Montag

Am Morgen ist der Himmel ein schweres, graues Tuch. Das Tuch verschluckt das Meer und eines Tages, da bin ich mir sicher, verschluckt es auch die Katze und mich. Die Katze schläft, ich lehne in der offenen Terrassentür und meine Füße liegen kühl auf den kalten Steinen. So dicht liegt der Nebel über dem Haus, das ich die Kastanie nur erahnen, den Kirchturm St. Sylvester aber nicht mehr sehen kann. Schiffbruchwetter ist es, ein Wetter aus anderen Tagen, Tagen vor unserer Zeit in denen die schweren Schoner gegen die Felsen krachten, im Nebel die Sicht und wohl auch den Glauben an G*tt verloren und ihre Splitter, ihre Planken, ihre zerbrochenen Glieder liegen wohl noch immer auf dem Grund der eisigen See. Verschlungen sind ihre Gesichter und heute, da noch immer Menschen an den Küsten Europas ertrinken, verschwinden diese wie jene und noch immer ruft es vielleicht: „Mann über Bord“ und doch ist dann alles schon immer verloren. Aber ich habe morgens gar keine Zeit, für Geschichten nicht und auch nicht für das Wetter. Die Tasche greifen und den Kaffeebecher, denn den Weg ins Unterland, den Weg zur bahn finde ich auch im dichten Nebel.

Der Zug fällt aus. Eine Lautsprecherstimme knarrt Erklärungen, aber wer hat denn morgens schon Zeit für Erklärungen. Ich renne zum Bus und springe mit einem gewaltigen Satz gerade noch so hinein. Aber wer aufatmen will, der darf nicht Bus fahren , denn der Bus ist übervoll und ein Mann steht auf meinen Fußspitzen. Er schreit in sein Telefon. Aber nicht nur der Angerufene wird darüber in Kenntnis gesetzt, wie er es seiner Freundin so richtig gemacht hat. Aber so richtig. Stundenlang. „Til devastation, shagged her like that“ brüllt er als glaubte er sich selbst nicht. In der kleinen deutschen Stadt, in der meine liebe C. lebt, da gibt es als ein Überbleibsel der DDR etwas das sich Jugendweihe nennt, wie die Jugend genau geweiht wird, weiß ich nicht. Aber einmal habe ich gesehen, ich ging gerade über den Marktplatz, wie den Geweihten so eine Art Atlas überreicht wurde. Statt eines solchen Atlasses finde ich sollte jeder ob nun geweiht, oder nicht ein Wörterbuch der Liebe bekommen, denn es schallt energisch: „oh, wie hab ich sie geknallt“ durch den Bus und das ginge doch auch Schöner.

In der Uni angekommen mache ich den Kaffeebecher auf und will endlich ausatmen, aber eine Viertelsekunde später spucke ich ins Waschbecken. Ich hatte vergessen, Seifenlauge aus und Kaffee und Milch einzugießen. Meine Spiegelbild sieht mich verdrossen an: „Nichts auslassen Read On! Bloß nichts auslassen.“ Ich strecke meinem Spiegelbild die Zunge heraus. Dann hält der Tag sich an mir fest. Hartnäckig ist er und kalte Hände legt er mir in den Nacken. Mehr mit Zufall als mit Können den Wagen der besten Chefin der Welt wieder flott gekriegt. Die beste Chefin der Welt hat den Flug nach Brasilien noch erwischt. Gegoogelt ob ich meine Hände wohl am besten mit Terpentin reinigen sollte. Die Meinungen sind gemischt. Lange Zeit zwischen Papieren verbracht. Statt eines Snickers einen Mars Riegel gekauft. Mir geschworen alle weitreichenden Entscheidungen zu verschieben.

Im Zug nach Hause. Noch immer hängt der Himmel tief und dunkelschwer über allem. Aber immerhin steigen je länger der Zug fährt, immer mehr Menschen aus. Ich lehne mich ans Fenster. Kurz vor dem Dorf passieren wir das Feld des Nachbarn. Der Nachbar ist ein alter Mann. Sein letztes Feld. Weizen. Der Weizen leuchtet selbst unter den grauen Regenwolken. In die Mitte des Feldes hat jemand eine kaputte Couchgarnitur und einen Kühlschrank geschmissen. Der alte Nachbar entsorgt jeden Sommer zwei Container Hausmüll, die ihm in den wogenden Weizen geworfen werden. Das muss die Idylle sein, von der sie alle reden.

Am Bahnhof steht der Tierarzt. Er hat einen Regenschirm, Handtuch und mein Badezeug dabei. Oh, sage ich und küsse den Tierarzt zweimal links und zweimal rechts und dann laufe ich ins Meer, ein schweres, graues Tuch legt sich um meine Schultern. Ich schließe die Augen, Schiffbruchwetter, dann schwimme ich nach links. Der Strand ist eine graue Wand und für einen Moment glaube ich, die Welt hat sich schon aufgelöst, wer würde ihr den Schiffbruch schon verübeln, aber dann ruft der Tierarzt nach mir: „Mädchen, wo bist du?“ Ich wate zurück an Land. „Und Du, rufe ich zurück?“ Zweimal links, dann rechts, bei den schwarzen Steinen“, ruft es zurück und nach einmal im Kreis herum mäandern, finde ich den Tierarzt und die Steine. Ich wickle mich in das Handtuch und wir steigen den Trampelpfad hinauf. Der Ginster klebt an meinen Beinen, feucht und satt ist das Gras, die Brombeerhecke legt sich mir in die Haare und der Himmel, der Himmel ist ein dichter, schwerer, grauer Mantel, der Himmel legt sich um meine Schultern, bedeckt mir die Arme und Beine und als wir vor dem Haus stehen, ist auch das Meer schon längst wieder unter dem selbergrauen Tuch verschwunden.

21 thoughts on “Montag

  1. „…..sollte jeder ob nun geweiht, oder nicht ein Wörterbuch der Liebe bekommen, denn es schallt energisch: „oh, wie hab ich sie geknallt“ durch den Bus und das ginge doch auch Schöner.“

    Eine sehr schöne Idee. 💘

  2. Ein Wörterbuch der Liebe , darin zu blättern, wäre manchmal gut, tippe ich heute. Es zu schaffen, ist sicher ein Jahrhundertwerk, wie das der Brüder Grimm. Vielleicht sollten wir damit beginnen. Wie? Ich weiss es noch nicht.
    Ob es mir geholfen, als ich so jung war? Egal ob Jugendweihe, Konfirmation oder Bar-Miz wa, eine Zeit zwischen Baum und Borke. Schiffbruch gehört wohl dazu. Gerettet werden auch, von wem, wovon auch immer. Auch ein Aspekt von Liebe.

    • Genau, ein Wörterbuch zum Mitwachsen. Merkwürdig eigentlich, dass die Liebe noch kein eigenes Wörterbuch hat. Ich kann Sie nur ermutigen ein solches zu beginnen. Schiffbruch, gehört wohl dazu und ein und viele Rettungsanker wohl auch.

  3. Ein Wörterbuch der Liebe ist eine schöne Idee. Wobei ich glaube dass, wenn man wirklich liebt, die richtigen Worte ganz von allein zu einem kommen; oder man erfindet einfach welche. In der Liebe ist doch alles möglich.
    Der junge Mann im Bus scheint mir mit seinen lautstarken Schilderungen eher etwas für sein Selbstbewusstsein tun zu wollen. Sollte es das Mädchen, von dem er sprach, tatsächlich geben – ich bin mir sicher, ihr gegenüber würde er andere Worte wählen.

    • Das die Worte von allein kämen, fände ich auch schön, aber ich glaube es ist komplizierter und wer nie die Worte gehört hat, der kann nur schwer zu ihnen finden. Aber ein Recht haben auch die lauten Schreihälse und auch die, die vielleicht gar keine Freundin haben.

  4. Ach, auch in Hamburg war der Himmel anfangs grau und der Tag verhangen. Aber irgendwie schien es mir hier ereignisloser als dort. Danke, Fräulein Readon. Und ja, ich finde auch, es müsste zum Erwachsenenwerden ein Buch geben, das beim Finden der richtigen Sprache für die wichtigen Dinge im Leben hilft.

    • „… es müsste zum Erwachsenwerden ein Buch geben, das beim Finden der richtigen Sprache für die
      wichtigen Dinge im Leben hilft.“
      Vielleicht mögen Sie mal ins „ABC des guten Lebens“ reinschauen, da heißt es u.a. über die Liebe:
      „Liebe ist eine Art und Weise, sich zu etwas in Beziehung zu setzen. Das kann ein anderer Mensch sein, aber auch ein Projekt, ein Gegenstand, eine kulturelle Praxis, Gott oder die Welt. Jemanden oder etwas zu lieben bedeutet, sich zu binden, ohne dass der Grund dafür auf Nutzen, Gemeinsamkeiten, Interessen beruht, oder zumindest nicht ausschließlich. Liebe hat dabei nichts mit Einswerden zu tun – wie ein verbreitetes Missverständnis lautet – sondern sie achtet im Gegenteil auf das Dazwischen. Liebe verbindet uns mit dem Anderen, trotz aller Differenz.“
      https://abcdesgutenlebens.wordpress.com/category/liebe/

      • Danke- ja ich glaube aber wenn man 16 oder 19 ist, muss die Liebe ein bisschen leichter daher kommen, man müsste sich aus dem Wörterbuch der Liebe, Wörter borgen können und manchmal auch eine leise Umarmung. Es müsste ein Kategorie für das Anfassen geben und für das Angefasst-Sein, für das Verzweifelte und das Schöne, das Harte und Weiche und all die Fragen, die sich gar nicht so leicht beantworten lassen, wie man glaubt.

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