jungenarm. Der Junge ist nicht Armando, nicht Fernando, ist weder Timo noch Enrico. Der Junge heißt Ciáran und ist der Sohn des Fleischers zwei Dörfer weiter. Rosalie und ihr Geliebter aber sehen durch uns hindurch. Seine Hände kleben fest an ihren Schultern und ihr Mund haucht Küsse in Richtung seines Ohr. Seine Ohren sind noch viel röter als ihre Wangen und das Telefon in ihrer Hand fängt sie beide ein.

Stumm und starr stehen neben mir Timo und Armando. Vom stolzen Kömpfergeist, von Romeo und Rosalie ist nichts mehr übrig.

Armando murmelt: „Loca Rosalie“.

Timo hustet: „Ey Weibers, ey.“

Dann klopfen beide sich den Staub und Dreck von den Hosen. Fünf Minuten später verabschieden sie sich beinahe herzlich. Ein fester Faustschlag auf die Schulter, dann liegen beide sich schon in den Armen.

Ich übergebe das Taschenmesser dem Krämer zur Verwahrung. Der Tierarzt biegt mit Fernando und Enrico um die Ecke. „Mädchen, flüstert er mir dann ins Ohr, die gute Rosalie hat sowohl Fernando als auch Enrico…“Ich weiß, flüstere ich zurück und auch „Timo und Armando.“ Der Tierarzt hustet um nicht laut zu kichern.

Die Frau des Krämers sieht mich an. „ Fräulein Read On“ sagt sie und ihrem Mund entfährt ein tiefer Seufzer: Es wird Zeit, dass der Sommer endlich zu Ende geht.“ „So ein Theater nur wegen einer Rosalie.“

„Ach, Frau des Krämers sage ich, wer wenn nicht Sie wüsste, dass im Krieg und in der Liebe alles erlaubt ist?“

23 thoughts on “Die Sache mit Rosalie oder das Ende des Sommers.

  1. Wir hatten zu Schulzeiten eine Austauschschülerin aus Irland an unserer Schule. Typ stille Wasser. Erst als sie weg war kam raus mit wie vielen Jungs sie etwas hatte. Sehr beeindruckend. Sowohl von der Logistik als auch der Geheimhaltung. Wahrscheinlich ist sie die Mutter von Rosalie.

  2. Hoffen wir das die vier (fünf? vielen?) Romeoanwärter und ihre Julia den schützenden Saft des Gummibaumes kennen und vor Herpes, HPV und schlimmerem sicher sind. Und die richtige Ausfahrt Richtung Erwachsenwerden finden, damit der Weg nicht vom Messer zum rostigen Nagel führt.

  3. Welche Geschichte wird der liebeswütige Armando zu Hause auftischen um das Fehlen zweier Zähne
    zu erklären? Vielleicht, holt er sich zuvor ja noch Rat bei Mademoiselle, was mich sehr freuen würde.
    Dann gäbe es vielleicht noch eine Fortsetzungsgeschichte. 🙂

    • Ich glaube an seiner Erzählung über Rosalie wird kein Weg vorbeiführen- ich und die Liebe sind eine Katastrophe. Ich glaube ich wäre die letzte, die einen Rat hat….

  4. Ach ja, diese Austauschschüler! Vor Jahren hatten wir eine kleine Französin namens Laure zu Gast und die Kunde über ihren Liebreiz hatte sich offenbar in Windeseile verbreitet. Eines Tages sitzen wir mit Laure im Schwimmbad und hören von der Nachbardecke herüber: „Habt ihr schon gehört, in B. wohnt jetzt ’ne Französin, die heißt Flohr!“.😊

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