Reparaturen

Am Samstag  machte der Tierarzt eine schauderliche Entdeckung. Er hat seinen Führerschein in der tierärztlichen Arbeitshose vergessen und mit in die Waschmaschine getan. Der Führerschein des Tierarztes nämlich ist kein Plastikkärtchen, sondern ein papiernes, zerknicktes Ding aus früher Vorzeit. Der Tierarzt hat seinen Führerschein im UK gemacht und weil die Umstände so waren wie sie waren oder das Laminiergerät kaputt, so trug der Tierarzt für Jahrzehnte das dünner und dünner werdende Papier von Hose zu Hose bis es in der Waschmaschine landete und bei 60 Grad Eco Spar die letzte große Reise antrat, denn als der Tierarzt panisch nach der feuchten Hose griff, war vom Führerschein nur noch Papiergatsch übrig und der Tierarzt verzweifelt. Da der Tierarzt aber trotzdem nach Lamas mit Haarausfall und Krokodilen mit Zahnweh sehen muss, fuhr die Dame des Hauses den Tierarzt umher und der Tierarzt hatte ein grauslich schlechtes Gewissen, das er nicht haben muss, denn so oft wie der Tierarzt mich aufliest, so lange kann die Neuausstellung des Führerscheins schon nicht dauern. ( Aber es dauert wohl doch länger als gedacht, denn erst muss man die irische Führerscheinstelle zu einem kleinen Ort in Wales Kontakt aufnehmen und die Führerscheinbestätigungsbeauftragte ist im Begriff ein Kind zu bekommen.) Aber wir fahren ohnehin weg und der Tierarzt weigert sich standhaft auf dem Kontinent zu fahren. „Die Dame fährt“ sagt er und es klingt als klapperten wir nicht mit dem Oldsmobile über die Straßen, sondern führen sechsspännig in einer Kutsche durch die Lande.

Aber bevor wir noch die Insel verließen kam der Sonntag und ich küsste den Tierarzt auf die Nasenspitze und arbeite von acht bis acht im Büro und um neun war ich zurück im Dorf. Zuhaus traf ich auf einen geknickten Tierarzt und aus Solidarität eine traurige Katze und einen wimmernden Hund. „Tierarzt?“ fragte ich, was ist euch drei Hübschen geschehen?“ Der Tierarzt vergräbt den Kopf in den Händen: „Mädchen, die Waschmaschine ist hinüber.“ Ich besehe die Waschmaschine und nicke. „Tierarzt“ sage ich, „dass kommt vor.“ Die Waschmaschinenhersteller wollen auch leben. „Wir schaffen morgen eine neue Maschine an.“ Der Tierarzt sieht so aus, wie ich mir ein Krokodil mit Zahnweh vorstelle und schüttelt den Kopf: „Das ist doch nicht normal, erst der Führerschein, dann die Waschmaschine. „Tierarzt, sage ich, Dinge gehen verloren und manchmal geht eine Waschmaschine einfach kaputt, das ist nicht schön, aber und noch dazu sind wir in der famosen Lage, einfach in einen Waschmaschinenladen zu gehen und eine neue Maschine anzuschaffen.“ Der Tierarzt aber sieht mich noch immer verzweifelt an: „Aber ich bin schuld, verstehst du nicht?“ „Tierarzt“, sage ich seufzend: „Hast du mit einem Hammer auf die Waschmachine einegschlagen?“ Nein, nun dann kannst du wohl nicht schuld sein.“ Der Tierarzt aber sieht mich zweifelnd an. Dann werfe ich Bücher in das luggage holdall, die Dienstag mit nach Berlin sollen und bin ganz müde. Der Tierarzt aber steht lange am Fenster und fragt: „Soll ich auf dem Sofa schlafen?“

Am Montag Nachmittag kaufen wir eine neue Waschmaschine und zwei Stunden später kniet der Waschmaschinenmaschinenmann in der Küche und ich reiche ihm Werkzeug an, der Waschmaschinenmaschinenmann erzählt mir von seinem Drachen von Schwiegermutter, ich koche Kaffee und reiche Kuchen an, denn meine Großmutter versicherte mir nachdrücklich, dass man niemals an gutem Kaffee und Kuchen für Handwerker sparen sollte, denn dies zahle sich drei- und vierfach aus und dann nahm sie mich mit hinunter in den Hof, wo der Vorgänger des Oldsmobiles stand, zeigte mir wie man einen Reifen wechselt und ließ mich üben, bis ich es ihr nachtun konnte. Dann lächelte sie und sagte: „Kind, Du siehst, wer kann, der muss nicht.“ Ich nickte und brauchte Wochen bis ich die letzten Ölflecken los war. Am Montag aber willigte der Waschmaschinenmann bereitwillig ein die kaputte Maschine mitzunehmen und zu entsorgen und sah mich sehr erleichtert, denn die Vorstellung, dass der strichdünne Tierarzt und das zwergenhafte Fräulein die Waschmaschine in den alten Volvo hieven, war keine Schöne. Ich winkte dem Waschmaschinenmann und erst dann fiel mir auf, dass der Tierarzt nirgendwo zu sehen war. Ich fand ihn schließlich im Garten. „Ich schäme mich so, sagte der Tierarzt“ und ich wusste nicht mehr was zu antworten wäre und schüttelte den Kopf. „Komm sage ich, wir müssen packen“ und strich dem Tierarzt über das Haar.

Heute morgen schließlich rief ich dem Tierarzt etwas eilig, denn ich bin ja immer eilig zu: „Tu mir die Liebe und gieß mir einen Schluck Milch in den Tee“ und der Tierarzt, der doch den Kühlschrank meidet, wie wenig sonst, nahm sich ein Herz und ich trocknete mir die Haare, während Schwesterchen mir Ankunftszeiten diktierte. Schon aber schrie der Tierarzt auf und ich schmiss Schwesterchen Küsse hinterher, band mir das Haar zum Zopf und fürchtete dem Tierarzt sei die Flasche entglitten und in seinen Füßen steckten Scherben über Scherben. Dabei flockte nur die Milch im Tee. „Tierarzt“, sage ich, meine Schuld, mir war entfallen, dass die Milch schon weit über die Zeit über ist.“ Der Tierarzt aber geht schweigend aus der Küche und ich trauere kurz um den sorgfältig gehüteten Kefir, den der Tierarzt mit der Milch verwechselt hatte. Dann denke ich an viele andere Sachen, die es zu bedenken gilt, schließt man die Haustür für ein paar Tage hinter sich zu. Dann fahren wir zum Flughafen, also ich fahre den klapperigen Volvo und der Tierarzt sieht mich an: „Was willst Du eigentlich mit jemanden wie mir.“ Mir wird das Herz schwer und mit steinschwerem Herzen verfahre ich mich immer, dabei haben wir gar keine Zeit uns zu verfahren. Mit hängender Zunge erreichen wir das Flugzeug und über dem Meer schläft der Tierarzt ein. Ich starre auf das Buch in meinen Händen, aber lesen kann ich nicht und ich ziehe seine Hand zu meinen Rippen. Manchmal denke ich, geht eine Waschmaschine kaputt und man lernt wenig über Ventile und mehr über die Ehe, die da vor einen war, als durch all die Fragen und das was man lernt, will man nicht wissen, denn das wenn Schuldige gesucht werden, Schuldige gefunden werden, das wusste ich schon und niemals hat dies eine Sache, eine Ehe oder ein Leben zum Besseren gewendet. Die Hände des Tierarztes aber sind kälter als sonst.

27 thoughts on “Reparaturen

  1. „Tu mir die Liebe“ , diesen Ausdruck kannte ich nicht. Aber er ist so schön! Bei Ihnen lerne ich immer etwas – nicht nur für den Sprachschatz.

    • Schuldgefühle haben selten etwas mit ‚echter Schuld‘ zu tun.
      Quälende Schuldgefühle bedürfen der Klärung, ‚echte Schuld‘ erfordert Verantwortungsübernahme.
      Vielleicht ist der Priester hier ein hilfreicher Freund?

      • Ja, diese Schuldgefühle sind schon sehr unangenehme Biester. Der Priester ist wirklich ein Freund aber eben doch auch nicht vollständig an unserem Alltag teilhabend.

  2. So gemein, dass das Leben es geschafft hat, einem Tierarzt einzubläuen, dass er der Schuldige für Dinge ist! Es macht mich reichlich fassungslos. Gar nichts und niemand kann was für kaputte Waschmaschinen oder verwaschene Führerscheine. Aber es nützt wohl wenig, das zu sagen, wenn sich jemand doch schuldig fühlt… Ich weine innerlich für den Tierarzt. Und lasse Ihnen beiden einen Gruß da!

    • Ja, das ist eine lange und leidige Geschichte. Schuldgefühle und noch dazu in diesen Zusammenhängen sind sehr schmerzlich und leider gibt es kein Patentrezept, das dem Tierarzt dort heraus helfen könnte. Aber ihre guten Gedanken helfen ganz bestimmt. Herzliche Grüße zurück!

  3. „Den schuldigen zu suchen hilft uns nicht weiter, lass uns lieber eine Lösung suchen.“ Das hat meine Mutter immer gesagt, und dieser Satz begleitet mich oft durch das Leben. Einen Bekannte von mir hat die Angewohnheit, bei jeder Kleinigkeit den Schuldigen zu suchen. Milch verschüttet? Erst Kind zur Sau machen, statt Ihm zu zeigen wie man das aufwischt.

    Cecilia

    • Ihre Mutter stelle ich mir als sehr kluge Frau vor. Kinder so zur Sau zu machen, finde ich ein derartiges Unding, dass ich darüber sofort in heißen Zorn gerate.

  4. Da war jemand ganz gemein und fies zum Tierarzt. Ein bißchen kenn ich das. Der Mann zuckte immer, wenn er einen Teller fallen ließ oder was anderes kaputt machte. Zuhause suchte man immer zuerst den Schuldigen, der dann ausführlich beschimpft wurde. Bei uns wurde halt zusammengefegt und geguckt, dass sich keiner schneidet. Und man kaufte dann eben einen neuen Tellerstapel. Sind ja nur Dinge kaputt, keine Menschen.

    • Ach. Ach. Ach. Fürchterlich, wie sehr sich das in Menschen eingräbt und dass man lieber Seelen zerschlägt als halt einen Teller nachzukaufen, will mir einfach nicht in den Kopf….

      • ‚ Zerschlagene Seelen‘ bereiten mir körperliche Schmerzen. Sie erinnern mich an Zeiten ’schwarzer Pädagogik‘, von der ich wünschte, sie gehörten der Vergangenheit an.

  5. Wie schön, dass der Tierarzt sein Leben mit Ihnen teilt liebes Fräulein Read on. Ihr Herz ist bestimmt groß genug, um seines wieder zum Hüpfen zu bringen!

  6. „Soll ich auf dem Sofa schlafen?“ Dieser traurige Satz allein geht zu Herzen. Und dabei war’s einfach nur eine Pechsträhne …
    Ich kann oft selbst dem ersten Impuls, bei heruntergefallenen Kleinigkeiten oder anderen Missgeschicken zu schimpfen, nicht widerstehen. Eher wegen der Achtlosigkeit, ich weiß ja, es geschieht nicht absichtlich. Ich werde in Zukunft an den Tierarzt denken und versuchen, mich zu beherrschen – und die verständnisvolle Seite zuerst zu Wort kommen lassen.

  7. Pingback: Ein Award, ein Award! – Bücherbelle

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