Ein halbes Königreich für vier Tennisbälle.

Sechs Uhr: Das Fräulein Read On hat eine weitere Nachtschicht überstanden, ist nach jener im Meer geschwommen, hat sich die Shetlandponyhaare gewaschen, die Zähne geputzt, die Bettdecke aufgeschlagen, sich vom Tierarzt eine Wärmflasche ( die ewig kalten Füße ) ans Fußende legen lassen und seufzt. Das Fräulein seufzt noch einmal, denn dem Fräulein ist wohl zu Mute. Das Meerwasser war nicht zu kalt, die Bettwäsche ist frisch gewaschen und riecht nach Seewind und Garten, des Fräuleins Zehenspitzen sind warm und die Uhr zeigt gerade sechs Uhr. Das heißt, dass ganze vier selige Stunden Schlaf vor ihr liegen, denn um 11 bekommt das Fräulein Besuch von einer lieben Freundin, die auf dem Weg nach New York in Dublin Station macht, um das Fräulein zu besuchen. Der Kühlschrank ist angefüllt mit Käse und Marmeladen, Joghurt und Salaten, unter einem weißen Leintuch schläft der Hefezopf und der Tisch ist auch schon gedeckt. Der Volvo ist TÜV- geprüft und so kann die liebste Freundin vom Flughafen abgeholt werden, das Fräulein seufzt ein drittes Mal und vor ihren müden Augen wiegen sich Banyan Bäume sacht im Wind, Papageien kreischen leise und die Sonne scheint heiter und sacht auf des Fräuleins Nasenspitze. Von fern ist leises Rauschen zuhören ( kein Wasserfall, sondern ein sich brausender Tierarzt ) und darüber schläft das Fräulein ein. Ein Papagei landet auf des Fräulein’s Schulter, aber als sie mühsam blinzelt ist es gar kein grün-grau getupfter Papagei, sondern die Hand des Tierarztes, die an meine Schulter fasst.

„Oh Prinz aus dem Morgenland mit den silbergrauen Augen und dem Dolch aus Edelsteinen, murmele ich: Feuer, Wasser oder Wind?“

„Mädchen flüstert es an mein Ohr, ich suche meine Tennisbälle.“ Der Tierarzt muss man wissen spielt am Samstag Tennis mit dem R. Der Tennisplatz aber ist eher ein begradigter Acker mit einem Netz und man muss Schläger und Bälle mitbringen. Der R. und der Tierarzt sind zu meinem kompletten Unbegreifen strenge Anhänger des Tennissportes. Ich habe auf diesem Platz nur einmal einen Tennisschläger in die Hand genommen, dann traf mich ein Tennisball und ich fiel um. (Mehr braucht man über mich nicht zu wissen.) Der R. und der Tierarzt aber fröhnen dem Tennisspiel mit Hingabe und ächzen dabei wie die Galeerensklaven.

„Mädchen?“, flüstert der Tierarzt noch einmal. „Hmm“, murmele ich, denn ich schlafe ja und die Banyanbäume wiegen sich im Wind und die Papageien singen frohe Lieder.

„Kommode, Flur“ krächze ich und drehe mich nach links. Die Papageien singen schöner denn je. Der Tierarzt rennt die Treppe hinunter, aber vielleicht tappt ja auch ein Tiger durch meine Träume. Aber schon ist der Tierarzt zurück:

„Nein, Mädchen auf der Kommode sind die Tennisbälle auch nicht.“

„Prinz aus dem Morgenland, flüstere ich, irgendwo werden sie schon sein, dieses Haus ist ja nun weiß G*tt kein Palast. Damit will ich meine Schuldigkeit für getan erklären und rutsche noch ein Stück tiefer unter die Decke. Banyanbäume! Papageien! Inzwischen aber hat der Hund, das Wort Ball gehört, er hechtet nun seinerseits die Treppe hinauf und weil der Tierarzt noch immer murmelt: Oh, wo ist nur der Ball, Mädchen, wo nur ist der Ball, Mädchen?“, springt der Hund auf das Bett und leckt mir begeistert über das Gesicht. Vergessen sind Banyanbäume und Papageien und ich fahre hoch. Ich sehe einen ewartungsvoll hechelnden Hund und den Tierarzt: „ Mädchen, wenn Du jetzt wach bist, kannst du mir doch suchen helfen. Bitte.“

Ich strecke meine warmen Zehen ins kalte Zimmer. „Ein halbes Königreich für vier Tennisbälle, murmele ich und dann suche ich missgestimmt nach vier gelben Bällen. Es ist 7:02. Es sind schon Prinzen wegen geringerer Dinge in den Kerker geworfen worden und dann halte ich mir den Zeh, den ich mir am Bettpfosten stieß. Ich suche im Bettkasten, im Kleiderschrank, im Schmutzwäschekorb, bei den Putzmitteln, der Hund liegt inzwischen schlafend in der frisch gewaschenen Bettwäsche und träumt sehr sicher von Banyanbäumen und tirillierenden Papageien. Ich suche in den Taschen der Wintermäntel und in allen Taschen und Beuteln nach vier elenden Tennisbällen.

Der Tierarzt liegt unter dem Schuhbord, durchsucht die Papierkörbe, öffnet die Schreibtischschubladen, nur um sie ergebnislos zu schließen, steigt auf den Dachboden und rennt in den Garten hinaus. Ich mache inzwischen Tee.

„Wie kannst du jetzt an Tee denken?“, fragt der Tierarzt deutlich echauffiert.

Ich sage lieber nichts, sondern puste über den Rand der Teetaste. Der Blick, den ich dem Tierarzt zuwerfe, ist der Blick der dreizehnten Fee, nicht der Blick der lieben Fee. Der Tierarzt gräbt sich achtzigsten Mal durch seine Sporttasche. Aber auch in der Sporttasche sind keine vier gelben Bälle.

„Du solltest auch einen Tee trinken Tierarzt“, sage ich, das beruhigt. Dann stelle ich die leere Tasse in die Spüle und sage: „Ruf doch den R. an, soll er halt an die Bälle denken.

„Ich kann den R. doch nicht um 7. 41 wecken!“ ereifert sich der Tierarzt.

Ich zähle sehr langsam bis zwanzig. Dann schlägt die alte Standuhr dreiviertelacht. Als die Uhr aufhört zu schlagen, rollen vier gelbe Tennisbälle vom Schrank und knallen mir auf den Kopf. „Ach,ja ruft der Tierarzt“, ich hatte ja die Tennisbälle auf den Schrank gelegt, damit die Katze sie nicht erhascht.

„Soso“, grummele ich finster. Aber während ich mir noch den Kopf reibe, und der Tierarzt sich seiner abendlichen Klugheit rühmt, ist der Hund schon „Ball, Ball“ die Treppe heruntergestürzt und kaut begeistert auf einem der Bälle. „Aus, aus“, ruft der Tierarzt und der Hund speit den Tennisball endlich aus. Das Fräulein wäscht einen Tennisball mit ‚Rai aus der Tube’ und der Tierarzt föhnt den Tennisball trocken.

„Oh Prinz aus dem Morgenland mit den silbergrauen Augen, suchst du noch etwas, oder darf sich die Kammerzofe wohl zurückziehen?“

Doch der Tierarzt hört mich schon nicht mehr, draußen hupt der R. Ich wanke die Treppe hinauf, und sehe auf die Uhr: 9:01 Uhr. Die Wärmflasche ist kalt, im Bettbezig sind Hundehaare und die Papageien singen längst in anderen Träumen schöne Lieder.

18 thoughts on “Ein halbes Königreich für vier Tennisbälle.

  1. Das Aufscheuchen der Frau, weil man(n) unfähig zur Suche ist, ist eine geschlechtsspezifische Untugend. Sie wird vom Vater auf den Sohn vererbt. Bricht diese Erbkrankheit mal wieder besonders heftig aus, antworte ich auf: „Kari, wo ist?!“ mit: „Agnes, wo ist!“ Der Name meiner Schwiegermutter erinnert den Mann an diesen so häufig gesagten Satz seines Vaters. Das gibt ihm den Mut, alleine weiterzusuchen.

    • Sie erzählen das so schön! Haben Sie auch ein Blog? Ich glaube ja, die Menschen suchen eigentlich immer etwas anderes als das was sie vorgeben, deswegen stehe ich auch auf…

  2. Ich schäme mich. In diesem Theaterstück spielte ich die Rolle des Tierarztes.
    Ich finde nichts und suche alles. Ich verstecke aber gerne, aus jeweils anderen Gründen.
    Und suche am Morgen den Autoschlüssel, den Schulschlüssel, die grünen Schuhe und meinen Stick.
    Nicht böse sein mit ihm, er kann nicht anders.

      • Die Erklärung von Read-On, sie glaube, dass die Menschen eigentlich etwas anderes als Tennisbälle oder Schlüssel suchen, und deshalb stehe sie nochmals auf, hat mich sehr berührt. Diese Haltung ist ja völlig jenseit von Uhrzeiten und objektiven Notwendigkeiten wie Tennisbälle mitzubringen oder pünktlich abzufahren. Die Fähigkeit, dieses „etwas anderes Suchen“ zu erkennen und rückhaltlos anzunehmen, und die Bereitschaft, die eigenenen Bedürfnisse dafür (einstweilen) zurückzustellen, also – das ist großartig und das haut mich um.
        Ich denke aber auch darüber nach, ob es Read-On auf die Dauer gut tut, sich selbst etwas klein zu machen (wenn die Aussage über die Seltsamkeit so gemeint ist und sie nicht herzhaft darüber lachen kann; das ist dem geschriebenen Text leider nicht zu entnehmen), und ob der Tierarzt vielleicht das eine oder andere Mal etwas zu schnell denkt: ich kann nicht anders. Einen Versuch wär’s doch schon mal wert. Das sagt sich allerdings so leicht dahin – ich bin selbst schon häufiger mit dem Versuch gescheitert, schlechte Angewohnheiten oder Verhaltensweisen zu verbessern. Vielleicht habe ich noch nicht erkannt, was „das andere“ ist, das diesen Verhaltensweisen zugrundeliegt. Und deshalb berührt mich die Haltung von Read-On so sehr – weil sie einfach akzeptiert, dass da etwas ist, das nicht vollständig zu verstehen ist und vielleicht auch gar nicht verstanden werden muss.
        Alles Gute – read on, live on, love on.
        Elisabeth

  3. Aber wieso bloß kann man jemanden um 7.41 nicht wecken, wenn er um 9.01 vorhat, vor der Tür mit dem Auto zu stehen? Und warum muss man um 7.41 (eigentlich offenbar schon vor 7.02!) bereits anfangen, sich fertig zu machen, wenn man erst in einer Stunde und zwanzig Minuten abgeholt wird und eh nicht frühstückt? (Zumal als Mann! – Oder muss sich der Davidoff-Prinz-aus-dem-Orient vor dem Tennisspiel etwa schminken?). Jemand ist hier furchtbar unlogisch und es ist weder der Hund noch die Katze.
    PS: Wie geht es dem Kälbchen?

    • Nein, der Tierarzt ist ja nicht der ehemalige geschätzte Gefährte, der sich lange pflegt, sondern nur dabei sich nach den langen Hungerjahren wieder an die Welt zu gewöhnen. Das ist schwierig er als man so denkt. Außerdem muss er vor dem Tennis frühstücken und das dauert… Kälbchen ist frech wie eh und je und bald schon ein Jungkalb und kein Kälbchen mehr.

  4. Ich bewundere ja Ihre Selbstbeherrschung, Fräulein Read on. Ich hätte dem Tierarzt ja erst die Wämflasche um die Ohren geknallt und dann jeden Ball einzeln an den Kopf geworfen. Das war ja nun wirklich kein Grund Sie zu wecken! Würde das Haus brennen oder das Kälbchen im Sterben liegen, ok, dann ist das was anderes. Aber wegen Tennisbällen?

    Mein Mann hat das auch mal morgens um 8 nach einer meiner schlimmeren Migränenächte getan, nur damit ich für ihn beim Friseur anrufe und einen Termin mache. Er telefonierte damals nicht gern. Allerdings war er 35. Jedenfalls weckte er mich nach nur 2 Stunden Schlaf. Ich war not amused und weigerte mich. Eventuell habe ich auch Baby genannt, so genau weiß ich das nicht mehr … Daraufhin wurde er laut. Ich aber noch lauter und warf ihm schließlich das Telefon an den Kopf. Das war vor 9 Jahren. Seitdem macht er seine Termine selbst.

    • Sie sind sehr lustig! Ich hatte einmal einen Oberarzt der auch mit Dingen warf und ducke mich noch immer weg. Ich glaube ja die Menschen suchen ich immer etwas anderes als Tennisbälle oder Schlüssel und deshalb stehe ich noch mal auf…

  5. Hm, diese seltsame Hilflosigkeit der Tierarztes mag an anderer Stelle berühren.
    In diesem Falle – auch schon im Falle „Tierarzt-Ersatz-Helferin“ – ist mir das
    Verhalten des Tierarztes unverständlich bis unsympathisch. Na ja, so ist das
    halt mit der Vielfalt von Persönlichkeit.
    Natürlich sehe ich jetzt das Fräulein nicht als Tierarzt-Opfer. Sie kann sich
    schließlich zur Wehr setzen. @AnGarasu geht beispielhaft voran. 🙂

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