Am Strand

Die Ostsee spielt heute Adria #ostsee #balticsea #atlanticmeetsbalticsea

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Ich trockne ein Nichtenbein und die Nichte, die zum Nichtenbein gehört, jammert: „Oh wie das kitzelt.“ Dann fällt ein Nichtenkind in den Sand und das nächste Kind tropft vor sich hin. Schließlich liegen vier Nichten und ein Tierarzt im Sand und bis auf den Tierarzt essen alle dicke Scheiben Zitronenkuchen. Dann fällt ein Schatten auf mein Gesicht. Der Schatten ist etwas acht Jahre alt und sagt: „Ick bin der Jonny.“
Jonny ist strohblond und mit seiner Oma am Strand. Seine Oma aber will Kreuzworträtsel lösen und ein Mann, den Jonny Opa nennen soll, soll ihr den Rücken eincremen. Jonny nennt den Mann trotzdem Heinz. Jetzt steht Jonny vor uns und bohrt die Zehen in den Sand. Jonny’s Oma ruft: „Jonny was machst du da drüben bei die Ausländers?“ Denn wir sind die Einzigen am Strand, die nicht Deutsch sprechen. „Der Jonny hört wieder nicht“, ruft Jonny’s Oma, Heinz zu. Heinz grunzt und die kleine Königinnennichte, die für diplomatische Sonderfälle ein Händchen hat, lacht Jonny an und sagt: „Ich bin eine Prinzessin und Du?“ Jonny sagt noch einmal: „Ich bin Jonny“. Dann bekommt Jonny auch ein dickes Stück Zitronenkuchen und fünf Sekunden später, sitzen fünf Kinder im Sand und buddeln den Tierarzt ein. Jonny sagt: Du bist echt voll dünn Tierarzt. Den Tierarzt freut so etwas ja immer sehr und er würde wohl nicken, schippten nicht fünf Kinder Sand auf ihn drauf. Dann kommt Jonny’s Oma zu uns herüber. Ich schlafe gerade unter einem großen Strohhut und so sagt der Tierarzt zu Jonny’s Oma: „Mädchen weiß Deutsch.“ Jonny’s Oma schreit: Die Ausländers können nich mal Deutsch sprechen, Heinz.“ Heinz schreit: „Sind des Polacken?“ Dann tauche ich unter dem Strohhut auf: „ Wie kann ich ihnen helfen.“ Die Ausländers können doch Deutsch, schreit Jonny’s Oma. „Ick wollt nur sagen, dit wenn der Jonny sie stört, denn schicken se den rüber.“ Ich versichere ihr, dass Jonny uns keineswegs stört. Sie sagt: „Schon seit die DDR-Zeit sind wa hier an der Ostsee, aber dit is och nicht so einfach mit nem Kind wie dem Jonny. Die Mandy, Jonny’s Mutter hat sich nämlich von so nem Ausländer een Kind machen lassen. Das Kind ist Jonny. Der Tierarzt sagt: Jonny is a good guy. Jonny’s Oma sagt: „Lassen sie sich nicht frech kommen von dem Rotzlöffel. Der Tierarzt sucht „Rotzlöffel“ im Wörterbuch. Dann geht Jonny’s Oma wieder zu Opa Heinz. „Und sind des Polacken?, fragt Heinz sie?“ Jonny’s Oma schüttelt den Kopf: „Dit hab ick janz verjessen zu fragen.“ Dann ölt Heinz ihr den Rücken ein. „Bei den Ausländers weiß man dit nie“, sagt er. Die Nichten, mein Neffe und der Tierarzt wollen schwimmen. Jonny will auch schwimmen, aber als vier Nichten ins Wasser rennen, sagt Jonny: „Du ich kann nicht schwimmen.“ Ich nicke und der Tierarzt hält Jonny fest und ich zeige Jonny wie man Schwimmzüge macht und die Nichten und mein Neffe zeigen Jonny wie man paddelt und rudert und sich über Wasser hält. Eine kleine Königin und Jonny tauchen um die Wette.
Am Ende haben wir alle blaue Lippen und Jonny hat drei Schwimmzüge geschafft. Jonny lacht stolz und glücklich und prustet. Jonny’s Oma bringt ein Badehandtuch. Darauf ist ein 50 Euro Schein abgedruckt. „Ick gehe ja nich ins Wasser“, sagt sie, so prinzipiell nicht. In der DDR ham die Kinder ja in der Schule schwimmen jelernt.“ Aber dit is nich drin im Kapitalismus. Der Tierarzt sagt: Jonny is a great swimmer. Jonny’s Oma sieht ihn zweifelnd an. Great Swimmer, wiederholt der Tierarzt. Die Kinder suchen Muscheln und der Tierarzt und ich reiben fünf Kinder mit Sonnenmilch ein und dann verteilen wir grüne Gummifrösche, Cola-Schnüre und saure Würmer an die Kinder. Es herrscht internationale Seligkeit. Jonny kennt Harry Potter nicht. Die nächsten zwei Stunden vergehen damit, dass mein Neffe Jonny anhand einer komplizierten Sandskizze in die Welt von Hogwarts einführt. Jonny ist sichtlich beeindruckt. Jonny’s Oma schläft und Opa Heinz liest die B.Z. Die Kinder, der Tierarzt und ich bauen eine Sandburg am Wasser mit spitzen Zinnen und eine Brücke, die zwei Wassereimern standhält. Jonny strahlt und die kleine Prinzessin erklärt Jonny warum sie später mal Königin werden will. Jonny sagt: „Super.“ Die kleine Prinzessin strahlt. Ihr Badeanzug ist natürlich auch knallpink und auf ihrem Bademantel sind lauter Einhörner und viele Kinder glauben sie sei eine Fee. Jonny aber hat gleich verstanden, dass hier eine echte Königin mit zwei sauren Würmern in der Hand Audienz hält. Ich blase den vielgeliebten Gummidelfin auf und Jonny darf auf dem Delfin zuerst reiten und der Tierarzt zieht in durch das flache Wasser. Geschwister, die sich um einen grünen Haribo Frosch balgen können, sind erstaunlich großzügig, wenn es um Strandfreundschaften geht. Irgendwann wanken der Tierarzt und ich geschlagen aus dem Wasser, denn fünf Kinder auf einem Delfin zu ziehen, ist nichts anderes als Galeerenarbeit. Fünf Kinder liegen geschafft im Sand. Jonny’s Oma kommt von ihrer Sandmuschel herüber. „Dit ihnen dit nichts ausmacht mit dem Jonny.“ „Jonny ist prima“ sage ich und der Tierarzt und die Kinder nicken. „Dit die Mandy uns dit antut, mit dem Ausländer so’n Kind.“ Sie schüttelt den Kopf. Jonny übt derweil mit den Mädchen Handstand. „Jonny ist prima“ ,wiederhole ich und Jonny’s Oma sagt zu Opa Heinz, dass die Ausländers echt seltsam seien. Irgendwann packen wir unsere Handtücher, Bücher zusammen und ich klemme mir den Plastikdelfin unter den Arm. „Jonny, sage ich wir müssen jetzt los.“ Jonny nickt. „Kommt ihr morgen wieder?“ „Klar“ sage ich und Jonny strahlt. „Schwimmt ihr morgen wieder?, fragt Jonny. „Klar sage ich.“ Jonny nickt und umarmt drei Nichten, einen Neffen, mich und den Tierarzt. Jonny’s Oma ruft: „Jonny mach dich rüber, jetze.“ Opa Heinz ruft: „Voll dünne der eine von die Ausländers.“ Der Tierarzt winkt: „Mädchen weiß Deutsch.“

45 thoughts on “Am Strand

  1. Was ich einmal mehr klasse finde: Wie du wertfrei erzählst und uns das Traurigsein über die doofen Großeltern selbst überlässt.
    Schön, dass ihr da wart! Jonny wird euch nie vergessen!

  2. Es gibt leider sehr viele Kinder wie Jonny, die über das kleinste bisschen Aufmerksamkeit und Zuwendung selbst von Fremden glücklich sind. Mir ist so etwas auch schon öfters begegnet und es macht mich immer traurig.

  3. Traurig finde ich, dass die Oma Jonny nicht zu verzeihen können scheint, dass er zur Hälfte Ausländer ist – dabei kann der Junge selbst am wenigsten dafür. Vielleicht würde sie ihm sonst mehr Zeit widmen? Wobei ich fürchte, eher nicht …
    Mit wenigen Worten zeichnen Sie die halbe Familie und doch kann man dahinter die ganze Geschichte dreier Generationen erahnen.
    Und wie nah geschwisterliches Gummibärengezänk und freundschaftliche Großzügigkeit liegen, sehe ich hier Tag für Tag 😲😇.

    • Ich glaube da gibt es viele enttäuschte Hoffnungen und an allen Enden Scherben. Überforderte Mütter und Großmütter, die auch überfordert sind auch mit dem Leben im Allgemeinen. Es sind wirklich generationenverschränkte Biografien und schön sind die nie. Geschwisterstreit ist auch etwas Wunderbares…

  4. Mir ist grad zum weinen. Ich weiss, dass zig Kinder so leben aber es ist unfair. Und am unfairsten ist, dass einem Kind immer etwas vorgehalten wid. Aaaah!

    Können sie Jonny Bitte, Bitte Harry Potter schenken? Ich würde ihnen auch gern das Geld dafür überweisen. Oder wenn ihnen das lieber ist an eine Organisation ihrer Wahl. Aber ich glaube dem Jonny würde Harry Potter gut tun…

    • Für mich ist Jonny fünf oder sechs Jahre alt, kann also noch nicht lesen.
      Außerdem wird er bisher niemanden gehabt haben und auch leider weiterhin nicht haben, die/der ihm altersgemäß vorliest.
      Es ist sooooo traurig für die vielen Jonnys dieser Welt!

      • Upps – wer lesen kann, ist klar im Vorteil.
        Dass Jonny etwa acht Jahre alt ist, hatte ich leider überlesen.

  5. „Ick gehe ja nich ins Wasser“, sagt sie, so prinzipiell nicht. In der DDR ham die Kinder ja in der Schule schwimmen jelernt.“ Aber dit is nich drin im Kapitalismus.“

    Sehr gelacht über diese ‚real existierende Komik‘. 🙂

  6. Zu mir kommt auch so oft ein oder eine „Jonny“, wenn ich mit meinem Sohn am Spielplatz oder im Schwimmbad unterwegs bin. Nicht immer hab ich Lust und Geduld mich zu öffnen und drauf einzulassen. Manchmal empfinde ich Grant auf die anderen Eltern, die es sich einfach zu machen scheinen, denn auch ich würde manchmal lieber liegen und schlafen als Wasserkarussell zu spielen. Und dann wieder kann ich es nicht fassen, wie andere Eltern sich so viele unglaublich bereichernde und beglückende Momente mit ihrem wundervollen Kind entgehen lassen können.

    • I feel you. Ich finde das auch nicht immer einfach und es fällt mir auch nicht immer leicht, aber ich bringe das nicht fertig so ein Kind wegzuschicken, das ja wegschicken schon zur Genüge kennt. Sie haben Recht die Eltern und Großeltern verpassen tolle Kinder und wunderbare Momente!

  7. Kleine Nachfrage ohne rassistisch sein zu wollen, zwecks Einordnung: Hat der kleine Johnny eine sichtbar andere Hautpigmentierung als andere Enkel dieser rassistischen Großeltern?

  8. Bei manch einem kann man schon froh sein, wenn sein Horizont bis zur Ostsee reicht und nicht alles jenseits von Aldi und Arztpraxis „Ausland“ ist. Hoffentlich findet Johnny gute Lehrer und Schulfreunde!

    • Jonny macht ja aktuell gute Erfahrungen mit seinen neuen Strand-Bekanntschaften, und seine
      Neugier ist doch ein wunderbarer Lebensantrieb.
      Ich denke, dass Jonnys Oma das wahrnimmt, auch wenn sie das nicht mit wohlfeilen Worten
      zum Ausdruck bringt.
      Vielleicht gibt’s ja noch eine Fortsetzung vom „Am Strand“ ? 🙂

  9. Ich mag neun Jahre alt gewesen sein, da traf ich am Ostseestrand Paul und seine großartige Familie. Ich durfte mitspielen, Salzstangen haben und wurde in die Geheimnisse des Strandurlaubs eingeweiht (Quallen anfassen, Sandburg bauen, Bernstein suchen). Es mögen nur ein paar Nachmittage gewesen sein, aber was blieb, war die Erfahrung angenommen zu werden, so wie ich bin. Dass sich jemand einfach so richtig freut mich zu sehen und es in einer Familie auch sehr entspannt und nett zu gehen kann. Erfahrungen wie diese bleiben mir für immer im Herzen.

    Vielen Dank, dass sie Johnnys Ferien mit so viel Sonne füllen. Es ist keine Selbstverständlichkeit.

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